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  • Dialog unter Feinden

    geschrieben am 28. Dezember 2008 von Jens Berger

    Sollte es Obama mit seinem Angebot für einen Dialog zwischen Washington und Teheran ernst meinen, stünden die Chancen für einen Erfolg sehr gut

    Der Traum eines nach westlichen Vorstellungen geprägten Nahen Ostens ist mit der Ära Bush untergegangen. Beim Versuch, den Nahen Osten mit militärischen Mitteln zu demokratisieren, hinterließ der Westen verbrannte Erde. Vor allem das Verhältnis zwischen den USA und Iran ist in den letzten fünf Jahren vergiftet. Die Pragmatiker in Washington haben bereits seit längerem erkannt, dass eine Schadensbegrenzung des politischen Desasters nur möglich ist, wenn man mit der regionalen Hegemonialmacht Iran kooperiert. Der künftige Präsident Barack Obama hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, die diplomatische Eiszeit mit Iran zu beenden und den Dialog zu suchen, obgleich die Ernennung außenpolitischer Hardliner in Schlüsselpositionen Zweifel an einem echten Willen zur Kooperation wecken. Wenn die USA Iran die Hand entgegenstrecken sollten, wird diese Hand von den iranischen Machthabern mit Freude ergriffen werden. Die Wirtschaftssanktionen des Westens haben das Land geschwächt und der Wille zur Kooperation ist in Teheran vorhanden.

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    Die Verschwörungsindustrie

    geschrieben am 27. Dezember 2008 von Nick Abbe

    Wie ?nine-eleven? in den USA von Linken und Rechten ausgeschlachtet wird ? und wer davon profitiert

    Mehr als sieben Jahre nach ?9/11? sind immer mehr US-Bürger davon überzeugt, nicht die volle Wahrheit über die Anschläge zu kennen. Einer Umfrage aus dem Jahr 2006 zufolge glauben etwa 40 % der Amerikaner, dass Regierungsvertreter im Vorfeld von den Anschlägen wussten. Eine weitere Umfrage kam 2007 zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der Amerikaner der Meinung sind, die Regierung Bush hätte versucht, Beweise, die der offiziellen Version widersprachen, zu vertuschen.

    Dieses große Maß an Misstrauen gegenüber den staatlichen Autoritäten ergibt zweifellos auch einen idealen Nährboden für Demagogen und Scharlatane jeglicher Couleur ? welcher durch die unzureichende Aufklärung der Anschläge, und den dementsprechend lückenhaften offiziellen Abschlußbericht der Kommission zur Untersuchung der Anschläge vom 11.9.2001, eher noch vergrößert wird. Auch darf nicht vergessen werden: gerade in Krisenzeiten finden Verschwörungstheorien reißenden Absatz, denn die Menschen suchen stets nach einer Erklärung für schwer fassbare Ereignisse.

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    Der Spiegelfechter wünscht seinen Lesern ein frohes Fest

    geschrieben am 24. Dezember 2008 von Jens Berger

    Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende zu ? für den SPIEGELFECHTER war das Jahr 2008 ein erfolgreiches Jahr. Die Anzahl der durchschnittlichen Leser hat sich in diesem Jahr verdreifacht – wenn diese Tendenz anhält, überholt der SPIEGELFECHTER im Jahre 2013 erstmals den SPIEGEL ;-)
    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei meinen Lesern und vor allem bei meinen Kommentatoren zu bedanken ? ein Blog ist lebendiges Medium, ohne Euch wäre der SPIEGELFECHTER nichts. Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest. In diesem Jahr werde ich mich aber auch noch mit einem ausführlicheren Jahresrückblick zu Wort melden. Da ich trotz ausgiebiger 10 Minuten-Recherche im Netz nichts ?lustiges? oder ?besinnliches? oder ?lustig besinnliches? finden konnte, um meinen Blog zu Weihnachten mit fremden Federn zu schmücken, schicke ich Euch mit Monty Pythons ?Christmas in Heaven? ins Fest:

    Und weil´s so schön ist: Die ?süßen Tiere von der BBC?:

    Frohes Fest!

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    Der menschliche Makel

    geschrieben am 21. Dezember 2008 von Jens Berger

    Besondere Situationen sind es, die aus einem Menschen entweder einen Helden oder ein Monster werden lassen. Das Spannungsverhältnis zwischen Gehorsam und Gewissen ist eine solche Konfliktsituation. Angetrieben von der Frage, wie im Dritten Reich tausende normale Menschen zu kaltblütigen Mördern und Verwaltern des Massenmordes werden konnten, hat im Jahre 1962 der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein wissenschaftliches Experiment entworfen, das seinerzeit für Aufsehen und Schrecken sorgte. Auch in den demokratischen und liberalen Vereinigten Staaten der frühen 1960er Jahre haben sich 65% der Probanden des Milgram-Experiments in einer konstruierten Konfliktsituation zwischen Gehorsam und Gewissen für den Gehorsam entschieden und wären bereit gewesen, einen ihnen unbekannten Menschen bis zum Tode zu foltern. Aufgrund der potentiell traumatisierenden Wirkung auf die Probanden wurde eine wissenschaftliche Wiederholung des Experimentes jahrelang verboten. In diesem Jahr wurde das Experiment erstmals unter wissenschaftlichen Bedingungen in einer entschärften Version, die von der Ethik-Kommission genehmigt wurde, an der Universität von Santa Clara wiederholt. Die Ergebnisse entsprechen beinahe haargenau denen, die Milgram in der 1960ern in Yale verzeichnen konnte. Hat der Mensch nichts dazugelernt oder steckt der Gehorsam gegenüber Autoritäten so tief im menschlichen Bewusstsein, dass er unabhängig von der Gesellschaftsform und dem ethischen ?Common Sense? in Konfliktsituationen die Oberhand gewinnt?

    Das Milgram-Experiment

    Ist der Deutsche besonders obrigkeitshörig und aufgrund seiner Sozialisation in der ersten Hälfte bis zur letzten Jahrhunderts besonders anfällig für Kadavergehorsam? Dies war bis in 1960er Jahre wissenschaftlichee Konsens, wenn es darum ging, zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass sich so viele Menschen während des Dritten Reiches zu aktiven und passiven Handlangern des Holocausts machen ließen. Um der Frage, ob die These der ?deutschen Besonderheit? haltbar ist, auf den Grund zu gehen, hatte der Yale-Psychologe Stanley Milgram ein Experiment entworfen, das er in den 1960ern in verschiedenen Variationen durchführen ließ.

    Beim Standardexperiment wurde über Zeitungsannoncen ein freiwilliger Proband für ein psychologisches Experiment gesucht. In der ehrwürdigen Yale-Universität wurde der Proband dann Opfer eines Theaterplots. Ein Schauspieler gab sich als zweiter Proband aus und ein weiterer Schauspieler mimte den Versuchsleiter. Bei einer fingierten Auslosung wurde dem Probanden die Rolle des ?Lehrers? in einem Versuch zugeteilt, als dessen Ziel die Erforschung des Einflusses von Schmerz auf die Lernfähigkeit vorgegeben wurde. Der Schauspieler nahm die Rolle des ?Schülers? in diesem Experiment ein und wurde in einem Nebenraum auf einen fingierten elektrischen Stuhl gesetzt. Dem Probanden wurde erklärt, dass er als ?Lehrer? dem ?Schüler? simple Assoziationsaufgaben stellen sollte und ihn bei falschen Antworten zu bestrafen hätte. Die Bestrafung sollte über einen elektrischen Schlag stattfinden, der über ein Regelpult mit angeordneten Mischhebeln ausgeführt wurde. Mit jeder falschen Antwort sollte sich die Spannung des Stromstoßes um 15 Volt steigern. Über Tonband wurden dem Probanden ab bestimmten Stromstärken zunächst Grunzen und später Schmerzensschreie aus dem Nebenraum vorgespielt, die er für echt halten musste.

    Bei einer Stromstärke von 150 Volt ließ der ?Schüler? den ?Lehrer? wissen, dass er am Experiment nicht mehr teilnehmen wolle. Der Versuchsleiter forderte den Probanden bei Rückfragen in einem neutralen, aber bestimmten Ton auf, das Experiment fortzusetzen. Mit höheren Stromstärken wurden die Schmerzenschreie Schritt für Schritt intensiver, bis der ?Schüler? es ab der Stufe 300 Volt ablehnte zu antworten. Ab 330 Volt wurden keine Geräusche mehr eingespielt, der Versuchsleiter ließ den Probanden jedoch das Experiment bis zur Stufe von 450 Volt fortführen. Dem Probanden musste dabei klar sein, dass der Schüler ab 330 Volt besinnungslos oder gar tot war. Beinahe jeder Proband hatte während des Experiments deutliche Stresssymptome ? Schweiß, Unruhe, unkoordinierte Bewegungen, Zittern, Tränen und nervöses Lachen waren bei den meisten Probanden zu beobachten. Den offensichtlichen inneren Kampf zwischen Gehorsam und Gewissen gewann allerdings meist der Gehorsam.

    Das Ergebnis des Milgram-Experiments war verstörend ? 82,5% der Probanden machten trotz der eindeutigen Aufforderung des ?Schülers? bei 150 Volt weiter, 79% von ihnen sogar bis zum Maximallevel von 450 Volt. Im relativ aufgeklärten Amerika der 1960er Jahre hätten also 65% aller Probanden einen ihnen nicht bekannten Menschen auf Aufforderung durch einen Wissenschaftler zu Tode gefoltert. Milgram variierte das Experiment mehrfach, um herauszufinden, was es ist, das einen Menschen in einer Konfliktsituation zum Mörder machen kann. Die höchste Rate erzielte er mit einem Versuchsaufbau, bei dem der Proband gar keinen Kontakt zum ?Schüler? hat und nur bei der Stromstufe 300 Volt einen Schlag an der Wand des Nebenraumes ausmachen konnte. Von 40 Probanden sind in diesem Versuch fünf bei 300 Volt ausgestiegen ? 26 gingen bis zum bitteren Ende.

    Bei einer Variation, bei der der ?Schüler? im gleichen Raum saß und die Schmerzen spielte, gingen ?nur? 40% bis 450 Volt. Bei einer weiteren Variante, bei der der Proband an einem Punkt aufgefordert wurde, dem ?Schüler? die Elektrokontakte, die sich angeblich gelöst hätte, persönlich zu befestigen, wobei also während der Stresssituation körperlicher Kontakt zwischen Täter und Opfer hergestellt wurde, waren ?nur? noch 30% bereit, den ?Schüler? bis zur Maximalstufe zu bestrafen. Milgram führte auch Experimente durch, bei denen ein weiterer Schauspieler einen zweiten ?Lehrer? darstellte ? stimmte dieser dem Versuchsleiter zu, gingen 90% der Probanden bis zum Maximum, während nur 10% dies taten, wenn der zweite ?Lehrer? dem Versuchsleiter Widerstand entgegen brachte. Kein einziger Proband ging bis zum Maximum, wenn ein zweiter ?Wissenschaftler? den Raum betrat und insistierte, dass das Experiment abgebrochen werden sollte. Auch bei Varianten des Experiments, die nicht in Yale sondern in einem heruntergekommenen Bürogebäude unter der Adresse eines privaten Instituts vorgenommen wurden, war die Zahl derjenigen, die bis zum Maximum gingen, signifikant kleiner als im angesehen Umfeld der Yale-Universität.

    Die Macht der Obrigkeit

    Milgram fand auf diese Art und Weise heraus, was es ist, das Menschen bis zur Selbstaufgabe gehorchen lässt. Die Autorität muss anerkannt sein ? in diesem Falle war es die Wissenschaft, aber auch der Staatsapparat stellt eine solche anerkannte Autorität dar. Die Autorität muss eine klare Linie vertreten ? sobald es innerhalb der Autorität erkennbare Zweifel an der eingeschlagenen Linie gibt, schlägt sich der Proband auf die Seite, die seinem Gewissen näher steht. Will man maximalen Gehorsam, muss man die Beziehung zwischen Täter und Opfer möglichst abstrahieren. Sobald Opfer und Täter sich gegenüberstehen oder gar körperlich in Berührung kamen, sinkt die Bereitschaft des Täters, Gehorsam über Gewissen zu stellen, merklich.

    Die Ergebnisse Milgrams lassen sich in beängstigender Weise auf die Ausführung der Massenmorde der Deutschen im Dritten Reich übertragen. Aus den menschlichen Opfern wurden Nummern gemacht ? Menschentransporte wurden wie Warentransporte behandelt und Massenerschießungen wurden nicht nur aus Rationalisierungsgründen durch die Vergasung der Opfer ergänzt. Die Zahl der Täter, die direkten Kontakt zu den Opfern hatten, konnte so reduziert und der Grad der persönlichen Täter-Opfer-Bindung minimiert werden. Die Selektion der Mörder wurde auch so durchgeführt, dass es auf der letzen Exekutionsebene niemanden gab, der den Autoritäten widersprechen würde. Milgram hat mit seinem Experiment den psychologischen Masterplan der Nationalsozialisten nachgezeichnet und gezeigt, dass sich nicht nur die obrigkeitshörigen Deutschen in einen solchen Masterplan einspannen ließen, sondern auch normale Amerikaner durchaus obrigkeits- und autoritätshörig genug sind, um sich zu Mördern im Auftrag der Obrigkeit machen zu lassen. Wäre ein Massenmord auf Befehl der Obrigkeit auch heute noch möglich? Wäre er auch in einem aufgeklärten Land möglich? Milgram und seine Experimente lassen nur den Schluss zu, dass beide Fragen bejaht werden müssen.

    Aufgrund der psychologischen Extrembelastung bei den Probanden dürfen Experimente, wie Milgram sie durchführte, seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gemacht werden. Die Gefahr einer Traumatisierung für die Probanden ist einfach zu hoch. Anders als die Wissenschaft mit ihren Ethikkommissionen haben die Medien seichtere Richtlinien, wenn es darum geht, Menschen für die Unterhaltung der Masse zu Opfern zu machen. So hat der britische Zauberkünstler und Illusionist Derren Brown das Milgram-Experiment jüngst für den britischen Chanel 4 nachgestellt und auch die BBC hat für eine Dokumentation das Experiment bis zur 450 Volt-Grenze wiederholen lassen ? ausgestrahlt wird diese Dokumentation im nächsten Jahr.

    Die Neuauflage

    Der amerikanische Psychologe Jerry Burger konnte mit der Ethikkommission der Universität in Santa Clara eine Neuauflage des Milgram-Experiments in abgeschwächter Form aushandeln ? die Ergebnisse dieser ?Milgram-Light? Studie wurden nun in einer Pressemeldung der American Psychological Association öffentlich gemacht. Burger durfte sein Experiment nur bis zur 150 Volt Stufe durchführen ? dies ist im Versuchsaufbau der Punkt, an dem der ?Schüler? vernehmbare Schmerzensschreie von sich gibt und sagt, er wolle nicht weiter am Experiment teilnehmen. Da das Milgram-Experiment in der Psychologie weitreichend bekannt ist, wurden Probanden, die Psychologiekurse absolviert hatten, ausgefiltert ? ebenso durften Menschen mit psychischen Erkrankungen und Dispositionen nicht an der Studie teilnehmen. Anders als beim ?klassischen? Milgram-Experiment mussten die Probanden an mehreren Stellen darauf hingewiesen werden, dass sie jederzeit den Versuch abbrechen können ? in der klassischen Variante wurde dies nur einmal am Beginn des Experiments gesagt. Der geänderte Versuchsaufbau macht die Ergebnisse daher auch nur annährend vergleichbar ? man sollte alleine aufgrund des mehrfachen Hinweises, jederzeit aufhören zu dürfen, ohne Nachteile befürchten zu müssen, mit einer wesentlich höheren Abbrecherquote rechnen ? dies war aber kaum der Fall. Während bei Milgram 82,5% der Probanden nach der 150 Volt Stufe weitermachten, waren in Burgers Versuch 70% bereit, dem ?Schüler? entgegen dessen Willen schwere Schmerzen zuzufügen ? der Unterschied ist statistisch nicht signifikant.

    Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
    Schopenhauer

    Burger führte auch eine zweite Versuchsreihe durch, bei der ein zweiter Schauspieler einen zweiten ?Lehrer? spielte, der beharrlich Bedenken gegen den Versuch äußerte. Auch in diesem Versuch waren 63,3% der Probanden bereit, gegen ihr eigenes Gewissen und gegen die Bedenken des zweiten ?Lehrers? über die 150 Volt Stufe zu gehen ? das Ergebnis dieses zweiten Versuchsaufbaus gibt dem Forscher besonders zu denken. Burgers Wiederholung des Milgram-Experiments zeigt dessen Zeitlosigkeit. Auch heute würde die Mehrheit aller Amerikaner einem ihnen unbekannten Menschen auf Befehl schwere Schmerzen zufügen ? Guantanamo lässt grüßen.

    Die Ergebnisse der Experimente sind desillusionierend ? auch in einer aufgeklärten Gesellschaft gehorchen die Menschen in bestimmten Situationen eher den Autoritäten als dem Gewissen. Die Ergebnisse der Experimente widersprechen damit idealistischen Wunschvorstellungen, eine freie individualistische Gesellschaft würde ?bessere Menschen? hervorbringen. Der Mensch scheint in Konfliktsituationen dazu zu neigen, sein eigenes Gewissen und den ?Common Sense? einer Obrigkeit unterzuordnen. Wäre Auschwitz auch heute noch möglich? Wahrscheinlich nicht, aber in einer vergleichbaren Situation würden unsere Zeitgenossen wahrscheinlich genau so handeln wie ihre Vorfahren.

    P.s.: Eine sehr gelungene Verfilmung des Milgram-Experiments gelang Henri Verneuil in seinem Spielfilm ?I wie Ikarus? aus dem Jahre 1979. Die betreffende Szene gibt es als Dreiteiler in deutscher Sprache auf Youtube – leider lässt die Bildqualität zu wünschen übrig. Denjenigen, die der französischen Sprache mächtig sind, sei die Originalversion mit guter Bildqualität empfohlen.

    Jens Berger

    Abstract der Studie von Milgram
    Abstract der Studie von Burger
    Editorial von Arthur Miller
    Editorial von Alan Elms

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    Kampf um den Ölpreis

    geschrieben am 17. Dezember 2008 von Jens Berger

    Seit seinem irrationalen Peak im Juli dieses Jahres ist der Ölpreis förmlich implodiert. In Dollar notiert betrug er letzte Woche nur noch ein Drittel des Höchstpreises vom Sommer und auch in Euro notiert, hat er gut die Hälfte verloren. Diese Achterbahnfahrt hat massive Auswirkungen für die Volkswirtschaften der Industrie- und der Ölförderstaaten. Während die Industriestaaten in dem Preisverfall eine glückliche Fügung für das Konsumbudget der Bevölkerung sehen, sehen die Ölförderstaaten bei dauerhaft niedrigen Preisen ihren Staatshaushalt gefährdet. Um den Ölpreis wieder auf ein ?gesundes? Niveau zu heben ? das je nach Haushalt des betreffenden Staates zwischen 75 und 100 US$ je Barrel liegt ? wollen die OPEC-Staaten nun die Fördermenge drastisch kürzen. Auch der zweitgrößte Ölexporteur Russland ist vom Ölpreis abhängig und hat bereits angekündigt, sich mit der OPEC solidarisch zu erklären und ebenfalls die Fördermenge zu reduzieren. Sogar ein Beitritt zur OPEC wird vom russischen Präsidenten Medwedew nicht mehr ausgeschlossen. Es ist allerdings fraglich, ob die Ölförderstaaten es überhaupt vermögen, einen mittelfristigen Preisverfall zu stoppen, da die Nachfrageseite durch Kredit- und Weltwirtschaftskrise rapide schrumpft.

    Der Ölpreis implodiert

    Zum erst Mal seit 25 Jahren wird die weltweite Nachfrage nach Öl sinken. Die internationale Energieagentur IEA senkte in ihrem jüngsten Monatsbericht die Prognose für das laufende Jahr um 350.000 Barrel auf 85,8 Mio. Barrel pro Tag. Für das nächste Jahr prognostiziert die amerikanische Energiebehörde EIA einen weiteren Rückgang der Nachfrage um 450.000 Barrel pro Tag. Die Nachfrage des größten Ölimporteurs, den USA, ist dieses Jahr um 6,3% gesunken und wird nach Schätzungen der IEA im nächsten Jahr um weitere 1,4% sinken. Dieser Rückgang ist vor allem dem rückläufigen Verkehrsaufkommen geschuldet, das zuletzt alleine im Oktober trotz gefallener Ölpreise um 3,5% gesunken ist. Sogar in China ist die Ölnachfrage im November um 3,5% gesunken.

    Dieser Nachfragerückgang hat dazu geführt, dass der Markt überversorgt ist ? international operierende Ölfirmen sind bereits dazu übergegangen, ihre Öltanker als schwimmende Lagerstätten zu gebrauchen. Jegliche Versuche der OPEC, diesen Preisverfall zu stoppen, schlugen bis jetzt fehl. Am 1. November hatte die OPEC beschlossen, die Fördermenge um 1,5 Mio. Barrel pro Tag zu reduzieren. Dies hatte keine Auswirkungen auf den Preisverfall und Experten bezweifeln inzwischen die Förderdisziplin der einzelnen OPEC-Staaten. Lippenbekenntnisse sind eines, sich auch an an die beschlossenen Förderquoten zu halten, ein anderes. Bereits in der Vergangenheit haben sich die OPEC-Beschlüsse, den Ölpreis durch rigide Förderverknappung zu steigern, in den meisten Fällen nicht umsetzen lassen, da es keine wirksame Kontrolle gibt und die Versuchung für viele kleinere OPEC-Mitglieder groß ist, auf Kosten der Allgemeinheit Profit zu machen. Die mangelnde Förderdisziplin ist die ?Tragedy of the commons? der Ölförderstaaten.

    Der Anteil der Ölfördermenge der OPEC am Weltmarkt ist seit den Hochzeiten der OPEC-Macht in den 1970ern merklich gesunken. Wenn die OPEC am morgigen Donnerstag wie angenommen eine Verknappung ihrer Förderung um weitere 2 Mio. Barrel beschließt, so wäre dies sogar im theoretischen Fall, dass sich alle Staaten an diese Regelung halten, nur ein Angebotsrückgang von 4%. Dies stellt bei einem rückläufigen Nachfragemarkt nur eine geringe Verknappung des Überangebotes dar, die von anderen Ölförderstaaten, die nicht in der OPEC organisiert sind, weiter untergraben wird.

    Gründe für den Preissturz

    Sowohl das verschobene Verhältnis von Angebot und Nachfrage, als auch Spekulation sind für den Preissturz verantwortlich. Die prekäre Marktlage zu Beginn des Jahres, in der das Angebot nicht mehr mit der Nachfragesteigerung mithalten konnte, wurde von Spekulanten ausgenutzt, um auf einen steigenden Ölpreis zu wetten. In dieser Phase wurde auf Käuferseite Papieröl im Volumen von rund 1,8 Mio. Barrel pro Tag gekauft ? dies entspricht ungefähr der Nachfrage Großbritanniens ?, was die Preise in einem angespannten Marktumfeld irreal in die Höhe trieb. Diese Blase ist im Juli geplatzt, als die ersten Akteure, die zu gierig am großen Rad gedreht hatten, in bankrott gingen. Alleine der Konkurs der amerikanischen Semgroup, einem der größten Spieler am Markt, hat Kontrakte im geschätzten Volumen von 50 Mio. Barrel platzen lassen. Semgroup, ehemals die Nummer 18 unter den nicht börsennotierten Unternehmen der USA, hat im großen Stil gegen steigende Ölpreise gewettet und damit binnen zweier Quartale rund 2,5 Mrd. US$ verzockt. Da Warentermingeschäfte Nullsummenspiele sind, mussten die abzuschreibenden Spielschulden von Semgroup und anderen von den vermeintlichen Gewinnern liquidiert werden, was der Preisspirale ein jähes Ende setze. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch finanzkrisenbedingte Liquiditätsprobleme und höhere Anforderungen an die Eigenkapitalquote bei institutionellen Zockern. Warenterminkontrakte sind schnell und einfach zu liquidieren. Die künstliche Nachfrage von 1,8 Mio. Barrel pro Tag verschwand in den nächsten Monaten so schnell aus den Märkten, wie sie zu Anfang des Jahres aufgebaut wurde.

    Neben Finanzmarktspekulationen ist auch der Handel mit ?echtem? Öl verantwortlich für den rapiden Preisverfall. Basis für alle Spekulationen war die mangelnde Reservekapazität der Förderstaaten. Da bei kaum einem anderen Gut die Angebotsseite derart unflexibel ist und kaum ein anderes Gut derart unelastisch auf Preisbewegungen reagiert, ist Erdöl ein ideales Spekulationsobjekt. Immer dann, wenn die Nachfrage kaum mehr durch eine Ausweitung der Förderung gedeckt werden kann, wird der Preis für Erdöl wieder ?explodieren?.

    Die OPEC muss den Gürtel enger schnallen

    Die erdölfördernden Staaten haben ihre Haushalte an den hohen Ölpreis angepasst und sind nun davon abhängig, einen Mindestpreis für ihr wichtigstes Exportgut zu erzielen. Relativ komfortabel ist die Situation für Saudi-Arabien. Der größte Ölförderstaat kalkuliert seinen Staatshaushalt auf Basis eines Ölpreises von 49 US$ je Barrel, Venezuela kalkuliert auf Basis von 60 US$. Russland kalkuliert mit 70 US$ je Barrel und einige OPEC-Staaten wie Iran haben sich vom günstigen Marktumfeld gar verleiten lassen, eine Preisbasis von 90 US$ je Barrel als Grundlage für ihren Staatshaushalt anzunehmen. Für diese Staaten wird es aller Voraussicht nach 2009 sehr eng werden, wenn der Ölpreis nicht schnell wieder in alte Höhen schnellt, was kaum anzunehmen ist. Venezuela wird bereits im nächsten Jahr Probleme bekommen, seine Sozialprogramme zu finanzieren, ohne vom großzügigen Aufkäufer von Staatsanleihen anderer südamerikanischer Staaten selbst zum Schuldner zu mutieren. Auch der wirtschaftlich gebeutelte Iran könnte arge Probleme bekommen, die nötigen Sozialausgaben zu bezahlen. In beiden Staaten könnte das abzusehende Ende des Ölpreisbooms daher zu sozialen Unruhen führen.

    Wohin bewegt sich der Ölpreis?

    Die meisten Experten gehen davon aus, dass sich der Ölpreis mittelfristig auf dem momentanen Niveau stabilisiert ? die Bank of China rechnet beispielsweise mit einem langfristigem Gleichgewichtspreis von 35 US$ je Barrel. Aber dieses Szenario könnte bei einer sich halbwegs stabilisierenden Weltwirtschaft mittelfristig wieder von der mangelnden Förderreserve eingeholt werden.

    Die IEA hat in ihrem diesjährigem ?World Energy Outlook? ihre Annahmen für den Förderrückgang der bestehenden Ölfelder drastisch erhöht. Letztes Jahr sagten die internationalen Experten noch einen Rückgang der maximalen Förderkapazitäten von 3,6% pro Jahr voraus. In ihrem aktuellen Bericht hat die IEA diese Prognose auf 6,7% erhöht ? bei einer geschätzten maximalen Förderung von 80 Mio. Barrel pro Tag müssten daher jedes Jahr neue Ölfelder mit einer Kapazität von über 5 Mio. Barrel pro Tag entdeckt und erschlossen werden, um das momentane Förderniveau zu halten. Da die Exploration neuer Ölfelder direkt mit dem Ölpreis zusammenhängt, wird es bei langfristigen Ölpreisen unter der 80 US$-Marke kaum neue Fördergebiete geben, da die Explorationskosten erst ab einem höheren Ölpreis refinanziert werden können.

    Eine mittel- bis langfristige Konsolidierung des Ölpreises ist daher zwangsläufig anzunehmen. Es ist nicht die Frage, ob Öl wieder zum ?alten? Höchstpreis zurückkehren wird, sondern wann. Der reale Spielraum zwischen Nachfrage und Angebot ist sehr gering. Auch wenn die OPEC-Staaten in den nächsten Jahren undiszipliniert mehr Öl verkaufen, als es ihnen die Quoten zugestehen, wird der ?natürliche? Förderrückgang von 6,7% pro Jahr à la longue den Markt wieder in die Situation bringen, dass die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann und dann gibt es für den Ölpreis nur eine Richtung ? steil bergauf.

    Jens Berger

    Bildnachweis: Bild 1 Mother Jones

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