Unser Mann in Harare
geschrieben am 27. Juni 2008 von Spiegelfechter
Die Diskussion über die politische und menschliche Katastrophe in Simbabwe ist sehr komplex. Leider wird sie in den westlichen Medien grotesk vereinfacht. Der böse „afrikanische Hitler“ Mugabe, der das Land in ein wirtschaftliches und politisches Chaos geführt hat, mit seinen Schlägertrupps hier, und der gute demokratische Oppositionsführer Tsvangirai dort, der das Land in eine bessere Zukunft führen kann. Schwarz-/Weißbilder stellen die Realität meist verzerrt dar, so auch in diesem Fall. Robert Mugabe ist zweifelsohne ein brutaler Despot, der Menschrechte und demokratische Prinzipien mit Füßen tritt. Er ist auch ein wirtschaftspolitischer Dilettant, der eine signifikanten Anteil an der Misere des Landes hat. Aber er ist auch ein Opfer der Umstände und Morgan Tsvangirai ist keinesfalls der edle Volksheld, als der er dargestellt wird.
In einem „Op-Ed“ im britischen Guardian offenbarte Tsvangirai vorgestern seinen Wunsch nach einer militärischen Intervention des Westens und stieß damit seiner eigenen Oppositionspartei und den lokalen Vermittlern aus Südafrika derart vor den Kopf, dass der Bericht bereits gestern kommentarlos von den Seiten des Guardian verschwand (im Google-Cache ist er noch zu finden). Stattdessen veröffentlich der Guardian (ebenfalls kommentarlos) einen Brief von Tsvangirai, in dem dieser behauptet, das „Op-Ed“ stamme nicht von ihm, der Guardian hätte sich täuschen lassen, er sei im übrigen gegen militärische Interventionen. Was viel Raum für „Verschwörungstheorien“ offen lässt, scheint indes ein weiterer Schnitzer von Tsvangirai gewesen zu sein, der mittlerweile stärker mit dem Westen verwoben ist, als es die simbabwischen und südafrikanischen Akteure wahrhaben wollen.
Bevor Robert Mugabes ZANU-PF 1980 die Macht in Simbabwe ergriff, wurde das Land von einem der blutrünstigsten Apartheitsregimes regiert, die je existierten. Unter Ian Smith wurden in Südrhodesien, einem Kunstgebilde, welches nur vom südafrikanischen Apartheitsregime anerkannt wurde, die schwarzen Bürger systematisch unterdrückt und eine schmale Oberschicht weißer Großgrundbesitzer und Industrieller regierte das Land. Mugabe ersetzte jedoch nach seiner Machtübernahme den weißen durch einen schwarzen Rassismus, ließ aber – trotz gegenteiliger Absichtsankündigungen – die weiße Elite in ihrem agrarwirtschaftlichen Handel weitestgehend unangetastet. Sie hatten die „Filetstücke“ des Ackerlandes und konnten mit Tabak und anderen Exportpflanzen die nötigen Devisen erwirtschaften, die das Land benötigte. Mugabes Politik hatte zunächst auch großen Erfolg – mit einem ambitionierten Sozialprogramm führte er eine kostenlose Gesundheits- und eine breite Schulversorgung ein und senkte damit die Säuglingssterblichkeit innerhalb eines Jahrzehnts von 86 auf 49 pro 1.000 Geburten und erhöhte die Lebenserwartung von 56 auf 64 Jahre. Mittlerweile ist die Lebenserwartung auf 35 Jahre gesunken, der niedrigste Wert weltweit. Mugabe hat den Fehler gemacht und sich bei der Suche nach Finanziers ausgerechnet an den IWF gewandt, der die Einstellung sämtlicher Sozialprogramme und die Privatisierung von staatlichen Betrieben zur Voraussetzung für Kredite machte. Als Mugabe sah, dass die IWF-Kredite Gift für sein Land waren, machte er den zweiten Fehler – er verstieß gegen die Regeln des IWF, enteignete einige weiße Großgrundbesitzer und war fortan ein „Paria“ auf dem finanzpolitischen Parkett. Den dritten Fehler machte er, als er – ohne von den USA grünes Licht bekommen zu haben – mit seinen Truppen ab 1998 aktiv am Zweiten Kongokrieg teilnahm. Das taten die undemokratischen, despotischen Regimes Ugandas und Ruandas zwar auch, aber sie waren Verbündete der USA und Großbritanniens, während Mugabe sich einer immer drastischeren Antikolonialrhetorik bemächtigte.
2001 versetzten die USA und Großbritannien dem unter den Folgen des IWF-Boykotts leidenden Land den Todesstoß. Beide Länder verhängten umfassende Wirtschaftssanktionen gegen den „Paria-Staat“, die dazu führten, dass der Außenhandel fast zum Erliegen kam, so dass das Land keine Devisen mehr hatte, Technik und Düngemittel für seine Landwirtschaft zu importieren. Nur Südafrika verblieb als relevanter Handelspartner; aber ohne Devisen war Simbabwe kein interessanter Handelspartner und die Produktionsumstellung von Exportagrargütern auf Lebensmitteln tat ihr übriges. Mittlerweile erlebt Simbabwe den wirtschaftlichen Kollaps – 80% Arbeitslosigkeit, eine Hyperinflation ohne Gleichen (6 Äpfel südafrikanischer Herkunft kosten 1,6 Mrd. simbabwische Dollar) und die komplette Marktwirtschaft ist zum Stillstand gekommen. Der einzige Sektor, der überhaupt noch Löhne zahlt, ist der Staatssektor, aber für das Geld können sich auch die Staatsbediensteten nichts kaufen. Eine Hungersnot epischen Ausmaßes und Unruhen werden die Folge sein. Über 3 Mio. Simbabwer (ein Drittel der Bevölkerung) sind bereits nach Südafrika geflohen, was dort zu rassistischen Unruhen führte. Das Land befindet sich im Kollaps – wer die Schuld dafür trägt, ist für den Westen klar. Aber neben Mugabes katastrophaler Politik hat der Westen durch seine Sanktionen ein großes Maß an Teilschuld für diese Situation. Der skurrile „Schlächter“ mit dem Hitler-Bärtchen und der antikolonialen Rhetorik passte einfach zu gut ins Feindschema – objektiv betrachtet unterscheidet er sich wenig von den „Despoten“ Ugandas und Ruandas, die ebenfalls Wahlen fälschen, Oppositionelle umbringen lassen und eine freie Presse verhindern. Das alles macht Mugabe keinen Jota sympathischer, er ist und bleibt ein Despot und Mörder – nur erscheint es fraglich, warum sich der Westen auf ihn eingeschossen hat und andere afrikanische Despoten und Mörder als politische Partner hofiert.
Morgan Tsvangirai war ein langjähriger Weggefährte Mugabes und stieg dank dessen Protektion schnell innerhalb des staatstreuen Gewerkschaftsflügels auf. 1998 trennten sich jedoch ihre Wege und Tsvangirai wurde zum Oppositionellen. Mehrfach wurde versucht, ihn umzubringen und mehrfach wurde er inhaftiert und gefoltert. Trotz dieser tragischen Vita, qualifiziert ihn jedoch nichts zu einem demokratischen Politiker. Seine Oppositionsgruppe MDC ist ein breites Zweckbündnis zwischen Gewerkschaftlern und Liberalen auf der einen Seite, aber auch Rechtsextremisten, weißen Rassisten und dem „Kapital“ auf der anderen Seite – sie wird von den USA und europäischen Staaten massiv unterstützt und dies nicht ohne Eigeninteresse, das vor allem zu Lasten der Regionalmacht Südafrika, die traditionell gute Verbindungen zu Mugabe pflegt. Die MDC ist zweifelsohne die einzige legitime Opposition in Simbabwe, aber wofür sie steht, ist ebenso zweifelhaft, wie die Machtverteilung der verschiedenen Gruppierungen, die hinter ihr stehen. Tsvangirai will beispielsweise die Landreformen Mugabes nicht rückgängig machen, verspricht den weißen Exilsimbabwern, die enteignet wurden, jedoch großzügige Entschädigungen – dies freut freilich den Westen, woher Tsvangirai dieses Geld nehmen will, ist da weniger von Interesse.
Den meisten Beobachtern war klar, dass Mugabe sich nicht „ordentlich“ abwählen lassen würde. Die Wahlfälschungen bei der ersten Präsidentschaftswahl, bei der laut Oppositionsangaben Tsvangirai bereits die Mehrheit der Stimmen für sich verbuchen konnte, waren demnach wenig überraschend. Tsvangirais Rückzug vor dem zweiten Wahlgang ist zwar einerseits verständlich, da Mugabe die Wahlen zu seinen Gunsten gefälscht hätte und die Bedrohung für Leib und Leben, der Tsvangirais Unterstützer ausgesetzt sind, zweifelsohne real ist. Andererseits führt sein Rückzug Simbabwe in eine weitere politische Krise – Mugabe ist aufgrund der Wahlfälschungen nicht als legitimes Staatsoberhaupt anzusehen. Der Westen hat sich bereits in dieser Form erklärt und es ist anzunehmen, dass die südafrikanischen Nachbarstaaten ebenfalls diesem Beispiel folgen werden. Tsvangirais Legitimation ist indes auch mehr als umstritten – Angaben der Opposition über einen vermeintlichen Wahlsieg im ersten Wahlgang sind keine völkerrechtliche Basis und entziehen dem Westen die Glaubwürdigkeit, wenn man – wie Großbritannien – Tsvangirai zum legitimen Präsidenten erklärt. Trotz des wirtschaftlichen Desasters ist Mugabe in Simbabwe keinesfalls isoliert – er stützt seine Macht auf einen breiten Staatsapparat, eine Landbevölkerung, die von seinen Landreformen profitiert hat, das Militär und vor allem die einflussreichen und militärisch versierten Veteranen aus dem Befreiungskrieg und dem Zweiten Kongokrieg. Freiwillig wird er nicht von der Macht lassen, der Weg des Westens läuft auf einen Bürgerkrieg hinaus.
Aus verständlichen Gründen ist vor allem das Nachbarland Südafrika gegen jegliche Entwicklungen, die auf einen Bürgerkrieg hinauslaufen. Präsident Tabo Mbeki führt daher seit Jahren eine „stille“ Geheimdiplomatie zwischen Mugabe und der Opposition. Sein Ziel ist eine Allparteienregierung, der Punkt, an dem bislang diese Verhandlungen scheiterten, war „lediglich“ die Frage, ob Mugabe selbst dieser Allparteienregierung angehören sollte, oder ob er ins Exil geht und seinen politischen Weggefährten das Feld überlässt. Durch die immer dramatischer steigende Zahl von Flüchtlingen, die von Simbabwe nach Südafrika strömen, steht Mbeki allerdings auch im eigenen politischen Lager unter Kritik. Der ANC-Führer Jacob Zuma kritisierte seinen Parteifreund Mbeki bereits öffentlich für dessen zu stille Kritik an Mbekis Vertrauten „Bob“ Mugabe. Tsvangirai machte an dieser Stelle jedoch einen entscheidenden Fehler – er kritisierte öffentlich die Rolle Südafrikas als Unterhändler der Verhandlungen und forderte eine Einbeziehung des Westens. Dies hatte zur Folge, dass der ANC sich geschlossen hinter Mbeki stellte und Tsvangirais Position beschädigt wurde.
Die Tatsache, dass Tsvangirai in der Wahlkampfzeit lieber internationale Partner suchte, als in Simbabwe Wahlkampf zu machen – was allerdings auch ein Risiko für Leib und Leben dargestellt hätte – sorgte nicht nur in Südafrika, sondern auch in Simbabwe selbst für Kritik. Tsvangirais Taktik scheint darin zu bestehen, die Frage über die Zukunft Simbabwes nicht in Simbabwe oder innerhalb der südafrikanischen Staatengemeinschaft entscheiden zu lassen, sondern sie zu „internationalisieren“ und vor allem die USA und Großbritannien mit einzubeziehen. Dies wird allerdings von (fast) allen afrikanischen Staaten abgelehnt – die Ablehnung ist wiederrum Grund für Großbritannien und die USA nicht militärisch zu intervenieren. Käme es zu einem offenen Bürgerkrieg wäre dieser Standpunkt allerdings kaum zu halten. Tsvangirais „Op-Ed“ im Guardian drückt schlüssig seine Linie aus – Intervention des Westens, mit ihm als (nicht gewählten) neuen Präsidenten. Ob er mit dieser Linie Erfolg haben wird, ist mehr als ungewiss – Südafrikas Einfluss sollte nicht unterschätzt werden. Was dem Land indes mehr helfen könnte, als alles andere, wäre eine Aufhebung der Sanktionen und wenn diese nur über eine Allparteienkoalition zu erreichen wäre, dann sei dem so. Ob der Präsident dann Mugabe oder Tsvangirai heißt, spielt für das malträtierte Volk Simbabwes eine wesentlich geringere Rolle, als die Frage ob und wann die Sanktionen fallen gelassen werden.
Quellen und Literatur zur Vertiefung:
Mike Hume: Zimbabwe: whose crisis is it anyway?
Blessing-Miles Tendi: Zimbabwe’s delicate future
Brendan O’Neill: Disenfranchising the people of Zimbabwe
Brendan O’Neill: Zimbabwe and the new Cowardly Colonialism
Gregory Elich: The Battle over Zimbabwe’s Future
Lutz Herden: Kein Flug in die Flamme
Jens Berger
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Die Geschichte um die Veröffentlichung des dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist ein Lehrbeispiel an strategischer Finesse. Als die SPD am 19. Mai wieder einmal in einer tiefen Depression steckte, veröffentlichte Arbeitsminister Olaf Scholz eine 
So unterschiedlich diese Erhebungen sind und so wenig man sie miteinander vergleichen kann, so unzulässig ist die Interpretation durch das Bundesarbeitsministerium, die Armutsquote sei hoch aber stabil – hier vergleich man EVS und EU-SILC und damit Äpfel und Birnen. Da ein aktueller EVS nicht zur Verfügung steht, bietet nur das SOEP die Möglichkeit eine qualitative Aussage über die Entwicklung der Armut zu machen – und das SOEP spricht hier eine klare Sprache. Die Armutsquote ist von 1998 bis 2005 um 50% gestiegen, von 12 auf 18%, dies sind 4 Mio. Arme mehr und die Tendenz ist – trotz des „Aufschwungs“ – unverändert. Zwar liegen für 2006 noch keine ausführlichen Daten vor, aber das ermittelte äquivalenzgewichtete Nettoeinkommen stieg von 2005 auf 2006 trotz „Aufschwung“ nur um magere fünf Euro auf 1.306 Euro – 2003 betrug es 1.336 Euro und 1990 1.253 Euro.

So wollt ich jeden Zweifel beseitigt wissen, dass ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.
Nicolas Sarkozy hatte sich den 14. Juli dieses Jahres so schön vorgestellt. Am Vorabend des französischen Nationalfeiertages wollte er die Staatsführer elf afrikanischer und arabischer Mittelmeeranrainerstaaten treffen, sie für „sein“ Projekt der Mittelmeerunion – die seit Merkels vehementer Kritik allerdings nur noch „Union für das Mittelmeer“ heißen darf – begeistern. Am Nationalfeiertag selbst wollte er zusammen mit Politikern wie Olmert (Israel), al- Assad (Syrien), al-Gaddafi (Libyen), Bouteflika (Algerien) und Mubarak (Ägypten) die traditionelle Militärparade auf dem Champs-Elysee abnehmen und danach mit ihnen und Vertretern der EU die „Union für das Mittelmeer“ besiegeln – ein historischer Moment. Was Sarkozys großer Coup hätte werden können, scheitert allerdings bereits im Vorfeld an innereuropäischen, innerafrikanischen und innerarabischen Querelen. Damit ist diese „Union“ symptomatisch für die EU-Außenpolitik, die mit Pleiten. Pech und Pannen umschrieben werden könnte.
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es der neidischen Nachbarin nicht gefällt. Die Ziele, die Sarkozy mit seiner „Mittelmeerunion“ verfolgen wollte, liegen zwar alle samt im Interesse der deutschen Außenpolitik der Großen Koalition, aber dem hyperaktiven Napoleonverschnitt im Elysee einen derart großen Erfolg gönnen? Nein, das war nicht nach den Vorstellungen der uckermärkischen Landfrau. Hinzu kommt der deutsche Anspruch, in zentraler Position am politischen Prozess in Nordafrika teilzunehmen und das Feld nicht Frankreich alleine – und damit der französischen Wirtschaft – zu überlassen. Daher intervenierte Merkel im März dieses Jahres in ungewohnt barscher Manier und stutzte Sarkozy auf seine „Größe“ von 1,62 Meter zurück. Aus der „Mittelmeerunion“ wurde eine „Union für das Mittelmeer“, in der neben den Mittelmeeranrainerstaaten alle EU-Staaten vertreten sind, die von Brüssel und nicht von Paris bestimmt wird und in der der kleine Franzose von Deutschland kontrolliert und bei Bedarf auch gestoppt werden kann. Die „Union“, die vor allem die sicherheits- und energiepolitische Zusammenarbeit zwischen den europäischen und afrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten koordinieren sollte, ist derweil auf ein Konsensmodell geschrumpft, das vor allem europäische Problempunkte behandeln soll – so z.B. die Umweltverschmutzung, die illegale Einwanderung und die Förderung der Solarenergie. Ein großer Erfolg für Merkel – wenn die „Union“ denn so käme, wie sie es sich wünscht. Das ist aber heute – drei Wochen vor den Gründungfeiern in Paris – ungewisser denn je und die Zeichen stehen schlechter denn je.
Algeriens Premier Bouteflika teilt nicht nur al-Gaddafis Sorgen, die afrikanischen Staaten könnten von einer aus Brüssel gesteuerten Machtkonzentration Europas erdrückt werden, Bouteflika hat eigene Gründe, dem Projekt skeptisch gegenüber zu stehen. Sarkozy konnte sich beispielsweise immer noch nicht durchringen, sich für die Gräueltaten Frankreichs während des algerischen Befreiungskriegs entschuldigen, bei dem – je nach Quelle – zwischen 350.000 und 1.500.000 Algerier getötet wurden. Desweiteren rückt für Algerien und andere islamische Staaten die Mitgliedschaft Israels immer stärker ins Visier. Die Zusammenarbeit arabischer Staaten mit Israel in einer supranationalen Union wäre zweifelsohne eine Normalisierung der Beziehungen. Dies wird aber von der arabischen Liga konsequent abgelehnt, da sie eine Rückgabe der palästinensischen und arabischen Gebiete, die sich Israel nach 1967 einverleibt hat, als „conditio sine qua non“
Die Iren
Noch während die Mehrheit der Iren ihr „No“ feierten, ließ Bundesaußenminister Steinmeier aus dem fernen Peking verkünden, er könne sich einen „vorübergehenden“ Ausstieg Irlands aus dem Integrationsprozess vorstellen, woraus die WELT in weiser Umsicht aber journalistisch fragwürdig die 
Bei der Verfassungsfrage klafft in Europa ein großer Unterschied zwischen direkter und repräsentativer Demokratie. Von den meisten europäischen “Mitte-Parteien” wird der “Lissabon-Vertrag” begrüßt, nennenswerte Ausnahmen sind lediglich die britischen Torys und die tschechische ODS, die beide als wirtschaftsliberal und konservativ bezeichnet werden können. Ansonsten sind es meist “linke” und “rechte” Parteien, die den “Lissabon-Vertrag” aus unterschiedlichen Gründen ablehnen. Eine parlamentarische Ratifizierung steht daher auch nur in Großbritannien und Tschechien unter Vorbehalt, während in Deutschland und Tschechien verfassungsrechtliche Fragen einen gerichtlichen Stopp der Ratifizierung bedeuten könnten. Wie die EU-Staaten bei einem Referendum abstimmen würden, ist schwer vorauszusagen, da die Inhalte des Vertrages politisch totgeschwiegen werden und erst eine rege Diskussion Aufschluss über das potentielle Stimmverhalten der Wähler geben könnte. Eine Umfrage zum “alten” Verfassungsprozess aus dem Jahre 2004 ergab in den meisten EU-Ländern eine Mehrheit der Befürworter, während Irland, Schweden und Großbritannien bereits zu diesem frühen Zeitpunkt mehrheitlich gegen die Verfassung waren. Wie problematische solche Umfragen bei einem geringem Wissensstand der Bevölkerung sind, zeigt das Beispiel “Niederlande” – während in der Umfrage vom November 2004 noch 63% der Niederländer die EU-Verfassung befürworteten, lehnten sie ein halbes Jahr später, nach ausführlicher Diskussion der Inhalte, 61,6% beim Referendum ab.
Ein “Mehr” an direkter Demokratie könnte dem Einhalt gebieten, nur ist dies nicht im Interesse der politischen Eliten. Wenn man sieht, wie die ablehnenden Volksentscheide zum EU-Verfassungsprozess in Frankreich und den Niederlanden von den politischen Eliten dieser Länder ignoriert wurden, indem ein nahezu identischer Vertragstext am Volk vorbei in den Parlamenten beschlossen wurde, so ist dies ein untrügliches Zeichen für ein wachsendes Demokratiedefizit bei den politischen Eliten. Wenn Volksentscheide durchgeführt werden, so müssten sie zweifelsfrei bindend sein. Das letzte vorhandene Korrektiv wäre die Abwahl von Regierungen und Parteien, die auf solche Art und Weise den Wählerwillen ad absurdum führen. Aber sollen die Franzosen und die Niederländer dann die dort bereits sehr starken Rechtspopulisten wählen?
Heute genießen rund 4 Mio. Iren ein Privileg, das rund 500 Mio. Europäer nicht genießen dürfen – sie stimmen über den sogenannten „Vertrag von Lissabon“ ab – eine EU-Verfassung, die aufgrund der ablehnenden Referenden in Frankreich und den Niederlanden nicht mehr „Verfassung“ heißen darf, obgleich 96% des Vertragstextes identisch mit der abgelehnten Urfassung sind. Formal betrachtet ist bereits dieser Umstand eine unzulässige Umgehung des französischen und niederländischen Volksvotums. Der „
Man könnte meinen, die Formulierung eines solchen epochalen Vertragswerkes würde in einem gemeinsamen Prozess entstehen, in dem neben den Regierungen auch die Völker Europas eingebunden werden – Fehlanzeige. Dass der Vertrag von den Franzosen und Niederländern abgelehnt wurde, kann als „Betriebsunfall“ gesehen werden. Die Diskussion um den „Vertrag von Lissabon“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht stattfindet. In Irland muss diese Diskussion gezwungenermaßen stattfinden und dort nimmt sie
Auf all diese Fragen hat die Politik keine vernünftigen Antworten, zumindest keine Antworten, die „vermittelbar“ währen. Europa ist eine sehr gute Idee und die meisten Europäer tragen diese Idee im Herzen. Die Politik missbraucht diese Idee indes zusehends für unpopuläre Maßnahmen, die auf nationaler Ebene Wählerstimmen kosten würden. Egal ob es sich um „Vorratsdatenspeicherung“ oder „Rauchverbot“ handelt – wenn man nicht die Charakterstärke hat, politische Ziele selbst durchzukämpfen, übergibt man den Vorgang an Brüssel um dann unter dem Stichwort „Sachzwang“ die Vorgaben in nationales Recht umzuwandeln. Kritik kann man derweil bequem mit dem Hinweis aus dem Wege gehen, man müsse halt die Vorgaben aus Brüssel erfüllen – Pacta sunt servanda. Dies unterminiert nicht nur den europäischen Gedanken, sondern auch die Haltung des Volkes zur „Institution Europa“. Kein Wunder, dass die Politik Angst davor hat, das Vertragswerk, das eben dieser Politik einen Rahmen geben würde, dem Votum der Wähler zu stellen. Zweifelsohne müsste der „Vertrag von Lissabon“ von jedem europäischen Volk per Plebizit angenommen werden, bevor er ratifiziert wird – dies sieht auch das Deutsche Grundgesetz vor.
Wie Irland entscheiden wird, ist offen – in den letzten Umfrage liegen Befürworter und Gegner Kopf an Kopf. Ein „Nein“ aus Irland wäre ein Segen für Europa. Reformen, der Reformen halber, und die Aushöhlung des europäischen Gedankens durch eine opportunistische Politik der Sachzwänge sind das Letzte, was Europa brauchen würde. Was würde passieren, wenn Irland „Nein“ sagt? Ein Ausschluss Irlands aus der EU ist technisch und juristisch nicht möglich – freiwillig wird Irland nicht austreten. Wahrscheinlich wird man die PR verstärken und dem „dummen Stimmvieh“ den gleichen Vertrag „nach Wahrung einer gewissen Anstandsfrist“, wie die Bertelsmann-Stiftung zynisch
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Kommentare
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@ Linus 118 Gut, dann weiter. Nähmen wir an, ich ahne schon richtig, worauf du...
@egghat Oh, Thema Wirtschaft und ich lese das erst jetzt. Wo ist der Link auf mein Blog...
@ Keynesianer #77 Die haben zwar alle über die Wirtschaftskrise geschrieben, aber doch nicht...
@Systemfrager #117: Auf die Gefahr hin zu nerven ;-) Was bieten denn die gängigen Theorien als...
@ Linus 115 Ach so, die Kapitalkonzentration Das ist was anderes. Je freier die...