Sicherheitsleck auf dem SPIEGELFECHTER

13. Juli 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Murphys Gesetz scheint auch für Blogs zu gelten. Da macht man eine erholsame Woche Urlaub an der See, schaltet auch vom Netz ab und was passiert? Man wird Opfer eines bösartigen Codes, der durch ein Wordpress-Sicherheitsleck in den letzten Artikel eingeschleust wurde und den Trojaner TR/Dldr.HTML.Agent.IS von einer nicht näher identifizierbaren chinesischen Seite laden will. Ich erhielt in den letzten drei Tagen viele Mails von aufmerksamen Lesern und auch der gute Chris von nebenan hatte sich bereits des Ärgernisses angenommen. Aber was hilft das alles, wenn der “Chef” selbst lieber die Füße im Meer baumeln lässt und jegliche Kommunikation mit der Außenwelt meidet?

Nach einer kurzen Recherche stellte ich erstaunt fest, dass dieses Problem den Machern von Wordpress und Joomla wohlbekannt ist - dort scheint man aber nicht wirklich an der Ursachenforschung interessiert zu sein, sondern rät lakonisch zu einem Update der Wordpress-Installation. Ein gebranntes Kind, scheut bekanntlich das Feuer und ein Blogbetreiber, der schon mal Probleme mit Wordpress hatte, sagt sich “never change a runnig system”. Nun habe ich Technikmuffel mich aber doch zum Update entschlossen und vorsichtshalber noch ein Schutz-Plugin installiert. Dennoch weiß ich nicht, ob die neuste Wordpress-Installation wirklich sicher gegen dieses spezielle Leck ist und auch nicht, ob dieses spezielle Leck durch das neue Plugin gestopft wird. Da kann man wohl leider nur hoffen.

Allen Lesern, die keine Antivirensoftware nutzen, kann ich nur dringend raten, eine solche zu installieren und das System überprüfen zu lassen - ich persönlich kann die kostenlose Software Avira AntiVir da sehr empfehlen. Ich entschuldige mich ausdrücklich bei allen betroffenen Lesern, aber auch ich bin nur ein “victim of circumstances”.

Zwei Dinge fallen bei diesem Vorfall besonders auf. Ein Softwarehersteller scheint sich nicht im geringsten um Sicherheitsfragen zu kümmern und bastelt lieber ständig neue Versionen seiner Software, ohne echten Sicherheitslücken in den älteren Versionen wirklich auf den Grund zu gehen. Das ist mehr als fahrlässig und höchst ärgerlich - Wordpress ist kein “Geek-Tool”, sondern wird als einsteigerfreundliche Software beworben. Wer sich an Einsteiger wendet, muß eine sichere und idiotensichere Software anbieten, die “möglichst” frei von solchen Lecks ist. Die “Krisen-PR” von Wordpress ist in diesem Falle nur als zynisch zu betrachten.

Der zweite Gedanke betrifft die allmächtige Internetkrake Google. In diesem speziellen Fall ist die Blockade einer betroffenen Seite, wie der meinigen, sicher richtig und wichtig. Wenn man aber in der neuen Firefoxversion nicht einmal eine Seite besuchen kann, die von Google aussortiert wurde, so wird man sich einmal mehr der Macht von Google bewusst. Natürlich habe ich bereits bei Google einen Antrag auf eine erneute Überprüfung gestellt, aber einige Besucher werden meine Seite sicher erst dann aufrufen können, wenn Google reagiert hat - wer weiß, wann das sein wird.

p.s.: Wer den Spiegelfechter trotz aller Unbill unterstützen will, der kann bei der Wahl “Superblogs 08″ gerne für mich stimmen - und wer nun sauer ist, der kann auch für den Oeffinger Freidenker stimmen, der sicher “auch” ein würdiger Sieger wäre ;-)

Update: Google hat erstaunlich schnell reagiert und bereits heute (Montag) morgen um 6.00 die Seite vom Index gefährdender Seiten genommen. Das ist löblich.

Jens Berger

Kategorie: Allgemein | 64 Kommentare

Iraks Schwarzes Gold

05. Juli 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Im Jahre 1999 erklärte der spätere US-Vizepräsident Cheney den auf einer Konferenz in London anwesenden Ölmännern seine Vision vom Nahen Osten als Hauptgewinn im internationalen Kampf ums Schwarze Gold. Gemessen an seiner damaligen Vision, ist der Irakkrieg sowohl für die USA, als auch für die US-Ölindustrie, ein miserables Geschäft. Die Produktion dümpelte lange vor sich hin und konnte erst in diesem Jahr wieder „Vorkriegsniveau“ erreichen. Ausländische Ölfirmen warten indes immer noch auf die begehrten PSAs (Production Sharing Agreements), mit denen sie sich Teile des gigantischen Ölreichtums Iraks sichern können. Grundlage für Investitionen ausländischer Ölfirmen wäre ein Ölgesetz, das sowohl die Ansprüche ausländischer Firmen, als auch die Verteilung der Öleinnahmen innerhalb der Regionen des Iraks klären muss. Die ölreichen Nord- und Südprovinzen, die mehrheitlich von Kurden bzw. Schiiten bewohnt werden, haben bislang ein nationales Ölgesetz blockiert und es erscheint mehr als fraglich, ob und wann ein solches Gesetz beschlossen werden kann, das auch die Vergabe von Förderlizenzen der Zentralregierung in Bagdad überträgt.

Seit nunmehr zwei Jahren üben Washington und die internationalen Ölmultis spürbaren Druck auf die Regierung al-Maliki aus, PSAs an internationale Unternehmen zu vergeben, die in einem Ölgesetz festgeschrieben werden sollen. Eine Vergabe von PSAs an ausländische Ölfirmen ist momentan im Irak innenpolitisch allerdings nicht durchsetzbar. Dies musste auch der irakische Ölminister Hussain al-Shahristani einsehen, als er auf den internationalen Druck, Irak solle angesichts der Lieferengpässe auf dem Weltölmarkt schnellstens in seine Ölförderung investieren, mit einem Kompromissangebot antwortete, das „Big-Oil“ zwar ins Geschäft rund um das irakische Öl bringt, aber keinesfalls in der Form, die man sich in den Konzernzentralen der Ölgiganten gewünscht hätte.

Das irakische Ölministerium hat jetzt 41 internationale Ölfirmen – darunter auch die deutsche Wintershall – eingeladen, sich an den Ausschreibungen für diverse Projekte zu beteiligen. Der Inhalt dieser Ausschreibungen ist unbekannt – es ist allerdings anzunehmen, dass es hier lediglich um Service- und Förderverträge geht, die den Ölfirmen keine Beteiligung an den Ölfeldern selbst zugestehen. Dies ist nach gültigem irakischem Recht nämlich nicht möglich. Das große Ölgeschäft läuft auch abseits dieser neu ausgeschriebenen Projekte, die nächstes Jahr unterzeichnet werden sollen.

Zwei Drittel der aktuellen irakischen Ölförderung und ein bis zwei Drittel der vermuteten Erdölreserven des Landes konzentrieren sich auf sechs gigantische Ölfelder. Die Bohrtechnik auf diesen Feldern stammt zu einem großen Teil noch aus der Zeit, bevor Saddam Hussein die Ölwirtschaft verstaatlichte, da der Irak in den Zeiten des irakisch-iranischen Golfkrieges, der internationalen Sanktionen und in der jüngeren Zeit nach der US-Invasion kaum Zugang zu internationaler Beratung und technischer Ausrüstung hatte. Dementsprechend gering ist auch die Förderquote auf diesen Feldern. Die Verträge, die das irakische Ölministerium nun mit den internationalen Multis schließen will, sind sogenannte Dienstleisterverträge, bei denen die Multis lediglich Service- und Beratertätigkeiten ausführen – sie fördern nicht selbst und erwerben sich keine Rechte jedweder Art an dem geförderten Öl und den Reserven der betreffenden Felder. Für ihre Beraterrolle bekommen sie einen fixen Vertrag, der nicht mit der geförderten Ölmenge korrespondiert. Diese Verträge sind auf zwei Jahre abgeschlossen, danach soll neu verhandelt werden. Kritisch ist anzumerken, dass diese Verträge nicht ausgeschrieben wurden, sondern die Multis die Verträge exklusiv vom irakischen Ölministerium zugeteilt bekamen. Verträge dieser Art sind nicht ungewöhnlich – die staatlichen Ölgesellschaften Saudi-Arabiens und Kuwaits haben mit westlichen Öldienstleistern ganz ähnliche Verträge abgeschlossen. Der entscheidende Unterschied zu diesen Verträgen besteht jedoch in der Branche der Vertragspartner. Ölmultis, wie Shell oder BP, verfügen gar nicht über das Know-How für diese Tätigkeiten – sie haben diese Bereiche selbst ausgelagert und kaufen sie Bedarf bei Firmen wie Baker-Hughes, Schlumberger oder Saipem ein, die auch Vertragspartner der Saudis und Kuwaitis sind.

Warum sollte also der irakische Staat Verträge mit Ölmultis abschließen, von denen er gar nichts hat? Man könnte diese Verträge eher als eine Art Schutzgeld an „Big-Oil“ und deren politische Hintermänner verstehen, die langsam die Geduld mit dem Irak zu verlieren drohen. Für die Multis sind diese Verträge nicht der große Gewinn, den sie sich erhofft haben –sie wollen Förderrechte und PSAs, aber keine Beraterverträge.

Förderrechte in Form von PSAs werden derzeit allerdings im Nordirak von der Kurdischen Autonomieverwaltung abgeschlossen. Bereits 20 Verträge dieser Art sind unterzeichnet – die Unterzeichnerfirmen gehören eher zu den kleinen Fischen im Ölgeschäft. Unter ihnen finden sich z.B. drei türkische Unternehmen, die österreichische ÖMV, die ungarische MOL und koreanische Ölunternehmen. Keines dieser Unternehmen hat eine Einladung vom irakischen Ölministerium bekommen, sich an den Projekten zu beteiligen, die von der Zentralregierung ausgeschrieben wurden. Die kurdischen Ölabkommen sind nach irakischem Recht auch illegal und die Verträge demnach nichtig. Die kurdische Autonomiebehörde sieht dies allerdings diametral anders und somit stellen diese Verträge ein weiteres – scheinbar unüberwindbares – Hindernis für ein irakisches Ölgesetz dar, dem auch die Kurden zustimmen.

Die Verträge, die die Kurden aushandeln, sind für die kurdische Seite durchaus fair. 10% der projektierten Fördergewinne müssen im Voraus an die Kurdische Regierung überwiesen werden, danach kann der private Partner seine Kosten mit einer Umsatzbeteiligung wieder hereinholen – ist dies geschehen, muss er sich mit einer 15% Minderheitsbeteiligung begnügen. Rechtliche Ansprüche auf die Reserven hat der internationale Partner indes nicht. Verträge dieser Art sind momentan – sehr zum Ärgernis der Ölmultis – internationaler Usus. Bei den kurdischen Verträgen kommt indes eine Komponente hinzu, die an eine Art positives Schmiergeld erinnert. Der internationale Partner verpflichtet sich ebenfalls, auf eigene Kosten Infrastrukturprojekte in der kurdischen Autonomieregion umzusetzen. Die Kosten für diese verdeckten Zahlungen werden weder publik gemacht, noch mit den Einnahmen aus der Ölförderung verrechnet.

Die Kurden behaupten zwar, die Gewinne aus den Ölgeschäften würden in einen Fonds gehen, der auch an die mittel- und südirakischen Regionen ausbezahlt wird, wenn es erst einmal ein nationales Ölgesetz gibt. Dies ist allerdings kaum anzunehmen und die Komponente „Infrastrukturinvestitionen“ verbliebe in diesem Falle auch vollends in kurdischer Hand. Es wundert daher nicht, dass die irakische Zentralregierung das Treiben der Kurden mit äußerstem Argwohn beobachtet. Die USA stehen den kurdischen Verträgen ebenfalls ablehnend gegenüber, da sie nicht nur das gewünschte Ölgesetz behindern, sondern auch dem Separatismus im Irak Vorschub leisten. Umso peinlicher ist es da für die USA, dass die US-Firma Hunt-Oil, die dem Bush-Buddie und ehemaligen Haliburton-Vorstand Ray Hunt gehört, eine der Vertragspartnerinnen der kurdischen Autonomiebehörde ist. Um die Frage, ob die Regierung oder regierungsnahe Kreise Hunt grünes Licht für diese Aktion gegeben haben, spielt sich in den USA momentan eine regelrechte Politposse ab.

Das schwarze Gold Iraks kann erst dann im Sinne der Besatzer und der internationalen Multis ausgebeutet werden, wenn die irakische Regierung ein Ölgesetz verabschiedet. Der aktuelle Entwurf, der ohne Zweifel aus den Federn amerikanischer Berater stammt, hat nicht die geringste Chance umgesetzt zu werden – neben den Kurden und Schiiten geht er sogar den amerikafreundlichen Sunniten in der Allparteienregierung zu weit. Sollte je ein Ölgesetz umgesetzt werden, so wird es eher die Handschrift der ölreichen Regionen tragen, die bereits Fakten schaffen, die kaum mehr rückgängig zu machen sind. Eine jedwede Beteiligung von „Big Oil“ an den großen Ölfeldern scheint ausgeschlossen zu sein – kein Politiker im Irak würde dies unterzeichnen. Dies aus gutem Grund – die Investitionen für diese bereits weitgehend erschlossenen Felder sind minimal. Das technische Know-How, sie professionell weiter zu erschließen ist international verfügbar – die Chinesen besitzen es, ebenso die Russen und diverse andere Staaten. Es besteht daher kein Grund, internationale Multis an einem lukrativen Feld zu beteiligen, das von vielen anderen Partnern mit Kusshand auch ohne eine Beteiligung erschlossen und betreut würde.

Die USA haben den Irakkrieg wegen Massenvernichtungswaffen, Demokratie, Terrorismus und Öl geführt. Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden, die Demokratie wird seitens der USA schon wieder abgemildert, da man keine demokratisch legitimierten iranfreundlichen Schiiten an der Macht sehen will, der Terrorismus wurde durch den Krieg massiv verstärkt und noch nicht einmal vom Ölreichtum des Landes bekommt man etwas ab. Der Irakkrieg wird wohl als Torheit ohne Gleichen in die Geschichte amerikanischer Außenpolitik eingehen. Aber im Weißen Haus sollte niemand sagen, man habe sie nicht im Vorfeld gewarnt.

Jens Berger

Bildnachweis (v.o.n.u.): Youth Climate Movement, US Army Forces Strategic Command, Unity 2008, Oilchange International

Kategorie: Ausland, Energie, Irak, USA | 46 Kommentare

Deutsch-Russische Spiegelbilder

04. Juli 2008 von Spiegelfechter - Drucken

Stereotype bestimmen unser Denken. Das Russlandbild der Deutschen und das Deutschlandbild der Russen sind von diesen Stereotypen bestimmt, die teilweise seit Jahrhunderten bestehen. Aber auch die aktuelle Medienberichterstattung hat einen großen Einfluss auf das jeweilige Bild des Anderen. Wie sieht das Russlandbild der Deutschen und wie das Deutschlandbild der Russen fast zwanzig Jahre nach der Beendigung des Kalten Krieges aus, wie tragen die Medien zu diesen Fremdansichten bei und wie lässt sich das Bild des Anderen verbessern, um zur Völkerverständigung und Partnerschaft beizutragen? Diese Fragen wurden Anfang der Woche auf den 10. Potsdamer Begegnungen gestellt, die alljährlich vom Deutsch-Russischen Forum ausgetragen werden.

Das Russlandbild der Deutschen ist ambivalent. Einerseits sind alte Stereotype vom weiten, endlosen Land mit seinen kalten Wintern und den trinkfreudigen, genügsamen Russen immer noch in den Köpfen und werden durch zahlreiche undifferenzierte Reiseberichte im TV immer wieder aufgefrischt. Andererseits wird das Russlandbild auch von politischen Entwicklungen geprägt, wie dem Zweiten Weltkrieg, der deutschen Teilung, dem Kalten Krieg, der Transformationsphase nach der Auflösung der Sowjetunion und der neuerlichen Ereignisse in der Ära Putin.

Das Russlandbild der Deutschen ist im Wesentlichen ein positives, wie Studien des Institutes für Demoskopie Allensbach herausfanden. Russland wird von 56% der Deutschen als eines der wichtigsten Länder der Erde gesehen und belegt dabei den dritten Platz hinter den USA und China. Dennoch sagt nur jeder fünfte Deutsche von sich, er habe ein ausgeprägtes Interesse an den Entwicklungen in Russland, während sich über die Hälfte als desinteressiert bezeichnet. Das Interesse an Russland nimmt mit dem Alter zu – die Gruppe der unter 30-Jährigen interessiert sich kaum für Russland, was allerdings im allgemeinen Trend liegt, dass die jüngere Generation sich generell immer weniger für politische Themen interessiert. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen bezeichnet die deutsch-russischen Beziehungen als positiv, zwei Drittel sind davon überzeugt, dass Deutschland und Russland dauerhaft gute Beziehungen haben werden und fast die Hälfte antwortet auf die Frage, mit welchem Land Deutschland möglichst eng zusammenarbeiten sollte mit „Russland“. In einem „Elitenpanel“, bei dem die Spitzen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft befragt werden, antworteten sogar 99% der Befragten, sie hielten es für wichtig oder sehr wichtig, eng mit Russland zusammenzuarbeiten. Die Bevorzugung einer transatlantischen Ausrichtung, die häufig von Politik und Medien gefordert wird, trifft in der deutschen Bevölkerung auf wenig Zustimmung. Auf die Frage, ob Deutschland eher zu den USA oder zu Russland mehr Kontakte pflegen sollte, antworteten 23% mit „USA“, 18% mit „Russland“ und 52%, man sollte mit beiden Ländern gleichermaßen Kontakt pflegen.

Trotz dieses positiven Bildes über die Bedeutung der deutsch-russischen Beziehungen ist das Russlandbild selbst eher negativ. Nur 17% meinen, man könne sich auf Russland verlassen, wenn es „darauf ankommt“ und 51% sind vom Gegenteil überzeugt – mit deutlich steigender Tendenz. Fragt man die Deutschen, woran sie bei „Russland“ denken, so antworten 65% mit „berechnend“, 59% mit „unsicher“, 55% mit „Gefahr“ und 53% mit „Weltmacht“, während 62% an „Aufbruch“, 44% an „faszinierend“ und 41% an „Zukunft“ denken – nur 8% denken bei „Russland“ an „Freiheit“. Mit Russland verbinden die Deutschen vor allem „Mafia“, „Korruption“, „große Armut“ und „hohe Kriminalität“, erst dann kommen positive Assoziationen wie „schöne Landschaft/Städte“, „Kultur“, „Wissenschaft“ oder „gute Sportler“. Das Russlandbild ist durch eine Kombination aus Faszination, Bewunderung, Skepsis und Furcht bestimmt und höchst ambivalent. Es deckt sich im weitesten Sinne mit der Art und Weise der Medienberichterstattung, die sich durch kitschige, mit Stereotypen überhäuften Reiseberichte und kritische bis überkritische Berichte über die politische Entwicklung „auszeichnet“.

Das Deutschlandbild der Russen ist wesentlich positiver, wie Studien des Moskauer Lewada-Zentrums herausfanden. Während drei Viertel aller Russen ein positives Bild von Deutschland haben, sagen nur 4% von sich, sie hätten ein negatives Deutschlandbild. Der Zweite Weltkrieg mit all seinen negativen Begleiterscheinungen ist in den Köpfen der Russen zwar noch präsent, er wird aber nicht mehr negativ auf das Bild des Deutschlands des Jahres 2008 übertragen – nur 12% sehen die Schuld für historische Ereignisse „kollektiv bei den Völkern“, während 74% denken, die Schuld liege bei den Regierenden und nicht bei den Völkern. Wie auch die Deutschen, sind die Russen weitestgehend desinteressiert an den jeweilig anderen Völkern. Nur 9% bekunden Sympathie und Interesse, während 82% ihren Standpunkt zu Deutschland als „ruhig und ohne besondere Gefühle“ beschreiben.

Die Russen sehen den Staat Deutschland als Freund und Partner – hinter Kasachstan und Belarus belegt Deutschland in dieser Kategorie mit 24% den dritten Platz, während es in der Kategorie „Feind/Gegner“ nur von 2% der Bevölkerung genannt wird. Hier belegen das Baltikum, die USA, die Ukraine und Polen die Spitzenplätze. Bei den zugeschriebenen Charaktereigenschaften verfallen auch die Russen in alte Stereotype – Deutsche werden als „kultiviert/wohlerzogen“, „arbeitsam/fleißig“, „rational“ und „selbstbewusst“ gesehen, während die Russen sich selbst als „offen/einfach“, „gastfreundlich“, geduldig“, „hilfsbereit“ und „friedliebend“ sehen. Da nur wenige Russen schon einmal in Deutschland waren, verwundert die stereotype Sicht der Deutschen, die eher der Hochkultur als der Realität entspricht, wenig.

Während sich alte Stereotypen lange in den Köpfen halten sind die neueren negativen Assoziationen im Russlandbild der Deutschen vor allem auf die Wahrnehmung Russlands über die Medien zurückzuführen. Dieses Thema war auch widerholt ein Streitpunkt auf den „Potsdamer Begegnungen“, der sich grabenkriegsartig durch die Diskussion zog. Während die russische Seite, allem voran unter den wortgewaltigen Anklagen des russischen Journalisten und Intellektuellen Maksim Shevchenko, eine wenig objektive und negativ manipulierte Berichterstattung der westlichen Medien anklagte, verteidigten sich den anwesenden Vertreter der deutschen Print- und Rundfunkmedien mit dem Verweis, man könne über negative Entwicklungen nun einmal nicht positiv berichten. Eine Studie von Studenten des Freien Russisch-Deutschen Institutes für Publizistik der Lomonossov-Universität in Moskau, die die Berichterstattung deutscher „Qualitätszeitungen“ während der Ereignisse in Beslan untersuchte, konnte indes die Vorwürfe der russischen Seite bestätigen – über 80% der Berichte wurden von den Journalistik-Studenten als nicht objektiv und tendenziös eingeordnet.

Dieses tendenziöse Russlandbild deutscher „Mainstreammedien“ ist ja auch seit längerem Thema des „Spiegelfechters“ und vor allem das Internet und seine Kommunikations- und Publikationsformen stellen demgemäß auch ein Korrektiv zu dieser medialen „Wirklichkeit“ dar. Die Aussichten, dass sich aufgrund des Internets das Bild der Bevölkerung ändern könnte, sind indes mehr als vage. In einem Land, in dem „Pisa-Studie“ und wachsender „TV-Konsum“ mit einem allgemeinen Bildungsrückgang einhergehen, ist die steigende Nutzung der „neuen Medien“ eher ein Informationsgewinn der informierten und informationsdürstenden Teile der Gesellschaft, während sich die Masse der Diskussion entzieht. Für die etablierten Medien ist dies jedoch doppelt tragisch – die Masse interessiert sich immer weniger für ihre Berichte und diejenigen, die sich interessieren, finden im Internet alternative Berichterstattung und kritische Kommentierungen zur Berichterstattung der etablierten Medien. Das Meinungsmonopol der etablierten Medien löst sich immer weiter auf und dies ist für die Eliten durchaus als Bedrohung zu verstehen. Das Internet entzieht sich jeglicher Kontrolle – sowohl im positiven als auch im negativen. Weder die Eliten noch die etablierten Medien scheinen sich dieses Kontrollverlusts wirklich bewusst zu sein - „Man solle das Internet nicht überbewerten – in fünf Jahren gäbe es 3D-Fernsehen und dann spräche man kaum noch vom Internet“, so ließ es ein Konferenzteilnehmer das verblüffte Publikum wissen.

Das politische Bild anderer Länder ist vor allem durch die Medien geprägt, das persönliche Bild von den Menschen anderer Länder ist jedoch eher durch persönliche Erfahrungen geprägt. Daher geht nichts über persönliche Kontakte, wenn man sich ein eigenes Bild von seinem Gegenüber machen will. In den deutsch-russischen Beziehungen stellt hier vor allem die Visafrage ein signifikantes Hindernis dar. Wer extra nach Moskau reisen muss, um sich – mit ungewissem Ausgang –eine Reiseerlaubnis nach Deutschland zu besorgen, der überlegt es sich zweimal, ob er das Land als Tourist bereisen will. Eine Änderung der Visavorschriften steht daher sowohl auf russischer als auch auf deutscher Seite ganz oben auf der Agenda. Wenn man ein Land einmal persönlich bereist hat, könnte auch das Interesse für dieses Land steigen und dieser Erfahrungs- und Wissensschatz ist die beste Impfung gegen negative Stereotype und tendenziöse Berichterstattung. Vor allem Jugendaustauschprogramme sollten daher ebenfalls ganz weit oben auf der Agenda stehen. So lautete neben einer Forderung nach besseren Kulturprogrammen dann auch das praktische Fazit der „10. Potsdamer Begegnungen“.

Jens Berger

Bildnachweis (v.o.n.u.): Bild 1, 3 und 5 Deutsch-Russisches Forum e.V. (Photograph KD Busch), Bild 2 Stern, Bild 4 B.Z., Bild 6 Katalog der Ausstellung “Unsere Russen – unsere Deutschen; Bilder vom anderen 1800 bis 2000″

Kategorie: Deutschland, Russland | 40 Kommentare

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