Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • Hühner und die Rezession

    geschrieben am 22. Januar 2008 von Jens Berger

    Ein Gespenst geht um in der Medienberichterstattung ? dieses Gespenst heißt ?Rezession? und wird eigentlich immer dann beschworen, wenn es darum geht, dass Arbeitnehmer, Wähler oder – einfacher ausgedrückt – die unteren 95% bittere Pillen verschrieben bekommen sollen. Momentan geht es allerdings ?noch? nicht um die übliche ?Gürtel enger schnallen? Rhetorik, sondern um einen Haufen kopfloser, aufgescheuchter Hühner ? im Volksmund ?Börsianer? genannt.

    ?Börsianer? sind ein seltsamer Menschenschlag. Logik und Kausalitätsketten sind ihnen gemeinhin fremd und ihr Erfolgsrezept besteht meist darin, das erste gackernde Huhn zu sein, dem die aufgescheuchte Hühnergruppe hinterher rennt. Die gestrigen und heutigen Verluste werden mit Gerüchten begründet, der Abu Dhabi Staatsfond würde sich aus dem Citibank Investment zurückziehen, nachdem er die Bücher gesehen hätte. Über die Société Général und die Bank of China kursieren Gerüchte, sie würden in Kürze Abschreibungen von jeweils 10 Mrd. US$ bekanntgeben. Die Hühner flattern panisch.

    Mit einer Pseudo-Wissenschaft namens technischer Analyse (Charttechnik) ?verdienen? selbsternannte Börsenfachleute Unsummen. Das Geheimnis dieser Kaffeesatzleserei ist allerdings nicht die Mathematik, die hinter den seltsamen Kurven steht, sondern die Suggestionskraft dieser Kurven auf die Akteure.

    Es geht an der Börse nun einmal nicht darum ?recht? zu haben, sondern darum, die Massenpsychologie der Hühner richtig einzuschätzen. Der Kurs der Boeing-Aktie brach nach 9/11 um fast die Hälfte ein, obgleich doch jedem klar sein musste, dass durch den Anschlag nicht wesentlich weniger Flugzeuge verkauft werden und die Zeichen auf Krieg stehen, was Boeing, einem der größten Rüstungsunternehmen der Welt, dicke Auftragsbücher verschaffen wird. Querdenker sind nur dann erfolgreich, wenn sie nicht rein ökonomisch denken, sondern ökonomisches Wissen mit einer sehr ausgeprägten Gabe verbinden können, die Psychologie des Hühnerhaufens vorherzusehen.

    Momentan haben die ?Börsianer? angeblich Angst vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten. In diesem Satz stecken gleich zwei Fehler. Für die ?Börsianer? ist das, was die Medien ?Rezession? nennen, bezüglich der Vereinigten Staaten längst in die Kurse eingepreist, es geht eher darum, dass die Wachstumsmotoren in den Schwellenländern sich verlangsamen könnten und dadurch die Weltwirtschaft abkühlt ? China steht vor dem Problem eines jahrelang überhitzten Wirtschaftswachstums. Wie China auf ein Abflachen des Wachstums reagieren wird, ist eine offene Frage, zumal die chinesische Finanzwirtschaft vor diversen Blasen steht, die zu platzen drohen.

    Der zweite Fehler im zitierten Satz, ist die Aussage, die USA stünden vor einer Rezession. Eine Rezession ist ein normaler Bestandteil des Konjunkturzyklus und wäre von daher auch keine Katastrophe. Nur weil die Weltwirtschaft im letzten Jahrzehnt durch die Globalisierung extrem fest war und somit ein langer, kräftiger Aufschwung stattgefunden hat, mögen einige Medien vergessen haben, dass die Konjunktur sich immer noch in Zyklen bewegt. Medien haben auch ein allgemeines Verständnisproblem, wenn es um die Unterscheidung zwischen absoluten und relativen Prognosen geht. Wenn ein Unternehmen meldet, es habe den Gewinn im letzten Jahr um 80% steigern können, so heißt dies erst einmal gar nichts ? da es auch 80% von einem einzigen Euro sein könnten. Genau so verhält es sich bei Konjunkturprognosen. Ein Rückgang des amerikanischen Wirtschaftswachstums ist sehr wahrscheinlich, da diverse Rahmenbedingungen (Energiepreise, Immobilienkrise, Zwangsversteigerungen) negativ wirken. Im letzten Jahr hatten die USA 2,5% Wirtschaftswachstum, die FED geht momentan für 2008 ebenfalls von 2,5% Wachstum aus. Es mehren sich aber Stimmen, die einen Rückgang des Wachstums prognostizieren.

    Ein Rückgang des Wachstums ist allerdings keine Rezession ? als Rezession wird allgemein ein Konjunkturzyklus dann bezeichnet, wenn ein negatives Wirtschaftswachstum vorliegt. Ein Abnehmen der Steigerung des Wirtschaftswachstums ist allerdings mitnichten ein negatives Wirtschaftswachstum, genau so wie ein Gewinnrückgang bei einem Unternehmen nicht automatisch ein Verlust ist. Eigentlich wissen dies die Börsianer und eigentlich wissen dies auch die Medien. Der Crash auf Raten, der der Kreditkrise folgen musste, ist in vollem Gange. Allerdings sollte bei den Kursverlusten an den Börsen so langsam die Talsohle erreicht sein. Seit Beginn des Jahres gab der DAX um 18% nach ? ein Gesamtrückgang von über 25% wäre wirtschaftlich kaum zu vertreten, da die Folgen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft zwar sicherlich signifikant sind, aber keinesfalls so bedrohlich, wie es ein Einbruch der Kurse über 25% suggerieren würde.

    Aus fallenden Aktienkursen sollte man auch keine negativen Prognosen auf die Realwirtschaft erstellen: Achtmal gab es laut FTD in den letzten 20 Jahren einen “schwarzen Tag” an der Frankfurter Börse, an dem die Kurse um über 5 Prozent fielen. In zumindest sieben der bisherigen acht Fälle folgte dem Aktiendebakel alles andere als ein realwirtschaftlicher Absturz. Nach dem großen Crash 1987, als der Dax fast zehn Prozent verlor, ging wie heute wochenlang die Rezessionsangst um, und die Notenbanken senkten ihre Zinsen. Am Ende gab es nicht den Hauch einer Rezession, sondern im Gegenteil den weltweiten Boom von Ende der 80er-Jahre.

    Die herben Verluste zu Wochenbeginn waren daher eher ein reinigendes Gewitter. Die Märkte brauchen unbedingt Volatilität, um das Finanzsystem gesunden zu lasen. Die Unmengen an Geld, die nach der Niedrigzinsphase, die nach 9/11 und der New-Economy Krise eingeleitet wurde, die Märkte überschwemmt haben, stellen ein Risiko dar, da sie auf der Suche nach Rendite bei gesättigten Märkten in immer riskantere Geschäfte ?investiert? werden mussten. Dies ging viel zu lange gut ? mit der Kreditkrise (die eine direkte Folge dieser Niedrigzinspolitik ist) kam die Volatilität zurück in die Märkte und bestrafte Anleger, die ihre Risiken nicht richtig eingeschätzt hatten. Dies ist zu begrüßen und die Abschreibungen der Banken (mittlerweile über 100 Mrd. US$) sind nichts anderes als eine ?Rücknahme? des billigen Geldes, dass vor Jahren die Märkte geflutet hat.

    Außer den amerikanischen, britischen und spanischen Statistiken aus dem Wohnungsbau und den Verlusten im Bankensektor gibt es keine relevanten Entwicklungen in der Realwirtschaft, die eine Weltwirtschaftskrise begründen könnten. Die Verluste auf den Finanzmärkten sind ein reinigendes Gewitter, das einige Heuschrecken und Hasardeure wegspülen wird und einigen fragwürdigen Finanzpraktiken ein Ende machen wird. Dies ist gut für die Realwirtschaft, da zu einem die Renditeforderungen auf ein realistisches Maß sinken werden und zum anderen tausende Unternehmen nicht mehr akut Gefahr laufen, von PE-Fonds aufgekauft und ausgequetscht zu werden. Nachteilig für die Realwirtschaft werden allerdings strengere Richtlinien für Eigenkapital sein, die die Banken aufstellen werden.

    Die Märkte werden sich in den nächsten Tagen wieder beruhigen. Heute hat die FED den Leitzins um 75 Basispunkte gesenkt, was natürlich die Kurse gestärkt hat. Langfristig ist dies schlecht für den Dollarkurs, was wiederum für die US-Wirtschaft kein Nachteil ist. Die Probleme bleiben bei den Europäern.

    Momentan sind die Hühner wieder nervös am gackern und rennen aufgescheucht durch die Gegend. Kluge Profis nutzen die Lage aus und nehmen Amateuren ihr Geld ab. In einer derart angespannten Lage, reichen einige große Verkaufsorder um einen Abwärtsstrudel in Gang zu setzen. Gepaart mit Leerverkäufen ist dies ein gigantisches Geschäft für geschickte institutionelle Anleger. In den nächsten Tagen müssen die Leerverkäufe allerdings bedient werden und mittelfristig ist davon auszugehen, dass institutionelle Anleger ihr freies Kapital wieder in die Märkte bringen müssen, womit die Talsohle erreicht sein sollte. Also Abwarten, Tee trinken und die Hühner beobachten.

    Jens Berger

    43 Kommentare

    DHL und das Postgeheimnis

    geschrieben am 21. Januar 2008 von Jens Berger

    “Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar?, so sagte es Wolfgang Schäuble anlässlich der Eröffnung der Deutschen Islam Konferenz. Diesem Satz kann man ohne Vorbehalte zustimmen – ob Herr Schäuble diesen Satz auch ernst nimmt, wenn es um seine eigenen Interessen geht, darf indes bezweifelt werden. Schäubles amerikanischer Kollege Michael Chertoff hat es einfacher ? in den USA gilt der Inhalt der Verfassung nicht viel, wenn es darum geht, reale oder irreale Bedrohungen abzuwehren. Der ?USA PATRIOT Act? ist so eine Notstandsverordnung, die die amerikanische Verfassung systematisch aushebelt. Die deutschen Verfassungsväter hatten aus den schlechten Erfahrungen der Weimarer Republik gelernt und verzichteten absichtlich auf ähnliche Paragraphen, die das Grundgesetz durch Notstandsverordnungen außer Kraft setzen können – ein Umstand, den Minister wie Schäuble und Jung bedauern.

    Wie jetzt durch die ZEIT bekannt wurde, verstößt die Deutsche Post AG über ihre Tochter DHL bereits seit mehreren Jahren systematisch gegen das Postgeheimnis und somit gegen das Grundgesetz. Bei Paketen, Päckchen und Briefen in die USA und Kanada fordern die dortigen Zollbehörden von Logistikunternehmen, Angaben über Absender, Empfänger und (sofern bekannt) den Inhalt von Sendungen. Diese Daten müssen der US-Zollbehörde vorliegen, bevor die Sendungen amerikanisches Hoheitsgebiet erreichen. In einem Handelsabkommen willigte die EU 2004 sogar ein, dass diese Daten an amerikanische Strafverfolgungsbehörden weitergegeben werden und auch mit kommerziellen Datenbanken abgeglichen werden dürfen.

    Die Weitergabe dieser Daten ist ein klarer Verstoß gegen das Postgeheimnis, welches durch Artikel 10 GG Verfassungscharakter hat. In einem Merkblatt der Bundesnetzagentur heißt es:

    Daten, die sich auf die Inhalte von Postsendungen beziehen, unterliegen dagegen dem Verarbeitungsverbot.

    Das unbefugte Speichern, Verändern oder Übermitteln von personenbezogenen Daten, die in den Schutzbereich des PostG, der PDSV oder des BDSG fallen, sind unzulässig und gemäß § 44 BDSG strafbewehrt.

    Zudem gibt es zahlreiche spezielle EDV-bezogene Straf- und Ordnungswidrigkeitenvorschriften, wonach die unbefugte Einsichtnahme, Speicherung, Veränderung, Übermittlung, Nutzung oder anderweitige Beschaffung, Löschung oder Unbrauchbarmachung solcher Daten verboten ist und mit Strafen bzw. Geldbußen geahndet wird (z.B. §§ 202a, 303a StGB, § 43 BDSG).

    Auch wenn die Posttochter DHL auch in den USA einen Hauptsitz unterhält und damit rechtlich als amerikanisches Unternehmen agieren könnte, so verstößt die Aushebelung des Datenschutzes und des Postgeheimnisses dennoch deutschem Recht, da ein Vertragspartner in Deutschland sitzt. In den Beförderungsrichtlinien der DHL ist nirgends zu lesen, dass auf elektronischem Wege personenbezogene Daten an verschiedene amerikanische Behörden weitergegeben werden.

    Diese Form des vorauseilenden Gehorsams zu Lasten der einheimischen Kunden ist der österreichischen Post unbekannt. Dort nimmt man die Interessen und Rechte der Kunden ernst und blockt den Datenhunger aus den USA ab. In Deutschland scheinen sowohl das Verständnis für Datenschutz als auch die Phantasie, wie solche Daten missbraucht werden können, nicht sehr ausgeprägt zu sein. Weder der Datenschutzbeauftragte noch die betroffenen Gremien im Innen-, Wirtschafts- und Außenministerium sehen signifikante Probleme bei dieser Form des Datenaustauschs.

    Wer wichtige Konstruktionszeichnungen oder Patentanträge in die USA schickt, sollte vielleicht in Erwägung ziehen, doch besser einen persönlichen Kurier zu beauftragen. Dank der erhobenen Daten wissen die Schnüffler der amerikanischen Geheimdienste recht genau, wo und wann interessante Brief- und Dokumentsendungen darauf warten, von ihnen ?untersucht? zu werden. Und dass amerikanische Geheimdienste sich nur all zu gerne in den Dienst der Wirtschaftsspionage stellen, ist nicht erst seit dem Echelon-System bekannt.

    Update: Nach der Veröffentlichung des Artikels der ZEIT scheint sich das Problembewusststein in Politik und Datenschutz ein wenig gewandelt zu haben. Der ehemalige Bundesinnenminster Baum wird juristische Schritte prüfen und wird mit den Worten ?Das ist ein massiver Eingriff in die Grundrechte – das geht weit über die Vorratsdatenspeicherung hinaus? zitiert.

    Der schleswig-holsteinische Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte zum Thema:

    ?Wenn die DHL vorab die Absender- und Empfangsdaten an US-Behörden weitergibt, ohne die Betroffenen zu informieren, dann verletzt das Unternehmen das Postgeheimnis. Wenn staatliche Behörden von dieser Grundrechtsverletzung wissen und diese tolerieren, so kann man das Beihilfe durch Unterlassen nennen. Es wäre ein jämmerliches Zeugnis von Grundrechts- wie von rechtsstaatlichem Selbstbewusstsein, wenn sich die Europäische Union – wie bei den Flugpassagierdaten – von den USA zur Herausgabe von Postdaten erpressen ließe.”

    Jens Berger

    25 Kommentare

    Roland der Super-Teutone

    geschrieben am 19. Januar 2008 von Jens Berger

    Deutschlands unbeliebtester Politclown hat es nicht einfach. Sein Vorhaben, die Ministerpräsidentschaft bei der Landtagswahl in 8 Tagen zu verteidigen, gerät immer mehr ? seinem Niveau angepasst – in seichtes Wasser. Dass ein ausgemachter Unsympath, wie Koch, nicht ?den Wulff? machen kann, und mit Zahnpastalächeln und Schwiegersohn-Charme die Staatskanzlei erobern könnte, war jedem klar. Gute Zahlen kann er nach seiner zweiten Legislaturperiode auch nicht so recht verkaufen und die Luft eines Alleinherrscher mit der absoluten Mehrheit wird langsam immer dünner.

    Koch muss unter die Gürtelline schlagen ? damit hat er auch Erfahrung, das hat ihm seine Wahlsiege eingebracht. Hätten die beiden Münchner Rabauken doch nur zwei Wochen später zugeschlagen, wäre ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen gewesen. Populismus ist schnell ? Schlagzeilen in der BILD müssen weder begründet noch hergeleitet werden. Populismus zu widerlegen, dauert etwas länger ? nach zwei Wochen ?Ausländerkriminalitätsdebatte? haben alle Medien außer der BILD umgeschwenkt und verbreiten sachlichere Töne. Sachlichkeit in einer Debatte ist jedoch der Todfeind eines Populisten. Das Thema war für Koch gestorben.

    Als Mitte der Woche die aktuellen Meinungsumfragen zur Hessen-Wahl veröffentlicht wurden, stand Koch das Wasser bis zum Hals. Ein einziger Prozentpunkt Vorsprung vor der SPD ? das ist für ihn viel zu wenig. In allen Bereichen wird zudem seine Konkurrentin Andrea Ypsilanti für kompetenter und vor allem sympathischer gehalten ? was freilich nicht weiter überraschen sollte. Und dann schließt auch noch Nokia in Bochum die Werkstore und Arbeiterführer Rüttgers konnte die Macht über den deutschen Stammtischen für ein paar Tage erobern. Konnte denn nicht ein hessischer Betrieb geschlossen werden? Wenn die Täter Ausländer wären, so hätte Koch dies schon zu seinen Gunsten drehen können. Deutsche Funkfernsprechgeräte für Deutsche Arbeiter ? ja, das wär’s gewesen! Leider ist NRW nun einmal nicht Hessen und Koch brauchte etwas Neues.

    Die hessische CDU war schon immer ein wenig ?rechter? als andere Landesverbände und eine Neuauflage der ?Rote-Socken? Kampagne war mal wieder überfällig. Aber bitte nicht so dröge, wie einst unter Pfarrer Hintze und auch nicht so albrig, wie vom flotten Guido. Ausländerfeindlichkeit kommt immer gut und diese ?Sozen-Tante? und der ?Grünen-Heini? haben doch so komische Nachnamen ? da könnte man doch was draus machen.

    ?Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!” ? das hat doch was! Fremd klingende Namen, Kommunisten, Bedrohung allenthalben und einen teutonischen Retter, der ?uns? schützt und den Einfall der Barbaren stoppt! Andrea Ypsilanti hat den Namen zwar lediglich von ihrem griechischen Ex-Mann, von dem sie seit Ewigkeiten getrennt ist, Tarek Al-Wazir ist ein seriöser deutscher Politologe und die LINKEN sind beileibe keine Kommunisten, aber wen interessiert das denn? Koch hatte wieder mal zum xenophoben Rundschlag ausgeholt. Der Name ?Koch? ist natürlich urdeutsch ? er ist der dreizehnthäufigste Nachname in Deutschland und Roland ?Statuen schmücken unser Land schon seit dem Mittelalter. Was soll da noch schief gehen?

    Koch wurde von der NPD bereits ein Koalitionsangebot gemacht und die Republikaner geben bereits ?Superkoch-Postkarten? aus ? über Beifall von der richtigen(!) Seite, braucht sich der brutalstmögliche Populist also nicht zu sorgen. Wenn die NPD in den Landtag kommen sollte (wovon allerdings nicht auszugehen ist) wäre ein braun-braunschwarzes Bündnis eine nur logische Fortführung von Kochs Populismus.

    Gefahr für Koch lauert vor allem in einer Ecke, aus der er sie am wenigsten erwartet hatte ? aus der SPD-Rechten. Wenn Unsympath Clement schon ausdrücklich warnt, Ypsilanti zu wählen, so ist dies ein Qualitätsbeweis für die Dame, den tausend Stunden Wahlkampf nicht besser kommunizieren könnten.

    Jens Berger

    p.s.: Auch andere Blogs haben sich dem Super-Teutonen angenommen:
    Roland Koch vs. Schlümpfe” auf Nerdcore
    Koch will die “SPD-Kommunisten” stoppen” auf Indymedia
    Wahlkampf bizarr in Hessen” auf Unkultur
    und gleich jede Menge Artikel von Chris auf F!XMBR

    Alle Photomontagen sind, wie üblich, CC-Spiegelfechter

    119 Kommentare

    Audio ergo sum!

    geschrieben am 18. Januar 2008 von Jens Berger

    Der eine oder andere wird bereits das Symbol ganz oben in der rechten Sidebar bemerkt haben: Ab heute weist der SPIEGELFECHTER wöchentlich auf einen besonders empfehlenswerten Podcast hin. Da die Printmedien leider ihre Rolle als seriöse Quelle für Hintergrundinformationen mehr und mehr verlieren, das Internet sie zwar gerne wahrnehmen würde, aber für umfassende Specials meist das finanzielle Polster fehlt, hat sich das alte Medium “Radio” zu einer bemerkenswerten Informationsquelle gemausert. Der größte Unterschied zu TV und Print ist bei guten Radioprogrammen hierbei die Auswahl von Interviewpartnern, die meist aus der zweiten oder dritten Reihe der Bekanntheitsskala stammen, dafür aber (oder vielleicht sogar deswegen) wirklich etwas zum Thema beizutragen haben. Auch wird in einigen Formaten durchaus Fundamentalkritik geübt und Denkschablonen, wie sie aus TV und Print bekannt sind, werden hinterfragt. Internetseiten und You-Tube Filmchen werden in unzähligen Blogs und Portalen verlinkt. Der SPIEGELFECHTER nimmt sich zukünftig des Qualitätsradios an, und verlinkt jeden Freitag einen neuen Hörtipp.

    Da ich selbst jeden Werktag mindestens 90 Minuten in meinem PKW sitze, habe ich vor allem die Form des “Podcasts” schätzen und lieben gelernt. Ein qualitativ hochwertiges, intelligentes Aboprogramm, das man dann hören kann, wenn man dafür Zeit hat – eine wirklich feine Sache. Den Auftakt bei meinen Empfehlungen macht die gestrige Sendung von “HR2-Der Tag” – “Man muss es doch sagen dürfen – Die Rhetorik des rechten Salons”. Thema ist die unsägliche Rechtpopulistik von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der die Grenzen des guten Geschmacks auslotet – ein absoluter Hörbefehl.

    Wer gute Podcasts oder Radiosendungen kennt, gehört hat und sie mir zur “Weiterempfehlung” melden will, der kann dies in diesem Thread, auf der Spielwiese oder per Mail machen. Auch wenn es in einer Woche mal keine überragende Sendung gab, so ist mein Archiv voll von zeitlosen Perlen, so dass ich es wohl schaffen werde, jeden Freitag eine neue Empfehlung auszusprechen.

    Wenn einer der Leser/innen weiter Tipps, Kritikpunkte oder Verbesserungsvorschläge hat … immer her damit. Der SPIEGELFECHTER ist zwar ein Einzelkämpferprojekt, lebt aber vom Dialog mit den Lesern.

    Jens Berger

    27 Kommentare

    Nokia und der Arbeiterführer

    geschrieben am 17. Januar 2008 von Jens Berger

    Populismus ist der erste erkennbare Politiktrend des noch jungen Jahres. Der eine will ausländische Jugendliche wegsperren, der andere ausländische Telefone aussperren. Jürgen Rüttgers ist nicht nur Populist, sondern – so wollten es seine Berater – der neue Arbeiterführer Deutschlands. Nachdem die alte Tante SPD die ?Malocher?-Kneipen gegen hippe Lounges ausgetauscht hat, und anstatt bei Pils und Rothändle über Beschäftigungspolitik, lieber bei Brunello und Cohiba über Dieter Bohlens Neue plaudert, hat sich eine politische Nische aufgetan, in die Rüttgers hineingeschlüpft ist.

    Wo immer Rüttgers eine Möglichkeit sieht, sich als Arbeiterführer zu gerieren, schlägt er gnadenlos zu. Manchmal kommen dabei sogar so unumstößliche Wahrheiten heraus, wie seien Forderung aus dem Jahre 2006, die CDU solle sich von “neoliberalen Lebenslügen” verabschieden und sich klar zu sozialen Werten bekennen. Wäre Rüttgers nicht Rüttgers, so müsste man ihn wegen dieser klaren Worte loben. Leider ist Rüttgers aber Rüttgers und weiß, dass man im ?Malocher-Land? Nordrhein-Westfalen nur Ministerpräsident bleiben kann, wenn man die Herzen der ?Malocher? anspricht.

    Der finnische Handyproduzent Nokia wird nach fast 20 Jahren Engagement seine Produktion in Bochum einstellen ? die Zukunft der 2300 Mitarbeiter am Standort ist ungewiss. Einst wurde Nokia mit Subventionen in die ehemalige ?Blume des Reviers? gelockt. Nun, da die Subventionen in Höhe von 90 Millionen Euro ausgelaufen und der deutsche Markt gesättigt ist, zieht der Tross des freien Kapitals weiter nach Rumänien. Dabei geht es nicht, wie man zunächst denken könnte, um rote Zahlen, hohe Lohnnebenkosten und Dumpinglöhne ? nein, das Bochumer Werk schreibt schwarze Zahlen und die Lohnkosten betragen in der der Handyproduktion nur 5% der Gesamtkosten. Die Investitionen im Lande Draculas hat sich Nokia allerdings bereits mit 33 Mio. Euro aus den EU-Töpfen versilbern lassen und in Rumänien herrschen bekanntlich auch andere Standards, was Arbeitssicherheit, Arbeitszeiten, Sozialregelungen und Umweltschutz angeht.

    Arbeiterführer Rüttgers will nun die Subventionen überprüfen und sie notfalls zurückzahlen lassen. Dieser Vorschlag entbehrt nicht einer gewissen Komik. Gibt es im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium denn kein Controlling, das die Rechtmäßigkeit von Subventionen prüft, bevor sie ausgezahlt werden? Wenn dem so wäre, wäre dies ein starkes Stück und Rüttgers sollte entweder den Mund halten oder den Hut nehmen. Wenn dies allerdings nicht so ist, sind Rüttgers Forderungen a priori sinnlos und daher als Populismus in Reinkultur zu verstehen. Rüttgers Drohungen nach Espoo, man spiele dort mit dem Marken-Image, sind durchaus ernst zu nehmen und man könnte sie als vernünftig einschätzen, wenn sie denn stringent und konsequent wären.

    Die SPD kann Arbeiterführer Rüttgers natürlich nicht das populistische Feld überlassen ? diesmal wurde der wirtschaftspolitische Sprecher Wend losgelassen, die ?Ehre? der ehemaligen Arbeiterpartei noch weiter zu beschädigen. Wend kündigte an, nicht mehr mit Handys der Marke Nokia zu telefonieren. Wie Wend in Zukunft kommunizieren will, ließ er freilich offen. Nach den Werksschließungen der Produzenten BenQ und Motorola und der Verlagerung der Handyproduktion nach Asien, war Bochum der letzte Handyproduktionsort in Deutschland. Da neben Nokia folglich auch BenQ und Motorola ausscheiden müssten, wird es für Herrn Wendt nicht mehr einfach ? er könnte in Indien produzierte Handys von Sony-Ericsson kaufen, oder in China und Korea produzierte Telefone der Marken Samsung, LG oder auch das dort produzierte neue iPhone. Ein rein teutonisches Handy gibt es seit langem nicht mehr. Vielleicht sollte Wend sein Glück mit einem guten alten Pocky C 450 der anständigen deutschen Firma Standard Elektrik Lorenz aus Stuttgart probieren. Die Firma gibt es nicht mehr? Das C-Netz auch nicht? Da wird Herr Wend sich wohl in Schweigsamkeit üben müssen, was für die Republik sicher kein Verlust ist.

    Wer Neoliberalismus säht, wird auch Neoliberalismus ernten ? die Kritik an Nokia geht am wesentlichen vorbei. Es wäre schön, wenn Unternehmen keine Organisationen wären, deren primäres Ziel die Erzielung guter Renditen ist, sondern auch soziale Verantwortungen übernehmen würden. Solch Anachronismen gibt es freilich noch in Familienunternehmen und bei einigen Mittelständlern; dort, wo Fremd- und Eigenkapital anonym sind und moderne Manager als CEOs nach standardisierten Renditevorgaben Entscheidungen treffen, ist für Moral kein Platz mehr übrig. Dies kann und muss man kritisieren, aber man darf es nicht bei der Kritik belassen. Wenn es beim letzten Spaziergang einen Regenschauer gegeben hat, ist es nicht die klügste Entscheidung, beim nächsten Spaziergang keinen Schirm mitzunehmen und im Falle eines Schauers über die Ungerechtigkeit des Wetters zu lamentieren.

    Der berühmt-berüchtigte George Soros bezeichnete den Finanzinvestor einmal als Wolf, der sich die alten und schwachen Tiere aus einer Herde heraussucht und so zum gesunden Zustand der Herde beiträgt. Kann man dem Wolf Vorwürfe machen, weil er ein Tier reißt? Sicher nicht. In diesem Beispiel wären Rüttgers und Co die Schäfer, deren Aufgabe der Schutz der Herde vor Wölfen ist. Dieser Schutz klammert selbstverständlich in gewissem Maße auch den natürlichen Selektionsprozess aus ? nicht nur die starken Tiere überleben, sondern auch schwache, junge und alte. Daher ist dieser Schutz bei Marktapologeten auch nicht gerade sonderlich beliebt. Über dieses Thema kann man diskutieren, was man nicht machen kann ist, so wie Rüttgers zu argumentieren. Der Schäfer, der sich über die Wölfe beklagt, hat nicht nur seinen Job nicht ordentlich gemacht, sondern versucht die Verantwortung dafür weg zu schieben. Dies ist im höchsten Maße unredlich.

    Wenn es Herr Rüttgers ernst meinen sollte, so würde er für eine komplette Beendigung der Subventionitis eintreten. Man muss ihm zwar zugestehen, dass er im Rahmen der EU-Subventionen schon immer forderte – diese dürften keine Arbeitsplatzverlagerungen innerhalb der EU fördern, aber dennoch kassiert er natürlich gerne Gelder aus Brüssel. Gegen die alltägliche innerdeutsche Subventionitis, die Arbeitsplätze im Westen vernichtet und sie im Osten entstehen lässt, war bis dato auch sehr wenig vom Arbeiterführer zu hören.

    Zwischen den Zeilen haben allerdings sowohl Rüttgers als auch Wend recht ? die einzige Sprache, die Unternehmen verstehen, ist die der Zahlen. Wenn sich durch Arbeitsplatzabbau und Raubtierkapitalismus wirklich ein schlechtes Image aufbauen würde, das in einem der Kernmärkte signifikante Umsatzrückgänge erzeugt, so würde dies in die Kosten-/Nutzenrechnung eingehen. Natürlich hätten weder Nokia noch BenQ oder Motorola ihre Werke in Deutschland geschlossen, wenn sie erwartet hätten, dass sie so ein Sturm der Entrüstung wie weiland Shell im Falle ?Brent Spar?. treffen würde. Das Gedächnis der ?RTL-Generation? ist aber denkbar kurz. Wenn morgen Herr Koch die Todesstrafe für ausländische Intensivtäter unter 12, die nicht abgeschoben werden können, fordert, so ist das Thema Nokia schon wieder durch und die nächsten Säue warten schon ungeduldig auf ihren Einlass ins mediale Dorf. Michel kann sich besonders viel Informationen ohnehin nicht merken, der übermäßige TV-Konsum führt zu einer deutlich verkürzten Aufmerksamkeitsspanne und tut das Übrige dazu.

    Leider interessiert es den oberflächlichen deutschen Konsumenten kaum noch, wer und unter welchen Umständen die Produkte herstellt, die ihm das Konsumparadies offeriert – Hauptsache ?billig?, ?schick? und ?angesagt?. Da die Politik kein echtes Interesse daran hat, den “Status Quo” zu verändern, wäre der Weg zum mündigen Konsumenten das einzige Werkzeug, um Unternehmen für ihre Grausamkeiten zu bestrafen..

    Jens Berger

    91 Kommentare

    Seite 33 von 35« Erste...1020...32333435