Wacht auf, Verdummte dieser Erde
geschrieben am 29. September 2009 von Spiegelfechter
Den zutiefst verwirrten Seelenzustand der SPD konnte man am Wahlabend sehr gut in den Gesichtern der bestellten roten Jubel-Perser im Willy-Brandt-Haus erkennen. Die Wähler haben der Partei die wohl einmalige Chance zu einem Neuanfang gegeben, und wie quittiert der Parteisoldat diesen Wink des Schicksals – er setzt ein gequält ungläubiges Gesicht auf, das jedem Laiendarsteller im Privatfernsehen alle Ehre machen würde. Warum eigentlich? Normalerweise ist die SPD eine geborene Oppositionspartei – bevor Willy Brandt Kanzler wurde, hatte die SPD von ihren hundert Jahren Parteigeschichte siebenundneunzig in der Opposition verbracht. Nun darf sie wieder! Und das ist gut so!
Gauleiter Platzeck verteidigt die Festung Brandenburg
Als Franz Müntefering dann zu seiner vielleicht letzen Rede als Parteivorsitzender ansetzte, lag über dem Willy-Brandt-Haus ein Hauch von Wochenschau 1945 – „wir grüßen die tapferen Verteidiger der Festung Königsberg, die den Feind heldenhaft mit eisernem Willen zurückgeschlagen haben“. Münteferings Gruß an die heldenhaften Mannen aus Brandenburg, die sich mit eisernem Willen dem Bundestrend widersetzen konnten, wirkte realitätsfern und tragisch. Das letze Aufgebot der Sozialdemokraten hat am Sonntag den Todesstoß versetzt bekommen – die Tage der Münteferings, Steinbrücks und Heils neigen sich dem Ende zu. Lediglich Vizekanzlerkandidat Steinmeier warf eilends alle Anker aus und erklärte sich selbst zum Oppositionsführer. Die SPD als Führerpartei – entscheiden solche Personalien nicht eigentlich die Parteimitglieder? Wer soll dem Agendamann und Wahlverlierer Steinmeier aber die Rolle des Oppositionsführers abnehmen? Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen – auch Steinmeier wird sich nicht ewig einem tiefgreifenden Wandel in der Partei widersetzen können.

Parteispitzen verzweifelt gesucht
Nun rächt sich die Nibelungentreue der Sozialdemokraten. Elf Jahre Regierung, elf Jahre falsche Politik ließen keinen Platz für Querdenker und Hoffnungsträger. Wenn man sich in den Reihen der Parteispitze umschaut, fällt allenfalls der Berliner OB Wowereit aus dem Raster – ob er allerdings der neue Mann an der Spitze der alten Tante SPD sein wird? Selbst die Parteilinken wissen, dass sie keine Köpfe haben, die nun das Ruder übernehmen könnten. Wenn nun bürgerliche Medien ausgerechnet die unsägliche Andrea Nahles hochschreiben wollen, so ist dies leicht als Versuch eines taktischen Dolchstoßes zu erkennen. So schlimm kann es keiner Partei gehen, dass sie Andrea Nahles in einer leitenden Funktion verdient hätte. Wahrscheinlich beginnt nun ein neues Zeitalter für die Partei – nach der Niederlage Helmut Kohls sah auch niemand einen Unionspolitiker, der sich als fähiger Nachfolger aufgedrängt hätte. Man fand aber sehr schnell eine Person namens Angela Merkel – politisch fähig war sie zwar nie, dafür aber beherrscht sie die Machtpolitik wie kaum eine andere. Auch in der SPD wird es in der zweiten und dritten Reihe Gesichter geben, die die Partei in eine neue Zukunft führen können – an Zeit mangelt es zumindest nicht und in vier Jahren kann die Welt schon ganz anders aussehen.
Viele Böcke, die Gärtner werden sollen
Natürlich geht es eigentlich um Inhalte und nicht um Köpfe. Das fundamentalste Problem der SPD ist jedoch die mangelnde Glaubwürdigkeit. Kann ein Fraktionsvorsitzender Steinmeier etwa glaubhaft eine Alternative zu Schwarz-Gelb anbieten? Der Agendaarchitekt als Sprecher für soziale Gerechtigkeit? Als Kandidaten für die Müntefering-Nachfolge werden immer wieder auch Sigmar Gabriel und Olaf Scholz genannt – beides Agendapolitiker, die dem „pragmatischen“ – oder besser gesagt opportunistischen – Netzwerkerflügel der Partei angehören. Wenn man Sigmar Gabriel ein Tutu gäbe, würde er auch die Giselle tanzen, wenn er sich dadurch einen einflussreichen Posten in der Partei verspricht. Die Frage ist vielmehr, wer nimmt ihm dies ab? Gabriel ist weder als Giselle noch als SPD-Politiker glaubhaft.
Es kann auch keinen Zweifel geben, dass die SPD nun als Oppositionspartei versuchen wird, sich gegen die – vermutlich nicht allzu – neoliberale Regierungspolitik zu stellen. Die Frage ist eher, ob sie dies auch glaubhaft machen kann. Mit den alten Gesichtern sicherlich nicht, zumindest so viel steht fest.
So rot-rot-grün, Deutschlands Oppositionsparteien blüh´n
Wenn die Opposition nicht Fundamentalopposition als Selbstzweck betreiben will, muss sie als Oppositionsblock eine Alternative anbieten. Diese Alternative kann nur Rot-Rot-Grün heißen. Die Tabuisierung der Linken ist seit Sonntag Geschichte. Die SPD hat nun bereits durch die Koalitionsverhandlungen im Saarland, in Thüringen und in Brandenburg die Möglichkeit, Rot-Rot-Grün als Alternative zu positionieren. Wenn die SPD ernsthaft die Juniorpartnerschaft in einer Großen Koalition als einzige Alternative anbieten will, wird sie untergehen.
Die Grünen haben am Sonntag einen Achtungserfolg erzielt und hätten in einer rot-rot-grünen Alternative eine klar umrissene Aufgabe als ökologisches und liberales Korrektiv. Dies ist für die Grünen wohl die mit Abstand beste Perspektive für die Zukunft. Interessanter ist da schon die Frage nach der Zukunft der Linken. Wollen sie Fundamentalopposition betreiben? Oder wollen sie Politik in der Regierungsverantwortung gestalten? Wer gestalten will, läuft immer Gefahr, einige Positionen nicht durchsetzen zu können und seine Wähler zu verprellen. Wer nur Fundamentalopposition betreibt, läuft indes Gefahr, von seinen Wählern langfristig nicht mehr ernst genommen zu werden, da sich allen wohlfeilen Worten zum Trotz in der realen Politik nichts ändert.
Verspätete Geburtswehen
Die Linke steht damit vor Flügelkämpfen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann sie kommen. Der bereits heute schwelende Konflikt zwischen Realos und Fundis wird sich zuspitzen, sobald die Linke die Gretchenfrage, wie sie es denn mit dem Regierungswillen hält, stellt. Wenn die Linke clever ist, schiebt sie diese Frage noch längere Zeit vor sich her. Wer die muntere Diskussionskultur innerhalb der Linken kennt, ahnt jedoch, dass sie sich diese Zeit kaum wird leisten können. Streit und zahlreiche Parteiaustritte sind damit vorprogrammiert. Wenn die Linke diese verspäteten Geburtswehen überstanden hat, wird sie ihre Position im Oppositionsgefüge finden müssen und der Oppositionseintritt der SPD macht dies unter Umständen nicht eben einfacher.
Für aufmerksame Beobachter der Parteien ist natürlich klar, dass die SPD auch mit einem roten Mäntelein arge Glaubwürdigkeitsprobleme hätte. Die Linke ist und bleibt die glaubhaftere sozialdemokratische Partei. Aber was nutzt diese Einsicht, wenn sie vom Volk nicht geteilt wird? Ein mögliches Szenario wäre ein verbaler Linksschwenk der SPD. Das Dümmste, was die Linke dann machen könnte, wäre ein Ausweichen nach links außen. Damit könnte die SPD ungestraft im sozialdemokratischen Spektrum wildern, während die Linke ohne Not an die Ränder getrieben würde. Die Wähleranzahl des rot-rot-grünen Lagers würde dadurch allerdings nicht vergrößert werden. Eine Linke, die ihrem Kurs treu bleibt, wird die SPD jedoch auf Abstand halten und somit die Perspektive für einen politischen Wandel öffnen – 2013 wird Schwarz-Gelb abgewählt, so viel ist klar.
Jens Berger
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Das Strahlen der Regentin zum Zeitpunkt ihres größten Sieges wirkte fahl und ihre Freude gespielt – wahrscheinlich wusste Angela Merkel, dass sie nun ihren Zenit erreicht hat und es von nun an bergab geht. Die vier Jahre dauernde apolitische Regierungszeit ist vorbei, der vier Jahre währende politische und mediale Schutzschirm wird sich bereits in Kürze schließen. Nun muss Schwarz-Gelb die Folgen der Krise ausbaden – viel Spaß dabei. Es wird nicht lange dauern, bis die Königin für eine Nacht und ihr Leichtmatrose bei breiten Gesellschaftsschichten und auch einem großen Teil der Medien in Ungnade fallen. Bereits im Mai nächsten Jahres wird Schwarz-Gelb bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen das erste Arbeitszeugnis bekommen – fällt es negativ aus, droht bereits die Mehrheit im Bundesrat zu kippen. Das Zeitfenster für marktradikale Reformen ist nur kurz geöffnet – je „reformfreudiger“ Schwarz-Gelb agiert, um so eher wird es sich schließen.
Baden-Württemberg ist die neue Hochburg der FDP – hier konnte sie 18,8% der Zweitstimmen erringen. Vor allem für Baden-Württemberg werd allerdings bereits die nächsten Monate besonders hart – rund ein Viertel aller bundesweit gemeldeten Fälle von Kurzarbeit treffen das Ländle. Wenn nun nach den Bundestagswahlen der inoffizielle Stillhaltepakt zwischen Industrie und Politik aufgekündigt wird, werden vor allem dort die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen, wo es Arbeitsplätze im Exportsektor gibt, der jahrelang boomte und nun von der Krise betroffen ist. Auch die nach dem Wegfall der Abwrackprämie prognostizierten harten Zeiten für die Automobilhersteller und ihre Zulieferer werden vor allem die Regionen treffen, die sich bislang in einer Glaskugel der Behaglichkeit wähnten. Ob ausgerechnet die FDP ihnen nun aus der Patsche helfen wird, darf mehr als bezweifelt werden. Die Unterschiede zwischen sozialer Marktwirtschaft und „neuer sozialer Marktwirtschaft“ werden vielen FDP-Wählern wohl erst in den nächsten Monaten so richtig bewusst werden. So ist er nun einmal, dieser glorreiche Markt, den die FDP anbetet – er kennt kein Pardon.
Bereits bei den Koalitionsverhandlungen wird der einflussreiche nordrhein-westfälische CDU-Landesverband im Schulterschluss mit der CSU auf die marktfundamentalistische Bremse treten. Im Mai stehen in Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen auf dem Programm – und das Land gehört zu den berüchtigten „Swing-States“ ohne allzu große ideologische Parteipräferenzen. Im Land des selbsternannten Arbeiterführers Rüttgers konnte die CDU gestern nur magere 33,1% der Stimmen einfahren – die FDP konnte auch hier mit 14,9% historisch hoch punkten. Vor vier Jahren konnte Rüttgers noch sensationelle 44,8% der Stimmen erringen und da nicht eben anzunehmen ist, dass die Union ihr gestriges Ergebnis noch signifikant steigern kann, droht ihm ein echtes Waterloo. Selbst mit der ungemein starken FDP wird es für ihn schwer, Schwarz-Gelb zu verteidigen – an eine Verteidigung der 44,8% von 2005 denkt bei der CDU niemand mehr.
Guido Westerwelle sollte seine 15 Minuten Ruhm genießen – mehr Stimmen als gestern wird die FDP in absehbarer Zeit nie wieder bekommen. Spätestens wenn die Folgen der Wirtschaftskrise durchschlagen, wird auch das dümmste Kalb entdecken, dass es gestern seinen Metzger gewählt hat. Der große Koalitionspartner wird ebenfalls kaum begeistert über den neu entdeckten Willen zur Macht des liberalen Leichtmatrosen sein. Schon in den Koalitionsverhandlungen wird es ein Hauen und Stechen geben, wer künftig das Wirtschaftsministerium führen darf. Für die FDP ist dieses Ministerium ein Muss, die CSU wird allerdings ihren Shooting-Star zu Guttenberg nur äußerst ungerne für den ungeliebten Koalitionspartner und Konkurrenten opfern. Die Zweitstimmenleihrhetorik der Bajuwaren in der gestrigen Elefantenrunde war bereits ein Vorgeschmack von den neuen Grabenlinien in der Koalition.
Let the Games begin! Der wohl müdeste Wahlkampf aller Zeiten geht heute zu Ende. Wenn um 18.00 die erste Prognosen bekanntgebeben werden, werden wir sicherlich auch wieder Zeugen eines unwürdigen Schauspiels: Alle Parteien erklären sich zum Sieger. Die Union wird ihren Sieg darauf zurückführen, dass sie als stärkste Fraktionsgemeinschaft in den Bundestag wird einziehen können. Sie SPD wird den Umstand, besser abgeschnitten zu haben, als es die Umfrageergebnisse der letzten Monate orakelt haben, als phantastischen Sieg feiern – manchmal ist auch nun einmal auch mit sehr wenig zufrieden. FDP, Grüne und Linke werden voraussichtlich mehr Stimmen einfahren als vor vier Jahren und sind damit selbstverständlich in ihrer Lesart auch Gewinner.
Am Freitag, dem 18. September 2009, starb im Alter von 89 Jahren Irving Kristol. Seine Rolle als maßgeblicher Mitbegründer der neokonservativen Bewegung verschaffte ihm den Spitznamen, der ihn die letzten drei Jahrzehnte begleitete: „Pate des Neokonservativismus“.Dabei deuteten seine politischen Anfänge in eine ganz andere Richtung. Am 22. Januar 1920 in Brooklyn, New York, geboren, gehörte er mit Anfang Zwanzig zu einer trotzkistischen Studentengruppe. Der Sohn jüdischer Einwanderer war, wie viele seiner Altersgenossen, zutiefst von der Großen Depression der Dreißiger Jahre geprägt worden; als Jugendlicher hatte er das Elend der Arbeitslosen erlebt. „Unter diesen Umständen schien der Gedanke einer von der Regierung geplanten Wirtschaft vernünftig, nicht ideologisch“, schrieb er später. Nach dem Studium am New York City College mit einem Bachelor of Arts in Geschichte ausgestattet, gründete er 1942, mit einigen ehemaligen Kommilitonen das Magazin Enquiry: A Journal of Independent Radical Thought. Im selben Jahr heiratete er Gertrude Himmelfarb, eine ebenfalls trotzkistisch beeinflusste Historikerin. Zwei Jahre später wurde er als Infanterist in die 12th Armored Division der US-Streitkräfte eingezogen.
Innenpolitisch blieb der „von der Realität überfallene Linke“, i.e. Neokonservative, ein Unterstützer des begrenzten Sozialstaats Franklin D. Roosevelts. Als sich Präsident Lyndon B. Johnson anschickte, diese Begrenzungen abzubauen, um damit die „Great Society“ zu schaffen, sah Kristol dies zwiespältig. Obgleich er dessen Ziele befürwortete, lehnte er die Mittel ab, die Johnson verwendete, da er eine „Kultur der Abhängigkeit“ befürchtete. Kristol warnte zeit seines Lebens vor den negativen Konsequenzen liberaler, also im US-Kontext „linker“, Sozial- und Beschäftigungspolitik. Seine Warnungen waren nicht unberechtigt, nur einseitig, wie im Fall der „affirmative action“. Kristol kritisierte diese Quotenregelung zur Förderung gesellschaftlicher Minderheiten als Grundlage zukünftiger gesellschaftlicher Spannungen. Gleichwohl beantwortete er damit nicht die Frage, wie etwa Afroamerikaner ansonsten jemals die Chance gehabt hätten, aus dem Teufelskreis von Rassismus und Armut auszubrechen, der sie buchstäblich im Souterrain der Gesellschaft gefangen hielt. Irving Kristol präferierte stattdessen die freie Marktwirtschaft und private Wohltätigkeit, ganz im Sinne der „trickle-down“-Theorie, nach der etwas vom Wohlstand der „oberen Zehntausend“ bis in die untersten sozialen Schichten durchsickern sollte. Dennoch war Kristol kein unkritischer und opportunistischer Jünger des Kapitalismus, wie so manche seiner Nachfolger. Für fragwürdig befand er die „Verunstaltung der menschlichen Seele“ durch die hemmungslose Konsumgesellschaft. Auch die Ignoranz der Macht gegenüber den Machtlosen prangerte Kristol als „eine Form von Machtmissbrauch“ an. Auf der anderen Seite gefiel er sich gelegentlich in hemmungsloser Polemik, etwa, wenn er die vermeintliche Sittenlosigkeit liberaler Amerikaner anprangerte. „Ein Liberaler“, erklärte Kristol einmal, „ist eine Person, die sich angesichts einer Vierzehnjährigen, die auf der Bühne einen Live-Sex-Act vorführt, fragt, ob diese den gesetzlichen Mindestlohn bekommt.“
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Kommentare
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die noa bank versucht momentan auch einer angenehmere bank zu sein. http://www.noabank.de/ da...
angesichts der tatsache, dass es definitiv mindestens 5.000.000.000...
Die Produktivität stieg deutlich schneller an als die Löhne, die Lohnstückkosten...
@peter weigelt was soll diese unsachlichkeit?
siehe auch “Banking for the People” http://www.thenation.com/doc/2 0100329/nichols