geschrieben am
23. Oktober 2009 von
Spiegelfechter
Vielleicht haben Hans-Jürgen Jakobs und Oliver Das Gupta in ihrem Kommentar in der Süddeutschen ja recht und Henyrk M. Broder ist nichts weiter als ein Pausenclown, der seine Freude an der kalkulierten Provokation hat. Broders angekündigte Kandidatur für die Präsidentschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland ist natürlich ebenfalls eine kalkulierte Provokation. Wenn die Pathologie des umtriebigen Rechtspopulisten allerdings so simpel wäre, sollte man ihn behandeln wie jeden anderen pubertierenden Gernegroß auch – einfach rechts liegen lassen. Für einen Pausenclown ist die Nichtbeachtung bekanntlich die Höchststrafe. Broders Pathologie ist allerdings nicht so einfach. Er ist ein eitler Geck, zerfressen von Hass auf das links-intellektuelle Establishment. Narzissmus und Hybris sind Broders Kardinaluntugenden. Intellektuellen Auseinandersetzungen geht der Broderliner am liebsten aus dem Weg, zu groß ist die Gefahr, entzaubert zu werden. Broder würde gerne vom Establishment ernst genommen werden – das Establishment rümpft allerdings die Nase vor der publizistischen Rampensau, die sich nur allzu gerne in unappetitlichen Ressentiments suhlt. ZdJ-Vizepräsident Graumann kommentierte Broders Kandidatur mit den lakonischen Worten, Broder stehe „auf einer Liste der wenigsten geeigneten Personen ziemlich weit vorne“, er wäre „eine fulminante Fehlbesetzung“, „Provokation [sei] seine Passion und Profession“. Es ist schwer, Graumann bei dieser Charakterisierung zu widersprechen.
Broderline-Persönlichkeitsstörung
Henyrk Milhouse Broder und der Antisemitismus, dies ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Ein wortgewaltiger, aber nicht eben mit intellektuellem Hintergrund beschlagener Publizist wie Broder, wäre ohne die Antisemitismus-Diskussion nur ein rechtspopulistischer Schreihals unter vielen – keine Einladung in Talkshows, keine Anstellung beim SPIEGEL, keine lukrativen Autorenverträge, keine Preise, keine Aufmerksamkeit. Der größte Trick, den Broder je gebracht hat, war, die Welt glauben zu lassen, es ginge ihm um das Thema Antisemitismus. Der Begriff Antisemitismus ist für Broder jedoch vielmehr ein Kunstgriff, um seine Gegner mundtot zu machen und seine ständig wechselnden politischen Vorstellungen gegen jegliche Kritik zu verteidigen.
In der unrühmlichen McCarthy-Ära zogen Broders Brüder im Geiste gegen Kritiker und Andersdenkende mit dem Argument ins Feld, sie seien Kommunisten und subversive Elemente, Moskaus fünfte Kolonne, die den guten „American Way of Life“ zerstören wollten. Im Stalinismus waren für Broders Brüder im Geiste die Kritiker und Andersdenkende Konterrevolutionäre, Washingtons fünfte Kolonne, die die Errungenschaften des Kommunismus zerstören wollten. Für Broder und seine rechtspopulistischen Weggefährten sind Kritiker Antisemiten, Teherans fünfte Kolonne, die nicht nur das Abendland zerstören, sondern auch Israel von der Landkarte fegen wollen. Der Totalitarismus bedient sich gerne solcher Kunstgriffe. Broder bezeichnet sich putzigerweise selbst als Liberalen. Sein Liberalismus hört jedoch genau an dem Punkt auf, an dem man anderer Meinung ist – vor allem, wenn es um die Themen Islam und Israel geht.
Antisemitismus als Kampfbegriff
Es gibt keinen Antizionismus, der seinen Ursprung nicht im Antisemitismus hätte. Ein antizionistischer Jude ist tendenziell ein Antisemit. Der Antizionismus ist für Nichtjuden wie für Juden nur eine Ausrede, ihren Antisemitismus sozusagen in einer politisch aseptischen Form präsentieren zu können.
Henryk M. Broder
Broder vertritt den Standpunkt, dass Antizionismus letztlich nur maskierter Antisemitismus sei. Antisemitismus wiederum sei eine Geisteshaltung, die darauf abziele, Juden ihr Existenzrecht abzusprechen. Wer also Kritik an der zionistischen Politik des Staates Israel betreibt, ist nach demnach nach Broders Lesart nicht nur ein Antisemit, er spricht zudem den Juden ihr Existenzrecht ab. Das bloße Thematisieren des Nahost-Konflikts trägt für Broder bereits antisemitische Züge. In einer Rede vor dem Innenausschuss des Bundestages unterstellte Broder Politikern und Journalisten, die sich mit dem Nahost-Konflikt beschäftigen und nicht mit Darfur, Zimbabwe, dem Kongo und Kambodscha, dass sie diese Konflikte lediglich deshalb weniger beachten, weil „dort keine Juden involviert sind“. Mit der gleichen „Logik“ könnte man auch Broders Fixierung auf das Thema Islam einmal psychologisch sezieren. Wenn Broder die rhetorische Frage in den Raum wirft, wieviele Stellungnahmen die außenpolitische Sprecherin der Linken in den letzten Monaten zum Thema Palästina und wieviele zum Thema Tibet verfasst hat, so müsste man Broder einmal fragen, wieviele Stellungnahmen er in den letzten Monaten zum vermeintlichen Konflikt zwischen muslimischen Migranten und der deutschen Gesellschaft verfasst hat und wieviele zum Konflikt in Kambodscha. Ist Broder etwa ein Rassist? Aber nicht doch.
Mit dieser rhetorischen Überhöhung, die zudem eine unsägliche Relativierung der Verbrechen der Deutschen während des Nationalsozialismus darstellt, lässt sich natürlich jegliche sachliche Diskussion über die israelische Politik und die deutsch-israelischen Beziehungen bereits im Ansatz unterbinden. Wäre Broder in der Wahl seiner Totschlagargumente wenigstens konsistent – aber Broders wechselt seine Grundsätze nun einmal häufiger als andere Leute ihre Unterhosen.
Die Westbank [ist] zu einem Abenteuerspielplatz für Verrückte geworden – unter den Siedlern befinden sich kaum gebürtige Israelis, sondern eingewanderte Spätbekehrte aus Frankreich und den USA. Der arbeitslose Lehrer aus Arizona, der eben erst nach Gaza umgezogen ist und jetzt den um die Ecke geborenen Palästinensern weismachen will, dies sei alles sein Land und sie sollten abhauen – das ist ein Prototyp des Irren von Zion.
aus Henryk M. Broder: Die Irren von Zion 1998
Was Broder da vor elf Jahren vollkommen korrekt beschrieben hat, würde er heute jedem Kritiker der israelischen Politik als antisemitischen Ausfall um die Ohren hauen. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg Broders Fehler, sich als vielschreibender Polemiker stets zu weit aus dem Fenster zu lehnen – wobei es keine Rolle spielt, um welches Fenster es sich handelt. Das führt schließlich dazu, dass Broder seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt. Dies zeigt sich auch in geradezu tragischer Weise in seinem ZdJ-Präsidentschaftsbewerbungsschreiben im Tagesspiegel. Da schimpft der selbsternannte Kandidat Broder wie ein Rohrspatz über Mitglieder des Zentralrates, die sich zur deutschen Uraufführung von Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ äußern. Welch Kehrtwende – 1986 verzögerte sich die Auslieferung von Broders Buch „Der ewige Antisemit“ wegen einer einstweiligen Verfügung gegen Broder, der den Intendanten Günther Rühle in seinem Buch wegen der Inszenierung besagten Fassbinder-Stücks als Antisemiten verunglimpfte.
Der Witzkandidat
Broder als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland? Ja geht´s denn noch? Bewirbt sich Richard Williamson für den Posten als Papst? Hat sich Horst Mahler eigentlich schon für den Posten des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts beworben? Und hat sich Christel Wegner eigentlich schon als Nachfolgerin von Marianne Birthler ins Gespräch gebracht? Broders Bewerbung ist eine absurde Mischung aus Realitätsverlust, großkariertem Größenwahn und Aberwitz. Dabei ist seine harsche Kritik am Zentralrat nicht viel mehr als eine vorhersehbare Kampfansage an dessen Position, auch die Stigmatisierung von Muslimen zu kritisieren. Ausschlaggebend war dabei die Diskussion um Thilo Sarrazins geistige Flatulenzen. Während Broder voll und ganz auf einer Kampflinie mit Pöbel-Thilo steht, kritisierten Präsidiumsmitglieder des ZdJ Sarrazin scharf, indem sie ihn in eine Reihe mit Göbbels und Hitler stellten. Während Broder und der ZdJ bei den Themen Israelkritik und Kritik an Iran stets Seit´ an Seit´ schreiten, trennt Broders fanatische Islamophobie ihn nicht nur vom ZdJ, sondern auch von ehemaligen Weggefährten.
Auf seinem fanatischen Kampf gegen die „1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen“, steht Broder zum Glück „noch“ in einer Reihe mit gesellschaftlich geächteten Schmuddelkindern vom rechten Rand. Auch wenn Thilo Sarrazin für seine xenophobe Philippika auch aus der Mitte der Gesellschaft Beifall bekam, so halten selbst potentielle Bettgenossen wie Wolfgang Bosbach eine vorsichtige Distanz zu den unberechenbaren Polemikern. Der Antisemitismus der Gegenwart ist die Islamophobie und Broder ist einer der Vordenker dieses neuen Hasses, der leider immer gesellschaftsfähiger wird. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland wären gut beraten, die Lektionen der Vergangenheit zu verinnerlichen und jeglichem Hass den Nährboden zu entziehen, bevor er eine kritische Masse erreicht hat. Das Judentum ist keine Religion des Hasses und der Ressentiments, es sollte sich nicht durch Wirrköpfe wie Broder vor den eigenen Karren spannen lassen.
P.s.: Durch einen Datenbankcrash sind die Kommentare gelöscht worden. Ich versuche sie im Laufe der nächsten Stunde zu rekonstruieren.
Jens Berger
Die Bestimmungsgründe des technischen Fortschritts hat Feynsinn hier http://feynsinn.org/?p=1109...
Eine zukünftige Koalition SPD/Grüne/Linke mit Aussicht auf Übernahme der parlamentarischen...
kurz vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen weigert man sich beharrlich, in die...
@tar Womit wir doch wieder beim Thema Einkommens-/Vermögens- und Erbschafts-Verteilung sind (...
@Skythe Was einem da so untergejubelt wird … tsss ;-)