geschrieben am
23. Februar 2010 von
Spiegelfechter
ein Gastartikel von Armin Herbert
Es sind nicht die Arbeitslosen, die ihre Position im ökonomischen Gefüge selbst gewählt haben. Anders als die Westerwelles, Sarrazins und von der Leyens uns glauben machen wollen, hat kein Arbeitsloser und keine Arbeitslose jemals den Wunsch gehegt, in diese Lage zu geraten; keine Lebensplanung führte zu dieser Situation, sie ist über diese Menschen hereingebrochen als das größte Unrecht, das einem Menschen aufgezwungen werden kann – in einer Gesellschaft, in der alles zur Ware wird und nichts zählt als deren Wert.
Die Wirtschaft braucht die Arbeitslosen aus zwei Gründen: erstens dienen sie als industrielle Reservearmee; in Zeiten des Booms wird auf sie zurückgegriffen, Arbeit wird simplifiziert und auf mehr Hände verteilt. Das eingenommene Geld wird in Produktionsmittel gesteckt, mit dem die eben Eingestellten wieder überflüssig werden. Die Konkurrenz zieht nach, die Profite schrumpfen. Die darauf folgende Krise wird mit Kürzungen bei dem Kostenfaktor bekämpft, der in vielen Betrieben als der größte gilt: menschliche Arbeitskraft.
Erst an zweiter Stelle erfüllen Arbeitslose, oder vielmehr ihr Joch, den Zweck des Lohndumpings, der nach der Einführung von Hartz IV für alle offenbar wurde. Steckt ein Unternehmen in der Krise oder sollen nur einfach die Profite vergrößert werden, werden Arbeitnehmer gegen Arbeitslose ausgespielt: entweder du bist mit weniger Lohn zufrieden oder du kannst Deinen Kindern bald die Schulausflüge nicht mehr bezahlen. Dagegen zu streiken, heißt gegen Hartz IV, gegen die SPD, ja, allzu oft sogar gegen die Gewerkschaften zu kämpfen. Es ist ein schwerer Stand, den kein Betriebsrat alleine einnehmen will. Damit die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Angesicht ihres Todfeindes – der da heißt Hartz IV – bereit wären zu kämpfen, müsste ihre Macht zunächst gestärkt werden.
Der Irrsinn der Marktwirtschaft äußert sich in der Art, wie Arbeit und ihre Produkte verteilt werden. Der enorme Mangel an grundlegendsten Gütern, an dem Millionen Arme in Deutschland und Europa leiden, wird durch den Reichtum der Wenigen konterkariert. Er wird jedoch auch durch die Verteilung der Arbeit konterkariert: immer weniger Menschen müssen immer länger arbeiten, sowohl pro Woche, als auch auf die Lebenszeit gerechnet – dabei gibt es Millionen anderer Menschen, die arbeiten wollen und können und, aber nicht dürfen, da die Logik der Arbeitsverteilung nur eine Untermenge der Profitlogik ist. Und es sind eben immer die gleichen Wenigen, die profitieren, die ihre Gewinne maximieren.
Gleichzeitig verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen zusehends. In den Supermärkten werden Angestellte mit Kameras überwacht und bekommen Probleme, wenn sie zu oft aufs Klo gehen. Wer Überstunden nicht in Kauf nimmt, fliegt – auf Maultaschenklau steht die Kündigungsstrafe. Ist das Kind mal krank, muss der Jahresurlaub dran glauben. Sowieso: Wer selbst zu oft zum Arzt geht, ist nicht belastbar genug, und wer dann einen Auflösungsvertrag bekommt und nicht herausgemobbt wird, der hat fast noch Glück gehabt.
Auch die Art der Arbeit ist nicht der Verantwortung der Arbeitenden unterworfen. Ob man mit einem Roboterarm pro Auto zwei Sitze oder nur einen einbaut, darüber entscheidet nicht der Monteur. Es entscheiden Lieferverträge zwischen Maschinenbauunternehmern und – bestenfalls – der Werksleiter, ein Schlipsi wie die anderen. Die Profitlogik entscheidet jeden Handgriff, die Bedienbarkeit durch den Monteur ist nur ein Effizienzfaktor bei der Fertigung. Wünsche und Erwägungen darüber, wer welche Arbeit gerne tut und was auch den, den Monteuren eigenen Perfektionssinn und ihre Kreativität reizt, spielen keinerlei Rolle. Auch hier – ein Widerspruch, angesichts der enormen Überkapazitäten, die die Automobilfirmen erwirtschaften. Mehr Selbstbestimmung wäre längst möglich, wenn da nicht der Druck der Aktionäre und der Konkurrenz wäre.
Vor diesen Problemen in die Privatsphäre und in ziviles Engagement zu fliehen, heißt, die Gesellschaft aufzugeben. Ein Unternehmen wird eben nicht von der sozialen Verantwortung der Schlipsis getragen, sondern durch die Arbeitenden. Die Gesellschaft wird nicht von der sozialen Verantwortung der Politiker getragen, sondern von dem Druck, den die Bevölkerung auf sie ausübt und sie damit dazu zwingt, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Was fehlt heute am meisten? Arbeit? Waren? Effizienz? Mitnichten. Soziale, also gesellschaftliche Verantwortung wird benötigt – und zwar an der richtigen Stelle: im Betriebsrat.
Betriebliche Mitbestimmung ist der Dreh- und Angelpunkt, die vorgenannten Probleme zu beseitigen. Es gibt sie schon da und dort. Bei Volkswagen wurde nicht auf Luxuskarossen gesetzt, und dort muss man jetzt auch keine Massen entlassen. Die Volksbanken und die von den Gemeinderäten kontrollierten Sparkassen spekulierten nicht mit Giftpapieren an den Börsen und brauchten folglich kaum Staatskredite. Das Gleiche gilt für kommunale Wohnungsbau-, Wasser- und Abfallversorger, sofern sie noch nicht privatisiert sind. Schwer vorstellbar, dass die Rohstoffe abbauenden Genossenschaftsbetriebe Venezuelas auf die Idee kämen, ihre Mitarbeiter mit Kameras zu kontrollieren oder statt LKWs Schubkarren einzusetzen, weil Arbeitskraft so billig ist.
Kein Fertigungsbetrieb, in dem die Mitarbeiter das Sagen haben, wird massenhaft Mitarbeiter entlassen. Von Mitarbeitern und Gemeinden kontrollierte Sparkassen werden nicht ihr gespartes Geld an die Börsen tragen, sondern es an den kleinen Mittelstand verleihen. Milliardengewinne würden nicht an die paar wenigen Schlipsis ausgezahlt, von denen keiner mehr als zwei Ferraris braucht, sondern an die Mitarbeiter ausgeschüttet und in Kindertagesstätten, Fortbildungen und Arbeitszeitverkürzungen investiert. Ja, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich – so wird ein Schuh aus der berechtigten Forderung nach Entschleunigung und für mehr Freizeit für soziales und politisches Engagement. Die ökonomischen Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden – und diese setzen ein Eigentumsrecht der Arbeitenden an ihrem Betrieb voraus.
Auch Unternehmen unter Mitarbeiterkontrolle unterliegen der Konkurrenz. Doch darf diese Triebfeder des Kapitalismus den Menschen kontrollieren? Testen wir einmal eine andere Triebfeder, mittels der es die Menschen in Jahrhunderten geschaft haben, Demokratie und Bürgerrechte zu erkämpfen – die Solidarität.
Armin Herbert
Armin Herbert ist technischer Autor aus Freiburg und Mitbegründer der Freiburger WASG.
“Das Netz hat jedoch auch vor allen möglichen anderen Krisen und Ereignissen gewarnt, die...
@Christopher Nimm das bitte jetzt nicht persönlich: Es ist vollkommen unerheblich...
@Jamas: Danke für alle deine Ausführungen! Ich fände es wirklich gut, wenn du in Zukunft hier...
@…fechter “Im Nachhinein ist man natürlich klüger – zumindest dieses Mindestmaß...
@kwon wobei es auch meldungen darüber gab, dass es eine vereinbarung zwischen presse...