In einem Anfall von Jungsein fahren Berger und Jörch und ich zum Hurricane-Festival nach Scheeßel.
Während wir vor ein paar Jahren einzig Zelt und Bier mit uns nahmen, entschlossen wir uns diesmal nicht auf einen gewissen Komfort verzichten zu wollen. Das bedeutet drei Zelte für drei Leute umstellen einen Pavillon, den wir als unser Wohnzimmer ausgeben.
Im Wohnzimmer sehen drei höchst gemütliche Klappstühle mit Getränkehalter, der sich allerdings als zu ein für unsere Bierdosen erweist. Aber Zigaretten und Feuerzeug passen hinein.
Eigentlich soll der Pavillon uns vor brennenden Sonnenstrahlen schützen. Während der drei Festivaltage hält er aber nur den immer mal wieder eintretenden Regen ab.
Allerdings nicht die Kälte. Eigentlich erwartet man im Juni eine gewisse Grundwärme. Wetter und Scheeßel halten sich aber nicht daran, und wir frieren. Aber so bleibt wenigstens das Bier kalt.
Ein Blick auf die Nachbarn. Schon fast in unserem Wohnzimmer zeltet eine Gruppe Abiturienten.
?Hey, ihr überschreitet meine Intimzone?, rufe ich.
?Ja, gerne?, lautet die Antwort.
Nach diesem kurzen und durchweg sinnlosen Dialog entwickelt sich der Pavillon zum Kommunikationszentrum für alle in näherer Umgebung wohnenden Mitzelter. Liegt wahrscheinlich an dem formvollendeten Bierdosen-Mobilé, das den Pavillon ziert.
?Ich möchte in Berlin einen T-Laden eröffnen?, erzählt unvermittelt der Jörch und erklärt weiter: ?Ja. Dort gibt es viele verschiedene Ts. Plüsch-Ts, Chrom-Ts, Ts in verschiedensten Farben, Größen und Formen, äh, nicht Formen. Müssen ja weiterhin Ts sein.?
?Und Du glaubst, es gibt genügend Leute, die schon immer ein T haben wollten??, fragt Berger.
?Psst. Willst du ein T kaufen??, frage ich den Abiturienten Bong.
?Ich möchte ein Vokal kaufen und dann lösen?, antwortet Bong.
?Verkaufst du auch Vokale??, frage ich Jörch.
?Nee. Nur Ts?, antwortet dieser.
?Ich glaube, das wird nichts?, mutmaßt Berger.
?Ist doch egal. Irgendwann kommt die Telekom und bezahlt mir viel Geld, um den Laden zu schließen. Wegen T-Punkt und so?, erklärt Jörch.
?In Wolfsburg gibt es einen M-Punkt?, sage ich.
?Wofür steht das M??, fragt Bong.
?Keine Ahnung. Mobilität, Murks, miserabel, oder so?, sage ich.
?Monster-Punkt?, lacht Jörch.
?Menstruations-Punkt?, meint Bong.
?Darf der G-Punkt eigentlich G-Punkt heißen??, fragt Berger.
?Sobald den irgendwann irgendwer bei irgendwem gefunden hat, wird er sofort von der Telekom verklagt?, befehle ich.
?And so on, and so on, and so on??, meint John Cleese hinter seinem Schreibtisch, der auf dem Dach eines Dixie-Klos steht.
Die Festival-Atmosphäre bringt einen dazu, die Grenze des Wahnsinns weit zu überschreiten. Fällt allerdings nicht weiter auf, da jeder Festival-Besucher jenseits dieser Grenzen herumlungert.
So treffen wir etwa eine Horde Finnen, die in Bärenkostümen umhertollen. Jörch fragt sie, ob sie denn Miezekatzen seien, was sie aber verneinen. Er darf ihnen trotzdem über den Kopf streicheln und sagt ?On len Läkerie.? Das heißt ?Ich bin Arzt? auf finnisch und ist schlicht gelogen.
Auf einer der beiden Bühnen spielt gerade ?System of a Down? und einer der Gitaristen behauptet keck sein Cock sei bigger than ours.
?Ein großartiger Scheiß ist das?, freut sich Berger und tanzt.
Jörch soll derweil Red Bull-Wodka besorgen, verliert dabei aber die Orientierung. Er hat sich nur gemerkt, dass wir in der relativen Nähe eines Becks-Standes stehen. Weiß aber nicht mehr vor welcher der beiden Bühnen. Durch die recht große Anzahl an Becks-Ständen ist eigentlich jeder beliebige Ort auf dem Festivalgelände in relativer Nähe eines eben solchen. Daher ist der Jörch kurzzeitig verloren, was ihm aber ach dem Genuss der drei Red Bull-Wodka immer weniger ausmacht.
?Ein großartiger Scheiß ist das?, ruft Berger zum 20. Mal und ich bin gewillt ihm zuzustimmen.
Dann spielen Audioslave. Die Band setzt sich aus Mitgliedern von Rage against the Machine und dem ehemaligen Dingens-Sänger zusammen. Dingens steht für die Band, die Back Hole Sun gesungen hat und deren Namen ich grundsätzlich vergesse.
Aber das Lied singt er gerade, ebenso wie Rage-Klassiker. Sehr schön. Wo ist mein Bier? Ah, am Stand.
Berger tanzt derweil. Das heißt, er blickt zum Boden, fuchtelt mit den Armen und schreitet dabei vorwärts sowie rückwärts, in loser Abfolge. Auf äußerst unkoordinierte Art und Weise. Zwangsläufig rempelt er zufällig vorbeischlendernde Passanten an, was in üblichen Discotheken oder auf Volksfesten unweigerlich zu Schlägen und Aggressionen führen würde. Nicht so beim Hurricane. Wahrscheinlich weil die meisten denken, sie seien ja selber schuld oder das Denken als solches bereits aufgaben. Außerdem ist der hiesige Wahnsinn friedlicher Natur.
Überraschenderweise klingelt nun das mobile Telefongerät. Überraschend deshalb, weil das Netz hier völlig überlastet ist.
Es ist der Jörch, der sich erkundigt, wo wir denn seien. Was allerdings wegen Lärm und Musik kaum zu verstehen ist. Zudem bricht die Verbindung ebenso wie das Netz immer wieder zusammen.
?Wo? ihr??, höre ich rauschend.
?Am Becks-Stand?, rufe ich zurück.
?Tuut?, antwortet das Telefon.
Kurze Zeit später.
?Welch? ck-St??, rauscht es.
?Bühne. Leinwand?, schreie ich.
?Tuut.?
?Was?n los??, fragt Berger.
?Jörch fragt, wo wir sind?, sage ich.
?Hier. Wir haben uns ja nicht wegbewegt. Er ist woanders?, meint Berger.
Es klingelt.
?Wo bist du denn??, frage ich in das Rauschen.
?Te?kom-Stand?, sagt Jörch und ist schon wieder weg.
?Komm, wir winken mal?, rate ich Berger.
?Diese Leinwand ist ja wohl nicht zu übersehen?, antwortet er.
?Da ist doch so ein Imbiss-Stand mit ner Flagge. Vielleicht sieht er die?, mutmaße ich.
Es klingelt.
?Da ist ein Imbiss-Stand mit ner Flagge eines asiatischen Landes?, rufe ich in die Mobilfunkleitung.
?Thailand?, ruft Berger.
?Thailand?, rufe ich.
?Thailand??, fragt Jörch, lacht und ist wieder weg.
?Armer Jörch?, sage ich.
?Armer Berger. Er hat meinen Red Bull-Wodka?, klagt Berger.
Bei den Zelten immerhin treffen wir den Jörch wieder. Mit viel Hallo und Gesang.
Ein neuer Tag beginnt.
Mit Regen. Jörch ist trotzig und sitzt unter dem Pavillon, da sich sein Zelt als wasserdurchlässig erwies.
Es gibt Bier zum Frühstück. Und irgendwelche Sachen von seltsamer Konsistenz, die entfernt an Frühstück erinnern und sehr teuer waren. Jörch isst sie und kichert dabei.
Elanlos hocken wir in unseren Sesseln und beobachten erwachende Zelte. Wege führen zu den Dixie-Klos in der Hoffnung eines zu erwischen, das nicht ganz so ekelhaft ausschaut.
Während Berger noch schläft, wanken Jörch und ich auf das Festival-Gelände und lassen uns am Eingang betatschen. Das gehört dazu. Zwei Meter vor der Bühne trinken wir Kaffee und betrachten eine unbekannte Combo. Wohlwollend.
Das Gehirn hat mittlerweile eine Phase der Erweichung erreicht, dass man nicht fähig ist, leise vor sich hinzudenken.
Beispiel: Irgendwelche Leute spielen Fußball. In der Zivilisation läuft dann folgendes ab. Man sieht die Fußballer und denkt sich ?Fußball? und nichts weiter.
Doch hier kann man seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und muss sie gleich in die Welt schreien. Dementsprechend gestaltet sich unser Rückweg zum Zelt.
?Fußball?, rufe ich.
?Frisbee?, ruft Jörch.
?Zigaretten.?
?Bären.?
?Flugzeug.?
?Matsch.?
?Zelt.?
?Feuer.?
?Schnitte.?
?Komische kleine Dinger mit Bommeln dran.?
?Poster.?
?Nirvana.?
?Berger.?
Es folgen Begrüßungen und Genesungswünsche. Mann, sehen wir alle scheiße aus.
Aber auch das macht rein gar nichts, da wirklich alle scheiße aussehen. Wer am ersten Festivaltag noch mit einem stolzen Iro prahlen konnte, hat heute nur noch Gestrüpp zu bieten. Menschen, die wie aus dem Ei gepellt daherkommen, begegnet die Gemeinde mit Misstrauen.
Und wer unbedingt eine Frau abschleppen möchte, sollte dieses tunlichst am ersten Festivaltag erledigen.
Andererseits schwappte die Legende an unsere Ohren, dass jemand jemanden kenne, der ein Pärchen beim Sex im vollgeschissenen Dixie-Klo erwischte.
?Wer musste denn unten sitzen??, fragte ich fassungslos.
?Sontagabend. Höchststrafe: Blasen?, lacht Berger.
Nachdem wr uns einigermaßen fit fühlen, erkunden wir das Gelände und stoßen auf ein Lucky Strike-Wäsche-Camp. Berger und ich flezen uns auf Liegestühlen und beobachten Leute, die in eine Waschstraße gehen. Andere lassen sich die Haare orange färben, in der Hoffnung schon von weitem erkannt zu werden. Da aber recht viele orange Haare haben, verpufft die Wirkung schnelle wieder.
Berger klaut noch schnell Heckiseck-Ball, oder so. Dieses kleine Teil halt, das Könner mit Füßen, Beinen, Händen, Armen und Kopf auf ästhetische Art und Weise in der Luft balancieren können.
Wir nicht. Von uns wird das Ding nur auf irgendwelche Zelte geschossen. Oder in selbstgemachtes Dosenmittagessen.
Das geht also nicht. Also spielen wir mit dem Ding Baseball. Mit einer Ölfackel, die Jörch mit Klebeband präpariert hat. Und da wir immer und überall als erwachsene Vorbilder fungieren, machen die Abiturienten den Blödsinn bald mit. Sehr zum Leidwesen einiger Nachbarn.
Andere Nachbarn besitzen tatsächlich eine Fußball. Technische Meisterleistungen gelingen. Manchmal geht der Ball sogar dahin, wo er soll. Immer mehr Leute stoßen zu, so dass ein echtes Spiel mit zwei Mannschaften beschlossen wird. Aber ohne Torwart. Denn dort, wo die Tore sein sollen, ist gleichzeitig ein beliebter Platz zum Urinieren.
Ich persönlich lege mich während des Spiels einmal spektakulär auf die Schnauze, ohne einen einzigen Tropfen aus meiner Bierdose zu verschütten. Stehende Ovationen. Bravo.
Derart gestärkt taumeln wir wieder zum Festivalgelände. Dort hat jeder zweite eine riesige, aufblasbare Telekom-Hand.
Die wollen wir auch. Und bekommen sie sogar, ohne irgendwelche Verträge unterschreiben zu müssen.
Ärgerlicherweise muss man das Gummi-Ding selber aufpusten, was sich als äußerst schwierig erweist. Aber es geht. Und man sieht dabei blinkende Sterne.
Mit dem Ding hat man nun ein prima Prügelgerät an der Hand. Und es wird geprügelt. Horden fallen übereinander her und kloppen sich mit den T-Händen. Hinterrücks bekommt man eine geditscht und ditscht prompt zurück. Ein riesen Trara.
Die Telekom hätte es sicher lieber gesehen, wenn alle mit der T-Hand t-legen in die Fernsehkameras von MTV und Arte gewinkt hätte. Aber so macht es mehr Spaß. Berger ergatterte sogar einen Telekom-Regenponcho, den ich ihm aber in einem Anfall von Leidenschaft vom Körper riss.
Ein neuer Tag.
Im Prinzip spielen sich am Morgen dieselben Szenen wie gestern ab. Wir sind noch schmuddeliger und sehen noch älter aus.
Dann treten Klaus und Gabi auf. Lustige Leute. Gabi ist zudem eine Meisterschnorrerin.
?Wir haben alle in Göttingen studiert?, smalltalke ich.
?Das ist ja so was von großartig. Da komme ich her?, freut sich Klaus.
?Ich habe eine Freundin in Hanau?, erzähle ich weiter.
?Ich auch?, ruft Klaus freudestrahlend.
?Ich finde Hamburg toll?, sage ich.
?Da wohne ich derzeit?, sagt Klaus, weint ein bisschen vor Glück und singt ?all my friends are dead.?
Klaus und Gabi wollen dann weiter und wir gehen zu den Nazi-Christen, die neben dem Festivalgelände ein Camp aufgebaut haben, um den Leuten die Stimmung zu vermiesen. Übermütige Jugendliche verbrennen gerade eine Bibel oder vielleicht auch Info-Material der Nazi-Christen, was denen nicht sonderlich gefällt. Doch Steinigungen bleiben aus. Jörch stellt ihnen noch eine Theologische Frage aus einem Rammstein-Lied, dann gehen wir auf das Festivalgelände.
Beck und New Order rauschen irgendwie auf der Bühne an uns vorbei, denn wir treffen Klaus und Gabi wieder.
?Wollen wir zur Bühne??, fragt immer mal wieder einer.
?Ja?, lautet immer mal wieder die Antwort.
Ansonsten rufen wir immer mal wieder ?Wir sind Papst? oder ?No sleep till Papst? oder ?You got a Fight for your right to Paaaaaapst?. Das würde den Nazi-Christen bestimmt auch nicht gefallen.
Am Ende spielen die Ärzte und wir sind mittendrin hinten. Neben einem Familienvater, der sich weigert zu pogen. Armer Vater, aber wir sind Papst.
Und schließlich ist Montag, Berger singt ?Goodbye Johnny? und der Weg führt wieder nach Hause. Bis nächstes Jahr.

