Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit mit dem ICE zu reisen sitze ich nun in einer günstigeren Variante der Bahn, dem IC. Gestern wurde Rudolph Moshammer mit viel Pomp und Paraden zu Grabe getragen, und ich bin gerade auf dem Weg nach Hagen. Eigentlich nicht wirklich interessant. Doch genau hinter mir sitzt ein Typ, der beim Mosi-Begräbnis in München anwesend war, und schon allein ob dieser Tatsache geistig verwirrt erscheint. Das merkt nun auch der arme Tropf, der sich neben ihn setzt.
Denn der Typ, nennen wir ihn Labersack, hat eine Geschichte, die er einfach nicht für sich behalten kann, sondern ungefragt in die Welt hinausposaunt. Grundtenor der Story ist, dass er von München nach Gütersloh unterwegs ist und dafür etwa zehn Stunden benötigt. Er hätte es schneller und einfacher haben können. Doch sein erster Zug hatte einen Betriebsschaden. Eigentlich nicht weiter schlimm, aber Labersack ereilte ein Anfall von Hysterie. Er sprang auf, schrie ?Wir werden alle verbrennen? und schlug mit dem Nothammer eine Scheibe ein. Ihm fiel dabei auch gar nichts weiter auf.
Die Bahnbeamten maßregelten Labersack gleich an Ort und Stelle, doch die Schaffner des ICs, in dem ich gerade so vor mich hinsitze und nicht glauben kann, was ich da so höre, waren verständnisvoll und schenkten dem Labersack Gutscheine für Kaffee, Wasser und Speisen.
Der arme Tropf hätte nach dieser Geschichte schon an Labersacks Geisteszustand zweifeln sollen, doch sei es aus morbider Neugier oder purer Einfältigkeit, er unterhält sich weiter mit ihm. Das heißt, eigentlich spricht nur Labersack.
Und er erzählt primär von sich. Dabei stellt sich heraus, dass Labersack Musik studiert, als Musiker Auftritte absolviert, unter anderem bei Moshammers Beerdigung, interessanterweise ohne Instrument unterwegs ist und beim Fernsehen arbeitet. Und auch ansonsten weiß er so ziemlich alles. Denn Labersack liest Wasserflaschen. Dann fasst er das soeben gelesene fachmännisch zusammen, verarbeitet zudem ihm schon vertraute Information und berichtet anschließend darüber. So wird zum Beispiel ein bestimmtes Mineralwasser ganz toll gefiltert. Durch die Bodenbeschaffenheit und so. Der arme Tropf ist beeindruckt. Wahrscheinlich weiß er nicht, dass jedes Mineralwasser auf die eine oder andere Art durch die verschiedenen Erdformationen gefiltert wird. ?Ganz toll ist auch das Wasser aus der Arktis. Das war früher Eis?, erklärt Labersack, das trank der Mosi immer.?
Abgesehen von seiner Allwissenheit hält Labersack nämlich Moshammer für eine gottähnliche Gestalt. Und auch über ihn weiß er einiges zu berichten. So erzählt er dem armen Tropf, dem noch immer nicht schwant, an was für einen Spinner er da geraten ist, über die Mildtätigkeit und Großzügigkeit, mit der der Modemann kleine minderjährige Stricher…, äh Obdachlose unterstützte.
Der arme Tropf möchte wohl nichts über Moshammer hören und versucht zwischendurch das Gespräch auf relevante Themen zu bringen. Daher wirft er einfach mal die Frage in den Raum, ob denn Harald Schmidt tatsächlich neun Millionen Euro wert sei. Labersack: ?Moshammer wäre es wert.?
Das finde ich lustig, also drehe ich mich um und frage, ob denn Gott tatsächlich sieben Tage für die Erschaffung der Welt brauchte. Labersack: ?Moshammer hätte es in drei geschafft und die Welt wäre viel schöner.? Aha. Denn Moshammer wollte für die Menschen immer nur das Beste. Er wollte sie immer glücklich machen manchmal. Vor allem die kleinen minderjährigen Stricher…, äh, Obdachlosen.
Der arme Tropf unterlag wohl irgendwie einer Gehirnwäsche. Anders ist es nicht zu erklären, dass er Labersack seine Handy-Nummer überließ, bevor er ausstieg. Und das trotz Labersacks Drohung: ?Ich ruf dich an und besuche dich mal.?
Nun ist Labersack aber wieder allein und fokussiert seine Gedanken auf sich. Ein grober Fehler.
Das merkt kurze Zeit später auch eine freundliche Bahnbedienstete. Diese fragt Labersack, ob es denn eine schnellere Verbindung nach Gütersloh geben könnte. Sie verneinte dies. Was Labersack aber nicht glaubte. Also schickte er die Bedienstete fort, um nach eventuellen Verspätungen anderer Züge zu forschen, in die er umsteigen und schneller nach Hause gelangen könnte. Tja, ich habe auch keine Ahnung wie das ohne Zeitsprungphänomene, Lichtgeschwindigkeit und Schwarze Löcher klappen soll. Doch Labersack ist von seinem Tun überzeugt. Und nun wird er wieder hysterisch. Eine Stimme aus dem Off, also dem Lautsprecher, weist darauf hin, doch auf das Gepäck zu achten, da eventuelle Langfinger danach trachten. Mit Panik überzuckerter Stimme ruft er ?Oh nein. Nicht auch noch sowas.?
Gleichzeitig kommt die Schaffnerin zurück und erklärt ihm, dass es noch immer keine schnellere Verbindung gäbe. Labersack schenkt ihren Worten natürlich keinen Glauben. Er hätte in seiner geistigen Verfassung negative Nachrichten wohl nur akzeptiert, wenn Moshammer aus seinem Grab gestiegen wäre und sie ihm persönlich zugetragen hätte. Also wird er schrill und überschüttet die Bahnfrau minutenlang mit sinnlosen Schimpftiraden. Anschließend verlangt er einen Kaffee an seinen Platz von eben dieser Bahnfrau serviert. Ein taktischer Fehler. Er hätte zuerst den Kaffee verlangen und dann schimpfen sollen. Denn die Schaffnerin weigert sich natürlich.
So schrill, dass es in meinem Gehirn zu schmerzen beginnt, verurteilt er die Bahn und alles, was damit zu tun hat. Dann verlässt er den Zug. Zu seinem Glück steht dieser gerade in Köln. Er muss also keine Fenster einschlagen und kann durch die Tür aussteigen. Wahrscheinlich hätte er auch nicht davor zurück geschreckt, die Notbremse zu ziehen.
Labersack keifte noch etwas von Nachspiel und Presse informieren, was allerdings heiße Luft ist. Denn er arbeitet zwar beim Fernsehen, wie bereits erwähnt, aber nur als billiger Aushilfskabelträger bei einem Regionalsender mit nicht messbaren Zuschauerzahlen.

