„Hier fahren ja laufend Züge weg“, ruft Schorsch, der sozial unterentwickelte zwölfjährige Sohn von Horst.
„Ja Schorsch. Das ist ein Bahnhof“, erklärt Horst.
Horst fragte mich, ob ich ihn denn zum Bahnhof bringen könnte, vergaß aber zu erwähnen, dass die Abfahrtszeit seines Zuges um 06:30 Uhr stattfindet. Und da Horst ein überpünktliches Individuum ist, lungern wir seit einer Stunde hier rum.
Durch meine bleierne Müdigkeit romantisch verklärt, versuche ich, Horst auf die Leute um uns herum aufmerksam zu machen.
„Bahnhöfe sind schon klasse. Menschen finden sich an diesem Ort ein, um in verschiedenste Richtungen voneinander wegtransportiert zu werden.“, erkläre ich.
„Papa, da ist eine Stimme. Ist das Gott?“, fragt Schorsch.
„Nein Schorsch. Das ist ein Lautsprecher. Laut-Sprech-Er“, sagt Horst.
„Wesen von ungeheurer Stärke und Größe müssen unter der Erde sitzen, da ihre Stimmen so unglaublich laut sind, dass einem der Kopf explodieren würde, wären sie auf der Oberfläche“, versuche ich einen Erziehungsbeitrag zu leisten.
Sofort materialisiert sich ein Fragezeichen auf Schorschs Stirn, und Horst blickt mich böse an.
„Du brauchst aber nicht zu warten bis der Zug kommt“, meint Horst.
„Ich weiß, aber die haben hier einen prima Kaffee“, antworte ich.
Nun erzählt der Lautsprecher, dass die Bahn an sich sich mal wieder verspätet, was zur Folge hat, dass sich die Menschenansammlung am Bahnsteig zusammenrottet und Vergeltungsaktionen bespricht.
„Schau mal Papa. Die blöde Ziege frisst Steine“, plaudert Schorsch.
„Das ist keine Ziege, sondern ein Schaufelbagger, Schorsch“, erklärt Horst mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der jede Hoffnung auf einen Funken Intelligenz aufgegeben hat.
Zwei Schweizerinnen plazieren sich in unmittelbarer Nähe und reden lautstark in einer Sprache, die als solche kaum zu erkennen ist.
Das erinnert Horst an seine Neuheimat. Er wohnt in einem inzestverseuchten Bergdorf, in dem sich die männliche Bevölkerung durch Grunzen verständigt. Grammatikalisch korrekt geformte Sätze verwirren, erstaunen, erschrecken und erzürnen die Einwohner. Deshalb ist Horst zu einem recht stillen Wesen mutiert. Um die Sprache nicht gänzlich zu verlieren, reist er alle drei Monate in eine beliebige Stadt, um der Konversation zu frönen.
Was auch nicht leicht ist. Er braucht einige Zeit, um die erzwungene Maulfaulheit abzulegen, darf aber auch nicht zu lange verweilen, da er sonst das städtische Phänomen des gesprochenen Wortes in sein Bergdorf einschleppt und fürchterlich Prügel bezieht.
Manchmal kommt Horst unvermittelt bei mir vorbei und beginnt einen Redeschwall, der meist erst nach vier Flaschen Wein morgens um fünf endet.
Bei solchen Gelegenheiten erzählt er mit fassungslosem Erstaunen, dass ein und derselbe Grunzton sowohl „Ich will ein Bier“, „Ich muss kacken“ und „Ich will Sex“ bedeuten kann.
Der Zug hat mittlerweile dreißig Minuten Verspätung und der Bahnsteigmob streichelt dem Klischee entsprechend seine Waffen. Ich habe einen Kaffee in der Hand und sage:
„Gestalten verändern sich, während die Wahrnehmung dieselbe bleibt. Absurdes Theater, gleichermaßen ein Stück von Schiller, das ich nicht kenne.“
„Was?“, fragt Horst.
„Ach nichts. Habe zuviel Kaffee getrunken. Schau mal. Da hat ein verzweifelter Artgenosse eine Wand missbraucht, um in bunten Buchstaben das Wort MASTURBATION zu sprühen“, sage ich.
„Und das in Kassel, was die Situation auch nicht gerade verbessert“, meint Horst.
„Was bedeutet Kassel?“, fragt Schorsch.
„Kassel ist ein Musikinstrument, dass hohe fiepende Geräusche macht“, antworte ich, während Horst resignierend den Kopf schüttelt.
„Hallo. Ich bin Schaffner und führe eine Statistik“, meldet sich ein Bahnmitglied zu Wort.
„Ich bin ein Reisender, der schon lange weg sein müsste“, antwortet Horst.
„Ich trinke zuviel Kaffee“, sage ich.
„Also, ich habe hier einen Zettel, führe die Strichliste und stelle Fragen“, erklärt der Schaffner.
„Unprofessioneller Zettel“, sage ich.
„Provinzielle Strichliste“, sagt Horst.
„Musikinstrument“, sagt Schorsch.
„Na dann. Gute Reise noch“, meint der Schaffner angesäuert.
„Aber womit denn?“, schreit Horst und beginnt zu weinen.
„Sehen sie, was sie angerichtet haben“, ermahne ich den Schaffner, der zu schrumpfen anfängt.
Dann stürzt sich der Bahnsteigmob auf das Bahnwesen und tut seine Pflicht.
Doch irgendwann taucht sogar der vermisste Zug auf und macht dem Spuk ein Ende. Der rasende Mob verwandelt sich in eine gesittet agierende Ansammlung von Reisenden, Horst grapscht sich Schorsch, erklärt ihm die Funktionsweise von Zugtüren und ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause. Mit einem neuen Kaffee.



















































































