Während einer Pause in der Schaffenszeit für Geld sitze ich mit Marta und Schalmilla an einem dafür vorgesehenen Tisch, solidarisch gedrittelt. Angeödet durch dröges Arbeitseinerlei und benebelt durch Bürogase versinke ich in tiefste Kulturdepressionen. Das hat sogar einen Grund. Am Freitag gab es den deutschen Vorausscheid für den Grand Prix de la Chanson. Dabei ist es dem Deutschen wieder einmal instinktsicher gelungen, ganz tief ins Klo zu greifen und den zweitgrößten Murks des Abends zu wählen, ein Lied von Ralph Siegel.
Dieses teile ich den beiden Mitpausemacherinnen mit.
„Daran ist das System schuld. Demokratie funktioniert nicht“, ruft Schalmilla erbost.
Doch Marta gefällt das scheußliche Ralph-Siegel-Machwerk und sagt:
„Ich finde das Lied klasse.“
„Nein ist es nicht. Schlimmer waren nur noch das polnische Punk-Imitat und völlig unlustige Kanzler-Schröder-Imitation, die ich nicht für Musik im eigentlichen Sinne halte, und die sich daher meiner negativen Wertung entzieht“, argumentiere ich.
„Ich finde das Lied klasse“, wiederholt Marta, „das ist ein richtig supi Stimmungslied.“
„Nein ist es nicht. Es ist ein Hohn. Ein Schlag ins Gesicht der Menschheit. Ein Tritt in die Weichteile der Leute mit Geschmack. Dieses Wesen namens Lou hat nur gewonnen, weil die Deutschen ihr Herz für Behinderte entdeckt haben. Vergangenes Jahr hat eine Blinde gewonnen, dieses Jahr mit Lou ein Wesen mit Gesichtslähmung und Gehirnerweichung. Wenn sich der Interpret namens „Der Junge mit der Gitarre“ nächstes Jahr beide Beine bricht und im Rollstuhl auftritt, prophezeie ich hiermit, dass er dann gewinnen wird“, meine ich.
„Ich finde das Lied klasse. Und außerdem ist Lou sympathisch“, beharrt Marta.
„Nein, ist sie nicht. Hast du ihre Eigendarstellung verpasst? Sie setzte sich eine blonde Langhaarperücke auf den Kopf, steckte sich einen Lolli in ihr Breitmaulfroschgesicht und hielt sich damit für erotisch. ‚Schaut mal alle her. Ich bin schon gefühlte 75 Jahre alt, aber ich kann immer noch auf Lolita machen. Dank der Kraft der zwei Herzen. Danke schön“, antworte ich.
„E gibt halt verschiedene Geschmäcker“, zickt Marta.
„Ja, aber nur einen guten“, murre ich.
Und plötzlich überkommt mich ein Hustenanfall und ich werde sofort von den Ratiopharm-Zwillingen entführt. Trotz erheblicher Gegenwehr zerren sie mich in eine Apotheke. Dort zwingen sie mich, irgendeinen Hustenlöser zu kaufen.
„Aber ich habe mich doch nur verschluckt“, rufe ich verzweifelt.
„Oh, Schluckbeschwerden. Da gibt es doch auch was von Ratiopharm“, behaupten die Zwillinge. Ihre Stimmen überschlagen sich vor Verzücken, in ihren Augen glimmt der Wahnsinn.
Ergeben zahle ich den Hustenlöser, als der Zeichentrickfuchs von Spee auftaucht und einen Fleck auf meinem Hemd entdeckt. Sofort beginnt er zu reimen:
„Auf dem Hemd da ist ein Fleck.
Triefend und starr vor Dreck.
Früher musste man sowas kochen.
Das Leben abrupt unterbrochen.
Dann stand sie still die Welt.
Doch heute gibt’s für wenig Geld.
Ein Waschmittel, auf das man zählt.
Da bin ich Fuchs und Werbeheld.“
Panisch renne ich von dannen und höre tausend Stimmen aus dem Off, die dieses und jenes in immer hysterischeren Tonlagen anpreisen. Und dann am Schluss folgt eine gewaltverherrlichende Szene, die von der Zensur verboten wurde.
Das erlaubte Ende wirkt dagegen schal und unbefriedigend, denn wie einst bei zig Folgen Dallas war alles nur ein Traum, und ich erwache am Schreibtisch während der Schaffensphase für Geld.



















































































