Und heute fahre ich Zug. Dummerweise bezeichnet sich heute als Samstag, so dass die Bahn überfüllt ist mit Mitreisenden.
Mitreisende, ein Wort, das die Nebenpassagiere und mich in einem solidarischen Knäuel erscheinen lässt. Doch das ist ja sowas von falsch. Mitreisende untereinander sind ungefähr so solidarisch wie zwanzig Männer, die sich um die letzte Frau der Erde streiten. Aber das nur am Rande.
Ich sitze soeben auf meiner Tasche, da keine andere Sitzgelegenheit vorhanden ist. Mir gegenüber steht ein Vollblutpädagoge, vermutlich Sozialkunde oder Werken, mit seiner ungefähr achtjährigen Tochter. Er zeigt ihr die pittoresken Begebenheiten der Landschaft, die so an uns vorbeifahren.
Also Dörfer, die sich an Hänge schmeicheln, Bäume, die herumstehen, eine Wiese, auf der eine homophile Pfadfindergruppe im Kreis steht und sich ihre Genitalien zeigt.
An anderer Stelle des Stehplatzterminals bewacht ein Bundeswehrsoldat die Tür, wie er es in der Grundausbildung so gelernt hat. Zwischendurch war er scheinbar mal weg, aber ich vermute, dass ich ihn nur wegen des Tarnanzugs nicht sah. Und dieser Soldat macht seine Sache sehr gut, denn die Tür ist tatsächlich immer noch da. Es gibt schon seltsame Gestalten in diesem Zug. Wer weiß, vielleicht sogar einen zwanghaften Türkleptomanen.
Und nun bin ich gezwungen achtzehn Minuten meines Lebens in Bebra zu verbringen. Ob der tragischen Ausweglosigkeit der Situation, muss ich mir ein Bier genehmigen, um die Realität zu verschleiern.
Und dann bekommt die Logik Schluckauf, ebenso die Bahn. Der Zug passiert eine Reihe rosaroter Bahnhöfe, gesäumt von Zirkusstationen voll rauchender Affen und weinenden Clowns. Welche Klischeevergäudung.
Ich sitze, natürlich, auf dem Gang, da auch dieser Zug völlig überfüllt ist. Ein Blick nach links, und ich sehe ein einzelnes Fenster, wo die Landschaft gemäßen Schrittes vorbeijoggt. Es wirkt wie ein hypnotisches Endlosband banaler Bäume irritiert von übergelaufenen Flüssen.
Der Zug zappelt. Muss das sein? Oder werde ich Zeuge eines neuen Eschede-Unglücks?
Der Pädagoge muss übrigens auch irgendwo unter den Eingepferchten sein. Und aus Solidarität wird nun geraucht. Verbotenerweise.
Doch während im ersten Zug mich ein Blaumiesling wiederholt nach der Fahrkarte gefragt hat, bleibt mir hier diese Kategorie der peinlich Berührten erspart. In Fulda werden ich und andere aus dem Zappelzug ausgespuckt und Minuten später in einen Doppeldeckerzug gestopft. Seltsame Fügung, ich bekomme einen Sitzplatz. Sogar im Raucherbezirk. Und so sitze ich, umringt von mutierten Mutanten, ein kleinwüchsiger Zwergwüchsiger, ein schüchterner Gutrasierter und ein rotköpfiger Hässlicher mit Krätze am Hals.
Ich bemerke auch diverse Leute, die mich schon seit Göttingen verfolgen und stelle sie zur Rede. Doch die meisten verpuffen schon beim Ansprechen. Ansonsten ist der Zug gefüllt mit Pfadfindern oder FDJ-lern und Eintracht Frankfurt-Fans, die aber beide nichts zu lachen haben. Die Blaumieslinge haben sich in die 1. Klasse zurückgezogen und spielen Skat. Also hätte ich auch diese Etappe umsonst fahren können.
Je näher wir Frankfurt kommen, desto hässlicher werden Wetter, Gegend und Menschen. Und bei einem Ort namens Flieden löst sich der rotköpfige Hässliche plötzlich auf und verwandelt sich in eine Bildzeitung, die aggressiv um Aufmerksamkeit wirbt. Der kleinwüchsige Zwergwüchsige erbarmt sich kurze Zeit später. Wir passieren Dörfer mit Doppelnamen, was ja albern ist. Das meint auch Wolfgang, das vorletzte Dorf der Reise.



















































































