Zu diesem Zeitpunkt denke ich eigentlich gar nichts. Und das möchte ich die Welt wissen lassen. Warum, fragt Horst Schnuppe aus Wuppertal, denkt der nichts.
Also erstens, es ist viel zu früh am Morgen. Wenn ich in die Gesichter der Mitfahrenden schaue, scheint es um diese Zeit ein normales Symptom zu sein. Das Nichts-Denken spiegelt sich auf ausdruckslosen Gesichtern wider, die aus dem Fenstern oder auf die Lehnen der Sitze vor ihnen starren. Auch die vorüberflitzende Landschaft unter einer Schlafdecke aus Nebel, scheint nicht sonderlich beeindruckt von dem Vorbeizischen des Zuges mit obligatorischen zehn Minuten Verspätung.
Vor Scham ob dieses Desinteresses, fährt er soeben in einen Tunnel, um mit einem ?Da bin ich wieder? später herauszuschießen, was auch keinen beeindruckt sondern eher abstößt.
Zweitens, es ist schweinekalt morgens acht Uhr in Deutschland. Und diese Kälte schleicht sich mit Gewalt immer wieder in diesen Zug. Zum Glück hält er nicht zu oft. Aber da in Fulda zweihundertsiebzehn Polizisten aussteigen, dieses ohne Hast tun, die Zeit daher vor sich hin verrinnt, hat die Kälte Zeit und Muße im Überfluss, um mich zu erreichen und mit Frost zu begrüßen. Guten Tag.
Gefolgt wird die Kälte von einer Kontrolleuse, die mich wiederholt nach meinem Fahrschein fragt, und ich ihr wiederholt erkläre, dass ich tatsächlich einen besitze, sich dieser in den letzten zehn Minuten auch nicht verändert hat und sich im Wesentlichen nicht von anderen Fahrscheinen unterscheidet, und sie müsste Fahrscheine allgemein doch wegen ihrer Berufsausübung zur Genüge gesehen haben.
Nun mischt sich ein zurückgebliebener Polizist ein, dass sein Fahrschein anders aussehe, und er ihn noch nicht zeigen durfte, obwohl er das doch so unglaublich gerne täte.
So stellt sich heraus, dass der Polizist mitnichten zurückgeblieben ist, sondern neu zugestiegen, und alle sind plötzlich fröhlich und husten.
Auch dieses Highlight der heutigen Bahnfahrt verstreicht ungenützt, so dass ein Tunnel in diesem Moment den ICE umschließt.
Auf einer Leuchttafel steht nun, dass der Zug vor fünf Minuten in Kassel sein sollte. Vielleicht merkt es ja keiner. Aber wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich kein Kassel. Eigentlich sehe ich nicht mal ein Haus. Schade drum.
Es scheint, als die wäre die Bahn mittlerweile stolz auf ihre permanente Verspätung, so protzen sie damit. Hey, nun hätte Kassel schon vor zehn Minuten passiert werden müssen.
Vielleicht hat der Bahner an sich auch mit der Zeit ein völlig verqueres Denken angenommen, dass nicht der Zug Verspätung hat, sondern die jeweilige Stadt.
?Wir sind pünktlich. Wenn Kassel zu spät kommt, können wir auch nichts dazu.?
Richtig stolz ist die Bahn anscheinend auch auf ihre Piktogramme. Zumindest weist das Leuchtband immer wieder darauf hin, eben diese Piktogramme doch auch mal zu beachten. Und es sind in der Tat ganz tolle Piktogramme. Da hat man sich richtig Mühe gegeben. Bravo.
Und nun kommt auch Göttingen zu spät. Ärgerlich sowas.


