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  • Open Thread: Japan vor dem Super-GAU

    geschrieben am 15. März 2011 von Spiegelfechter

    Die Situation in den havarierten japanischen Kernkraftwerken hat sich über Nacht dramatisch zugespitzt. Es ist mittlerweile wahrscheinlich, dass der gesamte Komplex Fukushima durch die Knallgasexplosionen in den Reaktorgebäuden 1, 2 und 3 so schwer beschädigt wurde, dass die Lage nun vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Nach Angaben der IAEO wurden auf dem Gelände heute morgen (MEZ) ein radioaktive Strahlung von 400 Millisievert pro Stunde gemessen – wohlgemerkt Milli- und nicht Mikrosievert. Die deutsche Strahlenschutzverordnung sieht einen Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr vor. Für besonders exponierte Personen – z.B. bei der Notfallplanung für Kernkraftwerke – beträgt dieser Wert 20 Millisievert pro Jahr. Oder um es anders auszudrücken: Der in Fukushima gemessene Wert beträgt das 3,5 millionenfache des „normalen“ und das 175.000-fache des deutschen Störfallplanungswert. Das ist der Super-GAU. Bei diesen Werten reicht eine einzige Stunde Aufenthalt im Freien aus, um an der Strahlenkrankheit zu erkranken – nach vier Stunden Aufenthalt ist der Tod unvermeidlich.

    Ob diese Werte aus dem wohl mittlerweile nicht mehr intakten Containment des Reaktors II oder aus dem Brand am Reaktor IV, in dem ausgebrannte Brennelemente gelagert werden, resultieren, ist dabei unklar. Leider verdichten sich die Zeichen, dass die Notmaßnahmen der Betreiber nicht mehr greifen. Sollte sich die Situation nicht weiter verschlimmern, wäre das ein schweres Unglück mit lokalen Folgen. Da über Fukushima momentan Regen aufgezogen ist, dürfte ein Großteil der radioaktiven Elemente in der Nähe des Reaktors niedergehen und das Erdreich kontaminieren. Leider ist jedoch davon auszugehen, dass die Lage sich weiterhin zuspitzt. Was passiert, wenn in einem Reaktor der Kern schmilzt und die Betonschicht unter dem Reaktor durchdringt und dann auf Grundwasser trifft? Was passiert, wenn die Containments bersten und die Brennelemente unter offenem Himmel schmelzen? Die Katastrophe von Tschernobyl konnte nur durch den aufopferungsvollen Einsatz hunderttausender Liquidatoren begrenzt werden. Ist so etwas in einem demokratischen Land möglich? Die Zeichen stehen auf Sturm und es sieht nicht gut aus. Man kann nur die Daumen drücken, dass die Japaner nicht zum zweiten Mal Opfer der schlimmsten Folgen der Atomtechnik werden.

    P.s.: Um die Diskussion zu kanalisieren, habe ich die Kommentarbereiche der anderen Open Threads zu diesem Thema geschlossen.

    Jens Berger

    387 Kommentare

    Open Thread: Anzeichen auf massive Zensur der Messwerte in Japan

    geschrieben am 14. März 2011 von Spiegelfechter

    Wer den Twitter-Kanal des vor Gericht stehenden Wettermanns Jörg Kachelmann betrachtet, kommt nicht um den Eindruck herum, dass die japanischen Behörden systematisch die Radioaktivitätsmesswerte unterdrücken. Sobald man höhere Werte erwarten könnte, werden diese Messreihen als “under survey”, also “unter Beobachtung”, angegeben. Hinzu kommt, dass der Wind offenbar gedreht hat und keinesfalls aufs Meer hinaus bläst.

    Ergänzend sei angemerkt, dass laut Nature Magazine die Messwerte der “Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen” (CTBTO) von den zuständigen Stellen nicht veröffentlicht werden. Die CTBTO verfügt über ein feinmaschiges Messnetzwerk im asiatischen Raum und könnte wertvolle Informationen über die radioaktive Belastung (z.B. Caesium-137) aus den havarierten Atomkraftwerken geben.

    Sicherlich ist es verständlich, dass man offensichtlich alles unternimmt, um eine Massenpanik zu vermeiden. Man muss sich jedoch die Frage stellen, ob durch das Zurückhalten relevanter Daten nicht noch größere Schäden entstehen.

    144 Kommentare

    Kernschmelze für die Union

    geschrieben am 14. März 2011 von Spiegelfechter

    Manchmal erkennt sogar Angela Merkel, dass man nicht jedes Problem aussitzen kann. In den nächsten zwei Wochen werden drei Landtage neu gewählt und durch die schweren Unfälle in mehreren japanischen Kernkraftwerken ist plötzlich das Thema Atomausstieg wieder da. Anlässlich der außergewöhnlichen Dramatik der Ereignisse ist es auch wenig wahrscheinlich, dass die Union in den nächsten Tagen mit einer Scheindiskussion über Scheinthemen die Atomfrage überlagern kann. Am Wochenende waren die deutschen Kernkraftwerke in den Verlautbarungen der Union noch die „sichersten der Welt“. Heute will die Union die Sicherheit noch einmal überprüfen und hat sogar den Ausstieg vom Ausstieg während der heißen Wahlkampfphase pausiert. Da stellt sich die Frage, ob der Wähler wirklich so dumm ist und diese offenkundige Farce nicht erkennt.

    „Deutschlands Kernkraftwerke sind die sichersten der Welt“, verkündeten unisono die Regierungsgranden an diesem Wochenende. Dieser Satz ist freilich Unfug, wenn man bedenkt, dass das Design der älteren Kernkraftwerke in Deutschland aus den Sechzigern stammt und selbst die neuesten AKWs in Betrieb gingen, als Deutschland noch zweigeteilt war. Heute wären diese Kraftwerke überhaupt nicht mehr genehmigungsfähig, die bauartbedingten Störfälle sind Legion. In Deutschland war der „Strich-Achter-Mercedes“ zu Zeiten des Baubeginns von 14 der 17 deutschen AKWs aktueller Stand der Technik. Heute ist er ein Oldtimer und niemand käme auf die Idee, ihn mit Airbags nachzurüsten und zu behaupten, er sei der sicherste Wagen der Welt. Strukturelle Designschwächen lassen sich nun einmal nicht nachrüsten.

    Wie passt es eigentlich zusammen, dass Angela Merkel als Umweltministerin noch kräftig – und erfolglos – für den Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) als sicherere Alternative warb und heute Auslaufmodelle, die schon im letzten Jahrhundert technisch überholt waren, als sicherheitstechnische Wunderwerke verkauft? Sowohl der EPR, der momentan in Finnland, Frankreich und China gebaut wird, als auch kanadische, amerikanische und russische Reaktoren der dritten Generation sind bauartbedingt sicherer als die deutschen, die allesamt zur zweiten Generation gezählt werden. Kein einziges deutsches Kernkraftwerk verfügt beispielsweise über einen sogenannten Kernfänger, der einen geschmolzenen Kern im Falle eines Super-GAUs gegebenenfalls auffangen kann. Man kann vortrefflich darüber streiten, wie sicher diese modernen Reaktoren sind – zu behaupten, die deutschen Kernkraftwerke seien die sichersten der Welt ist, in diesem Kontext jedenfalls unlauter.

    weiter auf den NachDenkSeiten

    105 Kommentare

    Die Ausbeutung der Bildungselite

    geschrieben am 14. März 2011 von Spiegelfechter

    ein Gastartikel von Anuschka Guttzeit

    Bildung wird uns ständig als Schlüssel zum Erfolg verkauft. Bildung soll angeblich vor Armut und Arbeitslosigkeit schützen. Wie kommt es da, das die gebildetsten Köpfe in Deutschland zum Teil so schlecht bezahlt werden wie ungelernte Hilfsarbeiter? Die “Bettel-Dozenten” stemmen an manchen Universitäten bis zu 50 % des akademischen Lehrbetriebs. AkademikerInnen, die promovieren oder bereits den Doktortitel haben, arbeiten als Lehrbeauftragte für real knapp 5 Euro die Stunde an deutschen Universitäten! Manche nennen sie deshalb „Dr. Pleite“. Wie soll man auch von sowenig Geld leben?

    Die Lehrbeauftragten sind keine Angestellten der Hochschule, sondern Selbstständige mit Honorarvertrag. Deshalb haben sie auch keine Interessenvertretung. Die Gewerkschaft ver.di prangert außerdem an: “85 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Hochschulen haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Sie leben in ständiger Unsicherheit, eine vernünftige Lebensplanung ist nicht möglich.”

    Die Studentenzahlen steigen, die Hörsäle platzen aus allen Nähten. In vielen Bundesländern zahlen die Studierenden üppige Studiengebühren für ihre akademische Ausbildung, aber die Studienbedingungen werden trotzdem immer schlechter. Mehr ProfessorInnen werden nicht beschäftigt. Es werden auch nicht mehr feste, adäquat bezahlte Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau an den Unis geschaffen, was eigentlich dringend nötig wäre. Im Gegenteil: Diese Stellen werden seit Jahren abgebaut. Die Leidtragenden sind die akademischen Hungerlöhner, die rund 75.000 Lehrbeauftragten in Deutschland.

    Die Politikwissenschaftlerin Frau Dr. Silke Gülker fordert in einer Studie, in der sie sich mit dem künftigen Personalbedarf der Hochschulen beschäftigt, die Lehre aufzuwerten. „Ein Wissenschaftssystem, in dem allein gute Forschung belohnt wird, kann den künftigen Anforderungen nicht gerecht werden“, berichtet sie. Um in der „internationalen Wissenschaftsgemeinschaft präsent zu sein“ müsste die Betreuungsquote verbessert werden. Dazu müßten bis zum Jahr 2025 mindestens 23.000 mehr ProfessorInnen eingestellt werden und ca. 14.000 wissenschaftliche MitarbeiterInnen.

    “Deutschland wird Bildungsrepublik”, schreibt Frau Bundeskanzlerin Merkel vollmundig auf ihrer Homepage. Und: “Eine erstklassige Bildung ist der wichtigste Rohstoff in unserem Land.”

    Aber Deutschland, das sich als Innovations- und Wissenschaftsstandort im globalen Qualifikationswettbewerb durchsetzen will, investiert zu wenig Geld in die Universitäten. „Wollte Deutschland zu den anderen westlichen Industriestaaten aufschließen, müsste es jedes Jahr 10 Milliarden Euro mehr in Bildung investieren“, heißt es nicht nur bei ver.di.

    “Die Zahl der Lehrbeauftragten ist in zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen. Sie unterrichten umsonst oder für fast nichts und hoffen doch auf eine Karriere an der Uni”, schreibt Annett Krause auf Zeit-Online.

    Scham und die harte Konkurrenz um eine der sehr rar gewordenen akademischen Karrieren führten nach Erfahrung der Potsdamer Lehrbeauftragten und Doktorandin Sabine Volk dazu, dass sich die Lehrbeauftragten bisher nicht zusammen taten, um gemeinsam angemessene Löhne einzufordern.

    Jetzt regt sich zumindest an der Uni Potsdam Widerstand. In einer Petition an das Brandenburgische Wissenschaftsministerium fordert Sabine Volk mit ihren MitstreiterInnen endlich eine bessere Bezahlung der Lehrbeauftragten. Sie fordern einen – immer noch eher bescheidenen – Stundenlohn von 10,98 Euro und sagen: „Exzellente Lehre speist sich nicht aus Hungerlöhnen“.

    Anuschka Guttzeit

    Anuschka Guttzeit ist Politikwissenschaftlerin und beschäftigt sich u.a. mit Umweltpolitik sowie mit den Chancen und Risiken von mehr direkter Demokratie. Sie ist Mitbegründerin der Berliner Bürgerinitiative “Bäume am Landwehrkanal”, die sich für ein “Modellprojekt ökologische Sanierung der Bundeswasserstraße Landwehrkanal” einsetzt.

    Links zum Thema:
    - Bericht im Deutschlandfunk vom 10.03.2011: “Das wissenschaftliche Prekariat protestiert”
    - Ende der Ausbeutung? Mindestlohn für Lehrbeauftragte in Disskussion
    - Die Arbeitssammler
    - Arm aber sexy
    - Dr. Silke Gülker: Wissenschaftliches und künstlerisches Personal an Hochschulen: Stand und Zukunftsbedarf.

    88 Kommentare

    Open Thread zur Erdbebenkatastrophe in Japan

    geschrieben am 13. März 2011 von Spiegelfechter

    Es war der größte anzunehmende Unglücksfall – Japan wurde am Freitagmorgen von einem Erdbeben der Stärke 9.0 getroffen. Vor allem der auf das Beben folgende Tsunami richtete einen epischen Schaden im Norden des Landes an. Doch die Katastrophe könnte noch schlimmer werden, da mittlerweile in mindestens drei Reaktoren in zwei Kernkraftwerken akut eine Kernschmelze droht. Dies wäre der GAU, wenn auch nicht der Super-GAU. Doch noch ist es zu früh, über die Folgen zu spekulieren, zumal die Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Behörden miserabel ist.

    Die ökonomischen Folgen der Katastrophe werden die Welt in den nächsten Jahren noch in Atem halten – Japan ist mit 218,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet. Will Japan die Folgen des Bebens beheben, muss es sich noch weiter verschulden.

    Die Hintergrundinformationen sind jedoch noch viel zu vage für eine präzise Analyse. Dennoch möchte ich Euch die Möglichkeit geben, dieses wichtige Thema hier zu diskutieren und habe mich daher für einen Open Thread entschieden – einem Format, bei dem der Kommentarbereich der eigentliche Inhalt des Blogbeitrags ist.

    Ich wünsche meinen Lesern ein entspanntes Restwochenende.
    Euer Spiegelfechter, Jens Berger

    410 Kommentare
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