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  • Neulich im IC

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit mit dem ICE zu reisen sitze ich nun in einer günstigeren Variante der Bahn, dem IC. Gestern wurde Rudolph Moshammer mit viel Pomp und Paraden zu Grabe getragen, und ich bin gerade auf dem Weg nach Hagen. Eigentlich nicht wirklich interessant. Doch genau hinter mir sitzt ein Typ, der beim Mosi-Begräbnis in München anwesend war, und schon allein ob dieser Tatsache geistig verwirrt erscheint. Das merkt nun auch der arme Tropf, der sich neben ihn setzt.

    Denn der Typ, nennen wir ihn Labersack, hat eine Geschichte, die er einfach nicht für sich behalten kann, sondern ungefragt in die Welt hinausposaunt. Grundtenor der Story ist, dass er von München nach Gütersloh unterwegs ist und dafür etwa zehn Stunden benötigt. Er hätte es schneller und einfacher haben können. Doch sein erster Zug hatte einen Betriebsschaden. Eigentlich nicht weiter schlimm, aber Labersack ereilte ein Anfall von Hysterie. Er sprang auf, schrie ?Wir werden alle verbrennen? und schlug mit dem Nothammer eine Scheibe ein. Ihm fiel dabei auch gar nichts weiter auf.

    Die Bahnbeamten maßregelten Labersack gleich an Ort und Stelle, doch die Schaffner des ICs, in dem ich gerade so vor mich hinsitze und nicht glauben kann, was ich da so höre, waren verständnisvoll und schenkten dem Labersack Gutscheine für Kaffee, Wasser und Speisen.

    Der arme Tropf hätte nach dieser Geschichte schon an Labersacks Geisteszustand zweifeln sollen, doch sei es aus morbider Neugier oder purer Einfältigkeit, er unterhält sich weiter mit ihm. Das heißt, eigentlich spricht nur Labersack.

    Und er erzählt primär von sich. Dabei stellt sich heraus, dass Labersack Musik studiert, als Musiker Auftritte absolviert, unter anderem bei Moshammers Beerdigung, interessanterweise ohne Instrument unterwegs ist und beim Fernsehen arbeitet. Und auch ansonsten weiß er so ziemlich alles. Denn Labersack liest Wasserflaschen. Dann fasst er das soeben gelesene fachmännisch zusammen, verarbeitet zudem ihm schon vertraute Information und berichtet anschließend darüber. So wird zum Beispiel ein bestimmtes Mineralwasser ganz toll gefiltert. Durch die Bodenbeschaffenheit und so. Der arme Tropf ist beeindruckt. Wahrscheinlich weiß er nicht, dass jedes Mineralwasser auf die eine oder andere Art durch die verschiedenen Erdformationen gefiltert wird. ?Ganz toll ist auch das Wasser aus der Arktis. Das war früher Eis?, erklärt Labersack, das trank der Mosi immer.?

    Abgesehen von seiner Allwissenheit hält Labersack nämlich Moshammer für eine gottähnliche Gestalt. Und auch über ihn weiß er einiges zu berichten. So erzählt er dem armen Tropf, dem noch immer nicht schwant, an was für einen Spinner er da geraten ist, über die Mildtätigkeit und Großzügigkeit, mit der der Modemann kleine minderjährige Stricher…, äh Obdachlose unterstützte.

    Der arme Tropf möchte wohl nichts über Moshammer hören und versucht zwischendurch das Gespräch auf relevante Themen zu bringen. Daher wirft er einfach mal die Frage in den Raum, ob denn Harald Schmidt tatsächlich neun Millionen Euro wert sei. Labersack: ?Moshammer wäre es wert.?

    Das finde ich lustig, also drehe ich mich um und frage, ob denn Gott tatsächlich sieben Tage für die Erschaffung der Welt brauchte. Labersack: ?Moshammer hätte es in drei geschafft und die Welt wäre viel schöner.? Aha. Denn Moshammer wollte für die Menschen immer nur das Beste. Er wollte sie immer glücklich machen manchmal. Vor allem die kleinen minderjährigen Stricher…, äh, Obdachlosen.

    Der arme Tropf unterlag wohl irgendwie einer Gehirnwäsche. Anders ist es nicht zu erklären, dass er Labersack seine Handy-Nummer überließ, bevor er ausstieg. Und das trotz Labersacks Drohung: ?Ich ruf dich an und besuche dich mal.?

    Nun ist Labersack aber wieder allein und fokussiert seine Gedanken auf sich. Ein grober Fehler.

    Das merkt kurze Zeit später auch eine freundliche Bahnbedienstete. Diese fragt Labersack, ob es denn eine schnellere Verbindung nach Gütersloh geben könnte. Sie verneinte dies. Was Labersack aber nicht glaubte. Also schickte er die Bedienstete fort, um nach eventuellen Verspätungen anderer Züge zu forschen, in die er umsteigen und schneller nach Hause gelangen könnte. Tja, ich habe auch keine Ahnung wie das ohne Zeitsprungphänomene, Lichtgeschwindigkeit und Schwarze Löcher klappen soll. Doch Labersack ist von seinem Tun überzeugt. Und nun wird er wieder hysterisch. Eine Stimme aus dem Off, also dem Lautsprecher, weist darauf hin, doch auf das Gepäck zu achten, da eventuelle Langfinger danach trachten. Mit Panik überzuckerter Stimme ruft er ?Oh nein. Nicht auch noch sowas.?

    Gleichzeitig kommt die Schaffnerin zurück und erklärt ihm, dass es noch immer keine schnellere Verbindung gäbe. Labersack schenkt ihren Worten natürlich keinen Glauben. Er hätte in seiner geistigen Verfassung negative Nachrichten wohl nur akzeptiert, wenn Moshammer aus seinem Grab gestiegen wäre und sie ihm persönlich zugetragen hätte. Also wird er schrill und überschüttet die Bahnfrau minutenlang mit sinnlosen Schimpftiraden. Anschließend verlangt er einen Kaffee an seinen Platz von eben dieser Bahnfrau serviert. Ein taktischer Fehler. Er hätte zuerst den Kaffee verlangen und dann schimpfen sollen. Denn die Schaffnerin weigert sich natürlich.

    So schrill, dass es in meinem Gehirn zu schmerzen beginnt, verurteilt er die Bahn und alles, was damit zu tun hat. Dann verlässt er den Zug. Zu seinem Glück steht dieser gerade in Köln. Er muss also keine Fenster einschlagen und kann durch die Tür aussteigen. Wahrscheinlich hätte er auch nicht davor zurück geschreckt, die Notbremse zu ziehen.

    Labersack keifte noch etwas von Nachspiel und Presse informieren, was allerdings heiße Luft ist. Denn er arbeitet zwar beim Fernsehen, wie bereits erwähnt, aber nur als billiger Aushilfskabelträger bei einem Regionalsender mit nicht messbaren Zuschauerzahlen.

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    Szenen eines Lebens VII

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    ?Halt. Ich bin jetzt verwirrt?, sagt Dumpfsuse und beginnt, sich im Kreis zu drehen.

    ?Wieso? Das ist ein Kaufhaus, und ich suche ein Mini-U-Boot. Was ist daran so kompliziert??, frage ich.

    ?Sinnfreier Bewegungsdrang?, ruft Gunter, der ebenfalls dabei steht.

    Wir lassen Dumpfsuse weiter drehen und schwenken zur Fischtheke.

    ?Holde Verkäuferin der Wasserwesen. Wir suchen Mini-U-Boote?, sagt Gunter.

    ?Blau?, sage ich.

    ?Wir ham nur Fisch?, sagt die, die hinter der Theke steht.

    ?Soso. Fisch?, meint Gunter.

    ?Gibt es den auch mit Solarantrieb??, will ich wissen.

    ?Nein. Äh, wir haben Lachs, Dorsch, Schillerlocken…?, sagt die, die hinter der Theke staunt.

    ?Hihi. Sie verkaufen Haare??, kichert Gunter.

    ?Diesen Dorsch. Den kenne ich nicht?, sage ich ernst und schlage mit der Faust auf den Tresen.

    In diesem Moment taucht Dumpfsuse auf und will Schiller locken.

    ?Kooooomm Schiller. Nun komm schon. Puttputtputt.?

    ?Das habe ich nich verdient?, schluchzt die, die hinter der Theke stammelt. Und bekommt von Gunter einen Luftballon mit der Aufschrift ?Nehmen Sie sich frei?.

    Wir lassen die Fischtheke hinter uns. Gunter entdeckt Schokoladennikoläuse. Er nimmt ein Dutzend an sich und verteilt sie an Kinder, die mit ihren genervten Müttern unterwegs sind.

    ?Frohe Weihnachten?, ruft er jedesmal vergnügt.

    ?Es ist gerade mal Anfang Oktober?, gebe ich zu Bedenken.

    ?Wenn Kaufhäuser der Meinung sind, Anfang Oktober ist die richtige Zeit, um mit Weihnachten zu beginnen, beginnt Weihnachten eben Anfang Oktober?, rechtfertigt sich Gunter.

    ?O tempora! O mores!?, sagt Dumpfsuse in einem Anfall humanistischer Schulbildung.

    ?Drei Monate Weihnachten sind zuviel?, beharre ich.

    ?Außerdem beginnt am 11. 11. der Karneval?, bemerkt Dumpfsuse.

    ?Mitte Januar startet auch schon die Osterhasenverkaufssaison. Kurz nach den Umtauschscherereien?, sagt Gunter.

    ?Ich will einen Monat ohne Thema!?, schreie ich einen Verkäufer an.

    Doch der heult und jammert nur: ?Ich habe mich verlaufen.?

    Dumpfsuses Mutterinstinkte erwachen: ?Na, komm mein Kleiner. Wo ist denn deine Abteilung??

    Ein tiefes Schluchzen: ?Weiß nich. Eben war sie noch da.?

    Gunter gibt ihm einen Luftballon mit der Aufschrift ?Von wegen Mitleid?.

    ?Wie heißt du denn, mein Kleiner??, fragt Dumpfsuse in ihrer Mutterrolle aufgehend.

    ?Gunter?, sagt Gunter.

    ?Die Hure Babylon, Monn?, sage ich.

    ?Elmar?, sagt die verlorene Verkäufereinheit Elmar.

    ?Also, wir gehen jetzt alle zusammen zur Info und lassen deine Abteilung suchen. Sie macht sich bestimmt auch schon Sorgen?, muttert Dumpfsuse.

    ??a?, murmelt Elmar.

    Wir durchschreiten mit Elmar eine Tür, auf der mit roten Großbuchstaben PRIVAT steht, das Äquivalent eines drohenden Zeigefingers.

    Die bunte Welt des Konsums liegt hinter uns. Hier gibt es einen langen Gang mit grauem Fußboden, grauen Wänden, unterbrochen von grauen Türen, Sogar Elmar wirkt nun grau.

    ?Die Gräulinge haben die Weltherrschaft an sich gerissen?, sagt Gunter.

    ?Heute grau und morgen grau und übermorgen wieder?, singe ich.

    Wir betreten einen Raum, wo eine Mitarbeiterin grimmig in ein Mikrophon hineinredet. Sie bedeutet uns zu warten und spricht in das Mikrophon von Dauertiefkühlpreisen und schnappenden Schnäppchen. Dann wendet sie sich uns zu. ?Und??, fragt sie.

    ?Das ist der kleine Elmar. Er hat seine Abteilung verloren?, sagt Dumpfsuse.

    ?Oh, da muss ich die zuständige Seele berufen. Warten sie bitte hier?, sagt die Mikrophonösin und entfleucht.

    ?Die 12 an die 117, die 39 sofort zum Holzkopf, die 17 und 4 zur 23, die 42 bleibt, wo sie ist, Läufer schlägt Turm, D2 auf C1, 52 geht über Los, 13 schleicht sich an die 27 an und 15 lässt ihr Haar hinab?, rufe ich in das Mikrophon.

    Und nun betritt eine Person den Raum, Marke graumelierter Herr mit miserablem Krawattengeschmack.

    ?Das dürfen sie nicht!, ruft er mir zu.

    ?Das überrascht mich nicht!?, rufe ich zurück.

    Während wir aus dem Kaufhaus rausgeschmissen werden, das durch meine Mikroansprache derzeit im Chaos versinkt, erfahren wir noch, dass Elmar zur Mini-U-Boot-Abteilung gehört.

    ?Diem perdidi.?, sagt Dumpfsuse in einem letzten Anfall humanistischer Schulbildung.

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    Wenn Bürokraten regulieren…

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    … dann geht das meistens voll in die Hose. Nachdem letztens etwa von professionellen Europa-Bürokraten angedacht wurde, die unglaublich gefährlichen Überraschungseier mal ersatzlos zu verbieten, spielen die gefürchteten Reglementatoren schon lange mit dem Gedanken, die Werbung an sich zu überdenken. Im Sinne des Verbrauchers, natürlich.

    Erläutern wir das doch mal am Beispiel des Slogans ?Red Bull verleiht Flügel?. Das sei ja gar nicht wahr, ruft es aus Brüssel, man bekäme doch gar keine Flügel bei dem Genuss dieses Getränkes. Ups, das habe ich nicht geahnt. Dachte ich doch wirklich, nach einer Dose Red Bull könnte ich fliegen und wollte schon mein Auto verkaufen, da ich ja alles auf dem Luftweg erreiche.

    Auch Haribos ?Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso? steht auf dem Bürokraten-Index. Nun müssen die Haribo-Leute beweisen, dass der Slogan tatsächlich zutrifft. Also holen sie sich eine repräsentative Gruppe durchschnittlicher Personen der Gattung Mensch in ein Labor und stopfen diese mit Süßigkeiten voll, um eine eventuelle Steigerung der allgemeinen Fröhlichkeit zu erfassen. Sollten die europäischen Reglementoranten sich durchsetzen, und danach sieht es derzeit aus, schließlich ab es bereits Grünes Licht aus Berlin, erwartet den werbungschauenden Konsumenten folgender Haribo-Slogan: ?Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso, aber nur in 30,72 Prozent der getesteten Fälle, und die Testpersonen nicht gerade unglaublich traurig sind, weil ein Familienmitglied schwer erkrankt ist oder sie von ihrem Partner verlassen wurden und dieser Hund, Kind, Katze und DVD-Player mitgenommen hat.? Alberner Kram.

    Übrigens, liebe Reglementoreros, es gibt keine Kirschsorte namens Piemontkirsche, bei Barbara Salesch wird alles mit untalentierten Laiendarstellern gespielt und die rote Kutte des Weihnachtsmannes ist eine Erfindung von Coca Cola. Und mal ehrlich, wer Red Bull trinkt und vom Hochhaus springt, um seine Flügel auszuprobieren, ist eh schon an einem Überraschungsei erstickt.

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    Ein Mittag bei Ikea

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Samstag Mittag gegen 12 Uhr fällt meiner Freundin ein, dass sie genau jetzt eine neue Pflanze für ihr Wohnzimmer bräuchte, und wir schleunigst zu Ikea fahren müssten. Als liebender und treusorgender Freund rief ich enthusiastisch: ?Na gut.?

    Dummerweise hatten um dieselbe Zeit etwa 3.723 Leute eine ähnliche Idee, so dass wir eine Stunde in einer Warteschlange voller Menschen stehen, ohne überhaupt zu ahnen, wo sich denn die Kasse befindet. Und schon wird man hinein gesogen in ein Panoptikum wunderlichster Kreaturen.

    ?Der kleine Robin Hill möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden?, schallt es aus dem Lautsprecher, während der einjährige Torben einen Berg Pakete auf dem Einkaufswagen seiner Eltern zu erklimmen versucht. Seine Mutter, Marke Holzspielzeug-Pädagogin, ermuntert ihn dabei mit den Worten: ?Super, Torben.? Seine etwa eineinhalb Jahre ältere Schwester Emelie nimmt das zum Anlass, einen noch höheren Pakete-Berg auf einem wildfremden Einkaufswagen zu erklettern. Während dessen Besitzer in Ermangelung einer anderen Möglichkeit milde genervt vor sich hin lächeln, fordert die Mutter streng: ?Emelie, komm doch bitte, bitte da runter.?

    ?Der kleine Robin Hill möchte jetzt aber wirklich aus dem Kinderparadies abgeholt werden?, sagt der Lautsprecher, während Torben erbarmungswürdig losheult, da er sich zwischen zwei Wandschränken eingeklemmt hat. Sofort eilt die Mutter zu Hilfe und vergisst dabei Emelie, die das schamlos ausnutzt und wahllos Dinge von Mamis Wagen nach Torben schmeißt. Ein weiteres verzweifeltes ?Bitte, Emelie? der Mutter nutzt da auch nichts mehr. Ich wende meinen Blick ab und sehe einen Jüngling, der kurz vor einer Steinigung eines aufgebrachten Mobs steht. Er hatte wohl gewagt, mit der fadenscheinigen Begründung ?Ich habe doch nur zwei Sachen? sich an den Wartenden vorbeizudrängeln.

    ?Robin Hill möchte jetzt ganz dringend aus dem Kinderparadies abgeholt werden?, fleht ein zunehmend schriller werdender Lautsprecher, und ein Familienvater schmiedet perfide Pläne, um einen Tick schneller voranzukommen. Allerdings stößt er auf taube Ohren, da sich seine Teenagersöhne auf der Liege Longlö lümmeln.

    Morbide Neugier treibt meinen Blick wieder zu Torben. Dieser ist endlich befreit, dafür steckt Emelie in einer Krise, da sie irgendwie auf einen Zwei-Meter-Stapel Kisten gelangte, nun aber den Abstieg nicht mehr wagt.

    ?Hol doch endlich irgendeiner Robin Hill aus dem Kinderparadies?, kreischt hysterisch der Lautsprecher, während wir die Pflanze meiner Freundin bezahlen. Mal sehen, vielleicht fahren wir nächste Woche wieder her, um zu sehn, was denn so aus Torben, Emelie und Robin geworden ist.

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    Das Unternehmen des Jahres

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Eingepfercht in einen Menschentransport hat Die Bahn wieder einmal erreicht, dass ich mich schlecht fühle. Sitzplätze im herkömmlichen Sinne sind vergeben an stiernackige Schlipsträger und Unterwasserpädagogen. Gepriesen sei meine Tasche, die wenigstens so tut, als ob sie gemütlich ist. Und das alles an einem Montagmorgen. Ärgerlich das alles.

    Nun ruft auch noch ein Pedant aus der ersten Reihe:

    ?Aber man kann sich doch einen Platz reservieren.?

    ?Nein.?, entgegne ich dem entschieden und führe dieses folgendermaßen aus.

    Man kauft sich eine Fahrkarte, sagen wir mal für einen Sonntag, gleichzeitig ordert man eine Reservierung bei derselben Fahrkartenverkaufsfrau.

    Nun ist es zwar logisch, wenn auch nicht unbedingt zwingend, dass sich die Reservierung und die Fahrkarte auf ein und denselben Zug beziehen. Wenn man aber an dieser Stelle nicht aufpasst, kann es passieren, dass man zwar die Fahrkarte für Sonntag hat, aber ärgerlicherweise eine Reservierung für Samstag, was so richtig eigentlich niemanden nutzt. Ausser der Bahn, da man so schön viele ungenützte Reservierungen verkaufen kann. Da auf dem reservierten Samstagplatz ja gar niemand sitzen kann, da das Ticket ohnehin nur für Sonntag gilt, kann man die Samstagreservierung noch einmal verkaufen an einen Glücklichen, der dann tatsächlich auf eben diesen Platz sitzen darf.

    Mit dieser Praktik läppert sich bestimmt einiges zusammen.

    Allerdings wäre diese Vorgehensweise eindeutig zu clever, und das spreche ich der Bahn grundsätzlich ab.

    Nach der Einführung ihres tollen neuen durchsichtigen Preissystems, scheinen die Fahrkartenvorverkaufsstellen ja tatsächlich höher frequentiert zu sein. Zumindest muss man länger anstehen.

    Jetzt hat Die Bahn ihre Zahlen veröffentlicht und musste höhere Verluste eingestehen als üblich, trotz des prima Systems. Was ja bedeutet, das nicht mehr Leute mehr Fahrkarten kaufen, sonder dass sich der Verkaufsvorgang nur unglaublich in die Länge zieht.

    Und warum?

    Wahrscheinlich hat das geschulte Bahnpersonal ähnlich wenig Ahnung vom neuen Preissystem wie der durchschnittliche Kunde.

    Die Bahn entwickelt eigentlich nur Kompetenz und Kreativität, wenn es darum geht ihre verworrenen Ideen zu verkaufen.

    Zum Beispiel die Sache mit den durchsichtigen Preisen. Wer hat jahrelang dafür gesorgt, dass aber auch niemand genau wusste, was er denn nun am Wochenende in der Gruppe zwischen null und dreiuhrneunundzwanzig unter fünfunddreissig im ICE ohne Sonntag zu bezahlen hat. Und nun verkauft man das Aufdröseln des eigenfabrizierten Preiswirrwarrs als Innovation.

    Allerdings weiß auch nach der Innovation noch niemand, was er denn zu bezahlen oder zu bekommen hat. Aber alles schön durchsichtig. Und durch den Slogan ?Rabatt auf Rabatte? glaubt man zudem, es würde alles billiger, was nur für ein Rentnerehepaar aus München zutrifft, das neben dem Bahnhof wohnt und die dreihundertfünfundsechzig Tage des Jahres am ersten Januar sorgsam geplant hat.

    Letztens wollte jemand dieses Rabattsystem in Anspruch nehmen und begab sich eine Woche vor der geplanten Fahrt zum Bahnhof seines Vertrauens.

    Und überraschenderweise gab es die Rabatte nicht mehr, da nur zehn Prozent der Plätze zur Verfügung gestellt werden. Man sollte also mindestens zwei Monate im Vorraus planen, wann man seine Stippvisite zu Tante Jutta nach Bottrop machen will. Und hoffen, dass man nicht unvermittelt krank wird, oder Tante Jutta vorher stirbt, oder ähnliches. Denn bei solchen Dingen gibt sich die Bahn recht pingelig und trotzig und behält einfach das Geld. Ätsch.

    Einen Riesenspass hat die Bahn auch mit der Bahncard probiert.

    Die alte Bahncard kostete 140,- Euro, und man bekam fünfzig Prozent Rabatt. Diese Zeiten sind vorbei, dachte sich das Management, rieb sich die Hände und zauberte die neue Bahncard hervor, die nur sechzig Euro kostet, aber auch nur 25 % Preisnachlass bietet.

    ?Aber es gibt doch Leute, deren 50 %-Bahncard erst nächstes Jahr abläuft.?, ruft ein Gewitzter aus der Runde des DB-Managerclubs.

    ?Die überreden wir mit einem Brief, ihre Karte umzuschreiben.?, meint Mehdorn, der Heros persönlich.

    Und so bekam der Bahnkartenbesitzer folgenden Brief:

    … Die teure Bahnkarte ist ja nun wirklich blöd und wir bieten an, sie auf die neue umzuschreiben, die ja viel besser ist, und wir wissen wirklich nicht, was wir uns bei der alten eigentlich so gedacht haben, und es kostet auch nur ganz wenige Aufwandsgebühren, die doofe 140,- / 50 %-Karte auf die tolle 60,- / 25 %-Karte umzuschreiben, und wir tun das auch nur, weil wir uns so schämen, und weil wir so nett sind, daher bekommt man also sozusagen für 140,- Euro auch nur 25 % Rabatt, was eigentlich fair ist.

    Vielen Dank. Wir lieben sie alle. Bis zur nächsten Preisnachlassorgie,

    Die Bahn.

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