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  • Zugfahrgedankengut III

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Zu diesem Zeitpunkt denke ich eigentlich gar nichts. Und das möchte ich die Welt wissen lassen. Warum, fragt Horst Schnuppe aus Wuppertal, denkt der nichts.

    Also erstens, es ist viel zu früh am Morgen. Wenn ich in die Gesichter der Mitfahrenden schaue, scheint es um diese Zeit ein normales Symptom zu sein. Das Nichts-Denken spiegelt sich auf ausdruckslosen Gesichtern wider, die aus dem Fenstern oder auf die Lehnen der Sitze vor ihnen starren. Auch die vorüberflitzende Landschaft unter einer Schlafdecke aus Nebel, scheint nicht sonderlich beeindruckt von dem Vorbeizischen des Zuges mit obligatorischen zehn Minuten Verspätung.

    Vor Scham ob dieses Desinteresses, fährt er soeben in einen Tunnel, um mit einem ?Da bin ich wieder? später herauszuschießen, was auch keinen beeindruckt sondern eher abstößt.

    Zweitens, es ist schweinekalt morgens acht Uhr in Deutschland. Und diese Kälte schleicht sich mit Gewalt immer wieder in diesen Zug. Zum Glück hält er nicht zu oft. Aber da in Fulda zweihundertsiebzehn Polizisten aussteigen, dieses ohne Hast tun, die Zeit daher vor sich hin verrinnt, hat die Kälte Zeit und Muße im Überfluss, um mich zu erreichen und mit Frost zu begrüßen. Guten Tag.

    Gefolgt wird die Kälte von einer Kontrolleuse, die mich wiederholt nach meinem Fahrschein fragt, und ich ihr wiederholt erkläre, dass ich tatsächlich einen besitze, sich dieser in den letzten zehn Minuten auch nicht verändert hat und sich im Wesentlichen nicht von anderen Fahrscheinen unterscheidet, und sie müsste Fahrscheine allgemein doch wegen ihrer Berufsausübung zur Genüge gesehen haben.

    Nun mischt sich ein zurückgebliebener Polizist ein, dass sein Fahrschein anders aussehe, und er ihn noch nicht zeigen durfte, obwohl er das doch so unglaublich gerne täte.

    So stellt sich heraus, dass der Polizist mitnichten zurückgeblieben ist, sondern neu zugestiegen, und alle sind plötzlich fröhlich und husten.

    Auch dieses Highlight der heutigen Bahnfahrt verstreicht ungenützt, so dass ein Tunnel in diesem Moment den ICE umschließt.

    Auf einer Leuchttafel steht nun, dass der Zug vor fünf Minuten in Kassel sein sollte. Vielleicht merkt es ja keiner. Aber wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich kein Kassel. Eigentlich sehe ich nicht mal ein Haus. Schade drum.

    Es scheint, als die wäre die Bahn mittlerweile stolz auf ihre permanente Verspätung, so protzen sie damit. Hey, nun hätte Kassel schon vor zehn Minuten passiert werden müssen.

    Vielleicht hat der Bahner an sich auch mit der Zeit ein völlig verqueres Denken angenommen, dass nicht der Zug Verspätung hat, sondern die jeweilige Stadt.

    ?Wir sind pünktlich. Wenn Kassel zu spät kommt, können wir auch nichts dazu.?

    Richtig stolz ist die Bahn anscheinend auch auf ihre Piktogramme. Zumindest weist das Leuchtband immer wieder darauf hin, eben diese Piktogramme doch auch mal zu beachten. Und es sind in der Tat ganz tolle Piktogramme. Da hat man sich richtig Mühe gegeben. Bravo.

    Und nun kommt auch Göttingen zu spät. Ärgerlich sowas.

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    Zugfahrgedankengut II

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Ich bin mal wieder unterwegs und grammatikalische Ungereimtheiten säumen meinen Weg. Ein Beschluss liegt nicht zu fassen in der Luft. Urlaub von der Realität. Garstige Fleckenzwerge niedergemetzelt vom faschistoiden Weißen Riesen. Psychopathisch veranlagte Frauen jagen mit Sprühpistolen imaginären Keimen hinterher.

    Neben mir teilen Subjekte fein säuberlich ein halbes Sandwich und sind mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

    Wind, Wald, Wetter in Eintracht mit bunten Kühen und zwei Pferden. Eingekesselt von Bergen, die in ihrer Freizeit Wahlumfragen fälschen.

    Rasende Landschaft in verzweifelter Bemühung den ICE einzuholen, der schon zehn Minuten Verspätung hat. Damit das keiner bemerkt, bewegt er sich vermehrt im Untergrund und umgibt sich mit Tunneln.

    Außerhalb des Tunnelsystems eröffnet Jens Menger einen Kiosk auf einer riesigen Wiese. Sicher, noch wird er keinen Umsatz machen, aber schon bald wird eine Stadt auf der riesigen Wiese entstehen, da Städte immer um einen Kiosk gebaut werden. Und auf Wiesen.

    Die Subjekte neben mir werden zunehmend laut und unmelodisch. Wahrscheinlich war das Sandwich mit Meskalin versetzt. Ihre Gesichter verzerren wie ihre Stimmen. Dachte man früher, dass sich nur die individuelle Wahrnehmung unter Meskalineinfluss verändert, weiß man heute, dass sich tatsächlich die Welt verändert. Ich zum Beispiel verwandele mich gerade in ein mehrstöckiges Haus mit Fangzähnen und Balkon. Wegen der minderbemittelten Phantasie eines Pfeiferauchers zwei Plätze weiter, mutiert der ICE in eine weiße Riesenschlange, die durch die Landschaft kriecht. Mit fünfzehn Minuten Verspätung.

    Fulda wabert in einem Nebel aus Zuckerwatte, und der Schaffner ruft fortwährend:

    ?Glaskorrosion. Glaskorrosion.?

    Dann bläst er in eine Trillerpfeife und Fulda fährt weiter und spendet Blut für die Katastrophenopferflut.

    Überraschenderweise erblicke ich Bergers Haus, das eigentlich in Göttingen stehen sollte. Das wird ihn ärgern, wenn er das erfährt.

    An dieser Stelle beginnen die Wolken einen perfiden Plan auszuhecken, um Gott aus dem Himmel zu mobben.

    Wie sich später herausstellt, wird dieser Plan gelingen, und Gott widerfährt ein übler sozialer Abstieg. Unter anderem beschließt er Priester zu werden, fragt sich durch die diversen Instanzen, wird von Moslems fast gesteinigt, beginnt ein Theologiestudium, fliegt aber wegen verwegener Ansichten, obwohl sie stimmen, schließlich handelt es sich um Gott. Dann verzweifelt er an der kirchlichen Institution ganz allgemein, fragt sich wie das bloß passieren konnte, fällt vom Glauben ab und verpufft letztendlich.

    Währenddessen habe ich ohne ersichtlichen Grund Schluckauf, was mein persönliches Wohlbefinden stark beeinträchtigt. Und ein Ort namens Steinau posiert protzig neben den Bahngleisen, obwohl das ja ziemlich albern wirkt. Die allgegenwärtige Arroganz dieses Ortes erschreckt mich so sehr, dass ich meinen Schluckauf vergesse, und er mich.

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    Szenen eines Lebens VI

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Während einer Pause in der Schaffenszeit für Geld sitze ich mit Marta und Schalmilla an einem dafür vorgesehenen Tisch, solidarisch gedrittelt. Angeödet durch dröges Arbeitseinerlei und benebelt durch Bürogase versinke ich in tiefste Kulturdepressionen. Das hat sogar einen Grund. Am Freitag gab es den deutschen Vorausscheid für den Grand Prix de la Chanson. Dabei ist es dem Deutschen wieder einmal instinktsicher gelungen, ganz tief ins Klo zu greifen und den zweitgrößten Murks des Abends zu wählen, ein Lied von Ralph Siegel.

    Dieses teile ich den beiden Mitpausemacherinnen mit.

    ?Daran ist das System schuld. Demokratie funktioniert nicht?, ruft Schalmilla erbost.

    Doch Marta gefällt das scheußliche Ralph-Siegel-Machwerk und sagt:

    ?Ich finde das Lied klasse.?

    ?Nein ist es nicht. Schlimmer waren nur noch das polnische Punk-Imitat und völlig unlustige Kanzler-Schröder-Imitation, die ich nicht für Musik im eigentlichen Sinne halte, und die sich daher meiner negativen Wertung entzieht?, argumentiere ich.

    ?Ich finde das Lied klasse?, wiederholt Marta, ?das ist ein richtig supi Stimmungslied.?

    ?Nein ist es nicht. Es ist ein Hohn. Ein Schlag ins Gesicht der Menschheit. Ein Tritt in die Weichteile der Leute mit Geschmack. Dieses Wesen namens Lou hat nur gewonnen, weil die Deutschen ihr Herz für Behinderte entdeckt haben. Vergangenes Jahr hat eine Blinde gewonnen, dieses Jahr mit Lou ein Wesen mit Gesichtslähmung und Gehirnerweichung. Wenn sich der Interpret namens ?Der Junge mit der Gitarre? nächstes Jahr beide Beine bricht und im Rollstuhl auftritt, prophezeie ich hiermit, dass er dann gewinnen wird?, meine ich.

    ?Ich finde das Lied klasse. Und außerdem ist Lou sympathisch?, beharrt Marta.

    ?Nein, ist sie nicht. Hast du ihre Eigendarstellung verpasst? Sie setzte sich eine blonde Langhaarperücke auf den Kopf, steckte sich einen Lolli in ihr Breitmaulfroschgesicht und hielt sich damit für erotisch. ?Schaut mal alle her. Ich bin schon gefühlte 75 Jahre alt, aber ich kann immer noch auf Lolita machen. Dank der Kraft der zwei Herzen. Danke schön?, antworte ich.

    ?E gibt halt verschiedene Geschmäcker?, zickt Marta.

    ?Ja, aber nur einen guten?, murre ich.

    Und plötzlich überkommt mich ein Hustenanfall und ich werde sofort von den Ratiopharm-Zwillingen entführt. Trotz erheblicher Gegenwehr zerren sie mich in eine Apotheke. Dort zwingen sie mich, irgendeinen Hustenlöser zu kaufen.

    ?Aber ich habe mich doch nur verschluckt?, rufe ich verzweifelt.

    ?Oh, Schluckbeschwerden. Da gibt es doch auch was von Ratiopharm?, behaupten die Zwillinge. Ihre Stimmen überschlagen sich vor Verzücken, in ihren Augen glimmt der Wahnsinn.

    Ergeben zahle ich den Hustenlöser, als der Zeichentrickfuchs von Spee auftaucht und einen Fleck auf meinem Hemd entdeckt. Sofort beginnt er zu reimen:

    ?Auf dem Hemd da ist ein Fleck.

    Triefend und starr vor Dreck.

    Früher musste man sowas kochen.

    Das Leben abrupt unterbrochen.

    Dann stand sie still die Welt.

    Doch heute gibt?s für wenig Geld.

    Ein Waschmittel, auf das man zählt.

    Da bin ich Fuchs und Werbeheld.?

    Panisch renne ich von dannen und höre tausend Stimmen aus dem Off, die dieses und jenes in immer hysterischeren Tonlagen anpreisen. Und dann am Schluss folgt eine gewaltverherrlichende Szene, die von der Zensur verboten wurde.

    Das erlaubte Ende wirkt dagegen schal und unbefriedigend, denn wie einst bei zig Folgen Dallas war alles nur ein Traum, und ich erwache am Schreibtisch während der Schaffensphase für Geld.

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    Blick durch die Pophistorie

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Man hat ja eine Zeit lang darüber nachgedacht, ob der amerikanische Popcomputer tatsächlich existiert. Man hat es immer vermutet, aber beweisen konnte man nichts. Und wenn es ihn gibt, wozu ist er eigentlich da?

    Dient er dazu, um Unmengen Geld zu verdienen? Ist er eine Maschine, um die allgemeine Volksverdummung zu beschleunigen? Oder soll er bloß die Unfähigkeit des humanoiden Popproduzenten verdecken?

    Es begann Mitte der Achtziger. Diverse Interpreten schafften es die Popmusik zu perfektionieren, sowie man in den Siebzigern den Rock perfektioniert hatte. So sagt man zumindest.

    Nach dieser Perfektion war dann die Luft raus, und es war den Produzenten peinlich, ihren Namen unter ihre Produkte zu setzen, da sie einfach grauenvoll waren. Grauenvolle Produkte ließen sich zudem auch nicht verkaufen.

    Die Popindustrie begriff, dass ein Mensch keinen besseren Pop herstellen konnte, und so entwickelte man den Popcomputer.

    Der erschuf zwar keine bessere Musik, aber, oh Wunder der Technik, er ließ auf einer Spur eine Suggestivbotschaft laufen, die bei dem durchschnittlichen Konsumenten einen Kaufzwang auslöst.

    Man erfand alberne Produzentennamen wie Stock Aitken Waterman, oder so.

    Mr. Stock war der Hausmeister bei EMI Electrola, Mrs. Aitken die Klofrau bei Virgin Records und Pete Waterman ein entfernter Verwandter der Klofrau aus Iowa.

    Nun erschuf der Computer noch weichgespülte Interpreten wie Rick Astley oder Mel & Kim oder Jason Donovan oder andere One-Hit-Wonders.

    Fertig waren die Bestseller.

    Was in den Achtzigern klappte, funktionierte auch in den Neunzigern. Das Problem war nur, dass sich die Trends recht fix abwechselten. Also schuf der Computer nicht nur eine geklonte Band, sondern diese en Masse.

    Beispiel Boygroups: Take That, N-Sync, Boyzone, Backstreetboys, etc.

    Beispiel Girlgroups: Spice Girls, N-Sync, Girlzone, Backstreetgirls, etc.

    Zwei Monate später erschuf man ?singende? Stoffpuppen ( z. B. N-Sync ).

    In kurzen Abständen folgten alberne Schweizer mit infantilen Namen und abgehackten Bewegungen, spanische alte Säcke mit ihrer Variation des Ententanz (wird auch heute noch gerne in niveaulosen Etablissements mit Gästen, die Wörter wie Niveau und Etablissements noch nie gehört haben, gespielt, da man ?Heeeeeee, Macarena auch mit 7,5 Promille noch prima grölen kann) und diverses anderes Seltsames, an das ich mich zum Glück nicht mehr erinnere.

    Es gibt auch einen deutschen Popcomputer, dessen einziger ?Erfolg? die Erschaffung von ModernTalking war. Inklusive Dieter Bohlen. Und die Gruppe Wind, die aus Versehen mehrmals am Grand Prix teilnahm. Das war in den Achtzigern. In den Neunzigern erschuf er aufgrund eines Programmierfehlers Modern Talking noch mal. Dieselben Variationen des einen Liedes wurden erneut aufgenommen. Und da ein betrunkener Praktikant sinnloses Zeugs dazu ?rappte?, bemerkte der Konsument den Fehler nicht, kaufte die CD noch mal und wunderte sich unterbewusst, dass das ihm irgendwie bekannt vorkommt.

    Techno war übrigens auch ein Fehler im Computer. Man hatte zwischenzeitlich das Betriebssystem auf Windows umgestellt. Nachdem der Boom dann vorbei war, entfernte man Windows wieder, aber seitdem hat der Computer einen leichten Knacks weg und legt unter allem, was er produziert einen Umpf-Bumpf-Dumpf-Rhythmus.

    Außerdem produziert er laufend Lieder, die es schon gibt. Da sich der Fehler nicht beheben lässt, wird es in drei Jahren kein Lied geben, das nicht gecovert worden sein wird.

    Das Schlagerrevival war ein Versehen, das eigentlich jedem in der Plattenbranche leid tut. Man hat die Schuldigen gehängt und versucht Gras über die Sache wachsen zu lassen, da es wirklich jedem sehr, sehr peinlich ist.

    Genauso wird es bald der Verhiphopisierung schlechter Phil Collins Lieder gehen, aber das nur am Rande.

    Nun fragt sich der Leser, warum ich all das hier eigentlich schreibe. Einfach weil sich die Existenz des Popcomputers im Jahr 2001 ganz leicht beweisen lässt:

    Dem Computer ist nämlich ein folgenschwerer Fehler unterlaufen. Er recykelt nicht nur alte Lieder, sondern auch alte Popstars. Dabei vergisst er, dass Menschen eigentlich älter werden müssten.

    Zum Beispiel Morten Harket von a-ha. Mindestens zehn Jahre hörte man nichts von ihnen und letztes Jahr hatten sie plötzlich wieder einen Hit. Kein Problem, aber während die anderen Bandmitglieder mehr Falten und weniger Haare haben, sieht Morten Harket noch haargenau so aus wie damals. Er hat sogar noch dieselben Lederarmbänder.

    Anderes Beispiel: Rick Astley. Es gibt keinen Unterschied zu früher, obwohl sein letzter Hit mindestens anderthalb Dekaden her ist.

    Die Frage ist, wo diese Leute die letzten Jahre gesteckt haben. Entweder sind sie Hologramme, oder sie wurden eingefroren, um sie frisch zu halten. Sollte letzteres der Fall sein, frage ich mich wer denn in den Katakomben der Plattenfirmen noch so liegt. Gibt es vielleicht bald ein Comeback von Limahl, Samantha Fox oder schlimmer F. R. David.

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    Szenen eines Lebens IV

    geschrieben am 17. Februar 2007 von Achel

    Ich besuche den ehemaligen Braunschweiger Filbert, den ein unglücklicher Zufall nach Hannover verschlagen hat. Die Tradition will es, und man kann es ihr nicht verübeln, dass sich Hannoveraner und Braunschweiger nicht ausstehen können.

    ?Üble Tradition?, sage ich, als ich am Döner knabbere.

    ?Aber im Prinzip gerechtfertigt?, meint der Dönerverkäufer und stimmt ein Lied über die allgemeine Relativitätstheorie an, während er an seinem Spieß fröhlich herumschnibbelt.

    ?Schön, Leute zu treffen, die Spaß an ihrer Arbeit haben. Dreh dich nicht gleich um, aber ich glaube, wir werden verfolgt?, meint Filbert.

    Ich drehe mich gleich um und frage: ?Meinst du den Bären von der Bärenmarke oder den Typen von der Schweizer Garde??

    ?Den Bär von der Bärenmarke. Ich habe ihn schon in meiner Wohnung bemerkt, aber ich dachte es wäre ein Zufall? sagt Filbert.

    Ich weiß darauf nichts zu erwidern und bediene mich der Geste des Achselzuckens.

    Gesättigt schlendern wir dann durch die Stadt und befinden uns in einer unangenehmen Situation wieder.

    Es walzt sich nämlich eine Horde wild entschlossener Hannover 96 Fans und einige Hobbyvandalen auf uns zu. Und um des Effektes willen, tun sie dieses unaufhaltsam.

    Grund dafür ist eine unbedachte Äußerung Filberts, die irgendwas mit Hannover im negativen Sinne zu tun hatte.

    Diese Äußerung haben sicher nur die ersten paar Reihen des Mobs gehört, doch auch der Rest folgte, aus Solidarität oder reinem Herdentrieb, dem Beispiel der Vorderen, die sich nach dem eindrucksvollen Walzen nun entschließen, brüllend hinter uns herzulaufen.

    Auch wir brüllen, allerdings aus schierer Panik.

    Es folgt nun eine Verfolgungsjagd, die von Anfang an zu unseren Ungunsten verläuft, da sowohl Filbert als auch ich Raucher sind.

    Doch dann prescht aus einer dunklen Ecke der Bär von der Bärenmarke hervor, stellt sich mutig und ausgesprochen gedankenlos dem Mob in den Weg, ruft so etwas wie ?Halt? und kommt tragischerweise zu Tode, da das Bewegungsmoment einer Meute von mehreren hundert Leuten sehr träge ist und diese nicht so abrupt stoppen können.

    Der Tod dieser unschuldigen Kreatur schockiert den Mob und betroffen schleicht man von dannen.

    ?So was sieht man nicht alle Tage?, sagt Filbert.

    ?Das ist auch eine Tradition?, sagt Passant, der sich unspektakulär in den Dönerverkäufer verwandelt.

    ?Passiert das hier öfter??, frage ich ihn.

    ?Nein, aber zu wünschen wäre es?, antwortet dieser und baut in drei Sekunden eine Dönertasche zusammen.

    Während Filbert zu schluchzen beginnt und in eine tiefe Depression versinkt, bediene ich mich noch einmal der Geste des Achselzuckens und verpuffe.

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