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  • Versicherungs-PR in der Süddeutschen

    geschrieben am 12. Juli 2011 von Jens Berger

    Der Pressekodex sieht vor, dass Anzeigen und redaktioneller Inhalt deutlich voneinander getrennt werden müssen. In Zeiten der rückläufigen Werbeeinahmen bei gleichzeitig zunehmender ökonomischer Abhängigkeit der Printmedien von Anzeigenkunden verschwimmt diese Trennung jedoch mehr und mehr. Wie stark das journalistische Ideal der unabhängigen Berichterstattung darunter leidet, zeigt ein redaktioneller Beitrag in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, der sich mit „Berufsunfähigkeitsversicherungen“ beschäftigt und sich liest, als stamme direkt aus der PR-Abteilung eines Versicherungsanbieters.

    „Richtig versichert – Was man über Berufsunfähigkeit wissen sollte“ – mit diesem Satz, der ebenso gut auf dem Cover einer Merkbroschüre eines Versicherers stehen könnte, überschreibt SZ-Autorin Alina Fichter einen Artikel, der die Leserschaft in sieben Punkten über das Thema Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) aufklären soll. Doch anstatt die Thematik im Sinne und Interesse der Leser kritisch zu analysieren, ist der Artikel als These-Antithese-Modell konstruiert, bei dem die BU-kritische These von der SZ jeweils durch eine BU-freundliche Antithese entkräftet wird. Ein solcher Aufbau mag für PR- und Werbezwecke durchaus sinnvoll sein, in einem redaktionellen Artikel hat er einen äußerst schalen Beigeschmack – vor allem dann, wenn einige wichtige redaktionellen Angaben falsch sind.

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    Sigmar Gabriels (Parallel-)Welt

    geschrieben am 11. Juli 2011 von Gastautor

    ein Gastbeitrag von Thorsten Hild

    Zufall, oder nicht? Während ich den Gastkommentar von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel im Tagesspiegel, “Es geht um die Wiederentdeckung der sozialen Gesellschaft“, lese, höre ich Bob Dylans “Times – They Are a Changing“. Gerade krächst Dylan aus dem Lautsprecher: “…you’d better start swimming or you’ll sink like a stone, for the times, they are a changing…” Ich stelle mir vor, Gabriel hat seinen Gastkommentar nicht nur selbst geschrieben, sondern auch diesen Dylan-Song dazu im Hintergrund gehört. Wer weiß. Wenn ja, muss er ihn gründlich missverstanden haben: statt beherzt loszuschwimmen gerät er mächtig ins Schwimmen – und der Leser mit ihm.

    Wie man es schon von SPD-Fraktionschef Steinmeier in der Oppositionsrolle gewohnt ist, arbeitet sich auch Gabriel gleich zu Beginn an der Regierung ab, anstatt eine eigenständige Vision und den dazugehörigen Politikentwurf zu liefern – und er versinkt in diesem zugegeben trüben Gewässer wie ein Stein. Denn was unterscheidet die derzeitige Verfassung der SPD etwa von der von Gabriel kritisierten Koalition aus Union und FDP, die er als “Dauertalksendung ohne Moderation” abkanzelt? Und meint Gabriel etwa ernsthaft, dass die SPD derzeit mehr ist als “keine Dauerwerbesendung für Politik”? “Good Morning Parallelwelt!”, möchte ich da am liebsten schreien. Aber Schreien liegt mir nun einmal nicht. Aber die Gedanken sind ja zum Glück frei, oder nicht? Bei genauerem Hinsehen bin ich mir da allerdings schon seit längerem auch nicht mehr so sicher!

    Und was ist hiermit: “Viele Menschen haben das Gefühl, Politik habe keinerlei Sachbezug mehr, sondern sei nur ein zynisches Spiel um Macht und Machterhalt. Die aktuelle Bundesregierung liefert dafür jeden Tag einen neuen Beweis.” So Gabriel. Die SPD etwa nicht? Was ist etwa mit der inhaltsleeren Kanzlerkandidatendebatte in der SPD? Was ist mit dem abgewürgten Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin? Was ist mit der Position der SPD zum Nato-Einsatz in Libyen? Für welche Inhalte steht die SPD? Wie verhält sie sich zu ihrer eigenen, in ihrer Regierungsverantwortung ausgeübten Politik – Agenda 2010, “Verteidigung Deutschlands am Hindukusch”, Rente mit 67, Niedriglohnsektor, Liberalisierung der Finanzmärkte – deren Folgen sie jetzt als Opposition wenig beherzt und schon gar nicht “behirnt” angreift? Noch einmal: “Good morning Parallelwelt!”

    Dann folgt allerdings ein wahrer Satz: “Die Demokratie lebt aber davon, dass Menschen ihren gewählten Vertretern nicht nur etwas abfordern, sondern auch etwas zutrauen.” Wann aber haben die Menschen ihren gewählten Vertretern denn zuletzt etwas abverlangt? 1998 vielleicht, als die Sozialdemokratie mit einem sozialen Versprechen an eben diese Wähler in die Regierung gewählt wurde – die Wähler stattdessen aber Sozialabbau, Einkommens- und Vermögenskonzentration noch nie dagewesenen Ausmaßes und Krieg geliefert bekamen? Und hätte Gabriel nicht viel eher fragen müssen, warum die Menschen ihren gewählten Vertretern eben immer weniger zutrauen – und konsequenterweise immer weniger Zutrauen zu ihren so genannten Volksvertretern haben, sich von ihnen ergo immer weniger vertreten fühlen? “Good Morning Parallelwelt!”

    Und im folgenden Satz kulminiert das Worthülsenspiel zur – nennen wir es höchsten Worthülsenreife: “Nicht Rechts- oder Linksradikale sind die wahren Gefahren für die Demokratie, sondern Ohnmacht, Apathie und Politikverachtung. Es kommt deshalb vor allem darauf an, Menschen wieder Mut zur Beteiligung zu machen.”

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    Fremdschämen mit den taz-LeserInnen

    geschrieben am 11. Juli 2011 von Jens Berger

    Was hat die taz sich nur gedacht, als sie ihrem Autoren Deniz Yücel den Platz für eine ironisch-satirische Kolumne gab? Yücel ist ein echter Spaßvogel und Provokateur. Bereits zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 (die echte!) schrieb er für die taz die Kolumne “Vuvuzela”, in der er das “Sommermärchen”, den Fußball-Chauvinismus und die Berichterstattung der Medien durch pointierte Überspitzung karikierte. Eines seiner Highlights war die Folge “Vuvuzela 25 – Schämt Euch ihr Gurken, in der er “unsere Lieblinge” nach dem Ausscheiden gegen Spanien so richtig durch den Kakao zog. Das taz-Publikum war größtenteils amüsiert, obgleich es natürlich auch damals Unbelehrbare und Humorabstinenzler gab, die Yücel am liebsten des Landes verweisen wollten – na klar, ein Autor mit dem Namen Yücel darf doch nicht “unsere Jungs” kritisieren.

    Ein Jahr später findet die WM im eigenen Lande statt, aber diesmal gelten auch für Humorfragen verschärfte Sicherheitsbedingungen. Jedes Kind weiß doch – über Randgruppen lacht man nicht. Und da Feministen das weibliche Geschlecht – das immerhin die Bevölkerungsmehrheit stellt – offensichtlich als Randgruppe sehen, gibt es in der taz, die ansonsten nicht viel von Fußball hält, natürlich kein kritisches Wort zur WM, dafür jede Menge Hype und Gesinnungsrichtlinien. Na klar, Blätter wie die taz oder “Der Freitag” bezeichnen sich selbst als emanzipatorisch, da muss man dann halt so etwas schreiben, der StammleserIn wird es sicher goutieren. Gäbe es da nicht diesen Deniz Yücel, der den politisch korrekten medialen Ringelpietz durch seine Satire indirekt der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

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    Sport als Fortführung des kalten Krieges mit anderen Mitteln

    geschrieben am 11. Juli 2011 von Gastautor

    ein Gastartikel von Andreas Trzoska

    Es ist Fußball-WM der Frauen in Deutschland. Gleich zu Beginn gab es ein “Highlight”. USA gegen Nordkorea. Da der sportliche Wert dieser Partie für mich stark untergeordnet war, ergab sich eine gute Möglichkeit der Medienbeobachtung. Ich erwarte bei sowas eigentlich Neutralität und Objektivität. Es bietet aber auch die Chance, auf zweierlei Maßstäbe und Bigotterie. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

    Das Spiel wurde im ZDF dargebracht als Kampf der Systeme. Das ist zwar so nicht gesagt worden, der Kommentator Norbert Galeske legte sich aber “ordentlich” ins Zeug. Kaum ein Vorurteil wurde ausgelassen, Plattitüden inclusive. Gleich nach 2 Minuten wird “Coach Kim” negativ charakterisiert. “Er führt seine Manschaft sehr sehr straff, … kaum ein Lachen ist im Training zu vernehmen.” Ist das nicht Bestandteil der guten alten preußischen Tugenden? Alles eine Frage der Auslegung. Nun gut, glauben wir es, das Training der Nordkoreanerinnen ist also straff und es gibt kein Lachen.

    Später gibt Galeske von sich: “Nordkorea hat sich verschanzt, völlig abgeschottet. Kein Medienvertreter hat Einblick in die Trainigsmaßnahmen.” Das ist doch mal spannend. Wie kommt Herr Galeske dann zu seiner ersten Aussage? Kaffeesatzleserei? Oder wird einfach nur ein Klischee bedient? Würde er mal beim Partnersender ARD nachsehen, wäre ihm nicht verborgen geblieben, dass Nordkorea längst nicht mehr so abgeschottet ist. Am Samstag, den 09.07.2011 um 18.20 lief dort die Dokumentation “Sport in Nordkorea” von Hajo Seppelt. Auch das ZDF-Auslandsjournal berichtet gelegentlich aus Nordkorea .

    Relativ am Anfang des Spiels heißt es dann “Der große Star Jo Yun Min”, später erfahren wir aber, dass die Mannschaft ein Kollektiv sei, keine Stars habe. Diese Plattitüden kennt man von sowjetischen/russischen Mannschaften, die ohne groß ihren Spielstil geändert zu haben, heute sehr positiv in unseren Medien bewertet werden. Nach spätestens 8 Minuten kann Herr Galeske auch emotional nicht mehr verbergen, wem hier eindeutig seine Sympathien gehören. “Schwerer Fehler jetzt, Achtung im Strafraum!” schreit er, als die Nordkoreanerinnen eine Chance haben. Dem Ausschrei war ein besonderes Bonmot vorausgegangen, als Galeske wieder Kalte-Kriegs-Rhetorik zum Besten gab bzw. stammelte: “Der Sozialismus immernoch geprägt in diesem Land, die alten Maßnahmen im Trainingsgebiet, im Trainingsbereich des Stalinismus immer noch angewandt in Nordkorea … Schwerer Fehler jetzt, Achtung im Strafraum.” Später wird er aufgrund dieser Aussage einen Eiertanz aufführen müssen, denn Coach Kim hat an der DHfK in Leipzig studiert, da Leipzig aber nicht mehr böse ist, hat er dort nicht etwa die “Maßnahmen im Trainingsbereich des Stalinismus” her, sondern hat dort sein “Wissen erweitert”.

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    Vivat, vivat

    geschrieben am 08. Juli 2011 von Stefan Sasse

    Von Stefan Sasse

    Auf SpiegelOnline findet sich einmal mehr eine Lobhudelei auf Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat der SPD. Der Autor, Roland Nelles, macht vier Probleme aus, die dieser bei den Wahlen 2013 als Spitzenkandidat haben könnte. Vorher ergeht er sich allerdings erneut in den Fähigkeiten, die Steinbrück zum idealen Spitzenkandidaten machen: Der Mann ist einfach gut, kantig, kompetent, nicht verschwurbelt. Ein Macher, Anführer und so weiter. Logo, dass er gut ankommt. Er sticht heraus aus der ewig gleichen Röttgen-Merkel-Westerwelle-Leier, er weckt politische Phantasien, Hoffnungen: auf ein besseres Deutschland, eine coolere Regierung, klare Verhältnisse, zackiges Durchregieren. Herrlich. Aha. Politische Phantasien weckt Steinbrück? Welche denn? Die Tugenden, die Nelles hier herausstreicht, sind Tugenden die beim deutschen Wähler tatsächlich ankommen. Durchregieren, zackig, schluss mit Kompromissen! Ja, das freut das deutsche Herz. Wenn es keine Kompromisse zu schließen gibt, wenn man auf die Partei und das Parlament so richtig scheißt, das sind die Zeiten, die der Deutsche für großartig demokratische hält. Nichts könnte falscher sein.

    Warum die Redakteure an den grünen Tischen Steinbrück lieben ist nicht schwer zu verstehen, und Nelles liefert diese Gründe auch gleich mit: Steinbrück bedient diese Sehnsucht gekonnt. Er macht genau dort weiter, wo der gescheiterte Ex-Liebling der Deutschen, Karl-Theodor zu Guttenberg, aufgehört hat. Er gibt den Mann mit Überzeugungen, der anders als der Rest der Politiker-Truppe nicht beim ersten Widerstand einknickt. Er macht keine Kompromisse, er wirft seine eigenen Ideale nicht über Bord. Ganz genau. Steinbrück ist Guttenberg reloaded, oder, um es exakter zu sagen, er ist ein wiedergekehrter Gerhard Schröder. Medien stellen Politik gerne in Personen dar, das war schon immer so. Röttgen und Merkel liefern keine Personengeschichten. Steinbrück, Schröder, Guttenberg – die sind kantig, die bringen Zitate, wenige Worte lang, gerade richtig für Überschriften. Ich würde ihn auch lieben.

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