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  • Afrika: Zwei Briefe an einen An-der-Macht-Kleber

    geschrieben am 11. Februar 2011 von Jens Berger

    Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Andreas Fecke, Venance Konan und Tiburce Koffi

    Mitte und Ende Januar dieses Jahres flohen die beiden ivorischen Schriftsteller und Journalisten Venance Konan und Tiburce Koffi aus ihrer Heimat, der Côte d’Ivoire/ Elfenbeinküste. Seit Anfang Dezember 2010, kurz nach der entscheidenden 2. Runde der fünf Jahre lang immer wieder verschobenen Präsidentschaftswahl ist diese, 2002 in eine nördliche “Rebellen”- und eine größere “loyale” Zone geteilte und 2007 durch ein Arrangement der Machtteilung politisch wieder zusammengeführte Nation die einzige auf der Welt mit zwei gesamtnationalen Präsidenten: dem ehemaligen und nicht scheiden wollenden Laurent Gbagbo und dem international anerkannten Alassane Ouattara, der die von der UNO gemäß verschiedener Resolutionen und inner-ivorischen Abkommen kontrollierte und zertifizierte Wahl mit etwa 54% gegen 46% gewonnen hatte.

    Herr Gbagbo (ausgesprochen: Bahboh) und seine Regierung stützen sich auf alte Machtstrukturen und Kameraden, auf Armee sowie Polizei und berüchtigte Sicherheitskräfte, auf die “staatlichen” Massenmedien und auf eine ethnisch-politisch fanatisierte Jugend seiner Ethnie, der Bété, dem Rekrutierungspotenzial von “privaten” Gbagbo-Milizen. Herr Ouattara und seine Regierung sind immer noch hinter Schutztruppen der UN-Mission UNOCI und Einheiten ehemaliger nördlicher Rebellen im Abidjaner Golf Hotel verschanzt – um alle herum steht ein Ring von Gbagbo-treuen Truppen. Ouattara baut auf seinen rechtmäßigen Status, ausnahmslose internationale Anerkennung und Unterstützung auch seitens der Afrikanischen Union und insbesondere seitens der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten(internationale Sanktionen wie Kontensperren und Reiseverbote laufen gegen rund 70 hohe Verantwortliche des Gbagbo-Regimes), auf die Milizen im Norden, seit einigen Wochen auf die Kontrolle der ivorischen Finanzen – und natürlich seine Anhänger, bislang meistens die Opfer von Terror und selber eher defensiv gewalttätig.

    Fast wie ein Negativfoto der - so, aber vielleicht nicht mehr, darf man es momentan wohl nennen - Veränderungen in manchen arabischen Ländern Nordafrikas nach den Volksaufständen gegen die Autokraten in Tunesien und Ägypten erscheint also die ebenso blutige, aber unglaublich hoffnungslosere Situation in diesem, für die ehemaligen westafrikanischen Kolonien Frankreich’s typischen Land am Golf von Guinea. Kein geeinter Aufstand “Volk gegen Regime” ist in Sicht, denn Volk und Gesellschaft wurden nach vielversprechenden Anfängen und Entwicklung nach der Entkolonisierung von verschiedenen Kräften fast planvoll parzelliert.

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    Operation am offenen Geschichtsbuch

    geschrieben am 10. Februar 2011 von Jens Berger

    Wie eine Wissenschaftsdisziplin ihre eigene Geschichte schreibt und ein DDR-Mythos bis heute nachwirkt.

    ein Gastartikel von Fabian Russin

    Dresden ist nicht nur die Landeshauptstadt Sachsens, sondern auch eine Stadt, in der das Streitgespräch gepflegt wird. Der Leser wird sich an dieser Stelle unter Umständen an den ausufernden Streit um die Waldschlösschenbrücke erinnern. Es wird jedoch nicht nur um aktuelle Ereignisse gestritten, sondern auch um die wechselhafte Geschichte.

    Zankapfel ist die Person Rainer Fetscher. Der gebürtige Wiener wirkte seit 1922 in Dresden als Arzt wie auch als Eugeniker (siehe auch Rassenhygiene). Im Zuge seiner Tätigkeit erstellte er unter anderem eine „Erbbiologische Kartei“, in der er Kriminelle und deren Familien erfasste. Ziel dieser Kartei war die Erfassung von sogenannten „biologisch Minderwertigen“, welche im Dritten Reich massenweise sterilisiert und später im Rahmen der Aktion T4 vergast wurden. Fetscher fiel jedoch bei führenden Nationalsozialisten in Ungnade, da er in einer Schrift behauptet hatte, dass eine rein nordische Ehe nicht möglich sei. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurde er 1934 in den Ruhestand versetzt.

    Daraufhin versuchte Fetscher auf verschiedene Weise sich dem System anzudienen. So trat er noch im selben Jahr in die SA ein. In dem ebenfalls 1934 erschienenen Buch „Rassenhygiene – Eine Einführung für Lehrer“ legte Fetscher seine Etikette schließlich zur Gänze ab. Hier fordert er Lehrer auf „sterilisierungsbedürftige“ Kinder anzuzeigen, er spricht von Juden als Parasiten in „Wirtsvölkern“ und fordert zudem die „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“. Für diese Ausmerze biete sich, laut Rainer Fetscher, die Erfassung kranker Familien in „besonderen Karteien“ an. Fetscher offeriert hier offensichtlich seine Kartei für die Vorbereitung der massenweisen Ermordung kranker Menschen! Schreibt der Arzt hier auch in einer Radikalität, die den Nationalsozialisten hätte gefallen können, so blieb ihm die berufliche Rehabilitation dennoch verwehrt. Er fand schließlich 1945 unter nicht genau geklärten Umständen den Tod.

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    Integration statt Kulturkampf!

    geschrieben am 09. Februar 2011 von Jens Berger

    Ein Offener Brief in Sachen “LSE German Symposium 2011 – Integrationsdebatte”

    Anm. d. Red.: Dieser offene Brief wurde – Stand gestern nachmittag – bislang von mehr als 50 deutschen Studenten und Akademikern in Großbritannien unterzeichnet und wurde mir von den Initiatioren mit der Bitte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt
    Jens Berger

    Wir sind irritiert von der Einladung Thilo Sarrazins und Henryk M. Broders zur Auftaktveranstaltung des „German Symposium“ zum Thema „Integrationsdebatte: Europas Zukunft – ‚Untergang des Abendlandes‘?“ an der London School of Economics and Political Science (LSE) am 14.02.2011. Beide Autoren haben maßgeblich zur Verunsachlichun…g der Integrationsdebatte und der Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland beigetragen. Der Titel der Veranstaltung bedient sich kulturkämpferischer Parolen, während mit der Einladung eines Vertreters deutscher Muslime der Diskussionsschwerpunkt auf eine religiöse Minderheit fehlgeleitet wird.

    Die Äußerungen der Herren Sarrazin und Broder verfälschen Kausalitäten und blenden zentrale Ursachen dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen aus. Die Integrationsforschung hat für letztere wiederholt sozio-ökonomische Faktoren als Hauptursachen ausgemacht. Stattdessen sehen Herr Sarrazin und Herr Broder eine pathologische, religiös und kulturell bedingte Integrationsunwilligkeit in Deutschland lebender Minderheiten (insbesondere Muslime). Herr Sarrazin versteigt sich gar zu einer „Verbindung von Erbbiologie und Kultur“ (Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2010).

    Um den Herausforderungen unserer Einwanderungsgesellschaft lösungs- und zukunftsorientiert zu begegnen, bedarf es einer rational geführten Diskussion und der Inanspruchnahme wissenschaftlicher Erkenntnisse. So werden bundesweit bereits vielfältige Programme auf politischer Ebene erfolgreich umgesetzt. Diese zielen insbesondere auf Chancengleichheit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt ab. Somit wird zu einem Bewusstsein beigetragen, gemeinsam auf eine Verbesserung der Situation hinzuarbeiten. Doch stattdessen führt die defätistische und kulturkämpferische Argumentation in Schriften wie Sarrazins Deutschland schafft sich ab (2010) und Broders Hurra, wir kapitulieren! (2006) zu Spaltung statt Verständigung, während ernsthafte Vorschläge zur Behebung sozialer Missstände ausbleiben. Die Stigmatisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durch Herrn Sarrazin gefährdet den gesellschaftlichen Frieden. So bezeichnete etwa der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Äußerungen Herrn Sarrazins als „rassistisch“ und auf „niedrigste Instinkte“ abzielend (Stephan J. Kramer, Der Tagesspiegel, 13.10.2009). Sowohl Herr Sarrazin als auch Herr Broder warnen vor einer angeblich drohenden Islamisierung Europas und reihen sich somit in eine europaweite Ansammlung von islamophoben Publizisten und Politikern ein.

    Selbstverständlich muss jede Debatte kritisch geführt werden und möglichst alle lösungsorientierten Sichtweisen mit einbeziehen. Gleichzeitig ist es ebenso selbstverständlich, dass das Gebot der Achtung der Menschenwürde zu respektieren ist. Insbesondere Herr Sarrazin hat sich durch seine empirisch widerlegten, provokativen und in einigen Teilen hetzerischen Publikationen und öffentlichen Auftritte für eine sachlich geführte Diskussion disqualifiziert. Herrn Broder ist, wie aus seinen öffentlichen Beiträgen geschlossen werden kann, an einer konstruktiven Debatte ebenso wenig gelegen.

    Wir, deutsche und Deutschland eng verbundene StudentInnen und AkademikerInnen in Großbritannien, wenden uns deutlich dagegen, dass die Integrationsdebatte zur Eröffnung der „LSE German Week“ auf diese Provokateure – sie wurden anfangs als „iconic public figures“ bezeichnet (*) – statt auf anerkannte Experten setzt.

    Die LSE gilt zu Recht als eine der weltweit führenden sozialwissenschaftlichen Hochschulen, die großen Wert auf ihre Weltoffenheit und internationale Studentenschaft setzt. Der German Society dieser Universität sollte in diesem Sinne daran gelegen sein, ein weltoffenes Deutschland, das den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist, zu repräsentieren, anstatt auf einem unzulänglich besetzten Panel den polemischen, gesellschaftsspaltenden und unwissenschaftlichen Thesen der Herren Sarrazin und Broder eine prominente Plattform zu bieten.

    (*) Wir begrüßen, dass die anfänglich gewählte Formulierung “public iconic figures” in Bezug auf die Redner am Di., 08.02.11, in “public figures” geändert wurde.

    Dieser Offene Brief wurde (seit Dienstag, 8. Februar 2011) von über 100 in Großbritannien ansässigen Studenten und Akademikern unterzeichent. Eine vollständige Liste aller auch außerhalb Großbritanniens ansässigen Unterzeichner ist bald unter https://sites.google.com/site/integrationdebatelse/ abzurufen. Jene, die noch unterzeichnen möchten, koennen eine E-Mail an OpenLetterLSE@gmail.com senden, samt Namen, Position und Einrichtung (nur zu Identifikationszwecken).

    Unterzeichner (alphabetisch nach Nachname; Institutionen nur zu Identifikationszwecken aufgeführt)

    ABKÜRZUNGEN

    KCL – King’s College London

    LSE – London School of Economics and Political Science

    SOAS – School of Oriental and African Studies (University of London)

    UCL – University College London

    UNTERZEICHNER (Stand 11.02.2011)

    1. Nabila Abdel Aziz, Studentin, SOAS

    2. Dr. Arshin Adib-Moghaddam, Universitätsdozent, SOAS

    3. Prof. Dr. Nadje Al-Ali, Leiterin des Centre for Gender Studies, SOAS

    4. Dr. Jasser Al-Kassab, Forscher, University of Cambridge

    5. Moritz Altenried, Master-Student, Goldsmiths, University of London

    6. Ruth Augustin, Studentin, University of Aberdeen

    7. Boris Barth, Master-Student, LSE

    8. Anjulie Baryalei, Master-Studentin, LSE

    9. Dr. Sam Behjati, Academic Clinical Fellow, UCL Institute of Child Health

    10. Clemens W. Bethge, Edinburgh; Doktorand, Universität Tübingen

    11. Felix Binder, Visiting Student, University of Oxford

    12. Sebastian Bock, Master-Student, LSE

    13. Marit Boeker, Doktorandin, University of Essex

    14. Julia Bohlmann, Master-Studentin, University of Edinburgh

    15. Wolfram Bosbach, Visiting Scholar, University of Cambridge

    16. Oliver Bräunling, Doktorand, University of Nottingham

    17. Phil Butland, Absolvent, University of Warwick

    18. Thomas Clausen, Bachelor-Student, University of Cambridge

    19. Hadydeh Eftekhar, Master-Studentin, SOAS

    20. Stefanie Ellwanger, Master-Studentin, LSE

    21. Dörthe Engelcke, Doktorandin, University of Oxford

    22. Anja Erbel, Master-Absolventin, SOAS

    23. Mark Erbel, Doktorand, KCL

    24. Maria Exner, Master-Studentin “Culture & Society”, LSE

    25. Ali Fathollah-Nejad, Doktorand, Universität Münster & SOAS

    26. Steffen Fischer, Master-Student, SOAS

    27. Fabian Flues, Master-Student, UCL

    28. Sebastian Frowein, Master-Absolvent, SOAS

    29. Juliana Gaertner, Absolventin, SOAS

    30. Katharina Gnath, Master-Absolventin, LSE

    31. Katharina Goetze, Master-Studentin, University of Oxford

    32. Katharina Graf, Master-Studentin, SOAS

    33. Dr. Yvonne Gruender, Research Associate, University of Manchester

    34. Mathias Haeussler, Master-Student, University of Cambridge

    35. —

    36. Lisa Hashemi, Master-Absolventin, SOAS

    37. Trina Hassanyar, Studentin, London

    38. Hans Martin Hermann, Graduate Student, University of Oxford

    39. Maria Hetzer, Doktorandin, University of Warwick

    40. Johannes Himmelreich, Student, LSE

    41. Vinzenz Himmighofen, Master-Student, SOAS

    42. Dr. Konrad Hirschler, Senior Lecturer, SOAS

    43. Monika Hufnagel, Master-Studentin, SOAS

    44. Robert Hümmer, BA-Absolvent, Middlesex University London

    45. Lars Ismail, Student, University of Edinburgh

    46. David Ramin Jalilvand, Master-Student, LSE

    47. Lili Jassemi, Master-Studentin, SOAS

    48. Valentin Jeutner, Student, University of Oxford

    49. Carsten Jung, Master-Student, LSE

    50. Benjamin Kafka, Master-Absolvent, University of Sussex

    51. Dr. Hyo Yoon Kang, Master-Absolvent, LSE (jetzt: Assistant Professor, University of Lucerne)

    52. Marina Khatibi, Independent Researcher, SOAS

    53. Gabriel Klaeger, Doktorand, SOAS

    54. Anna Knaps, Doktorandin, KCL

    55. Roman Kirsch, Student, LSE

    56. Stefanie Carola Kirster, Master-Studentin, SOAS

    57. Anna-Dorothea Klopf, Studentin, Edinburgh Napier University

    58. Julia Körner, Studentin, University of Cambridge

    59. Judith Kunert, Master-Absolventin, LSE

    60. Philipp Krakau, Master-Student, University of Oxford

    61. Juliane Krueger, Doktorandin, University of Essex

    62. Heike Langbein, Master-Studentin, SOAS

    63. Tobias Lenz, Doktorand, University of Oxford

    64. Friederike Mehl, Absolventin, University of Edinburgh

    65. Sibille Merz, Master-Studentin, Goldsmiths College, University of London

    66. Daniel Neumann, Student, University of Leicester

    67. Carsten Nickel, Master-Absolvent, LSE

    68. Barbara Nickl, Master-Studentin, University of Manchester

    69. Philipp Nielsen, Bachelor- und Master-Absolvent, LSE (jetzt: Doktorand, Yale University, USA)

    70. Martin Niemetz, Doktorand, LSE

    71. Cornelius Nohl, Master-Absolvent, LSE

    72. Dr. Kerem Öktem, Research Fellow, University of Oxford

    73. David Parduhn, Master-Student, University of Sussex

    74. Robin Reuben, Student, University of Essex

    75. Sophie Richter-Devroe, Lecturer in Gender and Middle East Studies, University of Exeter

    76. Charlotte Röhren, Bachelor-Studentin, SOAS

    77. Doerthe Rosenow, Doktorandin, KCL

    78. Jan Rosenow, Doktorand, University of Oxford

    79. Dr. Christina Scharff, Lecturer, KCL

    80. Nikolas Scherer, Master-Student, University of Warwick

    81. Lena Schipper, Master-Studentin, University of Oxford

    82. Theresa Schlagheck, Graduate Student, University of Oxford

    83. Anne Schollmeyer, Master-Studentin, University of Sussex

    84. Guido Schulz, Master-Student, University of Sussex

    85. Britta Schuster, Master-Studentin, SOAS

    86. Julian Schwartzkopff, Student, University of Cambridge

    87. Philippe Seidel, Master-Absolvent, LSE

    88. Tenzin Sekhon, Bachelor-Student, SOAS

    89. Barbara Sennholz-Weinhardt, Doktorandin, UCL

    90. Viktor Siebert, Master-Student, LSE

    91. Dr. Hans Steinmüller, Lecturer, LSE

    92. Christian Streil, Master-Student, SOAS

    93. Fabian Stremmel, Doktorand, SOAS

    94. Adnan Tabatabai, Master-Student, SOAS

    95. Dr Daniela Tepe, Lecturer, KCL

    96. Alexej Ulbricht, Doktorand, SOAS

    97. Johannes Vielberth, Master-Student, University of Oxford

    98. Vera Weghmann, Master-Studentin, SOAS

    99. Linus Westheuser, Student, KCL

    100. Julian Windmöller, Praktikant, Deutsches Historisches Institut London & Student, Universität Tübingen.

    101. Moritz Winter, Master-Student, LSE

    102. Charlotte Wohlfahrt, Master-Studentin, University of Sussex

    103. Peter Wolf, Student, Anglia Ruskin University

    104. Ali Zaherinezhad, Bachelor-Student, SOAS

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    Seid umschlungen, Diktatoren!

    geschrieben am 08. Februar 2011 von Jens Berger

    Undank ist der Welten Lohn! Was sollen eigentlich junge, aufstrebende Talente, die sich für das Berufsbild des Diktators entschieden haben, denken, wenn sie sich das unwürdige Geschachere um die wohlverdiente Altersruhestätte des scheidenden ägyptischen Diktators Husni Mubarak anschauen müssen? Der gute Mann hat dem Westen immerhin über 30 Jahre treu gedient und die Erwartungen, die man in ihn setzte, übererfüllt. Ja meint denn die verweichlichte westliche Öffentlichkeit, der Herr Mubarak hätte freiwillig Oppositionelle foltern lassen? Nein, das tat ihm sicherlich genau so weh wie den Folteropfern und der Westen sollte lieber dankbar sein, dass es immer noch selbstlose Diktatoren gibt, die ihm die Drecksarbeit abnehmen.

    Dass sich Husni Mubarak seine treuen Dienste mit einer inoffiziellen Aufwandsentschädigung von rund 50 Milliarden Euro kompensiert hat, kann doch niemanden ernsthaft stören. Das Volk hätte das Geld eh nur für sinnlose Dinge wie Brot oder Billigtextilien aus China ausgegeben – davon profitiert die deutsche Volkswirtschaft nicht. Wer bitteschön soll sich denn unsere schönen Luxusexporte vom Schlage eines Porsche Cayenne leisten? Ägyptische Bauern? Wohl kaum. Aber das sieht in diesem Land natürlich wieder einmal niemand ein. Stattdessen wird unser treuer Diener am Suez-Kanal auch noch in den Dreck gezogen. Er soll in Deutschland Milliardenwerte “gebunkert” haben, so ein FDP-Außenpolitiker. Seit wann spricht man eigentlich so despektierlich von Direktinvestitionen? Sind die Abermilliarden, die Jahr für Jahr aus den Musterdemokratien am Persischen Golf in Deutschland investiert werden, nun etwa auch Bunkergut? Nein, denn es gibt schließlich einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen Diktatoren und Ex-Diktatoren. Um sich das Wohlwollen – und natürlich das Geld – aktiver Diktatoren zu sichern, sollte man jedoch gesteigerten Wert auf den Umgang mit Ex-Diktatoren legen. Denn jeder aktive Diktator weiß, dass er schon morgen Ex-Diktator sein kann und legt daher natürlich einen besonderen Wert auf das Diktatoren-Entsorgungsprogramm seiner demokratischen Förderer und Verbündeten.

    Dictator-Relationship-Management für Dummies

    In Zeiten des Kalten Krieges gab es zwei potentielle Großabnehmer für ausgebrannte Diktatoren – die USA und die Sowjetunion. In der Sowjetunion war es jedoch kalt und dummerweise brach sie zum gleichen Zeitpunkt zusammen wie die meisten der von ihr gestützten Diktaturen, was eine fachgerechte Entsorgung erschwerte. Auch die USA waren nie ein wirklich guter Altersruhesitz für Diktatoren. Als besonders ärgerlich stellte sich im Laufe der Zeit die politische Wankelmütigkeit und der immanente Undank des demokratischen Systems heraus. So wurde beispielsweise der treue Schah, Mohammad Reza Pahlavi, der von den USA erst ins Amt geputscht wurde, nach seinem Sturz und einem kurzen Krankenhausaufenthalt in New York auf einem abgeschirmten Luftwaffenstützpunkt entsorgt und dann mit Hilfe der treuen Diktatur Ägypten in Kairo endgelagert. All dies nur, weil bärtige Islamisten aus Protest die US-Botschaft in Teheran besetzt hatten.

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    Kanonen gegen Online-Spatzen

    geschrieben am 07. Februar 2011 von Jens Berger

    Es kann der Frömmste nicht in Frieden verlinken, wenn es dem bösen Medienmogul nicht gefällt. Wenige Tage nach dem offiziellen Launch der Kommentar-Plattform Commentarist haben die Verlagshäuser SZ und FAZ dem kleinen Startup-Unternehmen durch Abmahnungen und Androhung “massiver rechtlicher Schritte” den Stecker gezogen. Die Macher von Commentarist haben ihren Dienst erst einmal pausiert und überlegen sich nun, wie sie weitermachen wollen. Rechtlich befinden sich viele Blogs und Plattformen im Graubereich. Das Vorgehen der Verlagshäuser ist jedoch im höchsten Maße kontraproduktiv – es wirkt eher so, als wolle man anhand von Commentarist ein Exempel statuieren, das sich vor allem gegen Blogs und kleine Internetdienste richtet. Doch der Graubereich droht sich bereits bald noch weiter zu verdunkeln, wenn die Verleger mit ihrer Idee vom Leistungsschutzrecht durchkommen sollten.

    Innovation

    Die Plattform Commentarist ist ein Aggregator für Kommentare und Meinungen. Die Datenbank umfasst dabei über 1.000 Journalisten von 16 Nachrichtenseiten. Mittels eines Algorithmus unterscheidet Commentarist Nachrichten von Kommentaren, da nur letztere für den Dienst relevant sind. Auf der Seite des Portals werden nämlich Kommentare und Meinungsartikel der großen Leitmedien zusammenfassend angezeigt. Der geneigte Leser erhält dadurch einen schnellen Überblick, welche Kommentare zu bestimmten Themen geschrieben wurden. Da nur die Überschrift und ein kurzer Anriss zum Artikel veröffentlicht werden, wird der Leser dabei aufgefordert, interessante Artikel anzuklicken und auf der Seite des jeweiligen Verlagshauses zu lesen. Eigentlich sollten die Verlage über einen solchen Aggregator froh sein, beschert er ihnen doch zusätzliche Leser, mit denen sie zusätzliche Online-Werbeeinnahmen generieren können. Viele Verlage – und vor allem deren Journalisten – nahmen das Angebot auch begeistert auf, nur die Süddeutsche und die FAZ fühlten sich ganz und gar nicht geschmeichelt und ließen ihre Anwälte auf das kleine Startup los.

    Zwei Fallbeispiele aus Verlegersicht

    Was wollen die beiden Verlagshäuser eigentlich? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf zwei Fallbeispiele. Auch Rundfunkstationen – vor allem die öffentlich-rechtlichen – senden seit jeher ihre Presseschau und publizieren sie heutzutage selbstverständlich auch online. Anders als kleine Startups oder gar Blogs sind die öffentlich-rechtlichen Sender jedoch dank der Gebührenmilliarden in der komfortablen Position, die Verwerter für die Vermittlung von potentiellen Lesern auch noch zu bezahlen. Öffentlich-rechtliche Sender und große Unternehmen, bei denen Pressespiegel intern genutzt werden, haben sich mit den Rechteinhabern über einen Rahmenvertrag mit der VG Wort und der PMG gegen etwaige Klagen der Rechteinhaber abgesichert. Für die Verlage, die sich im Regelfall alle Rechte von den Autoren übertragen lassen, ist dies natürlich ein gutes Geschäftsmodell. Kleine Startups und Blogs können die anfallenden Gebühren jedoch nicht tragen, zumal vor allem Blogs meist nicht-kommerziell aufgestellt sind. Außerdem stellt sich an dieser Stelle natürlich die Frage, warum man als Blogger oder Aggregator Geld dafür bezahlen soll, dass man den Verlagshäusern Leser – und somit Werbeeinnahmen – zuführt.

    Wie sich die Verlage einen Aggregator vorstellen, zeigt Branchentycoon Hubert Burda mit seiner Plattform nachrichten.de. Zwar bietet die eher lieblose und technokratische Plattform dem Leser keinen nennenswerten Nutzen, dafür besticht sie allerdings durch ihr Finanzierungsmodell. Nachrichten.de beteiligt die Verlage, deren Content verlinkt und angerissen wird, mit 20% der “Netto-Netto-Erlöse” aus den Werbeeinnahmen. Den Artikel weiterlesen »

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