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  • Gazelle-Magazin – Da geht doch noch was!

    geschrieben am 09. April 2011 von Gastautor

    zum Hintergrund: Das multikulturelle, eigenfinanzierte und unabhängige Frauenmagazin “Gazelle” steht vor dem Aus. Momentan versuchen Macher und Sympathisanten über Facebook den Rettungsschlag – mit 1.000 neuen Abonnenten wäre das Überleben des Blattes und damit ein Stück Vielfältigkeit auf dem Sektor der Frauenmagazine, der so sehr von Seichtigkeit, PR und Schleichwerbung durchsetzt ist, wie kaum ein anderer, gesichert. Der Spiegelfechter unterstützt das Projekt vorbehaltlos und hat selbst – als nicht-migrationshintergründelnder Mann – ein Soliabo abgeschlossen ;-)

    ein Gastartikel von Nadia Shehadeh

    Ist es machbar, gemeinsam das Print-Magazin „Gazelle“ vor dem Aus zu bewahren? Wir sagen: Es ist unbedingt einen Versuch wert! Denn: Vielleicht ist man gemeinsam ja doch etwas stärker.

    Wir haben uns auf Philibuster ja schon oft darüber beschwert, dass sich unsere Gesellschaft in letzter Zeit besonders dadurch auszeichnet, dass an vielerlei Stelle verteidigungswürdige Kernnormen massiv wackeln und Tendenzen der Entsolidarisierung immer mehr unser Denken einnehmen – Facebook-und Twitter-Aktivismus hin oder her. Man hat den Eindruck, dass einiges nicht mehr so klappt. Vielleicht hat einiges aber auch einfach noch nie geklappt, und vielleicht wird dieses „Früher war alles besser“-Lamentieren auch nur aus dem Wunsch geboren, dass vielleicht doch mal was passiert. Irgendwie. Dass man sich ein bisschen intensiver die Hand reicht, dass man etwas genauer zuhört, dass man Dinge einfach mal wahrnimmt und dass man dann beschließt, mit den bescheidenen Mitteln, die man so hat, mal etwas zu tun. Für eine gute Sache. Weil, vielleicht geht ja noch was. Klar, man kann nicht immer überall sein, und die Welt retten geht schon mal gar nicht, aber so etwas wie ein bisschen mehr Achtsamkeit schadet ja nicht. Vor allem nicht hinsichtlich der Themen, die jeden Tag so untergehen, weil irgendwo wieder die Hölle los ist. Und manchmal ist es so, dass das „Machbare“ ja quasi direkt vor der Haustür liegt. Wie im aktuellen Fall vor unserem Philibuster-Törchen.

    Volle Power Non-Profit

    Worum es heute also geht: KollegInnen von uns haben ein Problem, und zwar ein ausgewachsenes. Eins, das in diesem Zusammenhang quasi existenziell ist. Es geht um die „Gazelle“, ein Print-Magazin, das seit 2006 eigenfinanziert herausgegeben wird und bis heute ein reines Non-Profit-Projekt ist. Im Feuilleton wird die „Gazelle“ oft und gern als „Magazin für Migrantinnen“ angepriesen, was natürlich völliger Quatsch ist. Abgesehen davon, dass der Terminus „MigrantIn“ im öffentlichen Diskurs als klassifizierende Kategorie mittlerweile zum dümmlichsten gehört, was Schubladendenken zu bieten hat, ist die „Gazelle“ nämlich nicht mehr und nicht weniger als der langfristige Versuch, geltende Print-, Presse- und Rezipienten-Regeln mal ordentlich aufzusprengen – einfach, indem hier mal konsequent anders gedacht und geschrieben wird, und zwar: Für alle. Und das ist ein anstrengender Schweineritt, der dazu führt, dass jede Ausgabe das bestehende Team bis an die Grenzen der Belastbarkeit treibt. Jeder, der neben seinem Hauptjob ein Projekt aus Herzensgründen betreibt, der sich schon mal mit Verlagsagenturen, Risikokapitalgebern und Businessplänen auseinander setzen musste, der sich Nächte und Wochenenden um die Ohren schlägt, nur um „die Sache“ am Leben zu erhalten, weiß, was das heißt: Stress, Schlafmangel, Erschöpfung. Kalte Finger auf der Computer-Tastatur, weil nachts um zwei der Kreislauf eigentlich schon nicht mehr will. Kaffee bis zum Exodus, der im Extremfall solange in sich reingeschüttet wird bis die Magenschmerzen anfangen. Gespräche, Termine, Mails und Netzwerkarbeit bis der Arzt kommt, und nebenbei der ganz normale Budenkoller mit seinem Team, mit dem man quasi schon verheiratet ist. Das alles begleitet von der Frage, wie lange man sich das alles eigentlich noch geben kann, weil unsicher ist, wie lange so etwas überhaupt noch machbar ist.

    Kann man die 1000 knacken?

    Und all das nehmen die Gazelle-MacherInnen seit Jahren in Kauf, um auf dem Print-Markt ein längst überfälliges Medium zu platzieren, das einen genaueren Spiegel auf unsere pluralistische Lebenswelt wirft. Um uns ein Crossover-Produkt anzubieten, das beispielsweise gegen die betulichen und teilweise positiv-rassistischen Multi-Kulti-Versuche der etablierten Blätter anstinkt – zuletzt übrigens zu bewundern unter anderem in der „Brigitte“ beim Galore-Fail „Migrantinnen zeigen Sommertrends“. Und über all das wollen wir mal sprechen. Vor allem jetzt, da es so aussieht, dass der bisher recht einsame Kampf der „Gazelle“ bald jäh verloren sein könnte. Das ganze Ausmaß des Marathon-Endspurts lässt sich auch genau beziffern: Tausend neue Abonnenten braucht es, um das endgültige Einstellen des Magazins zu verhindern. Tausend neue Leser, die auf der einen Seite vier Mal im Jahr einwandfreien Lesestoff frei Haus geliefert bekommen und auf der anderen Seite damit dazu beitragen können, ein wichtiges Projekt in Deutschland am Leben zu erhalten.

    Einfach mal ein bisschen Welle machen

    Klar kann man nun einwerfen, dass die ganze Sachlage auf Marktstrukturen rückführbar ist, man kann auf die Wechselwirkungen von Angebot und Nachfrage hinweisen oder auch darauf, dass die Zeit vielleicht noch nicht reif ist für ein derartig gelagertes Produkt, aber hey, letzten Endes könnte man vielleicht auch sagen: Man kann es ja mal versuchen. Weil es um ein gutes und bewährtes Produkt geht, das von einer kompetenten Mannschaft auf die Beine gestellt wird. Weil man mal wieder und vielleicht zumindest im Kleinen die Möglichkeit hätte, auch alternative Kanäle zu unterstützen. Und weil man nicht warten muss, bis irgendwo Unsummen Marketing-Budget reingepumpt werden, damit man sich angesprochen fühlt. Insofern würden wir uns wie Bolle freuen, wenn Ihr mit uns ein bisschen auf den aktuellen „Gazelle“-Fall aufmerksam macht und wir gemeinsam Bewegung generieren könnten. Einfach, weil man multikulturelle Presseaktivitäten vielleicht nicht immer nur den allgemein bekannten Altherren und –frauen überlassen sollte und es schade wäre, wenn die „Gazelle“ allein als Achtungserfolg in die Annalen eingehen müsste. Und weil wir wie gesagt denken: Da geht doch noch was!

    Nadia Shehadeh

    Nadia Shehadeh bloggt auf Philibuster

    113 Kommentare

    Buchbesprechung: Stéphane Hessel – Empört Euch!

    geschrieben am 08. April 2011 von Markus Weber

    Das Büchlein “Empört Euch!” von Stéphane Hessel (auszugsweise bei der FAZ zu lesen) hat in Frankreich wie international große Aufmerksamkeit erregt und wird als wegweisende politische Streitschrift gefeiert. Der Autor prangert darin aktuelle globale Missstände, vom Abbau der Sozialsysteme und der Dominanz der Finanzmärkte über Fälle von Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Umweltzerstörung, an und appelliert an die heutigen, vor allem die jüngeren Generationen, diesen gegenüber nicht gleichgültig zu sein, sondern sich zu empören.

    So ehrenhaft und richtig die Intentionen des Verfassers sind, liefert der Text jedoch wenig Neues – und wenig Konkretes. Es handelt sich eher um eine wenig strukturierte Gedankensammlung. In dieser sind die Beschreibungen der heutigen Probleme wenig detailliert ausfallen und die Appelle zum Widerstand gegen diese ziemlich allgemein gehalten. Auch ist Hessels zentrale These, dass nur die Empörung zu politischer Aktivität führen kann und man sich heute Gründe zur Empörung suchen solle, schon recht fraglich. Kann ein solches Engagement nicht auch aus nüchterner Erkenntnis von schweren Fehlern der aktuellen Gesellschaft und der Einsicht in die (sachliche und moralische) Notwendigkeit aktiven Entgegenhaltens entspringen?

    Zentraler Inhalt und die Ursache seiner Kritikpunkte ist letztendlich die neoliberale Ausgestaltung der Politik in den letzten Jahrzehnten. Hessel erläutert dabei aber nur kurz, welche Folgen die neoliberale Politik – vor allem in Frankreich – hatte und dass die, wie er sich ausdrückt, „internationale Diktatur der Finanzmärkte“ schädlich ist. Hier hätte man deutlich mehr leisten können. Er benennt zwar recht viele weitere Probleme, beispielsweise den Abbau des Sozialstaats, die Zunahme der internationalen Ungleichheit, die Kriege der USA, wachsende Ausländerfeindlichkeit, die gefährdete Unabhängigkeit der Presse, Rückschritte beim Klimaschutz – und versäumt es auch nicht, auch Erfolge der letzten Jahre zu benennen – er liefert jedoch keine genaueren Erklärungen oder gar Analysen, zeigt wenig Zusammenhänge auf.

    Zwar führt er aus, dass die heutige Welt komplex sei, es nicht immer leicht sei, “Schuldige auszumachen”, neigt aber in seinen wenigen Ausführungen zu gesellschaftlichen Ursachen der kritisierten Probleme dann doch zu Personalisierung (egoistische Banker) statt zu strukturellen Analysen. Auch wenn seine Kritik an Egoismus und an der übergroßen Macht bestimmter Schichten und Akteure über Wirtschaft, Politik und Medien zweifelsohne Richtiges trifft – die Gefahr, sich in seiner Empörung einen einfachen Sündenbock zu suchen, ist vorprogrammiert. Nur kurz reißt er etwa Themen wie den Wachstumszwang des Kapitalismus an oder mahnt, dass der Abbau des Sozialstaates keineswegs alternativlos ist.

    Als wichtigste heutige Aufgaben der Menschheit sieht er das Eintreten gegen Armut und für internationale Gerechtigkeit, die Menschenrechte und den Zustand der Erde an. Er bietet aber darüber hinaus kein weiteres Gegenprogramm – und nennt auch nicht solche, die die Probleme der Gegenwart angemessen erfassen und zu deren Lösung beitragen könnten. Seine häufige Berufung auf das Regierungsprogramm der französischen Résistance von 1944 – in dem auch zahlreiche soziale Rechte begründet wurden, die er heute gebrochen sieht – und auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen wirken leider recht allgemein und zudem, auch wenn sicher nicht so vorgesehen, etwas legalistisch. Freilich ist es auch schon ein großes Verdienst, Probleme aufzuzeigen, Aufmerksamkeit zu schaffen, und man kann sicher nicht erwarten, auf 19 Seiten das Rad neu zu erfinden – auch wenn manches was er schreibt – wie, dass es schlecht ist, wenn heute Menschen verhungern und unterdrückt werden – wohl auch ein Neoliberaler unterschreiben würde. (Die Richtung der Schrift ist aber klar links, und als progressiv einzuordnen.)

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    120 Kommentare

    Bild: Im Namen des Volkes gegen dessen Interessen

    geschrieben am 08. April 2011 von Jens Berger

    Das Mysterium „Bild“ beschäftigte schon Generationen von Medienkritikern, auch die Nachdenkseiten haben ihre Kampagnen gegen den Sozialstaat, gegen Transfer-Empfänger und Minderheiten analysiert. Nun haben sich auch Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) an die Aufgabe herangewagt, Deutschlands größte Tageszeitungzu analysieren. In ihrer Studie »Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde« gelingt es den beiden Autoren, die Bild ein Stück weit zu entmystifizieren und einen Blick auf einige ihrer Wirkmechanismen zu werfen. Auch wenn noch viele Fragen offen bleiben, so stellt die aktuelle OBS-Studie eine wertvolle Hilfe für all diejenigen dar, die sich ein genaueres Bild von der Bild machen wollen.

    Wer würde der Aussage widersprechen, dass die Bild-Zeitung das am stärksten polarisierende Medium der Republik ist? Wahrscheinlich niemand – und genau in der Polarisierung besteht der große Erfolg der Bild-Zeitung. Doch streng genommen ist diese Aussage falsch – zum Polarisieren gehört nämlich nicht nur eine große Gegnerschaft, sondern auch eine große Anhängerschaft. Die Bild ist zwar Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung, öffentlich bekennende Anhänger sind jedoch eher Mangelware. Bild stützt sich vielmehr auf eine von ihr selbst ernannte „schweigende Mehrheit“.

    Die wohl überraschendste These des Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Arlt und des Publizisten Wolfgang Storz ist, dass es sich bei der Bild gar nicht um ein journalistisches Produkt handelt. Um journalistischen Mindeststandards zu genügen, müsste die Bild nicht nur journalistisch arbeiten, sondern zunächst einmal überhaupt den Vorsatz haben, den Leser zu informieren. Das ist bei der Bild aber gerade nicht der Fall. Die Bild bildet die Realität nicht ab, sie versucht die Wirklichkeit nach ihrer Weltsicht zu formen, und wenn ihr das nicht gelingt, beschreibt sie eben eine Scheinrealität. Was nicht in das Raster der Bild-Meinung passt, wird ignoriert. Statements werden nicht rezipiert, sondern selbst produziert. Diese Charakterisierung mag in abgeschwächter Form auf viele Medien zutreffen, in einer derartigen Konzentration ist sie jedoch nur bei der Bild-Zeitung zu finden. Die Bild ist demnach eher ein PR-Organ in eigener Mission, nicht „Fakt“, sondern „Fiktion“. Der fehlende Wahrheitsanspruch und die mangelnde Übereinstimmung mit der Realität werden dabei nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sind geradezu Grundpfeiler der Blatt-Strategie.

    Die „Pleite-Griechen“-Kampagne

    Um die Methodik der Bild-Zeitung zu sezieren, untersuchten Arlt und Storz exemplarisch die Bild-Berichterstattung während der Euro- und Griechenland-Krise. In den Monaten März bis Mai 2010 erzählte die Bild-Zeitung ihren Lesern eine von Anfang an „durchgestylte“, dramaturgisch aufbereitete Fiktion, die mit der Realität nur ansatzweise etwas zu tun hatte und mit ökonomischer Rationalität schon gar nicht, die aber wegen ihrer emotionalen Stilblüten nationales Interesse hervorrief. Das Drehbuch war denkbar einfach, von Stereotypen durchzogen und appellierte dabei nicht nur an altbekannte Ressentiments, sondern auch an niedrigste Instinkte.

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    Wasserkraftnutzung im Wiesental

    geschrieben am 07. April 2011 von Gastautor

    ein Gastartikel von Christoph Jehle

    Energiewende, mehr Erneuerbare, dezentrale Stromerzeugung, das sind die Schlagworte, die derzeit durch den Raum schwirren, als wären es neue Erkenntnisse. Vieles davon gibt es schon lange und in manchen Regionen hat es sich sogar gegen denkbar viele Widerstände über Jahrzehnte erhalten. Eine dieser Regionen ist das Wiesental im Südschwarzwald, das vom Feldberg, dem höchsten Berg im Schwarzwald nach Süden entwässert und bei Basel in den Rhein mündet. An der Wiese und ihren Zuflüssen sind heute 71 Wasserkraftwerke mit einer gesamten Nennleistung von 12,39 MW in Betrieb. Von den in Süddeutschland häufigen Westwinden und den östlich des Schwarzwaldhauptkamms abregnenden Wolken ausgiebig mit Regen versorgt, sorgen die Turbinen im Wiesental für eine kontinuierliche Stromproduktion. Wie in den meisten Mittelgebirgen waren Wasserkraftanlagen auch im Schwarzwald seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Ursprung und Keimzelle der Versorgung mit elektrischem Strom. Zahlreiche dezentrale Kleinkraftwerke vorsorgten Handwerks- und Industriebetriebe und zunehmend auch Privatkunden, die es sich leisten konnten. Mit der Gründung von Landeselektrizitätsgesellschaften wie dem Badenwerk, einer der Vorläufergesellschaften der heutigen EnBW in Karlsruhe, wurden viele kleine Wasserkraftwerke stillgelegt. Oft war die Stilllegung der eigenen Wasserkraft zwingende Voraussetzung für eine Belieferung durch den Regionalversorger. Gerade zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders wuchs der Strombedarf von Industriebetrieben und kleinen lokalen Stromversorgern. Für viele Wasserkraftanlagen, die teilweise weniger Leistung hatten, als ein heutiger Mittelklasse-PKW, kam spätestens dann das Ende. Mittel und Wege, eine Stilllegung der Eigenerzeugung durchzusetzen, gab es in ausreichender Zahl.

    Das Wiesental und hier speziell das hintere Wiesental von Todtnau bis Utzenfeld wich von dieser Entwicklung deutlich ab, weil in diesem Tal die Stromversorgung zu dieser Zeit der Wasserkraft-Stilllegungsaktionen in den Händen der Stadtwerke Todtnau und der Firma Elektrizitätswerk Hödle, einem Familienbetrieb in Utzenfeld lag, deren Vorgehensweise deutlich von den Gebräuchen der großen Regionalversorgern abwich. Vielleicht lag es auch an der Mentalität der häufig als stur beschriebenen Schwarzwäldern, dass an der Wiese nicht nur alte Anlagen überleben konnte, sondern auch zahlreiche neue Werke errichtet werden konnten.

    Am Oberlauf der Wiese zwischen Fahl und Utzenfeld werden heute 11 Wasserkraftanlagen mit einer Leistung zwischen 28 und 220 kW betrieben. Die Gesamtnennleistung dieser Anlagen beträgt etwa 790 kW.

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    „Ich hoffe, dass in den Verlusten auch ein Zeichen von Abwendung steckt“ – Interview mit Günter Wallraff

    geschrieben am 06. April 2011 von Jens Berger

    Die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) hat wieder einmal einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien geworfen. Nachdem die Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz im letzten Jahr den Wirtschaftsjournalismus vor und während der Wirtschafts- und Finanzkrise begutachteten, analysierten sie in diesem Jahr die Berichterstattung Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung während der Euro- und Griechenlandkrise. Die Studie »Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihr Mägde« wird heute im Printformat veröffentlicht und am Freitag ausführlich auf den NachDenkSeiten vorgestellt. Bereits heute möchten wir unseren Lesern das Interview der OBS-Autoren mit dem Enthüllungsjournalisten und BILD-Kenner Günter Wallraff vorstellen.

    Herr Wallraff, wie beschreiben Sie „Bild“?

    WALLRAFF: Sie ist eine Art Wundertüte, da ist alles drin – Unterhaltung, menschliche Dramen, zum Konsum aufbereitet, Sex, Verbrechen, Appelle an niedere Instinkte. So verschieden die Themen auch sind, in einem gleichen sie sich: Es durchzieht sie der Charakterzug der mal subtilen, mal grobschlächtigen Beeinflussung. Es gibt ein Meinungsdiktat. Das gilt für jede einzelne Geschichte: Das ist die Wahrheit, hier steht sie, so war und so ist das. Und es gibt ein Diktat, welches das gesamte Blatt prägt. Eine sehr eindeutige Haltung, vor allem wenn es um politische Interessen geht. „Bild“ bedient immer die Interessen des konservativen Lagers, das ist eine Konstante. Das gilt vor allem, wenn Wahlkampf ist. Da ist Verlass auf „Bild“: Es wird immer der jeweils konservativste Kandidat unterstützt und der andere entweder ignoriert oder offen bekämpft. Das hat sogar Gerhard Schröder in seiner Amtszeit zu spüren bekommen, obwohl er sich dem Blatt für jede Homestory öffnete, obwohl er sich einen „Bild“-Mann als Regierungssprecher holte, obwohl er Hardliner-Sprüche losließ gegen Sexualstraftäter und straffällig gewordene Ausländer, obwohl er „Bild“ adelte, indem er sagte, er brauche zum Regieren nur „Bild“, „BamS“ und „Glotze“. Im Wahlkampf hat ihm das dann nichts mehr genützt …

    Aber den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber im Jahr 2002 und Angela Merkel im Jahr 2005 hat es umgekehrt letztlich doch auch nichts genützt …?

    WALLRAFF: Das ist vom Ergebnis her in diesen beiden Fällen richtig. Von „Bild“ unterstützt zu werden, das ist heute – im Gegensatz zu früher – weniger denn je eine Garantie, Erfolg zu haben. Aber auch in diesen Fällen gilt: „Bild“ hilft. Ich versuche einmal, den möglichen Einfluss und die Kraft von „Bild“ zu beschreiben. Das Blatt hat sicher die Kraft, in solchen Wahlkämpfen die Stammwähler mit zu mobilisieren, mit bestimmten Kampagnen, die für den konservativen Kandidaten sprechen oder die seinen Gegenkandidaten denunzieren, Angst vor ihm schüren. „Bild“ hat meines Erachtens – besonders in politischen Auseinandersetzungen – eine Kraft zur Zerstörung: Indem sie Inhalte falsch oder etwas falsch darstellt, aus dem korrekten gültigen Zusammenhang herausreißt und in einen falschen hineinsetzt. Wenn der Wahlausgang knapp zu werden droht und „Bild“ in der Schlussphase eine entsprechende Kampagne gegen den nichtkonservativen Kandidaten startet, kann das schon die Entscheidung bringen. Zumal „Bild“ Kombattanten hat, die, wenn das Jagdhorn ertönt, mitmachen und ebenfalls losschlagen, nicht nur in Behörden und Parteien, auch in anderen Medien. Ich befürchte, dass diese Netzwerke im Medienbereich sogar stabiler und größer geworden sind. Wenn Journalisten um ihre Arbeitsplätze bangen oder junge Journalisten noch gar keinen richtigen Arbeitsplatz haben, überlegen sich viele, ob sie es sich mit einem potenziellen künftigen Arbeitgeber „Bild“ und damit Springer verscherzen oder ob sie sich ihn vorsorglich gewogen machen. Es ist doch heute so: Wenn Sie sich als Journalist mit Springer und „Bild“ anlegen, dann haben Sie faktisch einen großen, mächtigen Arbeitgeber weniger. Wenn Sie mit denen paktieren, dann haben Sie nicht einen potenziellen Arbeitgeber weniger, sondern einen mehr. Denn „Bild“ gut zu finden und dessen Themen und Weltbilder zu verstärken, das ist doch heute, im Gegensatz zu früher, für keinen Verlag mehr ein Grund, jemanden nicht einzustellen – im Gegenteil. Aus alldem schließe ich, dass „Bild“ mit seinen Netzwerken eine Macht in dieser Gesellschaft ist.

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