Vom Staatsbürger in Uniform zum Rambo in Flecktarn
geschrieben am 08. September 2009 von Spiegelfechter
Angela Merkel brachte die neue Vorwärtsverteidigungsdoktrin der deutschen Sicherheitspolitik heute im Bundestag auf den Punkt – Deutschland sei im Visier von Terroristen, wie schließlich der vereitelte Anschlag der Sauerlandzelle beweise. Der Terrorismus sei aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und nicht umgekehrt – der Bundeswehreinsatz in Afghanistan sei somit eine Reaktion, die im dringenden Interesse Deutschlands wäre. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Unverfrorenheit, den von Deutschland geführten Krieg in Afghanistan als Reaktion auf den vereitelten Bombenbau deutscher Terroristen in spe im Sauerland darzustellen.
Merkels verwirrende Logik liegt jedoch voll im Zeitgeist modernen Denkens. Als die NATO zum ersten – und bisher einzigen – Male in ihrer Geschichte den Verteidigungsfall erklärte, stellte dies den Beginn ihres Krieges gegen Afghanistan dar ? wegen eines Anschlags, der mehrheitlich von Saudis begangen wurde, die aus saudischen Quellen finanziert wurden und sich hauptsächlich in den USA und Deutschland vorbereitet haben. Für die Bundeswehr ergibt sich durch den neuen Zeitgeist ein gravierendes Problem – sie ist als Parlamentsarmee gegründet worden. Die Gründungsväter der Bundeswehr hätten sich jedoch im Traum nicht vorstellen können, dass ausgerechnet das Parlament eine Bedrohung für ihr Konzept einer demokratischen Verteidigungsarmee wird.
Als die Bundeswehr gegründet wurde, war Deutschland noch ein ganz anderes Land. Ein Land, in dem bekehrte Pazifisten, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nie wieder zur Waffe greifen wollten, die Mehrheit ausmachten. Adenauer hatte sein liebe Mühe und Not, die Bundeswehr und die Wehrpflicht gegen den Willen seines Volkes durchzusetzen. Die Bundeswehr war ein Produkt des Kalten Krieges und der Westintegration Deutschlands.
Die Geschichte hätte auch anders verlaufen können ? 1952 bot die Sowjetunion der BRD und den Westalliierten in der Stalin-Note an, ein wiedervereinigtes und selbstständiges Deutschland in den Grenzen der Potsdamer Konferenz zuzulassen, wenn dieses Deutschland neutral bliebe und kein Bündnis einginge, das sich gegen eine der vier Siegermächte richtet. Adenauer und die Westalliierten prüften Stalins Angebot noch nicht einmal, die BRD sollte integraler Bestandteil eines neuen Westbündnisses werden und dafür sollte sie auch eine Armee, die Bundeswehr, unterhalten dürfen.
Die Anfänge der Bundeswehr waren konfliktgeladen ? der überwiegende Teil der Offiziere diente bereits in der Wehrmacht und stand nicht eben für einen Aufbruch in neue demokratische Zeiten. Adenauer beantwortete dies mit der lakonischen Feststellung, dass die NATO ihm nun einmal keine 18jährigen Generäle abnehmen würde. Der demokratische Geist sollte jedoch in die neue Armee einfließen – gegen Kadavergehorsam, Landsertradition und militaristisches Dünkel, für eine demokratische Armee, in der das Grundgesetz auch gelebt wird. Unter dem Schlagwort der ?inneren Führung? wurde eine Armee angestrebt, die sich aus denkenden Staatsbürgern in Uniform zusammensetzt und möglichst tief in das demokratische Gefüge der jungen Bundesrepublik integriert ist. Auch wenn die ?innere Führung? von Anfang an von ?Traditionalisten?, die sich eine neue Wehrmacht oder eine neue Reichswehr wünschten, unter Beschuss genommen wurde, war die Bundeswehr bis zum Ende des Kalten Krieges ein Erfolgsmodell. Sie war eine Armee, die nach dem Prinzip, kämpfen zu können, um nicht kämpfen zu müssen, geführt wurde; eine parlamentarische Verteidigungsarmee, mit grundgesetzlich eng umrissenen Aufgaben.
Mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes stand die Bundeswehr plötzlich ohne Feind dar. Die NATO, die eigentlich ihr Ziel erreicht hatte und sich hätte auflösen können, suchte stattdessen nach neuen Aufgaben. Um diesen Aufgaben, die damals als ?Out-of-Area-Einsätze? hitzig debattiert wurden, gerecht zu werden, musste die Bundeswehr einen Transformationsprozess einleiten. Während deutsche Soldaten zunächst lediglich zu rein humanitären oder defensiven Einsätzen außerhalb des NATO-Gebietes eingesetzt wurden, ging die Transformation Stück für Stück weiter. Aus der Verteidigungsarmee, die das Kämpfen erlernte, um nicht kämpfen zu müssen, wurde eine schlagkräftige Einsatzarmee, die auf Kriegseinsätze getrimmt wurde.
Das Prinzip der ?inneren Führung? verkam dabei immer mehr zum Inhalt von Sonntagsreden, aus dem Staatsbürger in Uniform wurde der Rambo in Flecktarn. Dieser Prozess ist allerdings noch nicht abgeschlossen, in der Bundeswehr gibt es auch viele Stimmen, die sich gegen diese Transformation wehren. Aber da die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist und das Parlament eine neue Armee ohne die ?Altlasten? des Kalten Krieges will, stehen Kritiker innerhalb der Bundeswehr, die Staatsbürger in Uniform, auf verlorenem Posten.

Da die überwiegende Zahl der Bürger keine Kriegsarmee will, die weltweit die Interessen deutscher Politik und derjenigen, die die Interessen deutscher Politik bestimmen, durchsetzt, hat sich in den letzten Jahren eine bigotte Diskussion um die Aufgaben der Bundeswehr entwickelt. Die Befürworter einer Kriegsarmee und die ?Neo-Traditionalisten? versuchen die Bundeswehr als eine Truppe humanitärer Aufbauhelfer mit leichter Bewaffnung darzustellen. Doch die Bundeswehr ist kein kaserniertes THW, sie ist eine Armee. Eine Armee, die die Interessen des deutschen Parlaments mit Waffengewalt im Ausland durchsetzen soll.
Armeen demokratischer Staaten sind ? frei nach Clausewitz ? Werkzeuge der Politik. Armeen sind nicht gut oder böse ? genau so wenig, wie ein Hammer gut oder böse ist, mit ihm kann man ein Krankenhaus bauen oder einem Unschuldigen den Schädel einschlagen. Auch eine moderne internationale Interventionsarmee ist nur ein Werkzeug, um eigene Interessen durchzusetzen. Entscheidend für das Bild der Armee sind jedoch die Interessen des Parlaments. Hätten die westlichen Staaten beispielsweise ernsthaft erwogen, den Zusammenbruch Jugoslawiens mit Hilfe ihrer Armeen so zu gestalten, das möglichst wenig zivile ? und militärische ? Opfer mit ihrem Leben dafür bezahlen, so wäre das Massaker von Srebrenica nie passiert. Nicht die Soldaten westlicher Armeen im Kriegsgebiet waren feige, sondern die Politiker, die kein robustes Mandat anstrebten. Als sich in Ruanda der Völkermord an den Tutsi ankündigte, dem später rund 900.000 Menschen zum Opfer fallen sollten, hätten ? nach Aussagen des kanadischen Blauhelm-Kommandeurs Roméo Dallaire ? 5.000 UN-Blauhelme ausgereicht, um das Blutbad zu verhindern. Die westlichen Staaten wollten das Blutbad aber nicht verhindern. Die Amerikaner hatten nach ihrer Blamage in Somalia kein Interesse, sich in Afrika militärisch zu engagieren, und die Franzosen hatten die Mörder ausgerüstet und hofierten deren Generäle. Wenn das Militär in humanitärer Mission versagt, versagt zuvor erst immer die Politik.
Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist kein militärischer Einsatz, sondern ein politischer. Die Politik will das Land befrieden. Da das Land sich aber nicht befrieden lassen will, braucht die Politik die Armee, um ihr Ziel mit Gewalt durchzusetzen. Als Werkzeug hierfür ist auch die Bundeswehr vor Ort. Nur die ruhige Lage im Norden des Landes hat die hiesige Politik bislang mit ihrer Verdunklungstaktik durchkommen lassen. In Afghanistan herrscht Krieg und deutsche Soldaten haben dort einen militärischen Auftrag, bei dem sie auch töten und bombardieren ? Opfer in der Zivilbevölkerung sind dabei kaum zu vermeiden. Kein Soldat tötet gerne, tötet er, so ist er jedoch nur das Werkzeug des Parlaments. Die Verantwortlichen für Kundus sitzen nicht im Feldlager der Bundeswehr, sondern im Bundestag im fernen Berlin.

Wenn die Politik Kriege führen will, so muss sie dies dem Volk und der Armee auch sagen ? so funktioniert nun einmal Demokratie. Wenn die Mehrheit des Volkes Krieg führen will und man auf Biegen und Brechen eine humanitäre oder ?vorwärtsvertedigende? Erklärung für diese Kriege findet, wie beispielsweise die Begründung, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, so kann man dies nicht verhindern. Die überwiegende Mehrheit des Volkes will aber keinen Krieg in Afghanistan führen. Hier steckt eine demokratische Armee in der Zwickmühle.
Eine Parlamentsarmee führt die Wünsche des Parlamentes aus, auch wenn diese Wünsche nicht demokratisch erscheinen. Der Bundeswehrsoldat von heute ist nicht mehr der Staatsbürger in Uniform, er ist ein Werkzeug eines Parlaments, das Verteidigung sagt, wenn es Angriff meint. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Bundeswehr dem Parlament zu entziehen und dem Volk zu unterwerfen ? warum gibt es keinen Paragraphen, der Auslandseinsätze, die nichts mit der direkten Verteidigung zu tun haben, einem Volksentscheid unterwirft? Die Bundeswehr wäre dann wieder die Armee, die sie ursprünglich sein sollte ? ein Armee des Volkes für das Volk.
Jens Berger
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Den Zahlen nach sind die Cayman Islands das fünfgrößte Finanzzentrum der Welt. 3,2 Billionen Dollar werden von hier aus verwaltet. US-Bürger haben auf den Caymans mehr Geld investiert als in Deutschland.
Krieg ist nie sauber, Angriffe sind nie chirurgisch genau, Zivilisten sind immer unter den Opfern ? im Kriege gilt Kriegsgebrauch, c´est la guerre. Ein Zwischenfall, bei dem am Freitag dutzende Afghanen Opfer eines Luftangriffs wurden, wird nun zum Politikum. Die zwei lasergesteuerten Bomben trafen nicht nur eine kleine Sandbank im Kundus, sondern platzten auch mitten in die heiße Phase des Wahlkampfs. Franz Josef Jung geht der derweil bei der Verteidigung seiner Männer in die Frontaloffensive und gibt den Rumsfeld. Die Bundeswehr wiederum zeigt wenig Reue und Einsicht, ist dafür aber tödlich beleidigt, dass die Amerikaner nicht nur Transparenz einfordern, sondern sie auch noch umsetzen. Es ist natürlich löblich, dass die Amerikaner versuchen, den Schleier des Schweigens zu lüften. Warum keilen sie aber so offen gegen den Bündnispartner aus und nehmen noch nicht einmal Rücksicht auf den Wahlkampf?
Nach der Sichtung der Tanklastzüge, die bei der Überquerung des Kundus offenbar ? je nach Quelle – auf einer Sandbank oder einer kleinen Insel steckenblieben, forderte der zuständige deutsche Oberst Georg Klein die Luftunterstützung der Amerikaner an. Diese Entscheidung wirkt zumindest merkwürdig. Warum konnten NATO-Truppen oder Soldaten der afghanischen Armee die Taliban nicht am Boden stellen? Da keine unmittelbare Gefährdung von Tanklastzügen ausgeht, die sich nicht einmal aus eigener Kraft bewegen können, hätte ein Bodeneinsatz der ISAF-Direktive entsprochen, nach der ?Kollateralschäden? bei der Zivilbevölkerung unter allen Umständen zu vermeiden sind. Die ?German Angst? und die ewigen Beschwichtigungen der Offiziellen, es handele sich um keinen Kriegseinsatz, ist vielleicht Ursache für die Entscheidung Kleins, die Drecksarbeit lieber den Amerikanern zu überlassen und deutsche Soldaten nicht mit dem Einsatz in Verbindung zu bringen. Dies ist allerdings gründlich gescheitert.
Alles wäre wohl unter dem Teppich geblieben, wenn die Amerikaner nicht urplötzlich eine PR-Offensive in Sachen Transparenz gestartet hätten. Niemand anderes als der, als ?harter Hund? verschriene, ISAF-Kommandeur General Stanley A. McChrystal erschien höchstpersönlich vor Ort, ein Untersuchungsteam der NATO und einen Reporter der Washington Post im Schlepptau. Dies ist nicht weniger als ein Affront gegen die bei den Amerikanern unbeliebte Bundeswehr, die sich stets über die ?ruppigen? Amerikaner beschwert und mit ihrem Mantra des bewaffneten Aufbauhelfers die Alliierten nervt, während sie sich selbst gerne aus dem Staub macht, wenn Gefahr droht.
Das Thema Afghanistan spielte im bisherigen Bundestagswahlkampf keine zentrale Rolle. Das verwundert kaum, schließlich sprechen sich in Umfragen zwei Drittel aller Bundesbürger dafür aus, den Kriegseinsatz der Bundeswehr am Hindukusch rasch zu beenden. Da aber alle großen Parteien ? mit Ausnahme der Linken ? in diesem Punkt eine grundsätzlich andere Vorstellung haben, ist es nur allzu verständlich, dass man versucht, das Thema Afghanistan aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Nach dem jüngsten
Wofür macht die SPD sich eigentlich die Mühe, ein Wahlprogramm zu entwerfen, wenn sie dessen Inhalte nach den Wahlen immer wieder zugunsten der Option opfert, Juniorpartner in einer schwarz-roten Koalition zu werden? Im thüringischen Wahlkampf blinkte die SPD links ? Spitzenkandidat Christoph Matschie forderte nicht weniger als einen Systemwechsel für sein Land. Da die dauerschwächelnde SPD aber bestenfalls als Juniorpartner in einer Koalition mit der Union oder der Linken auf der Regierungsbank Platz nehmen kann, muss sie erwägen, unter welchem Partner sie möglichst viele ihrer Ziele durchsetzen kann. Der Wähler hat sein Kreuz bei der SPD schließlich nicht wegen Matschies schöner blauer Augen, sondern wegen der inhaltlichen Wahlversprechen gemacht.