Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • Störfall Mappus

    geschrieben am 17. März 2011 von Jens Berger

    Die momentan angedachte Kehrtwende in der Atompolitik ist für Stefan Mappus nicht nur ein ideologischer GAU. Unter der Regie von Mappus investiert das Land Baden-Württemberg momentan rund sechs Milliarden Euro in Deutschlands größtes Kernkraftunternehmen – die EnBW. Was bereits ohne Wende in der Atompolitik eine riskante Spekulation mit dem Geld des Steuerzahlers darstellt, erscheint im Lichte der aktuellen Diskussion als gigantisches Fehlmanagement. Die Rechnung wird in jedem Falle der Steuerzahler bezahlen. Schlauerweise hat Mappus jedoch dafür gesorgt, dass das Ausmaß der Verluste erst nach den Landtagswahlen offenbar wird.

    Eine Abschaltung von Neckarwestheim I sei „völlig indiskutabel“ und wäre „das schiere Gegenteil von dem, was man unter Redlichkeit in der Politik versteht“. Diese Worte stammen von Stefan Mappus – dem Mann, der an diesem Montag eine sagenhafte 180°-Wende hingelegt hat und das Uraltkraftwerk Neckarwestheim I dauerhaft vom Netz genommen hat. Ist Mappus nun das Gegenteil von Redlichkeit in der Politik? Dem mag so sein, die Entscheidung, Neckarwestheim vom Netz zu nehmen, war dennoch korrekt. Paradoxerweise wird diese Entscheidung dem Steuerzahler jedoch noch arge Kopfschmerzen bereiten. Betreiber des Kernkraftwerks Neckarwestheim I ist die EnBW und die gehört seit wenigen Tagen mehrheitlich dem Land Baden-Württemberg. Die EnBW betreibt in Neckarwestheim und Philippsburg jeweils zwei Reaktoren. Neben Neckarwestheim I steht auch Philippsburg I auf der aktuellen Liste der Altreaktoren, die nun auf Wunsch der Bundesregierung vorübergehend vom Netz genommen werden.

    Wenn es in Deutschland einen „Atomkonzern“ gibt, so ist dies die EnBW. Nach Brancheninformationen fährt sie 90% ihres Gewinns durch die Stromproduktion ein, 75% davon stammt aus den Atommeilern. Kein anderer Stromversorger hat einen derart hohen Atomstromanteil wie die EnBW – mehr als die Hälfte des Stroms, den die EnBW vertreibt, stammt aus den vier Kernkraftwerken, vermarktet wird er unter anderem über die bundesweit aktive Tochter „Yello Strom“. Da die alten Kernkraftwerke bereits abgeschrieben sind und der Steuerzahler die eigentlich anzusetzenden Nebenkosten (z.B. Versicherung für den Katastrophenfall und die Entsorgung des Atommülls) übernimmt, sind diese Anlagen echte „Cash-Cows“. Jeder Altmeiler der EnBW bringt dem Betreiber jedes Jahr einen Reingewinn von mehr als 100 Millionen Euro ein. Ohne Kernkraft würde EnBW die Hälfte der Stromkapazität wegfallen und das Unternehmen wäre gezwungen, diese Strommengen durch Einkäufe zu substituieren. Dies hätte jedoch maßgeblichen Einfluss auf das Betriebsergebnis und den Unternehmenswert der EnBW.

    Stefan Mappus hat ohne Konsultation des Landtags in einer Nacht- und Nebelaktion die Übernahme der 45-Prozent-Beteiligung des französischen Stromriesen EDF durchgeboxt. Besonders pikant an diesem Deal ist auch der Umstand, dass Mappus das Geschäft über seinen alten Freund und Trauzeugen Dirk Notheis durchführen ließ. Der Kaufpreis für den EDF-Anteil beträgt 4,67 Milliarden Euro – erst vor zehn Jahren hatte das Land Baden-Württemberg seine Anteile an die EDF verkauft. Für Experten liegt dieser Preis, der immerhin 850 Millionen Euro über dem Börsenwert des Aktienpakets zur Zeit des Angebots liegt, ohnehin zu hoch. Nach dem Unglück von Fukushima erscheint er geradezu grotesk hoch. Laut Stuttgarter Zeitung soll der Mappus-Intimus Notheis noch vor wenigen Wochen intern gewitzelt haben: „Der EnBW-Deal ist ein Bombengeschäft [...], es sei denn, es geht irgendwo noch ein Atomkraftwerk in die Luft“. Dieser Fall ist eingetreten und nun rächen sich die Übernahmekonditionen für das Land Baden-Württemberg gleich doppelt.

    Weiter auf den NachDenkSeiten

    96 Kommentare

    Was nicht passt, wird passend gemacht

    geschrieben am 10. Februar 2009 von Jens Berger

    Die Grenzen zwischen Borderline-Journalismus und Medienmanipulation sind fließend. Tom Kummer erfand Interviews mit Hollywood-Stars und verkaufte sie an das SZ-Magazin ? die Interviews waren zweifelsohne literarisch wertvoll und spannend; ob ausgedacht oder authentisch, wen interessiert es? Interessanter war da schon der Fall Michael Born. Born inszenierte Dokumentarfilme und verkaufte sie an Stern-TV. In einem seiner Filmbeiträge werden beispielsweise indische Kinder gezeigt, die Teppiche nähen ? angeblich Sklavenarbeiter, deren schmutzige Ware in den IKEA-Märkten verkauft wird. Die Bilder waren gestellt, von Born inszeniert. Angeblich hatte er aus erster Hand Informationen über Kinder, die in Sklavenarbeit Teppiche knüpfen, aber keine Bilder. Da half er halt nach. Ähnlich kreativ ging der britische TV-Journalist Robert Moore im Januar dieses Jahres vor, als er einen herzzerreißenden Filmbeitrag über frierende Bulgaren drehte, die Opfer des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine seien. Der kleine aber feine Unterschied: Moore ist ein renommierter Journalist. Er ist Europa-Korrespondent für ITN, einen der größten Nachrichtenanbieter der Welt, zu dessen Kunden unter anderen ITV und Channel 4, zwei große britische TV-Sender, und auch CNN zählen. Zuvor war Moore Washington-Korrespondent von ITN/ITV, er ist somit kein unbekannter freischaffender Contentlieferant, wie Kummer oder Born, sondern einer der bekanntesten britischen TV-Korrespondenten.

    Am 9. Januar sendete CNN einen Beitrag über die Folgen des Gasstreits in Bulgarien. Korrespondent Moore hat sich für diesen Bericht in die bulgarische Stadt Pleven begeben und zeigt arme Menschen, die Holz in ihre heruntergekommenen Plattenbauten tragen müssen, und Kinder, die sich die Hände reibend über einem Elektroherd wärmen. Schuld, so Moore, sei der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland ? und damit, so war es in CNN offizielle Lesart Russland, das der Ukraine das Gas abgedreht haben soll. Als Beweis zeigte Moore einen digitalen Zähler in einem Heizkraftwerk, das ? so Moore ? vom Gasengpass betroffen sei. Der Zähler zeigte nur Nullen ? Russland liefert nicht mehr, das bulgarische Volk friert. ?EU Bürger, mitten an der Frontline im Gaskrieg? – erschütternde Bilder.

    Der Bericht von Moore wurde in Bulgarien bereits kurz nach der Ausstrahlung kontrovers diskutiert. Als erstes beschwerte sich die sozialistische Partei der Stadt Pleven über die tendenziöse Bildersprache. Moore filmte eine ärmliche Siedlung, in der Roma leben, und vermittelte den Eindruck, dies sei Pleven, dies sei Bulgarien ? verdreckt, verarmt, verkommen. Daraufhin schickte der bulgarische Ministerpräsident Stanischew, der der sozialistischen Partei angehört, den Verantwortlichen bei ITN und CNN einen Beschwerdebrief, in dem er Moore Manipulationen vorwarf. Der Bericht ? so Stanischew ? strotze nur so von dümmlichen Stereotypen. Aber Stanischew wußte zu diesem Zeitpunkt anscheinend noch nicht, dass der gesamte Bericht Moores von Anfang bis Ende inszeniert war und in keinem Punkt der Realität entsprach.

    Der bulgarische Fernsehjournalist Stojan Georgiew machte sich die Mühe und suchte die Drehorte auf, die Moore gefilmt hatte, und ging der Sache auf den Grund. Das Ergebnis erschüttert: Die gezeigten Plattenbausiedlung der Roma in Pleven, in der die Menschen so bitter gefroren haben sollen, waren nie an das zentrale Fernwärme- oder Gasnetz angeschlossen und konnten daher vom Gasstreit gar nicht betroffen sein. Die Bewohner dort heizen stattdessen mit Holz und Kohle. Was der britische Journalist eigentlich von ihnen wollte, wissen die gefilmten und befragten Roma bis heute nicht. Die Kinder, die sich die Hände im Film über einem Elektroherd ?wärmten?, waren von Moore instruiert wurden ? der Herd war offensichtlich noch nicht einmal eingeschaltet. Auch die Aufnahmen in dem bulgarischen Heizkraftwerk sind Manipulation ? der gezeigte Zähler, der beweisen sollte, dass kein russisches Gas mehr ankommt, befindet sich in Wirklichkeit auf einer Rohrleitung, die seit Jahren nicht mehr in Betrieb ist und auch nichts mit der Gasversorgung zu tun hat. Anfragen von Georgiew ließ Robert Moore unbeantwortet. Britische Medien haben über diesem Medienskandal bisher noch nicht berichtet ? im deutschsprachigen Raum berichtet bislang nur der Schweizer Tagesanzeiger über den Vorfall.

    Moore filmte dabei tatsächlich einen Skandal – es ist ein Skandal, dass in der EU Menschen unter den Bedingungen leben müssen wie die Roma in Pleven. Aber von diesem Skandal will niemand etwas hören. Die gleichen Bilder verkaufen sich allerdings bestens, wenn es darum geht, den Gasstreit zu dramatisieren, Angst zu schüren und Stimmung gegen Russland zu machen. Moore ist in diesem Metier kein Neuling – auch im Vorfeld des Irakkrieges spielte er – damals als Washington-Korrespondent für ITN/ITV – eine unrühmliche Rolle.

    Hintergrund:

    Bulgarien war vom Gasstreit zweifelsohne am härtesten betroffen ? von den ?hunderttausenden Haushalten, in denen die Menschen frieren mußten?, welche in den Medien immer gerne zitiert wurden, weiß man in Bulgarien aber nichts. Die Fernheizungssysteme wurden relativ schnell von Gas auf Schweröl umgestellt und der Nachbar Griechenland konnte ebenfalls helfen. Wo aber waren die 22 Tage Gasreserve, von denen bulgarische Vertreter zu Beginn des Gasstreits sprachen? Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass der Gasstreit auch von der bulgarischen Regierung instrumentalisiert wurde. Im Rahmen des EU-Beitrittsverfahrens hatte sich die bulgarische Regierung verpflichtet, zwei Blöcke des Atomkraftwerkes Kozloduy abzuschalten. Der Beitrittsvertrag enthält allerdings eine Klausel, dass bei ?andauernden Schwierigkeiten im Energiesektor? eine Reaktivierung möglich wäre. Der Gasstreit ist nach Lesart der bulgarischen Politik ein solcher Sonderfall ? auf dem Höhepunkt des Gasstreits beauftragte das bulgarische Parlament die Regierung, Kozloduy wieder in Betrieb zu nehmen.

    Der Gasstreit ist vorüber und die Ukraine hat ihn auf ganzer Linie verloren. Statt einem Fixpreis von 235 US$ zahlt das Land nun 450 US$ pro 1.000 Kubikmeter als Basispreis. Wenn die Schilderungen von Igor Bakai, der als Berater der ukrainischen Seite an den Verhandlungen teilgenommen hatte, der Wahrheit entsprechen, war ein Missverständnis des ukrainischen Präsidenten Juschtschenko Auslöser der Krise. Beide Seiten waren bereits übereingekommen, einen Fixpreis von 235 US$ zu akzeptieren, als Juschtschenko die ukrainische Delegation von den Verhandlungen abzog ? er war der Meinung, dass der Gazpromtarif für Westeuropa 250 US$ betrage und da waren ihm 235 US$ zu viel. Der Tarif für Westeuropa liegt allerdings bei 400 bis 450 US$, den muss die Ukraine nun auch zahlen – ein teures Missverständnis Juschtschenkos.

    Jens Berger

    Drucken Kontakt Artikel kaufen Projekt unterstützen

    62 Kommentare
    Seite 211 von 211« Erste...1020...208209210211