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  • Kampf um den Ölpreis

    geschrieben am 17. Dezember 2008 von Spiegelfechter

    Seit seinem irrationalen Peak im Juli dieses Jahres ist der Ölpreis förmlich implodiert. In Dollar notiert betrug er letzte Woche nur noch ein Drittel des Höchstpreises vom Sommer und auch in Euro notiert, hat er gut die Hälfte verloren. Diese Achterbahnfahrt hat massive Auswirkungen für die Volkswirtschaften der Industrie- und der Ölförderstaaten. Während die Industriestaaten in dem Preisverfall eine glückliche Fügung für das Konsumbudget der Bevölkerung sehen, sehen die Ölförderstaaten bei dauerhaft niedrigen Preisen ihren Staatshaushalt gefährdet. Um den Ölpreis wieder auf ein ?gesundes? Niveau zu heben ? das je nach Haushalt des betreffenden Staates zwischen 75 und 100 US$ je Barrel liegt ? wollen die OPEC-Staaten nun die Fördermenge drastisch kürzen. Auch der zweitgrößte Ölexporteur Russland ist vom Ölpreis abhängig und hat bereits angekündigt, sich mit der OPEC solidarisch zu erklären und ebenfalls die Fördermenge zu reduzieren. Sogar ein Beitritt zur OPEC wird vom russischen Präsidenten Medwedew nicht mehr ausgeschlossen. Es ist allerdings fraglich, ob die Ölförderstaaten es überhaupt vermögen, einen mittelfristigen Preisverfall zu stoppen, da die Nachfrageseite durch Kredit- und Weltwirtschaftskrise rapide schrumpft.

    Der Ölpreis implodiert

    Zum erst Mal seit 25 Jahren wird die weltweite Nachfrage nach Öl sinken. Die internationale Energieagentur IEA senkte in ihrem jüngsten Monatsbericht die Prognose für das laufende Jahr um 350.000 Barrel auf 85,8 Mio. Barrel pro Tag. Für das nächste Jahr prognostiziert die amerikanische Energiebehörde EIA einen weiteren Rückgang der Nachfrage um 450.000 Barrel pro Tag. Die Nachfrage des größten Ölimporteurs, den USA, ist dieses Jahr um 6,3% gesunken und wird nach Schätzungen der IEA im nächsten Jahr um weitere 1,4% sinken. Dieser Rückgang ist vor allem dem rückläufigen Verkehrsaufkommen geschuldet, das zuletzt alleine im Oktober trotz gefallener Ölpreise um 3,5% gesunken ist. Sogar in China ist die Ölnachfrage im November um 3,5% gesunken.

    Dieser Nachfragerückgang hat dazu geführt, dass der Markt überversorgt ist ? international operierende Ölfirmen sind bereits dazu übergegangen, ihre Öltanker als schwimmende Lagerstätten zu gebrauchen. Jegliche Versuche der OPEC, diesen Preisverfall zu stoppen, schlugen bis jetzt fehl. Am 1. November hatte die OPEC beschlossen, die Fördermenge um 1,5 Mio. Barrel pro Tag zu reduzieren. Dies hatte keine Auswirkungen auf den Preisverfall und Experten bezweifeln inzwischen die Förderdisziplin der einzelnen OPEC-Staaten. Lippenbekenntnisse sind eines, sich auch an an die beschlossenen Förderquoten zu halten, ein anderes. Bereits in der Vergangenheit haben sich die OPEC-Beschlüsse, den Ölpreis durch rigide Förderverknappung zu steigern, in den meisten Fällen nicht umsetzen lassen, da es keine wirksame Kontrolle gibt und die Versuchung für viele kleinere OPEC-Mitglieder groß ist, auf Kosten der Allgemeinheit Profit zu machen. Die mangelnde Förderdisziplin ist die ?Tragedy of the commons? der Ölförderstaaten.

    Der Anteil der Ölfördermenge der OPEC am Weltmarkt ist seit den Hochzeiten der OPEC-Macht in den 1970ern merklich gesunken. Wenn die OPEC am morgigen Donnerstag wie angenommen eine Verknappung ihrer Förderung um weitere 2 Mio. Barrel beschließt, so wäre dies sogar im theoretischen Fall, dass sich alle Staaten an diese Regelung halten, nur ein Angebotsrückgang von 4%. Dies stellt bei einem rückläufigen Nachfragemarkt nur eine geringe Verknappung des Überangebotes dar, die von anderen Ölförderstaaten, die nicht in der OPEC organisiert sind, weiter untergraben wird.

    Gründe für den Preissturz

    Sowohl das verschobene Verhältnis von Angebot und Nachfrage, als auch Spekulation sind für den Preissturz verantwortlich. Die prekäre Marktlage zu Beginn des Jahres, in der das Angebot nicht mehr mit der Nachfragesteigerung mithalten konnte, wurde von Spekulanten ausgenutzt, um auf einen steigenden Ölpreis zu wetten. In dieser Phase wurde auf Käuferseite Papieröl im Volumen von rund 1,8 Mio. Barrel pro Tag gekauft ? dies entspricht ungefähr der Nachfrage Großbritanniens ?, was die Preise in einem angespannten Marktumfeld irreal in die Höhe trieb. Diese Blase ist im Juli geplatzt, als die ersten Akteure, die zu gierig am großen Rad gedreht hatten, in bankrott gingen. Alleine der Konkurs der amerikanischen Semgroup, einem der größten Spieler am Markt, hat Kontrakte im geschätzten Volumen von 50 Mio. Barrel platzen lassen. Semgroup, ehemals die Nummer 18 unter den nicht börsennotierten Unternehmen der USA, hat im großen Stil gegen steigende Ölpreise gewettet und damit binnen zweier Quartale rund 2,5 Mrd. US$ verzockt. Da Warentermingeschäfte Nullsummenspiele sind, mussten die abzuschreibenden Spielschulden von Semgroup und anderen von den vermeintlichen Gewinnern liquidiert werden, was der Preisspirale ein jähes Ende setze. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch finanzkrisenbedingte Liquiditätsprobleme und höhere Anforderungen an die Eigenkapitalquote bei institutionellen Zockern. Warenterminkontrakte sind schnell und einfach zu liquidieren. Die künstliche Nachfrage von 1,8 Mio. Barrel pro Tag verschwand in den nächsten Monaten so schnell aus den Märkten, wie sie zu Anfang des Jahres aufgebaut wurde.

    Neben Finanzmarktspekulationen ist auch der Handel mit ?echtem? Öl verantwortlich für den rapiden Preisverfall. Basis für alle Spekulationen war die mangelnde Reservekapazität der Förderstaaten. Da bei kaum einem anderen Gut die Angebotsseite derart unflexibel ist und kaum ein anderes Gut derart unelastisch auf Preisbewegungen reagiert, ist Erdöl ein ideales Spekulationsobjekt. Immer dann, wenn die Nachfrage kaum mehr durch eine Ausweitung der Förderung gedeckt werden kann, wird der Preis für Erdöl wieder ?explodieren?.

    Die OPEC muss den Gürtel enger schnallen

    Die erdölfördernden Staaten haben ihre Haushalte an den hohen Ölpreis angepasst und sind nun davon abhängig, einen Mindestpreis für ihr wichtigstes Exportgut zu erzielen. Relativ komfortabel ist die Situation für Saudi-Arabien. Der größte Ölförderstaat kalkuliert seinen Staatshaushalt auf Basis eines Ölpreises von 49 US$ je Barrel, Venezuela kalkuliert auf Basis von 60 US$. Russland kalkuliert mit 70 US$ je Barrel und einige OPEC-Staaten wie Iran haben sich vom günstigen Marktumfeld gar verleiten lassen, eine Preisbasis von 90 US$ je Barrel als Grundlage für ihren Staatshaushalt anzunehmen. Für diese Staaten wird es aller Voraussicht nach 2009 sehr eng werden, wenn der Ölpreis nicht schnell wieder in alte Höhen schnellt, was kaum anzunehmen ist. Venezuela wird bereits im nächsten Jahr Probleme bekommen, seine Sozialprogramme zu finanzieren, ohne vom großzügigen Aufkäufer von Staatsanleihen anderer südamerikanischer Staaten selbst zum Schuldner zu mutieren. Auch der wirtschaftlich gebeutelte Iran könnte arge Probleme bekommen, die nötigen Sozialausgaben zu bezahlen. In beiden Staaten könnte das abzusehende Ende des Ölpreisbooms daher zu sozialen Unruhen führen.

    Wohin bewegt sich der Ölpreis?

    Die meisten Experten gehen davon aus, dass sich der Ölpreis mittelfristig auf dem momentanen Niveau stabilisiert ? die Bank of China rechnet beispielsweise mit einem langfristigem Gleichgewichtspreis von 35 US$ je Barrel. Aber dieses Szenario könnte bei einer sich halbwegs stabilisierenden Weltwirtschaft mittelfristig wieder von der mangelnden Förderreserve eingeholt werden.

    Die IEA hat in ihrem diesjährigem ?World Energy Outlook? ihre Annahmen für den Förderrückgang der bestehenden Ölfelder drastisch erhöht. Letztes Jahr sagten die internationalen Experten noch einen Rückgang der maximalen Förderkapazitäten von 3,6% pro Jahr voraus. In ihrem aktuellen Bericht hat die IEA diese Prognose auf 6,7% erhöht ? bei einer geschätzten maximalen Förderung von 80 Mio. Barrel pro Tag müssten daher jedes Jahr neue Ölfelder mit einer Kapazität von über 5 Mio. Barrel pro Tag entdeckt und erschlossen werden, um das momentane Förderniveau zu halten. Da die Exploration neuer Ölfelder direkt mit dem Ölpreis zusammenhängt, wird es bei langfristigen Ölpreisen unter der 80 US$-Marke kaum neue Fördergebiete geben, da die Explorationskosten erst ab einem höheren Ölpreis refinanziert werden können.

    Eine mittel- bis langfristige Konsolidierung des Ölpreises ist daher zwangsläufig anzunehmen. Es ist nicht die Frage, ob Öl wieder zum ?alten? Höchstpreis zurückkehren wird, sondern wann. Der reale Spielraum zwischen Nachfrage und Angebot ist sehr gering. Auch wenn die OPEC-Staaten in den nächsten Jahren undiszipliniert mehr Öl verkaufen, als es ihnen die Quoten zugestehen, wird der ?natürliche? Förderrückgang von 6,7% pro Jahr à la longue den Markt wieder in die Situation bringen, dass die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann und dann gibt es für den Ölpreis nur eine Richtung ? steil bergauf.

    Jens Berger

    Bildnachweis: Bild 1 Mother Jones

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    Fabrik ohne Welt – China am Scheideweg

    geschrieben am 16. Dezember 2008 von Spiegelfechter

    Die Finanzkrise erreicht das Land der Mitte

    Lange galt das aufstrebende Reich der Mitte in Zeiten der Finanzkrise als Fels in der Brandung. Chinas Finanzinstitute haben nur geringfügige Überschneidungen mit den kriselnden Finanzinnovationen des Westens, und dank hoher Außenhandelsüberschüsse sind die Reserven der Volksrepublik so groß, dass sie sich gut gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten absichern kann. Doch die Auswirkungen der Finanzkrise greifen nun auch auf China über und der rasante Absturz der volkswirtschaftlichen Kennzahlen im November überrascht sogar Experten. Für das nächste Jahr prognostiziert die Weltbank für China nur noch ein [extern] Wirtschaftswachstum von 7,5% – verglichen mit den OECD-Staaten ist dies zwar sehr viel, aber die chinesische Staatsführung weiß, dass das Land mindestens 8% Wachstum benötigt, um jährlich 20 Millionen Schulabgänger und Universitätsabsolventen in Lohn und Brot zu bringen. Angesichts rückläufiger Exportzahlen stemmt sich China nun durch ein massives Konjunkturprogramm gegen die Krise, um der Binnennachfrage auf die Beine zu helfen. Schafft China die Quadratur des Kreises nicht, könnten der kommunistischen Führung unruhige Zeiten drohen.

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    Die Sicherheit Afghanistans

    geschrieben am 15. Dezember 2008 von Spiegelfechter

    Ich bekam per Mail mehrere Anfragen, ob ich die Montage “Die Sicherheit Afghanistans” aus dem letzten Artikel auch in einer höheren Auflösung habe, so dass man sie als Poster ausdrucken könnte. Nein – das geht leider nicht, da mir das verwendete Bildmaterial nur in einer geringen Auflösung zur Verfügung steht. Aber da der Wunsch der Leser mir natürlich Befehl ist, habe ich zwei Alternativversionen mit hochauflösendem Bildmaterial erstellt. Die Bilder haben bei 300dpi A4 bzw. A3 Format und eignen sich daher sogar zum großformatigen Ausdruck.

    Die Druckversionen sind hinter den Bildern verlinkt und aufgrund der Größe nichts für Modemnutzer ;-)

    Jens Berger

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    Der vergessene Krieg der NATO

    geschrieben am 11. Dezember 2008 von Spiegelfechter

    Als die NATO-Truppen die Taliban aus Afghanistans Regierungsämtern trieben, keimte in Afghanistan ein Funke Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. In sieben Jahren Krieg hat die NATO es allerdings nicht vermocht, die Hoffnung der Afghanen zu befriedigen – im Gegenteil. Unter den Augen der Besatzungsmacht erlangten die Aufständischen im letzten Jahr nicht nur die faktische Kontrolle über einen Großteil des Landes, sie erzielten auch Erfolge im Kampf um Meinungen und die Herzen der afghanischen Bevölkerung. Die Lage der NATO ist prekärer denn je ? ACBAR, eine Dachorganisation, die über 100 Hilfsorganisationen vertritt, meldete eine Zunahme der Angriffe der Aufständischen um 50% im letzten Jahr, die Gefallenenquote der NATO überstieg in diesem Zeitraum die im Irak und eine Studie des Think-Tanks ICOS, die am Montag veröffentlicht wurde, weist eine dramatische Wende im Machtgefüge des Landes aus.

    Laut der ICOS-Studie ?Struggle for Kabul? sind die Taliban in 72% der Gebiete Afghanistans ?permanent? vertreten und üben schwere Aufstandsaktivitäten aus. In weiteren 21% des Landes sind sie ?substantiell? vertreten, nur in 7% des Landes sind sie nur ?leicht? präsent. Vor einem Jahr lagen die Zahlen noch bei 54% (permanent), 38% (substantiell) und 8% (leicht). Die NATO ist in der Fläche auf dem Rückzug ? vor allem im Süden des Landes hat weder die NATO noch die Regierung Karzai die faktische Herrschaft. Laut ICOS rüsten sich derweil die Taliban zu einer ?Winteroffensive? auf Kabul, vor dessen Toren sie bereits stehen. Die USA haben bereits angekündigt, eine komplette Brigade vom Irak nach Kabul zu verlegen, um die Taliban zurückzuschlagen.


    Quelle: ICOS

    Kessel Kabul

    Kabul ist derzeit nur über die Ausfallstrasse gen Norden über Land zu erreichen. Die Fernverbindungen Richtung Süden, Westen und Osten sind durch die Aufständischen entweder direkt blockiert oder Opfer von regelmäßigen Angriffen. Für die NATO ist es vor allem verheerend, dass die neu gebaute Fernverbindungsstrasse ins pakistanische Peschawar nur noch für schwer bewaffnete Konvois befahrbar ist ? über diese Verbindung gelangen drei Viertel des Nachschubs der NATO-Truppen über den pakistanischen Hafen von Karatschi nach Afghanistan. Diese Nachschubroute ist allerdings nicht nur in Afghanistan gefährdet, auch in den ?Stammesgebieten?, die auf pakistanischer Seite an Afghanistan grenzen, hat der pakistanische Staat keine Kontrolle mehr und die Aufständischen greifen die Nachschubkonvois der NATO auch hier immer häufiger an. Am letzten Sonntag haben die Aufständischen an die 100 Lastwagen auf pakistanischem Gebiet in Brand gesetzt und am Montag griffen sie ein Nachschublager in der Nähe von Peschawar an und zerstörten über 50 Tankbehälter.

    Die Gefechte zwischen dem britische Truppenkontingent und den Aufständischen im Süden des Landes sind festgefressen. Den einzigen Ausweg aus diesem militärischen Patt sieht der Oberkommandierende der britischen Armee, General Sir David Richards, in einer Aufstockung der Truppen um 30.000 Mann. Damit fällt auch vorerst die wichtigste Alternativroute über Kandahar und den Süden des Landes für den Nachschub auf der Seeroute, über Pakistan, aus.

    Nachschub über Russland

    Die NATO verhandelt momentan mit Kasachstan und Usbekistan über die Einrichtung von Transitrouten über den Landweg in den relativ ruhigen Norden Afghanistans. Dies würde der NATO eine Alternative zur Einfuhr von Treibstoff gewähren. Bislang kommt der Großteil des Treibstoffs für die NATO-Truppen aus pakistanischen Raffinerien ? wenn man sich mit den ehemaligen Sowjetrepubliken einig wird, könnte man Treibstoff aus Aserbaidschan und Turkmenistan über die Nordroute importieren. Mittel- bis langfristig plant die NATO bereits einen alternativen Versorgungskorridor via Eisenbahn von Europa bis nach Afghanistan. Mit Belarus und der Ukraine laufen diesbezüglich bereits Verhandlungen. Russland hat Deutschland bereits eine Genehmigung erteilt, Waffen und Ausrüstung für die Bundeswehr über russisches Territorium zu transportieren. Dies ist das erste Mal, dass Russland einem anderen Staat derartige Transitrechte einräumt.

    Verhandlungen zwischen der NATO und Russland über ähnliche Transitrechte finden ebenfalls statt und werden in Moskau dankbar als gute Chance aufgenommen, die Beziehungen zwischen Russland und der NATO zu verbessern. Natürlich geben diese Transitrechte Russland auch ein Faustpfand im Streit um das Raketenabwehrsystem in Osteuropa in die Hand. Dies mag nahe legen, wie kritisch die Versorgungslage für die NATO-Truppen in Afghanistan von Brüssel beurteilt wird ? freiwillig würde man Moskau ein solches Faustpfand sicherlich nicht gewähren.

    Die NATO-Strategie hat versagt

    Die Strategie der NATO, die Afghanen von der Überlegenheit des westlichen Demokratiemodells zu überzeugen und ihnen mit milliardenschweren zivilen Aufbauprogrammen die Vorzüge einer Westbindung zu demonstrieren, droht in einem Sumpf von Korruption und handwerklichen Fehlern zu ersticken. Der ehemalige, für Afghanistan zuständige, Staatssekretär im britischen Außenministerium Kim Howells beschreibt das Land als durch und durch korrupt auf allen Ebenen. Mit der NATO kam in weiten Bereichen des Landes auch eine unselige Form der Anarchie. Korrupte Würdenträger und Sicherheitsbehörden dienten demjenigen, der sie am besten bezahlt. Parallel wurde die wirtschaftliche Basis der Landbevölkerung in weiten Teilen des Landes vernichtet ? der Opiumanbau.

    Laut der ICOS-Studie hat die Vernichtung von Opiumfeldern durch die lokalen Sicherheitsbehörden nur dazu geführt, die Landbevölkerung in die offenen Arme der Taliban zu treiben. Welche Felder vernichtet werden, ist im Regelfall eine Frage des Schmiergeldes, das die rivalisierenden Drogenbarone und Warlords zu zahlen bereit sind. ICOS schlägt an dieser Stelle ein staatliches Aufkaufprogramm für Opium als Alternative zur Vernichtung der Anbaufelder vor. Das aufgekaufte Opium soll zu medizinischen Opiaten weiterverarbeitet werden. So würde der Landbevölkerung eine Einkommensquelle garantiert werden, die sie am wirtschaftlichen Leben teilhaben lässt und sie somit vor dem Einfluss der Taliban absichert.

    Als besonders bedenklich stuft ICOS den Erfolg der Taliban beim Kampf um die Herzen und Köpfe der Bevölkerung ein. Die Liste der Fehler der Besatzungspolitik ist lang und geht über Vernichtung der Opiumfelder, die Bombardierung von zivilen Zielen, die hohe Arbeitslosigkeit, bis hin zum Versickern von Hilfsgeldern in einem korrupten Staatsapparat. All diese Fehler werden von den Taliban mit Erfolg instrumentalisiert und treiben die Bevölkerung scharenweise in ihre Arme.

    Wer sind die Taliban?

    Wer sind eigentlich die Aufständischen in Afghanistan genau? In westlichen Medien hat sich der Begriff ?Taliban? eingeprägt. Die Taliban sind allerdings mehr als die religiösen Eiferer mit Turban und langen Bärten, die gerne in den Medien gezeigt werden. Die Taliban sind kein monolithischer Block, sondern eine heterogene Masse von Aufständischen, die nur ein Ziel vereint ? die Besatzer aus dem Land zu treiben. Unter den Taliban finden sich neben den islamistischen Ultras auch nationalistische Studenten, arme ungebildete Bauern, Veteranen des antisowjetischen Kampfes der Mudschaheddin und Warlords wie Banditen jeglicher Couleur, deren ?Geschäfte? in Konkurrenz zur staatlichen Kamarilla stehen. So heterogen wie die Gruppen selbst, ist auch deren Strategie und Vorgehensweise. Die klassischen Taliban nutzen dieses Sammelbecken des Widerstandes, um das staatliche Vakuum in den umkämpften Gebieten zu füllen ? mit ihrer extremen Form der Scharia stehen sie in Konkurrenz zur gewalttätigen Willkürherrschaft und Korruption des Staates. Wenn der Westen es nicht vermag, seinen Satelliten in Kabul dazu zu bringen, Willkür und Korruption zu besiegen, sehen die Prognosen für die islamistische Alternative wohl oder übel Erfolg versprechend aus.

    Vergessen Sie den Unfug, wir seien darauf vorbereitet in den Bergen und Ebenen Afghanistans für weitere 30 Jahre zu kämpfen. Die Leute werden die Auffassung nicht akzeptieren, dass britische Familien ihre Söhne und Töchter, ihre Enkel und Enkelinnen, an einen der gottverlassensten Orte der Welt zu senden, um ihr Leben dabei aufs Spiel zu setzen, gegen religiöse Fanatiker, nationalistische Stammeskrieger, korrupte Warlords und Heroinschmuggler zu kämpfen.
    Kim Howells, ehemaliger Staatssekretär im britischen Außenministerium

    Wenn der Westen den Krieg in Afghanistan noch gewinnen will, muss er neben den militärischen Erfolgen vor allem auch die Herzen der Afghanen gewinnen und die Prognosen dafür stehen heute schlechter denn je. Auch die Sowjets wurden 1979 zuerst von der Mehrheit der Bevölkerung eher als Befreier, denn als Besatzer gesehen. Dieses Verhältnis kippte mit der Zeit und auch eine massive Aufstockung der Truppen brachte keinen Erfolg. Glaubt man dem ehemaligen sowjetischen General Ruslan Aushev, begeht die NATO genau die gleichen Fehler, die weiland der Roten Armee das Genick brachen. Das nächste Jahr wird nach Angaben der britischen Militärführung die Weichen für die Zukunft Afghanistans stellen. Alles andere als ein Erfolg auf ganzer Linie wäre für die NATO eine Niederlage ? die Afghanen haben Steherqualitäten, dem Westen geht die Zeit aus.

    Jens Berger

    Hintergrund und Analyse:

    Anand Gopal – Deep in the land of the Taliban
    Richard Norton-Taylor, Julian Borger und Suzanne Goldenberg – Convoy attacks trigger race to open new Afghan supply lines
    Nir Rosen – The Broken State
    Jerome Starkey – Tribal leaders to sabotage West’s assault on Taliban
    Michael Shank und Shukria Dellawar – Waking up to Afghanistan’s realities

    50 Kommentare

    Von der Finanzkrise in die 20:80 Gesellschaft

    geschrieben am 09. Dezember 2008 von Spiegelfechter

    Die Weltwirtschaft befindet sich im freien Fall ? wie wird die Gesellschaft mit der zu erwartenden Massenarbeitslosigkeit umgehen?

    Als die Digitale Revolution und die Globalisierung in den 1990er Jahren ihren Siegeszug antraten, sagten Zukunftsforscher den Weg in eine 20:80 Gesellschaft voraus. Nur 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im 21. Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. 80 Prozent der Bevölkerung wären demnach arbeitslos und müssten mit ?Tittytainment? bei Laune gehalten werden. Da die Ursachen für diese Entwicklung weniger im globalen Handel, als vielmehr im technischen Fortschritt liegen, wird die kommende Weltwirtschaftskrise ein Beschleuniger für diese Entwicklung sein. Konzepte, wie unsere Gesellschaft mit der kommenden Massenarbeitslosigkeit umgehen soll, gibt es allerdings wenige und weder Politik noch Wirtschaft scheinen ein Interesse daran zu haben, sich den Fragen der Zukunft bereits jetzt zu stellen. Werden wir in einer Gesellschaft mit Massenarmut und Chaos leben oder aber in einer Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können? Die Weichen dafür müssen in den nächsten Jahren gestellt werden.

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    Die Bücher zum Artikel:

    Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft: Neue Konzepte für das 21. JahrhundertAccess - Das Verschwinden des Eigentums: Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werdenDie Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand

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