Kampf um den Ölpreis
geschrieben am 17. Dezember 2008 von Spiegelfechter
Seit seinem irrationalen Peak im Juli dieses Jahres ist der Ölpreis förmlich implodiert. In Dollar notiert betrug er letzte Woche nur noch ein Drittel des Höchstpreises vom Sommer und auch in Euro notiert, hat er gut die Hälfte verloren. Diese Achterbahnfahrt hat massive Auswirkungen für die Volkswirtschaften der Industrie- und der Ölförderstaaten. Während die Industriestaaten in dem Preisverfall eine glückliche Fügung für das Konsumbudget der Bevölkerung sehen, sehen die Ölförderstaaten bei dauerhaft niedrigen Preisen ihren Staatshaushalt gefährdet. Um den Ölpreis wieder auf ein ?gesundes? Niveau zu heben ? das je nach Haushalt des betreffenden Staates zwischen 75 und 100 US$ je Barrel liegt ? wollen die OPEC-Staaten nun die Fördermenge drastisch kürzen. Auch der zweitgrößte Ölexporteur Russland ist vom Ölpreis abhängig und hat bereits angekündigt, sich mit der OPEC solidarisch zu erklären und ebenfalls die Fördermenge zu reduzieren. Sogar ein Beitritt zur OPEC wird vom russischen Präsidenten Medwedew nicht mehr ausgeschlossen. Es ist allerdings fraglich, ob die Ölförderstaaten es überhaupt vermögen, einen mittelfristigen Preisverfall zu stoppen, da die Nachfrageseite durch Kredit- und Weltwirtschaftskrise rapide schrumpft.
Der Ölpreis implodiert
Zum erst Mal seit 25 Jahren wird die weltweite Nachfrage nach Öl sinken. Die internationale Energieagentur IEA senkte in ihrem jüngsten Monatsbericht die Prognose für das laufende Jahr um 350.000 Barrel auf 85,8 Mio. Barrel pro Tag. Für das nächste Jahr prognostiziert die amerikanische Energiebehörde EIA einen weiteren Rückgang der Nachfrage um 450.000 Barrel pro Tag. Die Nachfrage des größten Ölimporteurs, den USA, ist dieses Jahr um 6,3% gesunken und wird nach Schätzungen der IEA im nächsten Jahr um weitere 1,4% sinken. Dieser Rückgang ist vor allem dem rückläufigen Verkehrsaufkommen geschuldet, das zuletzt alleine im Oktober trotz gefallener Ölpreise um 3,5% gesunken ist. Sogar in China ist die Ölnachfrage im November um 3,5% gesunken.

Dieser Nachfragerückgang hat dazu geführt, dass der Markt überversorgt ist ? international operierende Ölfirmen sind bereits dazu übergegangen, ihre Öltanker als schwimmende Lagerstätten zu gebrauchen. Jegliche Versuche der OPEC, diesen Preisverfall zu stoppen, schlugen bis jetzt fehl. Am 1. November hatte die OPEC beschlossen, die Fördermenge um 1,5 Mio. Barrel pro Tag zu reduzieren. Dies hatte keine Auswirkungen auf den Preisverfall und Experten bezweifeln inzwischen die Förderdisziplin der einzelnen OPEC-Staaten. Lippenbekenntnisse sind eines, sich auch an an die beschlossenen Förderquoten zu halten, ein anderes. Bereits in der Vergangenheit haben sich die OPEC-Beschlüsse, den Ölpreis durch rigide Förderverknappung zu steigern, in den meisten Fällen nicht umsetzen lassen, da es keine wirksame Kontrolle gibt und die Versuchung für viele kleinere OPEC-Mitglieder groß ist, auf Kosten der Allgemeinheit Profit zu machen. Die mangelnde Förderdisziplin ist die ?Tragedy of the commons? der Ölförderstaaten.

Der Anteil der Ölfördermenge der OPEC am Weltmarkt ist seit den Hochzeiten der OPEC-Macht in den 1970ern merklich gesunken. Wenn die OPEC am morgigen Donnerstag wie angenommen eine Verknappung ihrer Förderung um weitere 2 Mio. Barrel beschließt, so wäre dies sogar im theoretischen Fall, dass sich alle Staaten an diese Regelung halten, nur ein Angebotsrückgang von 4%. Dies stellt bei einem rückläufigen Nachfragemarkt nur eine geringe Verknappung des Überangebotes dar, die von anderen Ölförderstaaten, die nicht in der OPEC organisiert sind, weiter untergraben wird.
Gründe für den Preissturz
Sowohl das verschobene Verhältnis von Angebot und Nachfrage, als auch Spekulation sind für den Preissturz verantwortlich. Die prekäre Marktlage zu Beginn des Jahres, in der das Angebot nicht mehr mit der Nachfragesteigerung mithalten konnte, wurde von Spekulanten ausgenutzt, um auf einen steigenden Ölpreis zu wetten. In dieser Phase wurde auf Käuferseite Papieröl im Volumen von rund 1,8 Mio. Barrel pro Tag gekauft ? dies entspricht ungefähr der Nachfrage Großbritanniens ?, was die Preise in einem angespannten Marktumfeld irreal in die Höhe trieb. Diese Blase ist im Juli geplatzt, als die ersten Akteure, die zu gierig am großen Rad gedreht hatten, in bankrott gingen. Alleine der Konkurs der amerikanischen Semgroup, einem der größten Spieler am Markt, hat Kontrakte im geschätzten Volumen von 50 Mio. Barrel platzen lassen. Semgroup, ehemals die Nummer 18 unter den nicht börsennotierten Unternehmen der USA, hat im großen Stil gegen steigende Ölpreise gewettet und damit binnen zweier Quartale rund 2,5 Mrd. US$ verzockt. Da Warentermingeschäfte Nullsummenspiele sind, mussten die abzuschreibenden Spielschulden von Semgroup und anderen von den vermeintlichen Gewinnern liquidiert werden, was der Preisspirale ein jähes Ende setze. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch finanzkrisenbedingte Liquiditätsprobleme und höhere Anforderungen an die Eigenkapitalquote bei institutionellen Zockern. Warenterminkontrakte sind schnell und einfach zu liquidieren. Die künstliche Nachfrage von 1,8 Mio. Barrel pro Tag verschwand in den nächsten Monaten so schnell aus den Märkten, wie sie zu Anfang des Jahres aufgebaut wurde.
Neben Finanzmarktspekulationen ist auch der Handel mit ?echtem? Öl verantwortlich für den rapiden Preisverfall. Basis für alle Spekulationen war die mangelnde Reservekapazität der Förderstaaten. Da bei kaum einem anderen Gut die Angebotsseite derart unflexibel ist und kaum ein anderes Gut derart unelastisch auf Preisbewegungen reagiert, ist Erdöl ein ideales Spekulationsobjekt. Immer dann, wenn die Nachfrage kaum mehr durch eine Ausweitung der Förderung gedeckt werden kann, wird der Preis für Erdöl wieder ?explodieren?.
Die OPEC muss den Gürtel enger schnallen
Die erdölfördernden Staaten haben ihre Haushalte an den hohen Ölpreis angepasst und sind nun davon abhängig, einen Mindestpreis für ihr wichtigstes Exportgut zu erzielen. Relativ komfortabel ist die Situation für Saudi-Arabien. Der größte Ölförderstaat kalkuliert seinen Staatshaushalt auf Basis eines Ölpreises von 49 US$ je Barrel, Venezuela kalkuliert auf Basis von 60 US$. Russland kalkuliert mit 70 US$ je Barrel und einige OPEC-Staaten wie Iran haben sich vom günstigen Marktumfeld gar verleiten lassen, eine Preisbasis von 90 US$ je Barrel als Grundlage für ihren Staatshaushalt anzunehmen. Für diese Staaten wird es aller Voraussicht nach 2009 sehr eng werden, wenn der Ölpreis nicht schnell wieder in alte Höhen schnellt, was kaum anzunehmen ist. Venezuela wird bereits im nächsten Jahr Probleme bekommen, seine Sozialprogramme zu finanzieren, ohne vom großzügigen Aufkäufer von Staatsanleihen anderer südamerikanischer Staaten selbst zum Schuldner zu mutieren. Auch der wirtschaftlich gebeutelte Iran könnte arge Probleme bekommen, die nötigen Sozialausgaben zu bezahlen. In beiden Staaten könnte das abzusehende Ende des Ölpreisbooms daher zu sozialen Unruhen führen.
Wohin bewegt sich der Ölpreis?
Die meisten Experten gehen davon aus, dass sich der Ölpreis mittelfristig auf dem momentanen Niveau stabilisiert ? die Bank of China rechnet beispielsweise mit einem langfristigem Gleichgewichtspreis von 35 US$ je Barrel. Aber dieses Szenario könnte bei einer sich halbwegs stabilisierenden Weltwirtschaft mittelfristig wieder von der mangelnden Förderreserve eingeholt werden.
Die IEA hat in ihrem diesjährigem ?World Energy Outlook? ihre Annahmen für den Förderrückgang der bestehenden Ölfelder drastisch erhöht. Letztes Jahr sagten die internationalen Experten noch einen Rückgang der maximalen Förderkapazitäten von 3,6% pro Jahr voraus. In ihrem aktuellen Bericht hat die IEA diese Prognose auf 6,7% erhöht ? bei einer geschätzten maximalen Förderung von 80 Mio. Barrel pro Tag müssten daher jedes Jahr neue Ölfelder mit einer Kapazität von über 5 Mio. Barrel pro Tag entdeckt und erschlossen werden, um das momentane Förderniveau zu halten. Da die Exploration neuer Ölfelder direkt mit dem Ölpreis zusammenhängt, wird es bei langfristigen Ölpreisen unter der 80 US$-Marke kaum neue Fördergebiete geben, da die Explorationskosten erst ab einem höheren Ölpreis refinanziert werden können.
Eine mittel- bis langfristige Konsolidierung des Ölpreises ist daher zwangsläufig anzunehmen. Es ist nicht die Frage, ob Öl wieder zum ?alten? Höchstpreis zurückkehren wird, sondern wann. Der reale Spielraum zwischen Nachfrage und Angebot ist sehr gering. Auch wenn die OPEC-Staaten in den nächsten Jahren undiszipliniert mehr Öl verkaufen, als es ihnen die Quoten zugestehen, wird der ?natürliche? Förderrückgang von 6,7% pro Jahr à la longue den Markt wieder in die Situation bringen, dass die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann und dann gibt es für den Ölpreis nur eine Richtung ? steil bergauf.
Jens Berger
Bildnachweis: Bild 1 Mother Jones
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Die Finanzkrise erreicht das Land der Mitte

Als die NATO-Truppen die Taliban aus Afghanistans Regierungsämtern trieben, keimte in Afghanistan ein Funke Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. In sieben Jahren Krieg hat die NATO es allerdings nicht vermocht, die Hoffnung der Afghanen zu befriedigen – im Gegenteil. Unter den Augen der Besatzungsmacht erlangten die Aufständischen im letzten Jahr nicht nur die faktische Kontrolle über einen Großteil des Landes, sie erzielten auch Erfolge im Kampf um Meinungen und die Herzen der afghanischen Bevölkerung. Die Lage der NATO ist prekärer denn je ? ACBAR, eine Dachorganisation, die über 100 Hilfsorganisationen vertritt, meldete eine Zunahme der Angriffe der Aufständischen um 50% im 
Die Strategie der NATO, die Afghanen von der Überlegenheit des westlichen Demokratiemodells zu überzeugen und ihnen mit milliardenschweren zivilen Aufbauprogrammen die Vorzüge einer Westbindung zu demonstrieren, droht in einem Sumpf von Korruption und handwerklichen Fehlern zu ersticken. Der ehemalige, für Afghanistan zuständige, Staatssekretär im britischen Außenministerium Kim Howells beschreibt das Land als durch und durch korrupt auf allen Ebenen. Mit der NATO kam in weiten Bereichen des Landes auch eine unselige Form der Anarchie. Korrupte Würdenträger und Sicherheitsbehörden dienten demjenigen, der sie am besten bezahlt. Parallel wurde die wirtschaftliche Basis der Landbevölkerung in weiten Teilen des Landes vernichtet ? der Opiumanbau.
Wer sind eigentlich die Aufständischen in Afghanistan genau? In westlichen Medien hat sich der Begriff ?Taliban? eingeprägt. Die Taliban sind allerdings mehr als die religiösen Eiferer mit Turban und langen Bärten, die gerne in den Medien gezeigt werden. Die Taliban sind kein monolithischer Block, sondern eine heterogene Masse von Aufständischen, die nur ein Ziel vereint ? die Besatzer aus dem Land zu treiben. Unter den Taliban finden sich neben den islamistischen Ultras auch nationalistische Studenten, arme ungebildete Bauern, Veteranen des antisowjetischen Kampfes der Mudschaheddin und Warlords wie Banditen jeglicher Couleur, deren ?Geschäfte? in Konkurrenz zur staatlichen Kamarilla stehen. So heterogen wie die Gruppen selbst, ist auch deren Strategie und Vorgehensweise. Die klassischen Taliban nutzen dieses Sammelbecken des Widerstandes, um das staatliche Vakuum in den umkämpften Gebieten zu füllen ? mit ihrer extremen Form der Scharia stehen sie in Konkurrenz zur gewalttätigen Willkürherrschaft und Korruption des Staates. Wenn der Westen es nicht vermag, seinen Satelliten in Kabul dazu zu bringen, Willkür und Korruption zu besiegen, sehen die Prognosen für die islamistische Alternative wohl oder übel Erfolg versprechend aus.
Die Weltwirtschaft befindet sich im freien Fall ? wie wird die Gesellschaft mit der zu erwartenden Massenarbeitslosigkeit umgehen?