Deutschland und das Konjunkturpaket ? ein kafkaeskes Wintermärchen
geschrieben am 08. Dezember 2008 von Spiegelfechter
Die Welt steht an der Schwelle zu einer Depression, wie es sie seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat. Das Kartenhaus kreditfinanzierten Konsums bricht weltweit ein und damit geht die Nachfrage nach Produkten aller Art zurück. Betroffen sind sowohl die konsumfreudigen USA, als auch die Exportweltmeister Deutschland und China, deren Absatzmärkte wegbrechen und deren eigene Bevölkerung sich die produzierten Güter kaum leisten kann ? Wettbewerbsfähigkeit hat ihren Preis. Die Weltgemeinschaft hat die Brisanz der Lage auch erkannt. China will fast 450 Mrd. Euro in die eigene Volkswirtschaft investieren, um die rückläufigen Exporte zu kompensieren, Japan nimmt dafür 200 Mrd. Euro in die Hand und die USA werden noch wesentlich tiefer in die Kasse greifen und mindestens 550 Mrd. Euro ausgeben. Auch Europa knausert nicht, wenn es darum geht, eine Systemkrise abzuwenden ? Frankreich investiert 40 Mrd. Euro, Großbritannien 24 Mrd. Euro, Spanien 38 Mrd. Euro und Italien sogar 80 Mrd. Euro. Nur ein Land sperrt sich gegen stimulierende Ausgaben ? Deutschland, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und Exportweltmeister.
Von Japan lernen, heißt siegen lernen
Als Japan nach dem Platzen einer Spekulationsblase 1991 in die Rezession fiel, wählte die Politik die gleichen Medikamente, die Merkel und Steinbrück heute zur Abwehr der Konjunkturkrise einsetzen wollen. Man wartete zunächst erst einmal ab – vielleicht löst sich die Krise ja von alleine in Luft auf. Als dies ?überraschend? nicht geschah, legte man über Jahre hinweg kleine, wenig sinnvolle Progrämmchen auf, die ihr Ziel verfehlten und den Staat an den Rand des Ruins trieben. Seit 1991 stieg die japanische Staatsverschuldung von 50% des BIP auf 170% an, während die Wirtschaft stagnierte. Japan und seine zögerliche Reaktion auf die nahende Depression gelten seitdem als abschreckendes Beispiel für Konjunkturpolitik im Angesicht einer Krise. Die Welt hat ihre Lehren aus dem japanischen Dilemma gelernt, nur Deutschland scheint die Lektion nicht verstanden zu haben.
Ganz im Sinne ihrer japanischen Leidensgenossen aus den 1990ern warnt die Regentin Unternehmen davor, Arbeitnehmer zu entlassen, da diese im Aufschwung wieder gebraucht würden. Ihr Finanzminister doziert, er wolle kein Geld verbrennen, da es in Kürze wieder aufwärts geht. Auch die Bundesbank sieht für 2010 bereits wieder ein Wachstum von 1,2%. Woher diese Akteure ihren unbegründeten Zweckoptimismus nehmen, bleibt ein Rätsel. Seriöse Prognosen sehen die deutsche Volkswirtschaft im kommenden Jahr zwischen zwei und vier Prozent schrumpfen ? dies wäre der stärkste Rückgang in der Nachkriegszeit. Prognosen für 2010 sind bei der momentan höchst angespannten Lage der Weltkonjunktur schwerlich möglich ? in dieser Lage Wachstum zu prognostizieren, ist unverantwortlicher Optimismus. Die Regierung betreibt Haushaltspolitik nach Art der drei Affen ? nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Merkel und Steinbrück wirken wie tragikomische Gestalten in einem Roman von Franz Kafka.
Merkel Cunctator
Konjunkturpakete sind momentan ein vieldiskutiertes politisches Thema. Sogar die sogenannten fünf Wirtschaftsweisen sprechen mittlerweile von der Notwendigkeit schneller antizyklischer Konjunkturmaßnahmen ? für ein Gremium, das zu vier Fünfteln aus Vertretern der neo- bzw. ordoliberalen Schule besteht, ist dies bereits eine kleine Revolution. Eine antizyklische Wirtschafts- und Finanzpolitik war für dieses Gremium bis vor kurzem noch ?Teufelswerk? und das Wort ?Konjunkturprogramm? die Vorstufe zum Kommunismus. Konjunkturprogramme entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie gezielt zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden und ein Volumen haben, das ausreicht, um stimulierend zu wirken. Ist die Depression erst einmal da, ist es für Ad-Hoc-Maßnahmen zu spät.
Was von der Presse vor Monaten noch als Merkels ?Politik der kleinen Schritte? gelobt wurde, ist nichts anderes als Schröders ?Politik der ruhigen Hand? und Kohls ?Aussitzen?. ?Ein guter Prophet wartet die Entwicklungen ab, bevor er weissagt?, so lautete das Mantra Helmut Kohls ? Kohls Mädchen tritt diesbezüglich ganz in die Fußstapfen des Oggersheimers. Die Regentin und ihr Finanzminister führen das Land mit derselben Kombination aus Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit, wie die Banker ihre Häuser zu Zeiten, in denen die Finanzkrise noch als ?Panikmache? abgetan wurde.
Der kranke Mann am Rhein
Wo der Rest der Welt ganz nach dem Motto des Panzergenerals Guderian nicht kleckert, sondern klotzt, erinnert die deutsche Regentin eher an den Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. 12 Mrd. Euro, gestreckt auf zwei Jahre, will man in Berlin zur Abwendung der Wirtschaftskrise locker machen ? das sind 0,25% des Bruttoinlandproduktes. Vor drei Wochen verständigten sich die G-20 Staaten in Washington, mindestens 2% des BIP für eine Stärkung der Binnennachfrage auszugeben. Deutschland hält sich somit offensichtlich nicht an internationale Absprachen ? in Berlin hofft man immer noch, das Problem aussitzen zu können und dabei gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Wenn andere Länder Billionen in die Volkswirtschaft pumpen ? so Merkels Theorie ? wird dies auch Deutschland als Exportnation stimulieren. Damit stiehlt sich Deutschland in einer kritischen Phase aus der Verantwortung. Es wundert wenig, dass mittlerweile alle Nachbarn wütend nach Berlin schauen und Groll gegen die Regierung Merkel hegen. Deutschland ist ? so die Financial Times London ? ein Schmarotzer auf dem internationalen Parkett.
Das deutsche Konjunkturpaket entspricht in beinahe keinem Punkt der Definition eines solchen und hat daher den Namen eigentlich gar nicht verdient. Lieblose Kleckerbeträge, die zur falschen Zeit zu wenig bewirken, werden das Land nicht vor dem Abstieg retten. Als einzige Komponente des Pakets können die geplanten Investitionen einer kritischen Überprüfung standhalten ? diese Ausgaben wirken aber erst frühestens im nächsten Jahr, sind im Volumen viel zu gering und eignen sich nur als Unterstützung, aber nicht als Ersatz konjunktureller Sofortmaßnahmen.
Der Ernst der Lage ist auch in den Parteizentralen Deutschlands noch nicht wirklich angekommen. Jede Partei nutzt die Krise und die Diskussion um höhere Ausgaben nur dafür, ihre Klientel zu befriedigen und Teile ihrer üblichen Agenda durchzuboxen. Im konservativen Lager will man mal wieder die Pendlerpauschale auf die Tagesordnung setzen und fordert im Chor mit der FDP eine Senkung der Einkommenssteuern. Ein solcher Schritt wäre im Moment konjunkturpolitisch nicht nur wirkungslos, sondern sogar falsch. Senkungen der Einkommenssteuer würden nahezu komplett denen zu Gute kommen, die den frischen Geldregen in ihrem Portemonnaies nicht zugunsten der Binnenwirtschaft verkonsumieren.
Das oberste Prozent der Einkommensskala zahlt 20% des Einkommenssteueraufkommens. Die obersten zehn Prozent zahlen die Hälfte, während die untere Hälfte der Einkommensskala nur 7% des Steueraufkommens trägt. Eine breite Steuersenkung käme daher im Volumen fast ausschließlich denjenigen zu Gute, die lieber im globalen Casino mitspielen, als es in den Konsum zu stecken. Damit wird bestenfalls eine konjunkturelle Streuwirkung erzielt. Dafür würden diese Steuergelder dem Staat an anderer Stelle fehlen. In der Folge müssten wichtige konjunkturstärkende Investitionen ausbleiben. Dies würde wiederum vor allem die unteren Einkommensklassen belasten, denen die staatlichen Investitionen zu Gute kämen. Einkommenssteuererleichterungen wären daher im Endeffekt nur eine Fortsetzung der Umverteilung von unten nach oben und hätten einen schwächenden Effekt für die Binnenkonjunktur. Als konjunkturelles Notprogramm ? wie von den G20 gefordert ? können Einkommenssteuersenkungen ebenfalls nicht gesehen werden, da sie erst zeitversetzt wirken.
Schmarotzer Deutschland
In Europa stellt man sich folgende Frage ? wer, wenn nicht Deutschland, kann die Mittel flüssig machen, um eine tiefgreifende Depression abzuwenden? Deutschland hat eine überschaubare Staatsverschuldung, ein niedriges laufendes Staatsdefizit und profitiert als Exportweltmeister so sehr von der Weltwirtschaft wie kaum ein anderes Land. In Frankreich heißt es dementsprechend bereits, es sei typisch für die Deutschen, dass sie sich in dem Moment, in dem man sie braucht, aus der Verantwortung stehlen. Die französische Sicht ist leider korrekt. Deutschland hat eine recht eigene Vorstellung von Solidarität ? diese wird nur dann begrüßt, wenn man selber von ihr profitiert. Im Angesicht der Weltwirtschaftskrise spielt Deutschland mit seinem Egoismus allerdings vabanque.
Wenn sich die Krise durch die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft wirklich abwenden ließe, stünde Deutschland als Profiteur da. Die Steuergelder anderer Staaten würden über die Konjunkturmaßnahmen indirekt zum Teil die deutsche Volkswirtschaft stärken, da mit den freien Mitteln natürlich auch deutsche Importe bezahlt werden. Aber wer wünscht sich schon einen Nachbarn, der bei einem Brand im Dorf seinen eigenen Brunnen versiegelt und nach den Löscharbeiten das Wasser aus diesem Brunnen zu Wucherpreisen verkauft, wissend, dass die anderen Bewohner ihre Brunnen bei den Löscharbeiten leer gepumpt haben? Deutschland macht sich mit seinem Schmarotzertum keine Freunde und die Regentin braucht gar nicht zu schmollen, wenn ernsthafte Staatsführer wie Brown und Sarkozy sie für konstruktive Konsultationsgespräche erst gar nicht einladen. Was aber am schwersten wiegt, ist das Risiko, das Deutschland von sich auf die Allgemeinheit abschiebt. Man nimmt die Weltwirtschaftskrise in Berlin billigend in Kauf, um beim absoluten Abstieg aller Staaten, relative Konkurrenzvorteile zu erlangen – ein solches Verhalten ist schäbig.
Die Deutschen würden ja gerne mehr Geld ausgeben, aber sie haben keines. Die jahrelange ?Konsolidierungspolitik? hat die Kassen der Unternehmen gefüllt, den Export beflügelt, aber die Binnenwirtschaft geschädigt. Was das Land nun zur Abwehr der Krise braucht, währen konzertierte Maßnahmen, die einerseits eine sofortige konjunkturelle Wirkung hätten und andererseits langfristig die Binnennachfrage stützten. Das Zeitfenster für konjunkturelle Sofortmaßnahmen ist momentan noch offen, wenn die Krise sich erst einmal manifestiert hat, ist es bereits zu spät.
Gegen eine sofortige Senkung der Mehrwertsteuer, wie es in Großbritannien umgesetzt wurde, spricht wenig. Sie würde den Konsum leicht beflügeln und diejenigen ?belohnen?, die konsumieren und somit genau an der richtigen Stelle ansetzen. Auch die viel diskutierten Konsumschecks wären ein richtiger Schritt. Sie würden sofort wirken und den Konsum stärken. Natürlich würde dafür auch Geld an anderer Stelle gespart, aber die Streuverluste wären relativ gering und vor allem wäre diese Maßnahme auf den konkreten Zeitpunkt bezogen. Wenn ein Herr Steinbrück raunt, die Wirkung solcher Schecks wäre in drei Monaten ?verpufft?, so hat er das Prinzip der Schecks nicht verstanden. Sie sind nicht auf langfristige Stützung, sondern auf die dringend benötigte Sofortwirkung ausgelegt.
Langfristig müsste ein sinnvolles Konjunkturprogramm mit Investitionen unterlegt sein. Reparaturen an der Infrastruktur oder in staatlichen Gebäuden, wie zum Beispiel Schulen, wären ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die Personalpolitik der öffentlichen Hand ist ein geeignetes Instrument, um die Binnennachfrage zu stärken. Ein frisch eingestellter Lehrer gibt das Gehalt, das er vom Staat bekommt, schließlich auch aus – vielleicht kauft er sich sogar einen Opel.
Jens Berger
Nachschlag: Der SPIEGEL hat derweil seine eigene Definition von “guter” Konjunkturpolitik und offenbart dabei seine gnadenlose Arroganz und Entrücktheit:
Merkel und Steinbrück fällt es schwer, Brown und Sarkozy als Vorbilder zu sehen. Und das aus gutem Grund: Die Mehrwertsteuersenkung von 17,5 auf 15 Prozentpunkte etwa, mit der Brown sich in Großbritannien als Krisenmanager zu profilieren sucht, entpuppt sich bereits als Eigentor. Bürger und Medien zweifeln daran, dass ein derart geringer Preisnachlass den Konsum nachhaltig ankurbeln könnte. Und auch Sarkozys mit großer Fanfare vorgestelltes Konjunkturpaket wurde umgehend als eine Ansammlung von Luftbuchungen verspottet.
Im Klartext: Browns Steuersenkung “entpuppe sich” deshalb als “Eigentor”, weil die Medien am Erfolg dieser Maßnahme zweifeln. Und Sarkozys Konjunkturpaket ist auch deshalb kein “Vorbild”, weil es von Medien als “Luftbuchung” verspottet wird. Da haben Merkel und Steinbrück aber Glück, dass ihr Nichtstun beim SPIEGEL auf Zustimmung stößt und somit nach Lesart des SPIEGELS auch ein Erfolg ist. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, lieber SPIEGEL.
Hintergrund und Analyse:
Charles Grant – Unilateral Germany threatens to weaken Europe
Patrick Wintour – Germany pressed to contribute more to EU recession fight
Heiner Flassbeck – Wann kommt die Kavallerie?
Heiner Flassbeck – Ein unglaubliches Gebräu
Thomas Fricke – Konsumschecks statt Provinzgezeter
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Man stelle sich vor ? während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 1932 hätte Herbert Hoover ein ?historisches? Programm aufgelegt, mit dem er der Wall-Street Milliarden von Steuergeldern hätte zuschanzen wollen. Man stelle sich nun vor, Hoover hätte ein nationales Zusammenrücken gefordert und seinen Herausforderer Roosevelt aufgefordert, die wirtschaftspolitischen Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten ruhen zu lassen. Roosevelt solle in schwierigen Zeiten nationale Einigkeit demonstrieren und sich hinter Hoovers Programm stellen. Zu guter Letzt stelle man sich vor, Roosevelt hätte diesem Wunsch stattgegeben und gemeinsam mit Hoover verkündet, Hoovers Programm sei ?zwar fehlerhaft, dennoch dürften die Bemühungen um eine Einigung nicht scheitern?.
Anders als Roosevelt hat Obama keine Vision. Er propagiert den ?Change?, will seinen Wählern aber nicht so wirklich erzählen, was er eigentlich ändern will. Für die Kreditkrise hat Obama weder Lösungen noch konkrete Ideen parat. Er ?weiß? dafür aber, dass der Bernanke-Paulson Plan ?fehlerhaft? sei, schweigt sich aber über Alternativen aus. Anstatt der Nation, ähnlich wie damals Roosevelt, eine konkrete Alternative zum Turbokapitalismus zu offerieren, präsentiert sich der vermeintliche Hoffnungsträger eher als moderne Variante des Charon, der gegen einen Obolus die amerikanische Volkswirtschaft über den Styx steuert. Obama hat dabei großes Glück, dass sein republikanischer Konkurrent von Wirtschaftspolitik so viel Ahnung hat wie Roland Koch von Integrationspolitik. Sehr zum Leidwesen seiner Wahlkampfmanager kokettierte McCain Anfang des Jahres noch damit, dass er relativ wenig Ahnung von Ökonomie hätte. Heute kann man das als Präsidentschaftskandidat natürlich nicht mehr so frank und frei zugeben. Genau aus diesem Grund lässt McCain nun auch seinen Wahlkampf Wahlkampf sein und widmet seine gesamte Energie dem Bernanke-Paulson Plan. Was genau der große Wirtschaftsexperte McCain in Washington so macht, weiß derweil niemand so genau. Chris Dodd, der Verhandlungsführer der Demokraten, erklärte zumindest, ?dass sich John McCain bei [ihm] in den vergangenen Tagen nie über den Stand der Verhandlungen erkundigt [hätte]?.
Der Kongress lässt sich – nach dem momentanen Meldungsstand – jedoch bereits mit dem kleinen Entgegenkommen besänftigen, Manager der Unternehmen, denen geholfen wurde, hätten für eine eingeschränkte Zeitperiode eine Einkommensgrenze hinzunehmen. “Das amerikanische Volk ist ärgerlich wegen der Managervergütung, und das zu recht”, so tönte Finanzminister Hank Paulson bereits gestern. Der Mann muß es wissen, hat er sich doch durch seine Tätigkeit als CEO von Goldman-Sachs ein Vermögen von 632 Mio. US$ “
Chris Dodd, ein demokratischer Senator aus Connecticut, der dem Senatsausschuss für Bankenaufsicht vorsteht, hat Anfang der Woche einen Alternativplan veröffentlicht, der von Ökonomen hoch gelobt wird. Der Unterschied zum Bernanke-Paulson Plan besteht darin, dass der Staat für die ausgelagerten ?Problempapiere? keine Barmittel zur Verfügung stellt, sondern sich über das Eigenkapital an den Finanzinstituten, die diesen Service in Anspruch nehmen wollen, beteiligt. Bei Aktiengesellschaften würde dies über Neuemissionen funktionieren. Der Staat wäre dann an den angeschlagenen Instituten in der Höhe beteiligt, die er ihnen an ?Problempapieren? abnehmen würde. Bei Instituten mit einer anderen Unternehmensform würde der Staat Sonderschuldverschreibungen bekommen, die vor allen anderen Verbindlichkeiten im Konkursfall eingelöst werden könnten. Anstatt dem Steuerzahler einen Korb mit ?finanztechnischem Giftmüll? ins Depot zu stellen, dessen zukünftiger Wert nur schwer zu ermitteln ist, hätte der Staat nach dem Dodd-Programm Anteile an den Finanzinstituten, die er gewinnbringend veräußern könnte. Das finanzielle Risiko für den Steuerzahler ließe sich so minimieren.

Flassbeck hält eine Lohnsteigerung in Höhe des Produktivitätszuwachses plus des Inflationsziels für empfehlenswert. Für Deutschland hieße dies ? jedes Jahr Lohnsteigerungen in Höhe von mindestens 4%. Und da man in einer Volkswirtschaft gesamtwirtschaftlich nie Sparen kann, empfiehlt Flassbeck auch den Konsum zu stärken, da Ausgaben immer auch Einnahmen sind. Für die Rezepte der deutschen Politik, die immer auf ein ?Sparen? herauslaufen ? was es so gar nicht geben kann ?, hat Flassbeck bestenfalls Unverständnis über. Wenn verlautbart wird, man müsse für die Rente sparen, so heißt dies de facto, dass man der Konjunktur Geld entzieht und es anderen Investoren leiht ? es kann keinen Gläubiger ohne Schuldner geben. Anstatt die eigene Wirtschaft anzukurbeln, stellt man also anderen Volkswirtschaften Geld zur Verfügung, damit sie ihre Konjunktur ankurbeln und die Nachfrage nach deutschen Exporten zunimmt. Dies mag ein nettes Instrument sein, die Exportbranche zu stärken, als Rentensystem ist dieses Konzept unsinnig. Ein Umverteilungssystem, wie die klassische Gesetzliche Rentenversicherung in Deutschland kann nur durch Konsum gestärkt werden. Jeder ausgegebene Euro ist ja nicht weg, sondern landet auf der Einnahmenseite bei einem anderen Wirtschaftssubjekt und fließt über die Umverteilungssysteme auch wieder ins Rentensystem zurück. Solch grundlegende Basiskenntnisse der Volkswirtschaft sind allerdings weder in der Politik noch in den Wirtschaftsverbänden vorhanden.
Deutschland im Frühjahr 2008 – die ersten Landtagswahlen des Jahres haben zumindest in Hessen eine echte Überraschung gebracht und einige althergebrachte politische Weisheiten in Frage gestellt und die Große Koalition bewegt sich nach zwei Jahren fruchtlosen Plänkeleien rund um die omnipräsente politische Mitte, die jeder für sich beansprucht, so langsam in Richtung Wahlkampf. Zeit eine Analyse durchzuführen, wo die Parteien politisch stehen, wo sie sich in diesem Jahr voraussichtlich hinbewegen werden und was das alles für den Wähler zu bedeuten hat.
Die Probleme mit denen sich Rot/Grün herumschlagen musste, haben sich freilich abgeschwächt. Die Steuereinnahmen haben sich stabilisiert und die Arbeitslosenzahl ging leicht zurück, das freut natürlich die Politik. Dass die neu entstandenen Jobs größtenteils im nicht sozialpflichtigen Bereich entstanden und keinesfalls sicher und nachhaltig sind, stört da weniger. Es gibt ja auch kein ?Kind? in den Medien, dass auf die Kanzlerin zeigt und auf die Nichtexistenz ihrer Kleider hinweist.
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Konjunktur sich abkühlen wird. Ob es bei einem bloßen Abnehmen des Wachstums oder gar zu einer Rezession kommen wird, ist Anfang 2008 noch nicht vorhersehbar. Das globale Kasino hat jedenfalls eine chaotische Situation hinterlassen, aus der zweifelsohne ein Orkan entstehen könnte. Die Stellschrauben, dies zu verhindern, liegen nicht in den Händen der Politik ? die Zentralbanken haben zwar Möglichkeiten korrigierend einzuwirken, aber letztendlich ist es nur die Finanzwirtschaft selbst, die sich selbst reformieren muss. Die Politik hat kein echtes Interesse und wohl auch nicht einmal die Möglichkeiten sich in diese komplexen Systeme einzumischen ? und das ist wahrscheinlich sogar von Vorteil, bedenkt man die unsägliche Inkompetenz der Politik auf diesem Gebiet.
Betrachtet man die Medien, so entdeckt man eine Kehrtwende ? Merkel ist nicht mehr sakrosankt und ihre Arbeit (bzw. das Unterlassen derselben) wird kritischer beäugt, als in den letzten beiden Jahren. Unter Merkel hat die CDU es tunlichst vermieden, kritische Themen anzugehen und sich in einer Form des ?Neoliberalismus light? versucht, der schmerzliche neue Einschnitte zu vermeiden versuchte, die schröderschen Grausamkeiten aber keinesfalls in Frage gestellt hat. Es gab zwar auch kleinere Flügelkämpfe ? auf der einen Seite wollte (und will) sich der selbsternannte Arbeiterführer Rüttgers für einen Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz stark machen und auf der anderen Seite versuchte Friederich Merz , das trojanische Pferd der marktradikalen INSM, die CDU zu einer strammen Volks-FDP zu machen. Merz wurde in die Diaspora geschickt und Rüttgers fehlt die Hausmacht in der CDU, so dass Merkel mit ihrem ?Kuschelkurs? auf der Suche nach der Mitte ziemlich fest im Sattel sitzt.
Für BILD und die ?CDU-Reformer? (wie der SPIEGEL sie nennt) steht der Schuldige am Desaster in Hessen fest ? es ist der ?Linksdrall? der CDU unter Merkel. Und das meinen diese Leute tatsächlich ernst. Wahlstrategisch hätte die CDU momentan allerdings kaum etwas zu befürchten ? die SPD hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt, Stimmen für die LINKEn gehen hauptsächlich zu Lasten der SPD und die FDP ist der christlich-konservativen Mitte zu unseriös – der ?Leichtmatrose?, wie Stoiber Westerwelle nannte, wird in diesem Milieu nicht wildern können, wenn die Wirtschaft nicht signifikant schrumpft, oder Medien und Lobbyverbände diesen Eindruck vermitteln können. Das sie dies können und werden, ist kaum zu bezweifeln. 2008 und 2009 werden von Kassandrarufen der neoliberalen Hohepriestern erfüllt sein, der ?Aufschwung? wird pünktlich beendet sein, wenn es darum ginge, die Bürger an ihm teilzuhaben und eine neue ?Gürtel-enger-schnallen-Rhetorik? wird den Blätterwald und die Talkshowsessel ausfüllen.
Dass die SPD in Hessen ein durchaus ordentliches Ergebnis erzielen konnte, hatte wenig mit ihrer Politik und wohl auch wenig mit der dortigen Spitzenkandidatin zu tun. Ähnlich wie die CDU in Niedersachsen, hat die SPD in Hessen ihren relativen Erfolg vor allem der unglaublichen Dämlichkeit des politischen Hauptgegners zu tun. Hätte Koch einfach nur die Klappe gehalten und mit Spiegelfechtereien von der ?Gerechtigkeitsdebatte? abgelenkt ? er wäre heute Ministerpräsident einer schwarz/gelben Koalition.
Mit der Mindestlohndebatte hat die SPD zumindest ein Wahlkampfthema gefunden, das ideal scheint, einen inhaltlichen Wahlkampf zu bestreiten. Die CDU kann sich nicht auf dieses Thema einlassen, ohne einen Putsch vom ?Reformflügel? zu provozieren und beim Volk kommt dieses Thema blendend an ? zumindest momentan, man sollte nicht den Einfallsreichtum der Lobbyisten unterschätzen. Ein Wahlkampfplakat der LINKEn packt die Scheinheiligkeit der SPD bereits am Scheitel: ?Erst die Leute in die Armut schicken und dann von Mindestlohn schwätzen? ? die SPD läuft Gefahr, als opportunistische Vereinigung geoutet zu werden, der es nur um den Machterhalt und nicht um das Thema ?Gerechtigkeit? geht. Koch wurde (zurecht) nicht abgekauft, dass es ihm um Jugendkriminalität und bessere Integration von Migranten geht, der SPD wird vielleicht nicht abgekauft werden, dass es ihr um ?Gerechtigkeit? geht.
Im Westen bestehen allerdings auch unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Parteien ? die LINKE besteht zu einem signifikanten Teil aus agendaenttäuschten Ex-SPDlern, denen es im Traum nicht einfallen würde, sich als Juniorpartner zum Erfüllungsgehilfen der Mehrheitssozialisten machen zu lassen. Die Begeisterung in der SPD hält sich auch in Grenzen, mit den Rebellen unter der Führung des gefallenen Engels zusammenzuarbeiten. Dies sind persönliche Aversionen, die dem Wähler freilich schwer zu vermitteln sind, aber eine Kooperation auf lange Zeit erschweren. Das Saarland könnte hier einen Paradigmenwechsel einläuten ? die Wahlen werden parallel zu den Bundestagswahlen stattfinden und dank Oskar Lafontaine ist dort ein sehr starkes Ergebnis für die LINKE wahrscheinlich. Die Saar-SPD schließt ? anders als alle anderen westdeutschen SPD-Landesverbände ? eine Kooperation mit der LINKEn keinesfalls aus. Es ist also gut möglich, dass es 2009 im Bund schwarz/gelb gibt und im Saarland rot/rot, was dann einen echten Wechsel in der politischen Landschaft einläuten würde.
Von allen Parteien werden es die Wirtschaftsliberalen am einfachsten haben, sich auf den Wahlkampf 2009 vorzubereiten. Die FDP muss einfach nur das bleiben, was sie ist: eine Klientelpartei des Kapitals. So lange die FDP die politische Verlängerung neoliberaler Lobbygruppen ist, wird sie ihre Stammwählerschaft auch nicht mit Eskapaden abschrecken können. Apotheker, Juristen und materialistische Besserverdiener wissen, was sie an ?ihrer Partei? haben und werden einen Teufel tun, die unsicheren Kantonisten der GRÜNEN zu wählen, die als einzige Partei ernsthaft bei dieser Klientel Chancen hätte.
Die Absage an die hessische SPD erscheint in diesem Kontext auch nur mehr als logisch. Wenn die FDP aus einem Fehler gelernt hat, dann ist dies ihr Image als Wendehalspartei. Jeder Kurswechsel würde vom Wähler bestraft werden.
Wenn man den GRÜNEN eine Sache zu gute halten muss, dann ist es ihre Wandlungsfähigkeit ? wenn man den GRÜNEN eine Sache vorwerfen muss, dann ist es ihre ebenfalls ihre Wandlungsfähigkeit. Wer sind die GRÜNEN und für was stehen sie? Fest steht, dass die GRÜNEN von heute nichts mehr mit der pazifistischen Ökopartei der 80er und frühen 90er zu tun haben ? dies war eine komplett andere Partei. Die GRÜNEN sind mit ihrer Wählerschaft gealtert und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zusammen mit ihrer Wählerschaft haben die GRÜNEN alte Ideale begraben und sich eine Scheinrealität aufgebaut. Die GRÜNEN sind die Partei ?pazifistischer Kriege?, des ?liberalen Überwachungsstaates? und des ?gerechten Sozialabbaus? ? die Verdinglichung kognitiver Dissonanzen.
Nur wenn das Top-Thema ?Klima-Hysterie? an Bedeutung verliert, werden die GRÜNEN die Notwendigkeit sehen, sich programmatisch neu zu ordnen. Im Falle einer Rezession wird dies der Fall sein ? zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Und dann ist auch der Traum aller Linksliberalen möglich ? eine Partei, die konsequent für linksliberale Politik steht. Die GRÜNEN haben sowohl das Potential, als auch die Wandlungsfähig dies zu erreichen.
In der Parteienlandschaft haben die LINKEn einen einmaligen Vorteil ? sie sind wohl die einzige Partei, die aus der Opposition heraus mehr erreichen kann, als in der Regierungsverantwortung. Anders als die SPD kann die LINKE glaubhaft ?linke? Positionen besetzen. Dies stellt für die SPD eine manifeste Bedrohung dar ? wenn sie nicht auf die Positionen der LINKEn eingeht, verliert sie wichtige Prozente, geht sie auf die Positionen ein, nimmt es niemand so recht ernst. Die SPD ist jedoch zur Umsetzung dieser Positionen verdammt – die Geduld der Wähler hat ihre Grenzen. Das Thema ?Mindestlohn? ist ein gutes Beispiel für diesen Effekt. Ohne die LINKE wäre es der SPD im Traum nicht eingefallen, sich derart konsequent gegen den neoliberalen Mainstream zu stellen. Ohne die LINKE wäre wahrscheinlich auch schon die Bahn in den Händen privater Investoren.
Die deutsche Politik befindet sich mitten in einem Linksruck – zumindest wenn man den Medien und den Wirtschaftsinstituten Glauben schenken mag. Auslöser dieser seltsam realitätsfernen Debatte war der
Genau so, wie ein zu 50% gefülltes Glas Wasser, für den einen Betrachter halbvoll und für den anderen Betrachter halbleer ist, so haben die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der Agenda 2010 je nach Sichtweise positive oder negative Effekte auf die Volkswirtschaft. Die Mehrheit der Medien hat die Sichtweise der neoliberal geprägten Lobbygruppen beherzigt und nimmt unreflektiert Kausalzusammenhänge, die nicht belegbar sind, als gegeben hin. Eigentlich kann die Regierung machen was sie will, gegen Konjunturzyklen kann sie wenig machen. Seit 2003 brummt die Weltkonjuntur, und selbstverständlich profitiert auch Deutschland als ungemein exportorientiertes Land davon. Schaut man sich die Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre an, so sieht man, dass es die Exportwirtschaft ist, die alleine für die positive konjunkturelle Entwicklung in Deutschland verantwortlich ist. Das Wirtschaftswachstum von 2,6% im akutellen Jahr wäre (mit leichten Abweichungen nach oben oder unten) aufgrund dieser externen konjunkturellen Effekte in jedem Falle gekommen – ob die Wirtschaftspolitik dabei von der FDP, den LINKEN oder der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands gemacht wäre, würde da eine wesentlich geringere Rolle spielen, als man es denken mag.
Seit 2000 stellt sich die Entwicklung folgendermaßen dar:
Ziel sollte es also ein, die Binnenkonjunktur zu stärken, ohne gleichzeitig die Exportwirtschaft über Gebühr zu belasten. Für letzteres sind die Lohnstückkosten ein recht guter Indikator. Diese sind durch gestiegene Produktivität tendenziell seit Mitte der 90er Jahre rückläufig. Seit Einführung der Hartz-Gesetze sind sie daher ebenfalls rückläufig, dies ist aber nicht kausal auf die Hartz-Gesetze zurückzufügren, sondern auf diverse andere Faktoren, wie die Zurückhaltung der Gewerkschaften, steigende Effizienz und steigende Rohstoffkosten, die in die Produktpreise eingehen. Die Exportwirtschaft ist kein Niedriglohnsektor, so daß die Einflüße der Agenda 2010 marginal sind.
Das ist es, was die Politik erreicht hat – und dies soll nicht verspielt werden? Welch Pharisäertum, für eine Durchsetzung von Partikularinteressen der Exportwirtschaft und der Finanzbranche. In dieser kruden Denke sind sich übrigens nicht einmal die fünf Weisen von Absurdistan einig. Der Weise Bofinger, von der FAZ als “