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  • Boys don´t Cott! [Update]

    geschrieben am 09. Oktober 2007 von Jens Berger

    Ein deutscher Jugendnationalspieler entschloss sich aufgrund seiner israelischen Herkunft und familiärer Gründe dafür, nicht an einem Fußballländerspiel der Jugendnationalmannschaft in Teheran teilzunehmen. Ob seine Weigerung etwas mit den kolportierten Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu tun hat, ist unbekannt, darf aber vermutet werden. Quer durch alle Parteien brach ein Proteststurm los ? CDU-Generalsekretär Pofalla verurteilte die Gewissensentscheidung des 20-jährigen aufs Schärfste: ?Man müsse die Politik aus dem Sport heraushalten und es könne nicht sein, dass hier ein deutscher Nationalspieler aus religiösen und politischen Gründen seinen persönlichen Boykott gegen den Staat Iran vollzieht?. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Köhler, forderte vom DFB den Ausschluss des jungen Spielers: ?Als Nationalspieler repräsentiert er die Bundesrepublik. Da diese im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung, freundschaftliche Beziehungen zum iranischen Staat unterhält, wäre es ein großer Affront, dieses anti-iranische Verhalten stillschweigend zu dulden. Ich erwarte deshalb, dass der DFB den Spieler aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließt?. Sein Vertreter Mazyek äußerte gegenüber SPON schwere Kritik: ?Es ist undenkbar und unmöglich, dass ein Nationalspieler einen privaten Muslimboykott initiiert?.

    Eine solche Meldung scheint undenkbar ? mit vertauschten Rollen beobachten wir dieses Possenspiel gerade eben in den Medien. Ein in Teheran geborener 20-jähriger Fußballprofi, mit doppelter Staatsbürgerschaft, weigert sich ?aus persönlichen Gründen? an einem Länderspiel der deutschen U-21 Nationalmannschaft gegen die israelische Equipe teilzunehmen. Dies ist eine sportpolitische Frage, die nicht ohne Brisanz ist, platzt sie doch mitten in die momentane Anti-Iran Kampagne der deutschen Politik. Der junge Sportler mit dem Namen Ashkan Dejagah ist in seinem Protest indes nicht alleine. Boykotte gegen Israel, wegen dessen Unterdrückungspolitik in den palästinensischen Gebieten, werden von kanadischen, britischen und südafrikanischen Gewerkschaften, der “Church of England” und der “United Church of Canada” und der britischen Universitätsdozentengewerkschaft “Association of University Teachers” gefordert und durchgeführt. Fast alle arabischen und muslimischen Staaten boykottieren Israel auf mehreren Ebenen.

    Im Bereich des Sports ist der Boykott keineswegs etwas neues. Neben den bekannten Olympia-Boykotten der kalten Krieger bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles, waren es vor allem die Boykotte afrikanischer Staaten, die gegen die Teilnahme Neuseelands demonstrierten, dessen Rugby-Mannschaft sich selbst nicht an den weltweiten Sportboykott gegen das Apartheidsregime in Südafrika hielt. Südafrika war wegen seiner Unterdrückungspolitik von 1964 bis 1992 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Auch der Weltfußballverband FIFA schloss sich diesem Boykott an. 1992 war es Jugoslawien, das nicht an der Endrunde der Fußball-Europameisterschaft teilnehmen durfte. Bis 1998 hat es gedauert, bis ein serbisches Team wieder an internationalen Turnieren teilnehmen durfte ? andere Bürgerkriegsparteien, wie Kroatien, wurden freilich nicht boykottiert.

    Es hängt anscheinend doch eher von globalstrategischen Fragen ab, ob ein Land sportlich boykottiert werden darf oder nicht. Israel hat da Glück ? da es von vielen asiatischen Staaten boykottiert wird, wurde es im sportlichen Bereich zu ?Europa ehrenhalber? ernannt. Bei der Qualifikation zur Fußball-WM 1958 wollten nacheinander die Türkei, Indonesien und der Sudan nicht gegen das Land, das 1934 und 1938 noch unter dem Namen ?Palästina/Eretz Israel? an der Qualifikation zur WM teilgenommen hatte, antreten. Da die FIFA keine Mannschaft zur WM zulassen wollte, die kein einziges Qualifikationsspiel bestritten hat, musste Israel fortan gegen die Ozeanien-Gruppe spielen, da der ?Ostblock? eine Aufnahme Israels in die UEFA boykottiert hatte. Mit dem Verschwinden des ?Ostblocks? wurde Israel letztendlich europäisch.

    Die Nachbarn aus Palästina spielen im asiatischen Verband. Heimspiele können sie freilich unter israelischer Besatzung keine abhalten ? dafür müssen sie nach Doha in Katar ausweichen. Trainiert wird in Ägypten, da die israelische Luftwaffe das “Palästina-Stadion” bombardiert hat, und damit den Fußball in Palästina zum Erliegen gebracht hat. Löblich, dass die FIFA sich für den Fußball in Palästina stark macht und u.a. ein neues Stadion in Beyt Lahya finanziert. Andere sind da weniger offen – so hat Großbritannien die palästinensische Jugend-Nationalmannschaft, die an einem Turnier in Chester teilnehmen sollte, wieder ausgeladen. Die Begründung lautete: ?Die Palästinenser seien zu arm, als dass ihnen vertraut werden [kann], dass sie wieder heimkehren.?

    Sobald der Sport zum Spielball der Politik wird, ist dies problematisch. Wenn junge Menschen im friedlichen Wettkampf gegeneinander antreten, so ist dies völkerverständigend und zu begrüßen. Die Entscheidung des jungen Deutsch-Iraners ist bedauerlich, aber was medial daraus gemacht wird, ist zutiefst unanständig und schändlich. Die Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Graumann, der aus dieser Entscheidung einen ?privaten Judenboykott? macht, ist Antisemitismus in Reinkultur. Die Politik Israels, die selbst in Israel selbst scharfe Kritik hervorruft, mit dem ?jüdischen Glauben? gleichzusetzen, ist polemisch ? geschieht dies in einem negativen Kontext, so darf man dies mit Fug und Recht ?Antisemitismus? nennen.

    Die Vorsitzende des Zentralrates, Frau Knobloch, plädierte für einen Ausschluss des jungen Spielers, da “gerade sportliche Wettkämpfe friedlich, respektvoll ausgetragen [werden] und politische Spannungen [überwinden]“. Das hört sich ja ganz gut an – ob Frau Knobloch sich auch so geäußert hat, als der israelische Sportminister Matan Vilnai im Jahre 2000 forderte, man müsse einen Sportboykott gegen Österreich verhängen, um gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ zu demonstrieren? Man darf es bezweifeln. Auch hat man von Frau Knobloch keine Proteste gehört, als hintereinander die grünen Spitzenpolitiker, Beer, Beck und Cohn-Bendit im Vorfeld der Fußball-WM 2006 lautstark forderten, man müsse das iranische Team ausladen. Gut, dass sie nichts gegen das israelische Team gesagt haben.

    Man mag es vielleicht nachvollziehen können, dass der DFB sich in ewig währender Freundschaft zu Israel unkritisch blind und taub stellt, und die Probleme in Palästina ihn nicht weiter interessieren ? von einem Spieler darf man dies indes nicht verlangen.

    “I’ve been very distressed in my visit to the Holy Land; it reminded me so much of what happened to us blacks in South Africa. I have seen the humiliation of the Palestinians at checkpoints and roadblocks, suffering like us when young white police officers prevented us from moving about … If apartheid ended, so can the occupation, but the moral force and international pressure will have to be just as determined. The current divestment effort is the first, though certainly not the only, necessary move in that direction.”

    Friedensnobelpreisträger und Gegner des südafrikanischen Apartheitsregime Desmond Tutu

    Update: Wie SPON heute – unter Berufung auf die Wolfsburger Nachrichten – schrieb, ist Ashkan Dejagah heute von seinem Verein, dem VFL Wolfsburg, vom Training suspendiert wurden. Dies soll auf Anordnung des Vorstands des Finanziers VW geschehen sein – “Herr Winterkorn selbst hat sich da stark gemacht“. Das ist scheinheilig un bigott von Herrn Winterkorn, betreibt doch VW im iranischen Bam in einem Joint-Venture ein eigenes PKW-Werk, dass bis zu 200.000 Automobile produzieren soll. Was Frau Knobloch wohl dazu sagen würde? “KdF-Wagen” aus Hitlers Retortenstadt, von Antisemiten für Antisemiten gemacht?

    Diese Meldung von SPON wurde umgehend vom VFL Wolfsburg richtiggestellt: Dejagah wurde laut der Offiziellen vom VFL von Trainer Magath nur für einen Tag beurlaubt, aber nicht suspendiert. SPON korrigierte den Artikel mittlerweile auch, so dass er kaum mehr wieder zu erkennen ist.

    Schon fast löblich unaufgeregt klingt da der Kommentar von Henryk M. Broder: “Der Junge ist bisher nicht durch antiisraelische Äußerungen aufgefallen. Ich habe den Eindruck, dass das wieder eine typisch deutsche Stellvertreter-Diskussion ist. Wir erleben jeden Tag antisemitische Äußerungen, die niemanden aufregen. Der Zentralrat der Juden veranstaltet hier ein eher hysterisches Geschrei, dass nicht zur Dimension des Ereignisses passt.

    Jens Berger

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    Herzlich Willkommen, “grausamer Diktator”

    geschrieben am 25. September 2007 von Jens Berger

    Lee Bollinger, Präsident der New Yorker Columbia University, hat eine löbliche Einstellung zum Thema ?Redefreiheit?. Entgegen scharfer Proteste im Vorfeld hielt er an der Einladung an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad fest, an einer Podiumsdiskussion vor Studenten teilzunehmen. Dafür erntete er heftigste Kritik – Neil Cavuto von Fox-News erinnerte zunächst daran, dass Bollinger der US-Army auf dem Campus ein Hausverbot für deren Rekrutierungssoldaten erteilte, und bemerkte dazu vor der gestrigen Veranstaltung: ?Die uns töten wollen, dürfen kommen; die unsere Freiheit schützen wollen, nicht. Trotz der Klarstellungen des Präsidenten zeigt das: Auch mit Ivy-League-Examen kann man ein A…loch sein, letzten Endes.? Vor allem jüdische und proisraelische Verbände und Lobbyisten machten im Vorfeld mobil. Die ?New York Daily News? titelte im Vorfeld ?Das Böse ist gelandet? ? Verleger dieses Blattes ist Mortimer Zuckerman, Vorsitzender des Dachverbandes ?Council of Major American Jewish Organizations?.

    Die Kritiker konnte Bollinger jedoch bereits in seiner Eröffnungsrede versöhnen. ?Man müsse seine Feinde kennen, und sich mit dem Geist des ?Bösen? auseinandersetzen?. Den eingeladenen Gast stellte Bollinger frank und frei als ?engstirnigen Diktator? vor, der entweder ?schamlos provokativ? oder ?erstaunlich ungebildet? sei. Gastfreundschaft, einmal anders herum ? das gefiel den ehemaligen Kritikern so gut, dass Bollingers Rede heute als ?Lesebefehl? vom AIPAC per Mail verschickt wurde. Bollinger hat mit seinem verbal beleidigenden Husarenritt die Kurve anscheinend gerade noch so bekommen. Da stellt sich doch die Frage, ob Bollinger Präsident Bush auch mit so ?offenen? Worten begrüßt hätte?

    Ein bisschen weniger wäre mehr gewesen, ? zwischen durchaus berechtigten Kritikpunkten, wie der Menschenrechtslage in Iran, der Hinrichtung Homosexueller und der Kritik an Ahmadinedschads Eiertanz um den Holocaust, mischte Bollinger altbekannte Lügen, wie die Falschübersetzung ?Israel von der Landkarte ausradieren? und amerikanische Vorkriegspropaganda, wie Irans angebliche Unterstützung schiitischer Aufständischer im Irak und die ? internationalen Gesetzen widersprechende ? Weigerung, Irans Bestreben, zivile Nukleartechnik zu entwickeln, zu unterstützen.

    In der anschließenden Diskussionsrunde ? bei IRNA als Transcript auf Englisch -, antwortete Ahmadinedschad auf Fragen aus dem Publikum. Zu den Themen ?Atomenergie?, ?US-Engagement im Irak? und ?US-Politik gegen Iran? kann man ihm sicher schwer widersprechen. Bei den Thema “Homosexuellenverfolgung in Iran” und “Frauenrechte” leugnet er brüsk die Basis der Debatte ? Frauen ginge es in Iran hervorragend und sie genössen alle Rechte und Homosexualität gäbe es in Iran gar nicht. Zu Recht ernte er bei diesem Ausspruch nur höhnisches Gelächter. Dass im Iran ? laut Ahmadinedschad ? natürlich nur verurteilte Schwerverbrecher hingerichtet werden, beruht wohl auf dem gleichen Sinn für Realität ? Amnesty International ist da anderer Meinung. Auch beim Thema ?Holocaustleugnung? offenbart Ahmadinedschad seinen kranken Geist. Obgleich er den Holocaust nicht leugnet (?I am not saying that it didn’t happen at all. This is not that judgment that I am passing here.?) fabuliert er etwas von einer lebendigen Wissenschaft, die ihren eigenen Erkenntnisstand ständig überprüfen müsse. Dabei verurteilt er europäische Staaten, die ?Wissenschaftler?(sic!) einsperren, die konträre Meinungen vertreten. Einmal mehr beweist er damit, wie unsinnig und kontraproduktiv die Strafverfolgung der ?Holocaustleugnug? ist und wem sie in die Hände spielt ? ?wissenschaftliche Märtyrer? machen sich in europäischen und arabischen/persischen Antisemitenkreisen besser, als frei herumlaufende Spinner.

    Interessanter waren da schon Ahmadinedschads Äußerungen zum Existenzrecht Israels. Anstatt ?Israel von der Landkarte zu radieren? schlägt Ahmadinedschad ein Referendum in Palästina vor (Palästina umfasst für ihn Israel und die palästinensischen Gebiete), dessen Ergebnis man umsetzen solle. Dass ein solcher Vorschlag gegen amerikanische Interessen ist, versteht sich von selbst. Aber dies hört sich schon ‘besser’ an als die Drohung, ?Israel von der Landkarte zu radieren?, die so auch nie gefallen ist. Die Möglichkeit, dies klar zu stellen und eine gewaltsame Lösung seitens Iran ?unmissverständlich? auszuschließen, vermied er jedoch.

    Ahmadinedschad ist definitiv ein Unsympath, der Menschenrechte mit den Füßen tritt und unsäglich um die Themen ?Holocaustlüge? und ?Vernichtung Israels? mäandert, um Beifall aus fundamentalistischen Kreisen zu erheischen. Auch kann einem nur jeder Iraner leid tun, der von ihm regiert wird. Aber ist dies neu? Gab es seit Khomeini einen iranischen ?Revolutionsführer? oder Präsidenten, der Menschenrechte geachtet und Israels Existenzrecht bejaht hätte? Auch der im Westen beliebte moderate Reformer Khatami hatte diesbezüglich kaum andere Ansichten und das iranische Atomprogramm existierte schon zu Zeiten des Schahs.

    Ahmadinedschads Äußerungen an der Columbia unterscheiden sich kaum von denen, die er im letzten Jahr gegenüber dem SPIEGEL in einem Interview tätigte; dies ist alles weder neu noch sonderlich bemerkenswert. Die Tatsache, dass aus dem ?Columbia-Spektakel? ein solcher Rummel gemacht wird (SPON: ?Fahr zur Hölle?, WELT: ?Die große Show des miesen, kleinen Diktators?, BZ: ?Das Böse ist gelandet?, NY Daily News ?Grinning madman Ahmadinejad squirms at Columbia“) ist wohl der fehlenden Neutralität und dem Kriegshetzerkurs einiger westlicher Medien zu verdanken. Ahmadinedschads Taktik, die umfassende Ablehnung der amerikanischen Bevölkerung gegenüber Bush an einer liberalen Universität in einen PR-Coup umzuwandeln, ist indes gescheitert. Nicht zuletzt das Thema “Homosexualität” hat ihn sogar für das Fernsehpublikum zum Gespött gemacht – und das ist auch gut so.

    Auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass Präsident Bush konkrete Pläne für einen Angriff auf Iran in der Tasche hat, so gibt es rund um Cheney und AIPAC einflussreiche Kreise, die eben dies für die “Lösung” des Nahost-Problems halten. Wie einflussreich diese Kreise, bzw. deren Position, in den US-Medien – und auch in den deutschen Medien – ist, ließ sich anhand des “Columbia-Spektakels” betrachten. Ein Blätterwald voller “Warmongers” und “Hatemongers” … wo bleiben nur die “Peacemongers”?

    Jens Berger

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    Sarkos neuer “Hurensohn”

    geschrieben am 27. Juli 2007 von Jens Berger

    ?Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn? ? mit diesem Satz soll Franklin Roosevelt einst den nicaraguanischen Diktator Somoza García charakterisiert haben. Die Aussage dieses Satzes bestimmt seitdem die Außenpolitik der westlichen und auch der ehemals kommunistischen Welt.

    Auch das wiedervereinigte Deutschland hat seine “Hurensöhne” ? Nijasow aka ?Turkmenbashi? wurde von Merkel und Steinmeier beispielsweise auserkoren, den Schlussstein in der ?Neuen EU-Ostpolitik? darzustellen. Auch mit dem lupenreinen usbekischen Demokraten Karimow – ein wahrer Freund der Menschenrechte – wollte Deutschland große Geschäfte machen. Dass weder Turkmenistan noch Usbekistan sich mit Deutschland einlassen wollten, sondern lieber Russland als Partner für ihre Energiegeschäfte ausgewählt haben, ist weniger der deutschen Moral, als mehr der deutschen Unfähigkeit zuzuschreiben.

    Steinmeier umschrieb seine Version der normativen Kraft des Faktischen übrigens mit den Worten ?Auch ich hätte als Außenminister lieber nur mit lauter Schweizern und Luxemburgs zu tun!? ? wer moralische Einwände derart pragmatisch vom Tisch wischt, hat das Recht verwirkt, selbst moralische Ansprüche zu stellen. Und Steinmeier spricht in diesem Fall für Deutschland.

    Geschäfte mit ?Hurensöhnen? zu machen, ist also keinesfalls ungewöhnlich in der europäischen Außenpolitik ? problematisch wird es anscheinend erst, wenn das böse A-Wort ins Spiel kommt. Deutschland hat den Lebenstraum der Grünen wahr gemacht und den Ausstieg aus der bösen Atomkraft angestoßen – natürlich werden Merkel, Koch und ihre Freunde bei den vier Energiemonopolisten dies nach den Wahlen 2009 wieder rückgängig machen. Das Thema Atomenergie ist in Deutschland jedenfalls im höchsten Maße emotionalisiert.

    In Frankreich kennt man diese Hysterie nicht ? insofern ist Sarkozys Coup, sich seinen eigenen ?Hurensohn? zu sichern, auch sicher kein Affront gegen deutsche Interessen, wie es unisono aus berufenem deutschen Politikermund schallt. Sarkozy macht genau das, was in ähnlicher Form auch deutsche Politiker gerne gemacht hätten. Was den Deutschen ihr Gas, ist den Franzosen ihr Uran ? die Sicherung der libyschen Uranvorkommen ist für die französische Energiestrategie, die konzentriert auf die Atomkraft setzt, ein strategisch sinnvoller Schritt. Dass nebenbei für Sarkozys Freunde aus dem Total-Konzern Erdölförderlizenzen herausspringen, für seine Kumpel von Dassault Aufträge für neue Jagdbomber und seinen Spezi Bouygues in Zukunft milliardenschwere Bauaufträge winken, ist für das Schema der konservativen Günstlingswirtschaft vollkommen normal. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Darüber darf sich nur aufregen, wer selbst anders handelt. Deutschland sollte also ganz ruhig sein ? wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen.

    Den Vogel schoss bislang der SPD-Fraktionsvize Kelber ab, der gänzlich befreit von jeglichem Anflug von Verstand sagte: ?Es ging ihm [Sarkozy] um Show und die primitive Durchsetzung seiner Interessen. Das kennt man sonst nur von Despoten, selbst US-Präsident George W. Bush ist dagegen ein Waisenknabe.? Wenn Kelber das Bombardieren und Einmarschieren in andere Staaten qualitativ dem Abschließen von Wirtschaftsverträgen vorzieht, so hat er in der deutschen Politik eindeutig nichts verloren.

    Berechtigtes Unverständnis wird Sarkozys Coup hingegen in Teheran auslösen. Nach den Buchstaben des NPT hat Frankreich nämlich nicht nur das Recht, Libyen bei der zivilen Nutzung der Atomkraft zu helfen, sondern sogar die Pflicht. Die gleiche Pflicht hat indes auch Rußland, welches Iran bei dem Aufbau einer zivilen Nutzung der Atomkraft unterstützt. Während Libyen von Frankreich unterstützt wird, ist die französische Position in der Causa Iran gegenteilig. Dies verwundert wenig – Ahmadinedschad ist von den USA nicht als potentieller ?Hurensohn? freigegeben. Er ist Bestandteil der Achse des Bösen, aus der Libyen sich freikaufen konnte.

    Der Markt für ?Hurensöhne? ist hart umkämpft. Afrikanische ?Hurensöhne? sind in letzter Zeit bei den Chinesen sehr hoch im Kurs. Wenn sie ein Land regieren, das reich an Bodenschätzen ist, sind sie umso begehrter. Das Thema ?Moral? wird indes stets von den Unterlegenen ins Feld geführt ? so sehr man bei den eigenen ?Hurensöhnen? schon mal gerne Fünfe gerade sein lässt, so sehr echauffiert man sich über die ?Hurensöhne? der Anderen.

    Wer in der Politik heutzutage die Worte ?Menschenrechte?, ?Demokratie? und ?Moral? in den Mund nimmt, verwendet sie meist als politischen Kampfbegriff. Ehrliches Interesse für diese Dinge, hat im Zeitalter des grenzenlosen Kapitalismus und der letzten Verteilungskämpfe um die Ressourcen der Erde schon lange niemand mehr.

    Jens Berger

    Bildnachweis: Montagen Spiegelfechter mit Material von Fox und Channel 4

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    BILD kämpft gegen die Mullahschwebebahn!

    geschrieben am 31. Mai 2007 von Jens Berger

    Eine Unverfrorenheit sondergleichen! Da maßt sich der Irre aus Teheran (BILD-Slang für den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad) doch an, das Prunkstück deutscher Technologie kaufen zu wollen. Den Exportschlager schlechthin, der für “Deutschland” steht, wie sonst nur die Kuckucksuhr – den Transrapid, oder wie BILD es schreibt ?unseren Transrapid?.

    Warum Iran ausgerechnet den Transrapid für den Transport von jährlich 12 bis 15 Millionen Pilgern von Teheran ins 800 Kilometer entfernte Maschhad einsetzen will, bleibt wohl das Geheimnis der ?Atom-Mullahs?. China und auch Deutschland haben offensichtlich kein Interesse daran, teure Spitzentechnik ?Made in Germany? einzusetzen, wenn es denn auch preiswerter geht.

    Glaubt man Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden, so ist der Pilgerzug von Christen für Moslems gar nur eine Finte. Sie befürchtet allen Ernstes, ?[dass] der geplante Transrapid nicht nur Pilger, sondern auch Waffen und Terroristen transportieren könnte.? Das sollte die Marketingabteilung des Transrapid-Konsortiums nicht ungehört verpuffen lassen! Der Transrapid als Waffentransporter wäre eine geniale Nischenlösung. Dort wo es beim Waffentransport vor allem auf Geschwindigkeit ankommt und Kosten eine untergeordnete Rolle spielen, wäre der Transrapid erste Wahl ? nun ja, hinter dem Flugzeug, Zügen, die funktionieren, und einem VW Polo mit einem ?Eilige Arzneimittel?-Tarnaufkleber.

    Das Problem der transrapidreisenden Terroristen, welches Frau Knobloch so sehr am Herzen zu Liegen scheint, könnte der deutschen Wirtschaft indes Folgeaufträge in Milliardenhöhe einbringen. Eine lückenlose Videoüberwachung, mit biometrischer Schnellidentifizierung und RFID-Fahrkarten, die mittels Geruchssensoren ?böse? Fahrgäste den Sicherheitsbehörden melden, wären, ähnlich wie der Transrapid selber, ein Wunschkind deutscher Politiker, das in Deutschland selbst, dem Volk ‘leider’ nur schwer zu vermitteln ist.

    Aber Wirtschaft hin, Wirtschaft her, – der Arbeitsmarkt boomt und der ?Weltmeister? kann sich seine Kunden aussuchen. Als Anwalt des kleinen Mannes und einzig legitimes Sprachrohr für die Themen Rechtschaffenheit und Anstand mahnt die BILD auch tief betroffen: ?Auch für Weltmeister gibt es Grenzen?, wobei der BILD-Setzer das obligatorische Ausrufezeichen hinter der Überschrift vergessen haben muss.

    ?Seit Jahrzehnten wird versucht, den Ajatollahs über enge Wirtschaftskontakte beizubringen, wie man sich auf der internationalen Bühne benimmt. Ergebnis? Fehlanzeige!?

    Undank ist der Welten Lohn und Benimm für Mullahs ein Fremdwort ? da macht man ihnen vor, wie sich eine Wirtschaftsnation nach deutschem Schrot und Korn zu benehmen hat, wie Betriebsräte in den Puff nach Brasilien eingeladen werden, Mitarbeiter nach Billigtarifen entlohnt werden, während die Kapitalmaximierung des oberen Managements internationalen Standards angepasst wird und Schmiergelder effektiv eingesetzt werden können. Und was kommt dabei heraus? Noch nicht mal den Hut nimmt dieser Ajatollah beim Essen ab ? so wird das nie was, mit dem Benimm nach teutonischer Art.

    ?Im Klartext: Für einen Staat, der mit antisemitischen Tiraden Politik macht, ein Regime von Fanatikern, das Israel von der Landkarte tilgen will, gibt es keine Spitzentechnik ?Made in Germany?.

    Im Klartext: Spitzentechnik ?Made in Germany? gibt es nur für Staaten, die von der USA vor dem Weltsicherheitsrat bei jeder Gelegenheit geschützt werden, Angriffskriege starten, ein Apartheidsregime etabliert haben und anderen Staaten offen mit einem Atomschlag drohen, wenn diese ihre Nuklearambitionen nicht einstellen. Solche Staaten bekommen auch nicht nur Pilgerzüge, sondern ?High-Tech? aus deutschen Werften und Waffenschmieden. Bezahlen müssen solche Staaten ihre Waffentechnik auch nicht ? für solche Staaten zahlt auch gerne der Steuerzahler.

    ?Für Antisemiten ist der Exportladen geschlossen ? egal, ob es um Arbeitsplätze geht oder um Dollar-Millionen.?

    Denn Dollar-Millionen lassen sich vortrefflich mit den Menschenrechtsfreunden in China, den Frauenrechtlern aus Saudi-Arabien, den lupenreinen Demokraten aus Turkmenistan und Usbekistan und den Umweltaktivisten aus Nigeria machen ? da braucht man keine Antisemiten. Und ein Volk, dessen Präsident ein antisemitischer Idiot ist, muss sowieso in Sippenhaft genommen werden ? gut, dass Bush zwar ein Idiot, aber kein Antisemit ist.

    BILD hat sogleich drei ?redliche? Kommentatoren ausgegraben, die ihren üblichen Sermon zu diesem Thema kundtun dürfen, was BILD dann unter ?Proteste in Deutschland!? zusammenfasst, diesmal mit BILD-typischen Ausrufezeichen.

    Einer der Kommentatoren ist der CDU-Hoffnungsträger, Merkel-Groupie und fleischgewordene feuchte Traum einsamer JU-Matronen Ecki von Klaeden ? leider darf er in BILD nur sagen, dass er das iranische Angebot ?unseriös? findet ? damit bügelt das Merkel seine all zu kecken Avancen auch immer ab.

    Wo es um das Thema Iran und Antisemitismus geht, ist natürlich der wackere Kämpfer gegen Drogenkonsum und Zwangsprostitution Paolo Pinkel nicht weit. So befindet er in BILD – ?Ein Skandal! Iran ist das gefährlichste Land der Welt, hat einen antisemitischen Irren an der Spitze.? Warum Iran das gefährlichste Land der Welt sei, bleiben uns Pinkel und BILD selbstverständlich schuldig ? dies ist auch eher die Außenseitermeinung von moralisch integeren Ex-Moderatoren und SPIEGEL-Redakteuren auf Steroiden – und daher auch gar nicht ernst zu nehmen.

    Einen wichtigen Punkt bringt hingegen der CSU-”Außenexperte? Lintner via BILD ins Spiel:

    ?Solange Teheran den Holocaust leugnet und Israel von der Landkarte tilgen will, sollten wir keine solchen Geschäfte mit den Mullahs machen.?

    Nein, dies ist noch nicht der wichtige Punkt, sondern das übliche, bewusst gefälschte Mantra der Kriegshetzer und Kulturkämpfer, wenn es um den Iran geht.

    ?Außerdem ist der Transrapid ein Stück Hochtechnologie ? und ich kann nicht ausschließen, dass die Iraner sich etwas abgucken wollen.?

    Da legt Herr Lintner seinen Finger mit schonungsloser Offenheit mitten in die Wunde. Nicht auszudenken, wenn die Atommullahs sich ?unseren? Transrapid ?abgucken? und wohlmöglich mit einer billigen (atomgetriebenen?) Kopie ?uns? relevante Anteile auf dem boomenden Markt der Magnetschwebebahnen abgaunern würden. Nein, das geht natürlich auf keinen Fall. Da verkaufen “wir” den Transrapid doch lieber in ein Land, dessen Bewohner Achtung vor geistigem Eigentum und Patenten haben – nach China.

    Jens Berger

    Bildnachweis: Mockstar, Mary Loosemore, Sumergenius, Arbeiterfotographie.com

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    Muqtada as-Sadr zieht sich (erst mal) zurück

    geschrieben am 17. April 2007 von Jens Berger

    Die Lage im Irak ist angespannter denn je. Im Norden drohen die US-Verbündeten aus der Türkei offen, Militärschläge gegen kurdische “Rebellen” durchzuführen, das sunnitische Dreieck ist seit langem ein Ort des Schreckens, in dem Terror an der Tagesordnung ist, wobei dieser neuerdings auch vor Anschlägen in der grünen Zone nicht halt macht.

    Das ist neu, die grüne Zone wurde zwar schon häufiger von außen angegriffen (z.B. mit Mörsern vom gegenüberliegenden Tigris-Ufer), aber die Tatsache, dass die USA und die irakischen Behörden selbst das Regierungsviertel nicht mehr vor Attentätern sichern können, hat eine Außenwirkung, die die Impotenz der Besatzer offensichtlich macht. Derweil spielen Bush und Ahmadinedschad ein Chicken Game (… denn sie wissen nicht, was sie tun) – der eine bringt iranische Diplomaten in Arbil in seine Gewalt (obgleich er eigentlich höchste iranische Sicherheitsbeamte festnehmen wollte), der andere nimmt britische Seeleute gefangen und lässt sie gönnerhaft wieder frei. Der eine nimmt Ex-FBI Agenten fest, der andere foltert festgenommene Iraner, fliegt mit Kampfbombern über iranische Städte und lässt Millionen Tonnen Stahl vor der Haustür des anderen herumschippern, hoffend, dies könnte einen Zwischenfall provozieren.

    Muqtada as-Sadr verlässt die Regierung

    Weitestgehend unbemerkt von den westlichen Medien werden seit geraumer Zeit die Rufe der irakischen Abgeordneten immer lauter, die ausländischen Besatzer sollten einen klaren Termin nennen, wann sie das Land zu verlassen gedächten. Nur die Einheitsregierung unter Ministerpräsident al-Maliki spielt auf Zeit und verzögerte die Forderungen des Parlamentes immer wieder. Nebenbei bemerkt, ist dies ein äußerst undemokratischer Vorgang, da laut Umfragen 3/4 der Irakis einen Abzug der Amerikaner und der Briten innerhalb von 6 bis 12 Monaten haben wollen. Eine der lautesten Stimmen für einen schnellen Abzug ist der schiitische Prediger und Volksheld Muqtada as-Sadr. Er steht für einen arabischen Gottesstaat Irak und will unabhängig von Teheran sein, daher lehnt er auch jede Einflussnahme Teherans auf die irakische Politik ab.

    Nachdem as-Sadr am letzten Montag über eine Millionen Demonstranten in Nadschaf zu einem Marsch vereinen konnte (dies war eine 14 Kilometer lange Menschentraube) um einen schnellen Abzug der Amerikaner zu fordern, trat er nun mit seinen Ministern aus der Regierung aus und zog sich in den Untergrund zurück. Dies wird von den meisten Medien als Kraftprobe gewertet – dies muss aber nicht so sein, wenn man sich die Hintergründe verdeutlicht.

    Ein Heißsporn als Idol der Massen

    Muqtada as-Sadr ist der Sohn des Großayatollahs Muhammad as-Sadr, der ursprünglich von Saddam Hussein als Gegenpart zu den Ayatollahs Hakim und as-Sistani aufgebaut wurde, die unter iranischen Einfluss standen, sich aber später von Saddam abwandte und deshalb von seinem Geheimdienst ermordet wurde. Muhammad as-Sadr galt als ein Nachfolger Mohammeds und genoss unter der schiitischen Bevölkerung Iraks große Sympathien. Sein Sohn Muqtada ging unter Saddam in den Untergrund, den er erst nach der Invasion der US-Truppen verließ. Von Anfang an stand er den westlichen Besatzern ablehnend gegenüber und erkannte weder die US-Verwaltung im Irak noch die Übergangsregierung als legitim an. In seiner Hochburg, dem schiitischen Sadr-Viertel (ehemals Saddam-Viertel) von Bagdhad galt seit dem Sturz Saddams das Recht as-Sadrs. Seine Miliz, die mehrere zehntausend Mann starke Mahdi-Armee übernahm dort Polizeiaufgaben und as-Sadr selbst gewann mit vielfältigen Wohlfahrtsaktionen das Vertrauen der dortigen Bevölkerung. Politisch führt er die Sadr-Front an, die Teil der United Iraqi Alliance, dem schiitischen Mehrparteienbündnis, ist, das bei den Wahlen 2005 über 40% der Stimmen für sich gewinnen konnte. Muqtada as-Sadr ist nur ein unbedeutender Kleriker, der nach schiitischen Regeln keine Weisungsbefugnis hat. Seine Führerschaft wird von seinen Anhängern über seinen verstorbenen Vater hergestellt, ein Brauch, der bei den Schiiten eigentlich ganz und gar unüblich ist. (1)

    Seine mangelnde Kooperation war den US-Behörden natürlich schon immer ein Dorn im Auge. Im März 2004 eskalierte die US-Verwaltung die Situation, indem man as-Sadrs Zeitung “al-Hawza” (benannt nach der heiligen Moschee in Nadschaf) verbot und alle Exemplare einzog. Sadr rief zu friedlichen Protesten auf. Als sich diese als wirkungslos erwiesen, ging er zum bewaffneten Widerstand über. Der bewaffnete Aufstand der Mahdi-Armee, der zeitgleich mit sunnitischen Aufständen in Falludscha stattfand und vor allem in Nadschaf äußerst blutig geführt wurde, brachte die US-Verwaltung zum Einlenken. Unter Vermittlung von Großayatollah as-Sistani sagte as-Sadr die Entwaffnung seiner Milizen zu, – eine Zusage, die nie ernst gemeint war und vom damaligen Premier Alawi widerrufen wurde, da dieser eine Konfrontation mit dem immer populärer werdenden as-Sadr fürchtete. “Al-Hawza” wurde wieder erlaubt und as-Sadr begnadigt.

    As-Sadr wird zu einer politischen Größe

    Seit den Aufständen im Jahre 2004 hat as-Sadr einen sehr starken Rückhalt bei der schiitischen Mehrheit. Vor allem bei den Unterschichten und den jungen Männern ist er sehr beliebt und jede irakische Regierung weiß, dass es ohne sein Placet sehr schwer ist, die Regierungsgeschäfte zu führen. Einer seiner Widersacher ist der Großayatollah Ali as-Sistani, die letzte Stimme der Vernunft, wie er von vielen Kommentatoren genannt wird. Sistani stellt für die irakischen Schiiten eine religiöse Instanz dar; er ist einer der drei höchsten schiitischen Geistlichen und seine Stimme hat Gewicht. Politisch setzte er sich in der Vergangenheit u.a. für das Frauenwahlrecht, eine stabile breite politische Allianz, die United Iraqi Alliance, und einen zeitnahen Abzug der US-Truppen ein. Da die UIA es nicht schaffte einen Bürgerkrieg zu verhindern, hat er sich im September 2006 weitestgehend deprimiert aus der Politik zurückgezogen. Sein Rückzug hat den jungen Heißsporn as-Sadr in eine starke Position gebracht, – innerhalb der UIA ist er der beliebteste Politiker, im ganzen Irak ist nur as-Sistani beliebter. Sistani steht für “Führung”, as-Sadr für “Schutz”. Im heutigen Irak scheint letzteres wichtiger zu sein.

    Der UIA gehört auch as-Sadr mit seiner Gruppe an, er stellt 6 Minister (von 38) und 30 Abgeordnete (von 275). Der irakische Ministerpräsident Nouri al-Maliki (ebenfalls Schiit, ebenfalls antisäkular), der mit seiner islamischen Dawa-Partei auch der UIA angehört, ist einer der letzten verbliebenen Widersacher as-Sadrs. In einem Interview mit La Republica sagte as-Sadr im Januar über Maliki:

    “Between myself and Abu Israa [an alternate name for Maliki] there has never been much feeling. I have always suspected that he was being maneuvered, and I have never trusted him. We have met only on a couple of occasions. At our last meeting he first told me: ‘You are the country’s backbone,’ and then he confessed that he was ‘obliged’ to combat us. Obliged, you hear me?” (2)

    Eine Win-Win Situation

    Dennoch ist anzunehmen, dass as-Sadr mit seinem Regierungsaustritt blufft. Er ist ebenso von Maliki abhängig, da dieser ihm eine Beteiligung an der Regierung sichert, wie Maliki von as-Sadr, da dieser dafür sorgen könnte, dass die Einheitsregierung platzt und säkulare Kräfte wieder in offizielle Posten kommen. As-Sadr nutzt die Regierungsbeteiligung ferner, um mittels des Ministeriums für Gesundheit und Bildung Nachwuchs für seine Mahdi-Armee zu rekrutieren, – ebenso wie der SCIRI, eine weitere Gruppe innerhalb der UIA, das Innenministerium nutzt, um Nachwuchs für ihren militanten Arm, die Badr-Brigaden zu rekrutieren.(3)

    Es ist hervorzuheben, dass as-Sadr nur seine 6 Minister aus der Regierung abgezogen hat, nicht aber die 30 Abgeordneten, ohne die die Einheitsregierung nicht mehr regierungsfähig wäre. Insofern ist anzunehmen, dass as-Sadrs Koalitionsbruch mit lautem Getöse ein Manöver ist, das as-Sadr und Maliki hilft, ihr Gesicht zu wahren und sich zu profilieren. Maliki gewinnt in Washington und den arabischen Hauptstädten an Ansehen, wo as-Sadr äußert verhasst ist, und as-Sadr muss sich nicht dem Vorwurf seiner Anhänger ankreiden lassen, er sei inkonsequent, was seine Forderungen nach einem Abzug der US-Truppen angeht. Nichtsdestotrotz bleibt der politische Druck der Straßen, die Besatzer zu einem Abzug zu bewegen, auf al-Maliki lasten. Es bleibt spannend, wie laut as-Sadr aus seiner “oppositionellen” Position heraus einen Abzug fordert. Ein Sturz der Regierung wäre eine mögliche Folge, eine weitere aber ein Bruch der Regierung mit der US-Verwaltung im Irak. Dies wird mit al-Maliki wohl nur zu machen sein, wenn die arabischen Nachbarn als ordnende Schutzmächte ein solches Szenario unterstützen. Äußerungen des saudischen Königs Abdallah lassen hierfür durchaus ein Potential erahnen.

    Jens Berger

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