Psychologische Kriegsführung
geschrieben am 15. August 2008 von Spiegelfechter
Georgien hat seit dem Regierungsantritt des amtierenden Präsidenten Saakaschwili sein Verteidigungsbudget mehr als versiebenfacht. Die georgischen Streitkräfte wurden von amerikanischen und israelischen Militärberatern in moderner Kriegsführung geschult. Militärisch hatte das kleine Georgien der Großmacht Russland trotzdem nicht viel entgegenzusetzen. In einem militärischen Teilbereich konnte Georgien allerdings glänzen und den Gegner auf allen Feldern in die Schranken verweisen. Die ?Psychologische Kriegsführung? ist ein militärisches Fachgebiet, das sich mit der Beeinflussung und Manipulation gegnerischer Streitkräfte und der Öffentlichkeit gegnerischer, neutraler und befreundeter Staaten befasst. Sie ist damit die militärische Schwester der ?Public Relations? und wird in einer weltweiten Mediengesellschaft immer wichtiger.
Wenn in einem Wald ein Baum umfällt und niemand ist da der es hört, hat es dann ein Geräusch dabei gegeben? Gibt es eine Wahrheit, wenn niemand sie kennt? In den westlichen Demokratien ist der Krieg nicht sonderlich beliebt. Der Wähler mag keine Politiker, die große Teile seiner Steuergelder für Militär und Kriege ausgeben und er versteht von sich aus nicht, warum einige Länder der Achse des Bösen angehören sollen. Um den Wähler von der Notwendigkeit dieser Ausgaben und der Richtigkeit einer ausgrenzenden und feindlichen Außenpolitik zu überzeugen, muss ihm glaubhaft gemacht werden, dass dies auch in seinem Interesse sind. Ein Bedrohungsszenario eignet sich dafür recht gut, wie auch die gefühlte Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus in Deutschland belegt. Menschliches Mitleid ist ein weiterer Punkt. Wenn ein großes Land ein kleines überfällt und dabei mordet, brandschatzt und plündert, so wird dies beim Betrachter als Ungerechtigkeit aufgefasst, die korrigiert werden muss. Problematisch wird es allerdings, wenn die Nation, der die Solidarität der Regierenden gehört, sich nicht so benimmt, dass ein teures und riskantes Engagement für diese Nation dem Wähler zu vermitteln wäre. Zur Lösung dieses Problems gibt es die “Psychologische Kriegsführung” und spezielle PR-Agenturen, die sich auf dieses Fachgebiet spezialisiert haben.
Weltweit werden im Marketingbereich jährlich über 1.000 Mrd. US$ ausgegeben. Wissenschaftlich perfektionierte Methoden sorgen dafür, dass der Großstädter den Wunsch hat, sich einen teuren und umweltfeindlichen Geländewagen zu kaufen und im Supermarkt gerne zum Markenprodukt greift, das wesentlich teurer als das No-Name Produkt ist. Marketing zielt tiefenpsychologisch auf das Unbewusste und hebelt rationale Prozesse aus. ?Psychologische Kriegsführung? nutzt diese Mechanismen, um den Bürger in einem militärischen Konflikt auf die ?richtige? Seite zu bringen. Die Grenzen zwischen klassischer PR und ?Psychologischer Kriegsführung? sind fließend. Die ?Brutkastenlüge? wurde von der PR-Agentur Hill & Knowlton konzipiert und hatte bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Unterstützung der US-Politik im Vorfeld der Zweiten Golfkrieges. Georgien wird in den Bereichen Medien- und Politikkommunikation von der PR-Agentur Aspect Consulting beraten. Deren Gründer und Senior-Partner James Hunt war zuletzt in der Geschäftsführung von Hill & Knowlton. Er arbeite während der Brent-Spar Krise für Shell, polierte das Image von McDonalds während der BSE-Krise auf und wischte die Bedenken der Gegner genetisch manipulierter Saatgüter vom Tisch. Der Georgien-Krieg ist allerdings sein Meisterstück und seine Arbeit kann getrost als meisterlich gewertet werden.
Vom ersten Moment an hatte Georgien die Lufthoheit im Krieg um die Wahrheit in den Köpfen inne. Die Krisen-PR war dabei generalstabsmäßig geplant. Am Morgen der 8. August, als die georgische Armee ihre Großoffensive startete, veranstaltete der georgische Premier Lado Gurgenidze ein gut organisiertes ?Investoren-Treffen? mit den fünfzig einflussreichsten Bankern der Wall-Street und impfte diese auf die georgische Version, das kleine Land würde von großen Nachbarn Russland brutal überfallen, obgleich zu diesem Zeitpunkt offensichtlich war, dass der Aggressor Georgien heißt. Die georgische Version wurde bereits am ersten Kriegstag nahezu Wort für Wort von den großen US-Sendern übernommen. Der smarte Präsident Saakaschwili, der an der Georgetown University in Rechtswissenschaften promovierte, suchte von Anfang an die Medienöffentlichkeit und stand CNN und BBC stets für Interviews zur Verfügung. Dort saß er dann an seinem Schreibtisch vor den Flaggen Georgiens und der EU und parlierte im fließenden Englisch. Georgien ist freilich kein Mitglied der EU aber die Botschaft war klar ? wir gehören zu euch, wenn wir ?angegriffen? werden, werdet auch ihr angegriffen.
Den Korrespondenten der westlichen Medien, die zu Beginn des Krieges in Tiflis einfielen, wurden von der PR-Agentur Aspect Consulting mit gut ausgearbeiteten Informationen und regelmäßigen E-Mail Newslettern versorgt, die die georgische Sicht der Dinge als Fakten darstellten. Die TIMES berichtet von alleine 20 Presseinformationen, die am Sonntag per Mail herausgingen, um zu belegen, dass Russland eine Invasion gestartet hätte. Einige Meldungen ließen sich schlicht nicht überprüfen, andere hätten sich zwar überprüfen lassen, was von den Medien aber aus Bequemlichkeit meist unterlassen wurde. Wieder andere Meldungen waren schlichtweg grotesk ? so wurde etwa gemeldet, dass russische Jets Tiflis intensiv bombardieren würden und russische Truppen Gori eingenommen hätten. Westliche Korrespondenten in Tiflis und Gori konnten zumindest diese Meldungen schnell widerlegen.
Die russische Pressearbeit war traditionell katastrophal. Den westlichen Journalisten standen entweder keine Ansprechpartner zur Verfügung oder diese blockten alle Anfragen ab ? dies ist in Russland allerdings vollkommen normal. Was überblieb, waren Agenturmeldungen von RIA-Novosti und Interfax, die bereits im Tonfall nicht eben nach neutralen Informationen klangen und nicht durch Stellen in der Politik oder dem Militär bestätigt wurden. Russland verfolgte auch im Georgien-Krieg seine Politik, westlichen Journalisten keinen Zugang zur Konfliktzone zu gestatten. Georgien karrte die Journalisten in ?genehme? Konfliktzonen und sorgte so dafür, dass Bilder der bombardierten Wohngebäude in Gori um die Welt gingen, während Agenturphotographen und westliche Kamerateams in Südossetien keine Bilder machen konnten. Dass dadurch der Eindruck entstand, Russland würde einen Krieg gegen die georgische Zivilbevölkerung führen, ist kaum zu vermeiden. Die Macht der Bilder war den georgischen Spin-Doctors bekannt, Russland versagte auf diesem Gebiet kläglich. Man war in Russland vor allem auf die Rezeption im eigenen Lande konzentriert und schenkte der öffentlichen Meinung des Westens kaum Beachtung.
Die russische Arroganz hat dazu geführt, dass die georgische Version der Geschehnisse sich in den Köpfen der westlichen Medienkonsumenten festgesetzt hat. Kommentatoren sind auf diesen Zug aufgesprungen und passten ihrerseits die mediale Gemengelage in ihr Weltbild ein. Unabhängige Experten, wie Segbers, Rahr oder Krone-Schmalz kamen in den deutschen Medien freilich auch zu Wort, aber bereits die Überschriften wiesen den Weg, wohin die Berichterstattung geht. “Russlands Gas riecht nun nach georgischem Blut” ließ SPON seine Leser durch den Mund David Darchiaschwilis wissen. Darchiaschwili ist ? wie die Hälfte der neuen georgischen Elite ? ein Zögling von amerikanischen Think-Tanks, wie George Soros Open Society. Ein PR-Profi, der weiß, wie man westliche Medien in ihrem Wunsch nach ?peppigen Schlagzeilen? bedient.
Deutsche und britische Medien sind jedoch im Vergleich zur US-Konkurrenz geradezu sachlich. In den US-Medien gibt es kaum einen Zweifel an der georgischen Sichtweise und selbst liberale Kommentatoren schlagen kräftig auf die georgische PR-Trommel. Saakaschwili ist auf CNN Dauergast, wenn er vom ?George-Bush Boulvard? in Tiflis spricht, sagt er schon mal, dieser sei nach ?unserem?(sic!) Präsidenten benannt. Die konfrontative bis bellizistische Linie der US-Mainstreammedien überrascht wenig, das offensichtliche Desinteresse der alternativen US-Medien schon eher. Auf den unabhängigen liberalen Internetplattformen, wie Mother-Jones, Foreign-Policy in Focus, Commons Dreams, Counterpunch oder The American Prospect wird das Thema entweder ignoriert oder herzergreifend naiv angefasst ? es ginge nur um Öl (das Standardargument ?progressiver? Amerikaner) und das ganze solle man so und so nicht überbewerten. Zu den offensichtlichen Medienmanipulationen und Verdrehungen kein Wort.
Vergleicht man die Naivität, mit der viele deutsche Medien der ?Psychologischen Kriegsführung? Georgiens auf den Leim gingen oder in einigen Fällen sicher auch gehen wollten, so ist die Zurückhaltung seitens der Politik bemerkenswert. Springen sonst Hinterbänkler auf jedes Schwein, das durchs mediale Dorf getrieben wird, verhielt sich die deutsche Politik während des Georgien-Krieges erfreulich verantwortungsvoll. Die Medien sollten sich abseits jeglicher Quoten und Klickzahlen jedoch einmal selbstkritisch mit ihrer Berichterstattung auseinandersetzen. Der Michel will bei komplexen Fragen an die Hand genommen werden. Er will sich keine eigene Meinung bilden, sondern eine Interpretation der Ereignisse von verantwortungsvollen Journalisten mundgerecht serviert bekommen. Die Medien nehmen dabei eine sehr wichtige Aufgabe wahr. Ob sie sich dieser Verantwortung bewusst sind?
Es wäre falsch, anzunehmen, dass die Politik sich von der Berichterstattung der Medien nicht beeinflussen ließe. Politiker wollen gewählt werden und es ist dabei taktisch unklug, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Dies ist ja auch das Ziel ?Psychologischer Kriegsführung?. Auf dem Schlachtfeld der US-Medien hat die georgische Kriegsführung einen Kantersieg eingefahren. Die Folge wird eine zunehmend antirussische Politik sein, wie sie vor allem von den NeoCons schon lange Zeit gefordert wird. War eine solche Konfrontationspolitik bislang nur in einem kleineren politischen Spektrum auf der Agenda, so darf sie heute als ?common sense? gelten. Die Folgen werden wir alle zu tragen haben und das stimmt wenig optimistisch.
Jens Berger
Zum Thema:
Yasha Levine – The CNN Effect: Georgia Schools Russia in Information Warfare
Tony Halpin und Roger Boyes – Georgia loses the fight with Russia, but manages to win the PR war
Mark Tran – Mikhail Saakashvili: the media’s man in Tibilisi
Andrei Fedyashin – Saakashvili as a propaganda phenomenon
Andreas Fecke – Kaukasuskrieg und internationaler Propagandakrieg
Bildnachweis: Alle Lenta.ru


Nicolas Sarkozy hatte sich den 14. Juli dieses Jahres so schön vorgestellt. Am Vorabend des französischen Nationalfeiertages wollte er die Staatsführer elf afrikanischer und arabischer Mittelmeeranrainerstaaten treffen, sie für ?sein? Projekt der Mittelmeerunion ? die seit Merkels vehementer Kritik allerdings nur noch ?Union für das Mittelmeer? heißen darf ? begeistern. Am Nationalfeiertag selbst wollte er zusammen mit Politikern wie Olmert (Israel), al- Assad (Syrien), al-Gaddafi (Libyen), Bouteflika (Algerien) und Mubarak (Ägypten) die traditionelle Militärparade auf dem Champs-Elysee abnehmen und danach mit ihnen und Vertretern der EU die ?Union für das Mittelmeer? besiegeln ? ein historischer Moment. Was Sarkozys großer Coup hätte werden können, scheitert allerdings bereits im Vorfeld an innereuropäischen, innerafrikanischen und innerarabischen Querelen. Damit ist diese ?Union? symptomatisch für die EU-Außenpolitik, die mit Pleiten. Pech und Pannen umschrieben werden könnte.
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es der neidischen Nachbarin nicht gefällt. Die Ziele, die Sarkozy mit seiner ?Mittelmeerunion? verfolgen wollte, liegen zwar alle samt im Interesse der deutschen Außenpolitik der Großen Koalition, aber dem hyperaktiven Napoleonverschnitt im Elysee einen derart großen Erfolg gönnen? Nein, das war nicht nach den Vorstellungen der uckermärkischen Landfrau. Hinzu kommt der deutsche Anspruch, in zentraler Position am politischen Prozess in Nordafrika teilzunehmen und das Feld nicht Frankreich alleine ? und damit der französischen Wirtschaft ? zu überlassen. Daher intervenierte Merkel im März dieses Jahres in ungewohnt barscher Manier und stutzte Sarkozy auf seine ?Größe? von 1,62 Meter zurück. Aus der ?Mittelmeerunion? wurde eine ?Union für das Mittelmeer?, in der neben den Mittelmeeranrainerstaaten alle EU-Staaten vertreten sind, die von Brüssel und nicht von Paris bestimmt wird und in der der kleine Franzose von Deutschland kontrolliert und bei Bedarf auch gestoppt werden kann. Die ?Union?, die vor allem die sicherheits- und energiepolitische Zusammenarbeit zwischen den europäischen und afrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten koordinieren sollte, ist derweil auf ein Konsensmodell geschrumpft, das vor allem europäische Problempunkte behandeln soll ? so z.B. die Umweltverschmutzung, die illegale Einwanderung und die Förderung der Solarenergie. Ein großer Erfolg für Merkel ? wenn die ?Union? denn so käme, wie sie es sich wünscht. Das ist aber heute ? drei Wochen vor den Gründungfeiern in Paris ? ungewisser denn je und die Zeichen stehen schlechter denn je.
Algeriens Premier Bouteflika teilt nicht nur al-Gaddafis Sorgen, die afrikanischen Staaten könnten von einer aus Brüssel gesteuerten Machtkonzentration Europas erdrückt werden, Bouteflika hat eigene Gründe, dem Projekt skeptisch gegenüber zu stehen. Sarkozy konnte sich beispielsweise immer noch nicht durchringen, sich für die Gräueltaten Frankreichs während des algerischen Befreiungskriegs entschuldigen, bei dem ? je nach Quelle ? zwischen 350.000 und 1.500.000 Algerier getötet wurden. Desweiteren rückt für Algerien und andere islamische Staaten die Mitgliedschaft Israels immer stärker ins Visier. Die Zusammenarbeit arabischer Staaten mit Israel in einer supranationalen Union wäre zweifelsohne eine Normalisierung der Beziehungen. Dies wird aber von der arabischen Liga konsequent abgelehnt, da sie eine Rückgabe der palästinensischen und arabischen Gebiete, die sich Israel nach 1967 einverleibt hat, als ?conditio sine qua non?
Der drohende Bürgerkrieg im Libanon konnte in letzter Minute abgewendet werden. Gestern verständigten sich die Konfliktparteien überraschend im katarischen Doha und beschlossen die Bildung einer neuen Einheitsregierung, in der die Hisbollah Vetorecht hat. Was ein Segen für alle Libanesen ist, ist gleichzeitig ein Paradigmenwechsel im Machtgefüge hinter den Kulissen, dessen eindeutiger Verlierer Saudi-Arabien ist, während Iran ein weiteres Mal seinen Einfluss in der sunnitisch-arabischen Region stärken konnte.
Die Lage im Libanon spitzte sich seit der ?Zedernrevolution? 2005 ? die mit dem Abzug der syrischen Truppen und der Wahl des prowestlichen Fuat Siniora endete ? zwischen der prowestlichen sunnitischen Regierungsfraktion und der schiitischen Fraktion, die aus der islamistischen Hisbollah und der säkularen Amal-Bewegung immer weiter zu. Hinter den Kulissen wurde dieser Konflikt durch die Schutzmächte ausgetragen. Die prowestliche Fraktion wird von Frankreich, den USA und vor allem Saudi-Arabien unterstützt, das auf diese Art und Weise seinen Hegemonialstatus über die sunnitische arabische Welt demonstrieren will, und die Schutzmächte der Schiiten, Syrien und Iran, in die Schranken weisen will. Einer der Kernpunkte der Siniora-Fraktion ist es, die Hisbollah zu entwaffnen, wie es die Resolution 1559 des UN-Sicherheitsrates fordert. Die Hisbollah beteuerte stets, sie bräuchte dieses Waffen nur zur Selbstverteidigung gegen Israel und würde sie nie gegen Libanesen einsetzen. Diesen Schwur brach die Hisbollah am 9. Mai 2008, als sie zusammen mit Milizen der Amal die Waffen erhob und West-Beirut angriff, das fest in Siniora-Hand ist.
Die Saudis tobten ob dieser Geschehnisse und ließen sämtliche diplomatische Vorsicht fallen und klagten Iran und Syrien offen an, einen Krieg in Nahost zu provozieren. Auch die USA übten scharfe Kritik und machen Iran verantwortlich. Nur ein beherztes diplomatisches Intervenieren der Arabischen Liga konnte den sofortigen Ausbruch des Bürgerkrieges einstweilen verhindern. Emir Al Thani übte gehörigen Druck auf die Unterstützermächte Frankreich, USA, Saudi-Arabien, Syrien und Iran aus und konnte erreichen, dass die verfeindeten Parteien des Libanons sich in Doha zu einem Friedensgipfel zusammenfanden. Hinter den Kulissen fand dort ein Paradigmenwechsel statt. Siniora ging siegessicher in die Verhandlungen, war er sich doch der Einflussnahme Saudi-Arabiens sicher. Doch die Zeiten haben sich geändert, die sunnitischen Staaten rebellierten teils offen gegen den saudischen Hegemon. Katar, Yemen und Algerien opponierten offen gegen die Saudis, während die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und Kuwait hinter den Kulissen gegen Saudi-Arabien votierten. All diese Staaten haben sehr gute Gründe, lieber Syrien und Iran einen Punktsieg zuzugestehen, als einen offenen Krieg im Libanon zu riskieren.
Beschlossen wurde die Bildung einer Einheitsregierung und die schnellstmögliche Wahl eines neuen Präsidenten. Diese Rolle ist für Michel Suleiman, ein hissbollahfreundlicher christlicher General, vorgesehen. In der neuen Regierung darf die Siniora-Fraktion 16 Minister stellen, die Hisbollah 11 Minister und die übrigen drei Posten sollen durch den neuen Präsidenten ernannt werden. Da es in der libanesischen Verfassung eine 1/3 Sperrminorität gibt, hat die Hisbollah damit die Möglichkeit gegen jede Regierungsentscheidung ihr Veto einzulegen. Der Kernpunkt ?Entwaffnung der Hisbollah? wird im Friedensvertrag nicht einmal erwähnt ? durch die Vetomacht sind der Sinioria-Fraktion auch beide Hände gebunden, dieses Ziel jemals durchzusetzen. Desweiteren wurde eine Reform der Wahlkreise festgelegt, die die Hisbollah einseitig bevorzugt. Die nächsten Parlamentswahlen finden im Juni 2009 statt und es ist zu erwarten, dass die Hisbollah dann gestärkt in eine neue Regierung gehen wird. Bis dahin ist der Bürgerkrieg vertagt und es deutet sich an, dass Saudi-Arabien und die USA sich zähneknirschend mit dieser neuen Situation abfinden müssen. Der siniorafreundliche Drusenführer Walid Dschumblat soll den US-Botschafter in Beirut gebeten haben, die Bush-Regierung aufzufordern, ihre Loblieder auf die Siniora-Regierung einzustellen. Dem Libanon scheinen Zeiten eines kalten Friedens bevorzustehen ? für die Bevölkerung dieses geschundenen Landes ist dies ein Segen. Es bleibt nur noch abzuwarten, was Israel zu diesem kalten Frieden sagen wird ? es ist fraglich, ob es eine gestärkte Hisbollah im Norden akzeptieren wird. Eine Möglichkeit, diese Situation zu entschärfen, besteht in den aktuellen – von der Türkei vermittelten – Friedensgesprächen zwischen Israel und Syrien. Zöge Israel seine Truppen von den Golan-Höhen ab, würde sich die Hisbollah selbst entwaffnen, sagte Nassrallah einst.
Die Palästinensischen Autonomiegebiete sind heute de facto in zwei Entitäten unterteilt ? das Westjordanland, in dem eine Notstandsregierung unter Führung der Fatah die Macht ausübt und den Gazastreifen, in dem die Hamas die alleinige Macht innehat. Vor dieser Teilung wurde Palästina durch eine Einheitsregierung aus Fatah und Hamas regiert, die unter Vermittlung des saudischen Königshauses im Februar 2007 zustande kam und nicht einmal ein halbes Jahr hielt. Im Juni 2007 kam es im Gazastreifen zu einem offenen Bürgerkrieg zwischen Hamas und Fatah, den die Hamas für sich entschieden hat. Die internationale Gemeinschaft spricht in diesem Zusammenhang von einem Putsch der Hamas, der sie als Verhandlungspartner endgültig diskreditieren würde. Nach einem
Nach dem Tode Arafats im November 2004 übernahm sein Vertreter Mahmud Abbas die Führung der Fatah und ließ sich im Januar 2005 zum Präsidenten der PNA wählen ? dies waren die ersten Wahlen seit 1996 und die Hamas boykottierte sie. Bei den ebenfalls 2005 stattfindenden Kommunalwahlen nahm die Hamas allerdings teil und konnte im Gazastreifen die überwältigende Mehrheit der lokalen Mandate gewinnen und im Westjordanland einen Achtungserfolg erzielen. Dies hätte der US-Regierung bereits Warnung genug sein sollen, aber in Washington drängte man massiv darauf, auch die Parlamentswahlen schnellstmöglich abzuhalten. Rational lässt sich dieser Schritt nicht erklären ? man hätte ahnen können, dass die Hamas ein harter Konkurrent für die von Washington favorisierte Fatah werden würde. George W. Bush hatte es sich allerdings zum Ziel gesetzt, unter seiner Präsidentschaft einen entscheidenden Durchbruch bei den Nahost-Gesprächen zu erreichen. Dies konnte er nur ernsthaft angehen, wenn er mit palästinensischen Vertretern rechnen konnte, die von der Mehrheit des Volkes legitimiert sind und bereit sind unter den Bedingungen des Nahost-Quartetts zu verhandeln. Bush brauchte also einen Sieg der Fatah und dies möglichst bald.
Washingtons Mann in der Fatah ist Mohammed Dahlan. Der ehemalige Chef der palästinensischen Polizeibehörde wurde ? auf Wunsch Washingtons ? von Abbas zunächst zum Minister für Staatssicherheit und später zum Minister für innere Angelegenheiten ernannt. Bush sagte mehrfach über Dahlan: ?Das ist unser Mann!?. Dahlan arbeite bereits früher eng mit dem FBI und der CIA zusammen und baute eine enge Beziehung zu CIA-Chef Tenet auf. Auf Bushs persönlichen Wunsch hin, war er mit der Lageeinschätzung zur Parlamentswahl betraut worden. Obwohl er explizit die Einschätzung vertrat, dass der Januar 2006 viel zu früh sei, um Wahlen zu veranstalten, ließ sich Bush nicht von diesem Termin abbringen und ließ seinen Einfluss auf Abbas wirken, die Wahlen bereits im Januar stattfinden zu lassen.
Das Ergebnis war ein Desaster für die Fatah und für Bush. Die Hamas konnte 56 Prozent der Sitze des Parlamentes gewinnen. Außenministerin Condoleezza Rice war außer sich vor Wut und beharrte darauf, dass ein solches Ergebnis ?unvorhersehbar? gewesen sei. Mit dieser Aussage widersprach sie den Experten im eigenen Hause, die bereits prognostizierten, dass die Korruption innerhalb der Fatah, die miserable wirtschaftliche Situation und die permanenten Rückschläge im Friedensprozess die Wähler in die Arme der Hamas treiben würden. Offiziell sperrte sich die zum Nahost-Quartett gehörende EU und die USA mit der Hamas und ihrem Vertretern zu verhandeln, schließlich steht die Hamas auf der Liste der Terrororganisationen. Daher wurden auch die Gelder für die PNA eingefroren, was die humanitäre und wirtschaftliche Lage in den Autonomiegebieten weiter verschärfte. Die Hamas wurde dadurch auch in die Arme Teherans getrieben, da Iran der einzige Staat ist, der die Hamas offen unterstützte. Rund 200 Mio. US$ machte Teheran für die sunnitischen Islamisten locker. Geld, das half, eine humanitäre Katastrophe abzuwehren, aber auch für Waffen ausgegeben wurde. Die Sicherheitskräfte der PNA unterstanden indes weiter der Fatah. Bushs Traum einer palästinensischen Demokratie nach seinen Wünschen war ausgeträumt. Er scherte sich freilich wenig um den Wählerwillen der Palästinenser und ließ einen Plan ausarbeiten, um die Hamas aus der Regierung zu treiben. Demokratie ist für die USA halt immer nur dann erstrebenswert, wenn die ?Richtigen? gewählt werden.
Die Hamas sollte vor die Wahl gestellt werden, sich entweder zu den Bedingungen des Nahost-Quartetts zu bekennen oder nicht. Im (wahrscheinlichen) Fall einer Ablehnung sollte Abas die Regierung entlassen, das Parlament auflösen und Neuwahlen ausschreiben ? so etwas nennt man auch einen ?Putsch?. Dass dies zu einem Bürgerkrieg führen würde, war den USA bekannt ? im Memo sichern sie der Fatah ihre Unterstützung zu. Walles forderte Abbas auf, Personen in zentrale Verantwortung in den Sicherheitskräften zu positionieren, die ?international anerkannt? sind ? damit meinte man Dahlan. Bei der Fatah stieß dieser Plan auf Ablehnung, da die Boykotte des Westens paradoxerweise die Fatah und ihren Sicherheitsapparat stärker geschwächt hatten, als die Hamas, die in Iran einen Sponsor fand. Im Gazastreifen übernahm die Hamas in dieser Zeit bereits mehr und mehr an polizeilichen und sicherheitsdienstlichen Aufgaben ? ein blutiger Konflikt mit der Fatah schwelte dort bereits seit Monaten.
Im Februar 2007 änderte sich die Lage schlagartig. Diesmal war es Saudi-Arabiens König Abdallah der den USA in die Parade fuhr. Um den Einfluss Irans auf die Hamas einzuschränken und die Interessen Saudi-Arabiens im Nahost-Konflikt besser wahrzunehmen, vermittelte er
Die Kämpfe waren kurz und heftig, nach fünf Tagen waren die Truppen der Fatah geschlagen und die neuen Waffen fielen in die Hände der Hamas. Die Hamas begründete den Aufstand damit, dass ein ?Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung in Gaza, ausgeführt von Mohammed Dalahn und geplant von den USA? kurz bevorstand. Der Westen lehnt diese Begründung bis heute ab, nach den von Vanity Fair veröffentlichten Dokumenten ist dieser Standpunkt allerdings nicht mehr zu halten. Die USA haben denselben Fehler begangen, dem sie schon häufig zum Opfer gefallen sind. Man hat sich auf eine Person verlassen, die gegen die Bevölkerungsmehrheit agiert, und diese nur halbherzig unterstützt. Ein Sprecher der Hamas kommentierte dies mit den Worten ?Was hat Dalahn sich denn gedacht? Das ihm die US-Navy zur Hilfe kommt? Sie haben ihm viel versprochen, was sie nicht halten konnten. Aber auch er hat sie getäuscht, als er ihnen vorspielte, er sei der starke Mann in der Region. Sogar die Amerikaner werden jetzt traurig und enttäuscht sein. Ihr Freund hat die Schlacht verloren.?
Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders lebt von Selbstdarstellung und Provokation. Ins niederländische Parlament kam der wasserstoffgefärbte Rechtsaußen durch billigen Populismus, Xenophobie und eine undifferenzierte radikale Islamkritik, wie sie auch in Deutschland en vouge ist. Wilders Meisterstück war die Ankündigung, einen ?Film? zu drehen, der belegen soll, dass Islam und Koran faschistisch seien und daher in den Niederlanden verboten werden müssten ? Wilders ceterum censeo.
Es steht außer Frage, dass es unter einigen muslimischen Migranten anachronistische Vorstellungen von Werten wie Familienehre, Gleichberechtigung, persönlicher Freiheit und Gewalt in der Familie gibt. Meist resultieren diese Probleme aus kulturellen und nicht aus religiösen Vorstellungen und sind ein Anzeichen von geringer Bildung. Migranten aus dem arabischen Kulturraum per se ablehnen zu wollen und die Religion Islam verbieten zu wollen, ist ganz sicher keine Antwort auf diese Probleme, sondern billigster Populismus, der auf dem Rücken der Schwachen der Gesellschaft ausgetragen wird. Keine Toleranz der Intoleranz ? egal ob sie aus patriachalischen arabischen Stammeskulturen oder aus der reaktionären kulturchauvinistischen europäischen Mitte kommt. Hassprediger wie Wilders verbreiten Intoleranz und machen sich der gleichen Verbrechen schuldig, wie ihre islamistischen Pendants, mit denen sie in populistischer Symbiose leben. Die Machart von Wilders Pamphlet erinnert auch in frappanter Weise den Islamistenvideos und die inhaltliche Aussage ist ähnlich undifferenziert, plump und hetzerisch.
Es mag kaum verwundern, dass gerade Henryk M. Broder, Wilders Bruder im Geiste, sich nun
Broder nennt Wilders einen ?radikalen Liberalen?, dessen Forderungen ?extrem unpopulär? seien. Wie der Börne-Preisträger Broder auf die Idee kommt, einen Politiker, der sich bis dato ausschließlich damit hervorgetan hat, den Islam und den Koran verbieten zu wollen und Migranten am Zuzug zu hindern, als ?liberal? zu bezeichnen, wird wohl Broders Geheimnis bleiben. Der Etikettenschwindel ?liberal? ist bei rechtspopulistischen Parteien nicht eben neu ? auch Haiders FPÖ und die Dansk Folkeparti treten unter ?liberaler? Flagge an, betreiben aber eine rechtspopulistische Politik. ?Extrem unpopulär? sind diese Themen ganz sicher auch nicht, wie Broders Auflagenzahlen und Wilders Klickrate beweisen ? der Film soll bereits von jedem dritten Niederländer im Netz angeschaut worden sein.