Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • Er hat es doch geschafft

    geschrieben am 22. August 2013 von Gastautor

    Wie ein kleiner Bauer von Saatguthändlern über den Tisch gezogen wurde und wie er sich dafür revanchierte.

    ein Sommermärchen von Christoph Jehle

    Es war kurz vor der Jahrtausendwende, als die halbe Welt um das Überleben der PCs bangte. In Deutschland lag schon Schnee und ich wollte der Kälte entfliehen und war noch vor dem hiesigen Weihnachtsfest nach Bangkok geflogen und von dort mit dem Nachtzug nach Udon Thani gefahren. Die Nacht war ziemlich ungemütlich, weil erschreckend kalt. Als Geograph hätte ich es besser wissen müssen: Thailand liegt auf der Nordhalbkugel und wenn es in Deutschland Winter ist, dann ist auch dort Winter. Mit einem lokalen Tuktuk, das anders als seine Verwandten in Bangkok auf der Basis von Mopeds gebaut werden und ziemlich hochbeinig daher kommen, was vor Allem in der Regenzeit hilfreich sein dürfte, ging es weiter in ein kleines Dorf etwa 10 km entfernt.

    Dort angekommen wurde ich von einem dichten Qualm begrüßt, der mir schon unterwegs immer wieder aufgefallen war. In verrosteten Blechkübeln brannten Feuer und rundherum standen Gruppen von Leuten, die sich an den Feuern wärmten. Erst später erfuhr ich, dass diese Feuer mit Hilfe alter Autoreifen am Brennen gehalten werden, weil das gesammelte Holz oft zu feucht ist. Zur Begrüßung gab es Unmengen von Bier und ein selbstgebrautes Getränk, das zwar illegal hergestellt wird, aber die Strafen sollen überschaubar sein. Mit einer Nacht in der Zelle der örtlichen Polizeistation soll das meist glimpflich abgehen. Über den verbleibenden Tag war mein Alkoholpegel soweit angestiegen, dass ich am Abend wie ein nasser Sack auf die Matratze gefallen bin. Gegen sechs Uhr morgens krähten die ersten Hähne und kurz darauf begann der Hund im Hof anzuschlagen. An schlafen war nicht mehr zu denken. Und 5°C ist verflixt kalt ohne Heizung. Wärmedämmung ist dort auch völlig unbekannt. Ja die Wände des Hauses ähneln eher einer Filmkulisse und man kann durch die Astlöcher der Nachbarin beim Kochen zusehen. Zum Glück hatte ich von der Fahrt zum Frankfurter Flughafen noch einen dicken Irish Sweater dabei, der mir schon zwanzig Jahre treue Dienste geleistet hatte und auch jetzt wieder zu Ehren kam. Eigentlich mit einer happigen Wollallergie gesegnet, hatte ich mich in diesem Monstrum von Pullover immer pudelwohl gefühlt.

    Den Artikel weiterlesen »

    16 Kommentare

    Herzlichen Glückwunsch, lieber SPIEGEL!

    geschrieben am 21. August 2013 von Jens Berger

    Was im April noch eine beißende Satire des Tagesspiegel war, ist seit heute Realität: Nikolaus Blome, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur und „Gesicht“ der BILD-Zeitung, wird zum 1. Dezember neuer stellvertretender Chefredakteur und „Gesicht“ des SPIEGEL. Ein kleiner Schritt für einen Journalisten, ein großer Schritt für die Medienlandschaft. Da findet zusammen, was zusammen gehört. Nun ist der langjährige Transformationsprozess des ehemaligen Nachrichtenmagazins zur „BILD am Montag“ endlich abgeschlossen. Die NachDenkSeiten gratulieren dem SPIEGEL zu dieser konsequenten Personalentscheidung.

    Früher gab es sie noch beim SPIEGEL, die „echten“ Journalisten. Einer von ihnen war Jürgen Leinemann. Von ihm ist auch der bemerkenswerte Satz überliefert: „Die journalistische Freiheit wird in der Bundesrepublik heute viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit.“ Irgendwann hat sich der SPIEGEL entschieden, „weiche Knechtschaft“ und „eitle Selbstverliebtheit“ zum Programm zu machen. Leinemanns Nachfolger als Berliner Bürochef des SPIEGEL war Gabor Steingart, ein Mann, der die „weiche Knechtschaft“ und die „eitle Selbstverliebtheit“ wohl so sehr verkörpert, wie kaum ein anderer Journalist. Nikolaus Blome ist auch in diesem Kontext ein mehr als würdiger Nachfolger.

    Aus dem ehemaligen „Sturmgeschütz der Demokratie“ wurde die „Spritzpistole der Angela Merkel“. Und es gibt wohl kaum einen Medienschaffenden, der derart virtuos mit „Muttis“ Spritzpistole schießen kann, wie Nikolaus Blome. Blome ist der Prototyp eines Journalisten in der post-journalistischen Ära: Er verteidigt die Politik seiner Kanzlerin mit Zähnen und Klauen, hat die neoliberale Ideologie bedingungslos verinnerlicht und übt Kritik vor allem an den Schwachen. Wofür braucht man einen Regierungssprecher, wenn man ein Sprachrohr in den reichweitenstärksten Medien des Landes hat? Verglichen mit Nikolaus Blome war selbst ein Karl-Eduard von Schnitzler ein blutiger Anfänger. Meinungsmache und Propaganda sind nur dann perfekt, wenn sie von der Zielgruppe gar nicht erst als solche betrachtet werden. Sowohl der SPIEGEL als auch Nikolaus Blome haben die Zeichen der Zeit erkannt. Blome ist somit genau der richtige Mann am richtigen Platz.

    35 Kommentare

    Abhören, einschüchtern, lügen – das Ende der Demokratie

    geschrieben am 20. August 2013 von Joerg Wellbrock

    Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf

    Ein Kommentar

    Jeden Tag stehen neue Fragen und Enthüllungen im Raum. Jeden Tag kommen neue Fakten ans Tageslicht. Die NSA-Affäre zieht weiter ihre Kreise und das Gesicht der vermeintlichen Demokratie wird immer mehr zur Fratze. Heute ist es der britische Geheimdienst, der die Zeitung „The Guardian“ gezwungen hat, Snowden-Dokumente entweder freiwillig herauszugeben oder zu zerstören. Andernfalls drohen juristische Konsequenzen. Laut Chefredakteur Alan Rusbridger hat der Regierungsbeamte wörtlich zu ihm gesagt: „Ihr hattet Euren Spaß. Jetzt wollen wir das Zeug zurückhaben.“ Er nannte diese Szene einen der „bizarrsten Augenblicke“ in der langen Geschichte der Zeitung. Wer denkt, er lebe nicht in einer Diktatur, muss diesen Eindruck wohl haben.

    Am Sonntag zuvor war David Miranda, der Lebensgefährte des Guardian-Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald, am Flughafen Heathrow neun Stunden lang von Scotland Yard festgehalten worden. Eine schlüssige Begründung? Fehlanzeige. Juristischer Beistand? Wozu denn? Der amerikanische Geheimdienst leugnete eine Beteiligung an dieser Tat.

    Bereits seit Wochen wird in Deutschland darüber gestritten, ob deutsches Recht durch die NSA-Affäre verletzt wurde oder nicht. Ronald Pofalla erklärte die Debatte dann schlicht für beendet und beförderte sie „vom Tisch“.
    Was wirklich vom Tisch ist, sind der Schutz der informationellen Selbstbestimmung und das Recht auf Privatsphäre. Die Auskunftsfreudigkeit der User, die Informationen über Facebook, Google oder ihre Smartphones preisgeben, wird gedeutet als kollektive Einverständniserklärung hinsichtlich aller Daten, die gesammelt werden können.

    Leugnen. Das ist die derzeit am weitesten verbreitete Übeltat. Die Geheimdienste leugnen, dass sie millionenfach Menschen überwachen. Die Regierungen leugnen, dass Menschenrechte verletzt werden. Die zuständigen Politiker leugnen, dass es etwas gibt, das zu leugnen wäre. Was wir erleben, ist nicht etwa nur ein Skandal unfassbaren Ausmaßes. Es ist der Beleg dafür, dass wir auf dem Weg sind, die Demokratie zu verlassen, sie vielleicht schon längst verlassen haben. Der freie Wille, Selbst- und Mitbestimmung sind nicht mehr durch das Individuum steuer- oder kontrollierbar. Andere Instanzen haben das übernommen.
    Wir entscheiden nicht mehr. Wir werden entschieden.

    110 Kommentare

    Zum Staatsfeind wegen roter Ampel?

    geschrieben am 19. August 2013 von Joerg Wellbrock

    Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf

    Während Ronald Pofalla noch den NSA-Abhörskandal vom Tisch fegt und leugnet, dass es millionenfache Ausspähung überhaupt gab und gibt, ist schon im März 2013 ein Gesetz auf den Weg gebracht worden und später durch den Bundesrat gegangen, das das Ausspähen durch deutsche Behörden zu einem Kinderspiel ohne Hürden macht. Die Bestandsdatenauskunft ermöglicht Polizei und Bundesbehörden, Menschen ohne richterlichen Beschluss bis in intimste Bereich zu verfolgen.

    Das klingt doch ziemlich weit hergeholt: Ein Paar überquert eine Straße bei roter Ampel und wird in der Folge regelrecht auseinander genommen. PIN und PUK ihrer Handys und Smartphones sind für die Ermittlungsbehörden aufgrund der Ordnungswidrigkeit ohne Hindernisse einsehbar, Passwörter zu Internetdiensten, IP-Adressen oder das Skype-Konto mühelos zu knacken. Was absurd erscheint, ist seit 1. Juli 2013 Realität. Der Bundesrat hatte der sogenannten Bestandsdatenauskunft zugestimmt. Widerstand gab es von den Piraten und den Grünen. Doch die Erfolgsaussichten waren von Beginn an gering, auch wenn der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar das Gesetz für „verfassungsrechtlich bedenklich“ hält, wie er schon Im März äußerte.

    Widerstand zwecklos

    Die erste Version der Bestandsdatenauskunft hatte das Bundesverfassungsgericht kassiert und der Bundesregierung Nachbesserungen auferlegt. Dieser Verpflichtung will die nun nachgekommen sein. Das Ergebnis allerdings ist der gläserne Bürger schlechthin, und das auch dann schon, wenn er eine Ordnungswidrigkeit begeht. Wer also heute falsch parkt, zu laute Musik hört oder eine rote Ampel ignoriert, muss – ob er will oder nicht – kurz darauf unter Umständen die Hosen herunter lassen. Im Vorfeld der Gesetzverabschiedung hatte es Protest gegeben, unter anderem vom Deutschen Journalistenverband (DJV), von der Neuen Richtervereinigung (NRV), von Netzaktivisten, Datenschützern und „Reporter ohne Grenzen“. Besonders emsig war der Grünen-Politiker Konstantin von Notz. Er hatte gehofft, noch vor Passieren des Bundesrats die Opposition davon zu überzeugen, weitreichende Änderungen im Gesetz über das Anrufen des Vermittlungsausschusses zu erwirken. Der Plan scheiterte jedoch. Den Artikel weiterlesen »

    36 Kommentare

    Falsches Spiel mit tunesischen Pflegeschülern in Hamburg

    geschrieben am 19. August 2013 von Jens Berger

    Die Idee hörte sich durchaus gut an: Um den Menschen in den Ländern des arabischen Frühlings zu helfen, organisierte der Hamburger Klinikkonzern Asklepios in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt das Projekt TAPiG, bei dem 150 junge Tunesier in Hamburg als Krankenpfleger ausgebildet werden sollten. Kaum gestartet steht das Projekt seit letzter Woche bereits vor dem Aus. 24 der 25 tunesischen Pflegeschüler weigern sich mittlerweile, ihren Dienst bei Asklepios zu den vertraglichen Konditionen anzutreten. Für die WELT und das Hamburger Abendblatt ist die Sache klar – zwischen den Zeilen wird den jungen Tunesiern Gier unterstellt. Ihnen sei die Ausbildungsvergütung in Höhe von 620 Euro netto zu niedrig. Doch dies ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Es sieht vielmehr so aus, als ginge es Asklepios eher darum, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren und einen großen Teil der Kosten des Projekts auf die jungen Tunesier abzuwälzen. Was nach Hilfe aussieht, wird so zur Ausbeutung.

    Um den Demokratisierungsprozess in den nordafrikanischen Ländern des „arabischen Frühling“ zu fördern, schloss Bundesaußenminister Westerwelle Anfang 2012 unter anderem mit Tunesien ein Partnerschaftsabkommen, für das bis Ende 2013 30 Millionen Euro aus dem Topf des Auswärtigen Amts zur Verfügung gestellt wurden. Mit diesem Geld sollten vor allem privatwirtschaftliche Initiativen unterstützt werden, deren Ziel die Ausbildung junger Tunesier ist. Einer der ersten Interessenten an den Fördermitteln war der Hamburger Klinikkonzern Asklepios, der in der Branche den Ruf genießt, satte Renditen auf dem Rücken seines immer stärker ausgedünnten Personals zu erwirtschaften. Nach Berechnungen von Verdi fehlen allein in Hamburg, wo Asklepios mit zehn Kliniken eine dominante Stellung einnimmt, ganze 4.000 Stellen in der Krankenpflege. Für renditeorientierte private Krankenhausbetreiber sind Krankenpfleger vor allem eins: ein Kostenfaktor, den es zu minimieren gilt.

    Weiterlesen auf den NachDenkSeiten

    44 Kommentare

    Seite 41 von 127« Erste...1020...40414243...5060...Letzte »