geschrieben am
23. Januar 2012 von Gastautor
ein Gastartikel von Thomas Trares
Seit einigen Jahren gibt es in den Wirtschaftswissenschaften die Bewegung der Postautisten. Sie kritisieren im Wesentlichen die einseitige Ausrichtung ihres Fachs auf nur eine einzige Denkschule, die neoklassische Doktrin. „Spiegel Online“ hat kürzlich über dieses Thema berichtet. Dabei hat sich der in Aachen lehrende Wirtschaftsprofessor Rüdiger Bachmann zu der Kritik geäußert. Was wohl ursprünglich als Verteidigungsrede gedacht war, offenbart stattdessen geradezu idealtypisch den Autismus vieler Fachvertreter.
Zwar gibt Bachmann zu Beginn seines Artikels die Kritik an der Mainstream-Ökonomie richtig wieder; er schreibt „es würden nur Effizienzdenken, Marktgläubigkeit und Staatsferne gepredigt; der Homo oeconomicus angebetet und in Mathematik gepresst“, doch gleich danach zeigt er, wie ernst er diese Einwände nimmt: „Ich kann nicht ganz ausschließen, dass diese Zeitungsartikel von Journalisten geschrieben wurden, die nie ein VWL-Vollstudium durchlaufen und nur die typische VWL-Übersichtsvorlesung für Nichtökonomen gehört haben.“ Und weiter ruft er den Kritikern zu: „Man muss erst einmal die Vokabeln lernen, um diese Sprache zu verstehen. So wie man auch erst mal Griechisch lernen muss, wenn man den Homer im Original lesen will“. Dass es noch mehr Ökonomen gibt, die sich im Besitz von nur schwer zugänglichem Herrschaftswissen wähnen, hat bereits der Pforzheimer Ökonom Hanno Beck in einem früheren Artikel im gleichen Medium bewiesen. Dort mutmaßt er, dass manche Kritiker nie ihre Nase in ein wirtschaftswissenschaftliches Buch gesteckt hätten.
Wie bei solch einer Wagenburgmentalität einen fruchtbarer wissenschaftlicher Dialog entstehen soll, bleibt schleierhaft. Aber immerhin liegen die beiden Ökonomen mit ihrer Haltung voll auf Linie mit der neoklassischen Theorie, denn bei dieser handelt es sich ebenfalls um ein klar abgegrenztes, in sich geschlossenes System.
Dieses sei an dieser Stelle nochmals kurz umrissen. Eine ausführlichere Darstellung findet sich hier.
Die Neoklassik lehnt sich stark an die klassische Mechanik des 19. Jahrhunderts an, die damals die Physik dominierte. Analog zu einem mechanischem System, das ständig in Bewegung ist, haben die frühen Neoklassiker die Wirtschaft als einen ewigen Kreislauf aus Produktion und Konsum begriffen, den der Preismechanismus im Gleichgewicht hält. Der britische Ökonom William Stanley Jevons bezeichnete die Nationalökonomie dereinst als „die Mechanik vom Nutzen und Selbstinteresse“.
Selbst die Zukunft scheint in einem solchen System beherrschbar. Dafür sorgt das Axiom der Ergodizität. Diesem zufolge lassen sich aus den vergangenen und gegenwärtigen Daten eines Systems auch dessen Zukunftswerte berechnen. Geht man dann noch davon aus, dass die Werte einer ökonomischen Variable normalverteilt sind, dann kann man deren Erwartungswert und das Risiko ermitteln. Alles ist ausgeleuchtet, mit der Mathematik erfassbar. Dunkle Ecken im System, Nichtwissen oder Unsicherheit, die das Rationalkalkül unterlaufen könnten, gibt es nicht.
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