Sprechen Sie Farsi? Nein? Unsere Medien auch nicht

17. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die Medien machen sich bereit zum ultimativen Quotenbringer. Dem apokalyptischen Showdown auf der Nahostbühne. Die Guten (TM), die von Ihrem Kapitän George Bush bereits perfekt eingestimmt wurden und die letzten Auswärtsniederlagen gegen die Außenseiter aus Vietnam und Irak bereits vergessen haben treten im Endspiel um den Exxon-Mobil Nahostcup gegen die Bösen (TM) an, deren Kapitän Ahmadinedschad seine Mannschaft angewiesen hat, mit allen fiesen Tricks zu agieren und den Heimvorteil zu nutzen.

Die mediale Berichterstattung hat schon länger manichäische Züge angenommen. Der Leser soll denken, Iran sei der Schurkenstaat per se und sein Präsident Ahmadinedschad ein unberechenbarer Irrer, der Israel mit seinen Atomwaffen von der Landkarte fegen will. Was hinter solchen Charakterisierungen steckt und mit welchen Mitteln agiert wird um falsche Metabotschaften zu suggerieren, wissen indes die Wenigsten.

Israel von der Landkarte ausradieren?

In der politischen Berichterstattung von Spiegel, FAZ, ZEIT und anderen großen Printmedien kommt immer wieder in Nebensätzen die Behauptung vor, Irans Präsident Ahmadinedschad hätte gesagt, Israel müsse von der Landkarte ausradiert werden. Auch das Bundesmerkel und andere tapfere Transatlantiker nehmen immer wieder Bezug auf diese Äußerung. Seltsamerweise gibt es keinen Iran-Experten, der diese Äußerung bestätigen kann. Ursprung dieser Formulierung ist eine falsche Übersetzung der New York Times, die sich dabei auf recht blumige Interpretationen zweier Dolmetscher beruft und die fragliche Übersetzung in Teilen auch als falsch anerkannt hat (1).

Der angebliche Ausspruch fiel am 16.10.2005 auf einer Konferenz im Innenministerium. Nach einer Übersetzung des MEMRI Instituts (Middle East Media Research Institut), das die Rede genau aus dem in Iran gesprochenen Farsi übersetzt hat, hörte sich das Zitat völlig anders an (2). Ahmadinedschad hatte dabei lediglich einen Ausspruch des verstorbenen Religionsführers Ayatollah Khomeini zitiert: »Unser verehrter Imam hat gesagt, dass das Besatzungsregime einmal aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.« Es ist klar, dass, wenn auch nicht ausgesprochen, mit dem Besatzungsregime Israel gemeint ist. Die Wörter “Saneh roozgar” mit “Landkarte“ zu übersetzen, ist laut Farsi-Muttersprachlern schlicht falsch. Die beiden Worte bedeuten soviel wie Szene oder Zeit oder im metaphorischen Sinn: “Arena der Zeit” oder “Seiten der Geschichte.“ “Mahv shodan” und “mahv kardan” haben in Farsi eine unterschiedliche Bedeutung. Die erste Wendung kann mit “verschwinden”, übersetzt werden, während die beiden anderen Wörter “ausrotten” oder “eliminieren” bedeuten. Bemerkenswert ist, das MEMRI beileibe nicht zur proiranischen Seite gezählt werden kann, im Gegenteil. Das MEMRI wurde von einem ehemaligen israelischen Geheimdienstoffizier gegründet und ist eigentlich eher für Analysen bekannt, die israelischen und amerikanischen Falken in die Hände spielen, diesmal schwebten wohl Tauben durch die Räume des MEMRI. Der britische Guardian Journalist Jonathan Steele, der anfangs selbst die falsche NYT-Übersetzung verwendet hat, forschte ebenfalls nach (was als Journalist eigentlich seine gottverdammte Pflicht, aber heutzutage schon fast eines Pulitzerpreises würdig ist) und bekam sowohl von BBC-Sprachexperten als auch von anderen unabhängigen Experten genau die Übersetzung, die das MEMRI veröffentlicht hat. (3) (4)
Der Holocaust, ein Märchen?

Das ist nicht die einzige Fälschung. Es gibt kaum eine Äußerung Ahmadinedschads zu Israel, die nicht verzerrt oder verfälscht worden wäre. Am 14.12.2005 erklärte er laut DPA: »Der Westen widmet sich dem Märchen vom Massaker an den Juden[]«. Diese Formulierung hat bis heute Bestand. Spiegel, Focus und Co benutzen diese Formulierung noch heute. Es ist auch schwer hier die Äußerungen Ahmadinedschads neutral und objektiv zu analysieren, da iranische Offizielle in Folge der Äußerung mehrfach auf schändlich unappetitliche Art den Holocaust instrumentalisiert haben und mit Holocaust-Leugnern und deren dumpfer Ideologie poussiert haben. Das Zitat als solches ist allerdings falsch und es kann nicht Sache der Medien sein in “guter Absicht” Meldungen und Zitate zu verfälschen.

Unabhängige Übersetzungen des umstrittenen Zitates lauteten anders: »Einige haben im Namen des Holocausts einen Mythos geschaffen und schätzen diesen sogar höher ein als den Glauben.« Vom Mythos um den Holocaust ist die Rede und davon, was mit dem Holocaust gemacht worden ist. Selbst jüdische Autoren wie Norman Finkelstein haben die Tatsache kritisiert, dass aus dem Holocaust ein Kult oder gar eine neue Religion gemacht worden ist. Ein kontroverses Thema, sicher aber weit von der unterstellten Holocaustleugnung entfernt. Wenn nun der Holocaust geschehen ist, sagt Ahmadinedschad weiter, so ist Europa und nicht die muslimische Welt dafür verantwortlich. Damit hat er sicher recht, nur warum mäandert er um die Frage der Existenz des Holocaust herum? Eine klare Aussage wie, “der Holocaust war ein abscheuliches Verbrechen, begangen von Europäern. Warum sollten die Palästinenser unter den Sünden Europas leiden” wäre ebenso korrekt wie unanstössig gewesen. Nur hier sollte man nicht vergessen, das Ahmadinedschads perfides Spiel mit dem Antisemitismus nicht für Europa bestimmt war, sondern innenpolitisch motiviert ist (Verstehen Sie Ahmadinedschad?). Das ist ein typisches Problem von Populisten. Schiesst man mit der Schrotflinte ist die Streuwirkung groß und man trifft schon mal die Falschen.

Rückkehr zum Verursacherprinzip

Die „Tagesschau“ vom 14.12.2005 zitierte aus der gleichen Rede Ahmadinedschads: »Der Staat Israel sollte in eine andere Weltgegend verlegt werden, etwa nach Europa, in die USA, nach Kanada oder Alaska«. In einer unabhängigen Übersetzung lautet das Zitat auf deutsch: »Wenn Ihr die Juden verbrannt habt, warum stellt Ihr dann nicht ein Stück von Europa, der USA, Kanadas oder Alaskas für Israel zur Verfügung. Unsere Frage ist: Wenn ihr dieses gewaltige Verbrechen begangen habt, warum soll dann die unschuldige Nation von Palästina für dieses Verbrechen bezahlen«. Das hört sich doch schon ganz anders an. Henryk Broder hat dazu übrigens ein äußerst amüsantes Essay (Gebt den Juden Schleswig-Holstein) geschrieben, das leider nur noch im Bezahlbereich von SPON zu finden (und hier ;-)) zu finden ist. Daraus:»Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Ahmadinedschads Vorschläge “vollkommen inakzeptabel”. Für ihr vorschnelles Urteil hat es keine Rolle gespielt, dass der iranische Staatschef immerhin von seiner ursprünglichen Forderung, Israel zu vernichten, abgerückt ist und stattdessen eine Verlegung” des “zionistischen Gebildes” möchte. Vom humanitären Standpunkt ist das ein Fortschritt: Die Israelis sollen nicht mehr ins Meer gejagt, sondern nur noch auf eine Reise übers Meer geschickt werden. Man könnte es auch so sagen: Europa soll das Problem, das es kreiert und exportiert hat, zurückbekommen. Doch der Empfänger verweigert die Annahme der Sendung, noch ehe sie abgeschickt wurde. Und da sage noch mal wer, Broder haben keinen Humor.

Spin und Agitation

Es gibt eine Reihe anderen Zitate, in denen Ahmadinedschad Fragen zum Holocaust stellt, aber nirgends ist eine glatte Leugnung nachweisbar. Aber aus seinen Reden haben die Medien eine ganze Lawine von Schlagzeilen entwickelt: »Der Staat Israel soll dem Erdboden gleichgemacht werden!« (taz), »Kriegserklärung gegen den jüdischen Staat - Irans Präsident fordert die Vernichtung Israels« (Berliner Zeitung), »Mit Empörung hat die internationale Gemeinschaft auf den Aufruf des neuen iranischen Präsidenten zur Vernichtung Israels reagiert [ ] Irans Präsident will den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen« (Die Welt), »Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat zur Zerstörung Israels aufgerufen« (Der Spiegel), »Irans neuer Staatschef: „Israel von Landkarte radieren!“« (Focus), »Iran schürt Nahost-Konflikt: »Israel zerstören!“« (N24). Es gibt derzeit kaum einen Politiker, der so oft falsch zitiert wird wie Ahmadinedschad. In einer Rede vom 14.1.2006 sagte er: »Der Iran hat das Recht auf Nuklear-Energie!«. Prompt übersetzte der US-Sender CNN: »Ahmadinedschad: Nuklearwaffen sind das Recht des Iran.« (5)

Besonders tut sich hier natürlich wieder einmal die Springer-Presse vor. So titelt unser aller Lieblingsblatt BILD unter der dicken Überschrift “Der Hetzer von Teheran” »[ ] er ist der gefährlichste Mann der Welt. Er will Israel auslöschen. Das sind keine hohlen Phrasen mehr. Je intensiver er seine Vernichtungsphantasien verbreitet, desto fanatischer wird sein Volk. Die Welt kann sich nicht länger damit trösten, mit Diplomatie sei noch etwas zu erreichen. Nein, Ahmadinedschad will Kontroverse bis hin zum Krieg. Ist in der Millionenmetropole Teheran ein neuer Adolf Hitler erstanden? Auch der Nazi-Verbrecher wurde jahrelang belächelt. Auch seine Hetze gegen die Juden nahm zunächst niemand ernst.” Ein Sammelsurium der Springerschen Kriegshetze hat die Seite “Arbeiterfotografie” zusammengestellt. Die selbe Seite hat auch eine interessante Betrachtung des berüchtigten Spiegel-Interviews mit Ahmadenidschad online - diese Interview sollte übrigens in Journalismusseminaren als abschreckendes Beispiel behandelt werden, wie ein Interview nicht zu führen ist.>

Solch politisch motivierter Spin ist nicht ungewöhnlich in westlichen Mainstreammedien. Jetzt, da sich der letzte Vorhang zum Showdown USA und Iran erhebt, sollte man in den Redaktionen besondere Vorsicht walten lassen. Da das nur äußerst selten geschieht (ob absichtlich oder fahrlässig lasse ich mal dahingestellt sein) ist vor allem vom Leser eine äußerste Skepzis gegen Meldungen dieser Art gefordert. Erst am Samstag wiederholte SPON z.B. das “Märchen”-Märchen. Auf eine äußerst sachlich formulierte Beschwerde-EMail erhielt ich nichtmals einen Kommentar.

Jens Berger

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Kategorie: Ausland, Iran, Medien | 19 Kommentare

Verpasste Gelegenheiten oder gewollte Blockade?

16. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken

Die Washington Post meldete gestern (am 14. Februar), dass es im Jahre 2003 ein ernsthaftes Angebot Irans für umfassende Verhandlungen gab (1), die unter anderem eine Anerkennung Israels und Einstellung aller Unterstützung für antiisraelische Gruppen in einer Roadmap vorgesehen haben.

Ein Angebot aus schweizer Händen

Laut Washington Post wurde das Angebot von Irans Obersten Rechtsgelehrten Chamenei, vom damaligen Staatspräsidenten Chatami und vom damaligen Außenminister gebilligt und dem Schweizer Botschafter in Teheran übergeben. Die Schweiz nimmt seit 1979 die diplomatischen Aufgaben der USA in Teheran wahr, da diese nach der Revolution alle diplomatischen Kontakte abbrachen, woran sich bis heute nichts geändert hat.

In einem Schreiben an das State-Department vom 4. Mai 2003 vermerkte Tim Guldimann, der von 1999 bis 2004 die schweizer Gesandtschaft in Teheran anführte, er habe sei überzeugt, dass es einen ernsthaften Willen seitens des iranischen Regimes gäbe, die Probleme mit den USA anzugehen und diese Initiative der Beginn sei. Dem Schreiben fügte Guldimann ein iranisches Dokument mit dem Titel “Roadmap” an, das sowohl amerikanische als auch iranische Verhandlungsziele aufführte, darunter u.a. die Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967 und die Einstellung sämtlicher Unterstützung antiisraelischer Gruppierungen wie Hamas und sogar Hizbollah seitens Irans. Auch wurden weiterführende Kontrollen durch die IAEO angeboten. Im Gegenzug wollte man den Zugang zu ziviler Nukleartechnologie, wie er Iran nach IAEO-Statuten eh zusteht. Guldimann sprach in der Folge häufiger mit Sadegh Kharrazi, dem iranischen Botschafter in Paris, ein Neffe des Aussenminister und Schwager Chameneis Sohn. Dieser versicherte ihm mehrfach, dass das Papier von ganz oben abgesegnet sei. Der Oberste Rechtsgelehrte Chamenei stünde einigen Punkten zwar kritisch gegenüber, sagte aber, dass alles verhandelbar sei.

Im Gegenzug wollten die Iraner von der USA verlangten war lediglich eine Einstellung der Feindseligkeiten und die Anerkennung Irans als rechtmäßigen Staat, dessen regionale Interessen respektiert werden müssen. Dies sagt Trita Parsi, ein Spezialist für iranische Aussenpolitik an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies, der das Dokument ebenfalls zu Gesicht bekam (2).

Rice unter Druck

Die Offenlegung dieses Schreibens entfachte eine Debatte unter Sicherheitsexperten, ob die Bush-Administration nicht die große Gelegenheit verpasst habe. Sie waren damals auf der Höhe ihrer Macht, der Irak war jüngst besetzt wurden und Iran war noch weit von der Urananreicherung entfernt. Auf das Dokument angesprochen, erinnerte sich Außenministerin Rice, die damals nationale Sicherheitsberaterin war, pflichtgemäß an nichts: »I just don’t remember ever seeing any such thing«. Welche Antwort hätte man auch sonst erwartet.

Nein, dies sind nicht die neuen Vorsitzenden der Fleischerinnung Wanne-Eickel sondern Richard Armitage und NATO-Robertson

Geschwiegen hätte auch besser Richard Armitage, der damals Vize-Aussenminister war. Er sagte in einem Newsweek-Interview, er hätte nicht klar unterscheiden können, welche Teile des Schreibens denn nun von den Schweizern und welche von den Iranern kommen. Na das ist doch mal eine plausible Erklärung in Zeiten von Telefon und Internet. Aber halt, hätte er den schweizer Botschafter in Teheran angerufen, wäre er sicher von der NSA auf die Liste potentieller Staatsfeinde gesetzt wurden und künftig an der Einreise gehindert worden. Ein guter Amerikaner telefoniert nicht nach Teheran. Aber Armitage wäre nicht Armitage wenn er diese Eselei nicht toppen könnte. Er schwurbelt weiter, dass Angebot Irans sei ihm zu gut gewesen, die Iraner »versuchten zu viel auf den Tisch zu legen um effektive Verhandlungen zu führen«. Da hat der gute Mann natürlich recht, so verhandelt man doch nicht.

Lügt Rice?

Einfallsreicher ist der schon der Sprecher des State Department Ton Casey. »Dieses Dokument passierte nicht die offiziellen Kanäle, da es eine kreative Betätigung seitens des schweizer Botschafters darstellte«. So etwas wäre in den letzten 30 Jahren häufiger passiert. Na dann ist ja damit alles klar.

Dass dieses Angebot die offiziellen Stellen unter Umständen doch passiert hat, behauptet Flynt Lewerett, zur besagten Zeit leitender Direktor für den Bereich Mittlerer Osten im Nationalen Sicherheitsrat, auf einem der New America Foundation am 14.2.2007 (3): »Ich weiß ganz sicher aus verschiedenen Quellen, dass dies alles bis zu Minister Powell weitergeleitet wurde.[] Dieser [Minster Powell] sagte, er könne dies dem Weißen Haus nicht verkaufen.« Er holte weiter aus und sagte »Dieses Dokument ging durch den Nationalen Sicherheitsrat. [] Es ist undenkbar, dass die damalige Sicherberaterin Condoleeza Rice es nicht bekommen hätte. [] Sie schuldet dem Kongreß eine Entschuldigung dafür, daß sie sagt sie hätte dieses Dokument nie gesehen. Die Aussagen, die sie vor dem Kongreß machte sind nicht wahr.«

Man könnte auch sagen, die USA haben nie ernsthaft versucht Gespräche mit Iran zu führen. Die Ausreden der Offiziellen sind mehr als mau und lassen erkennen, dass hinter den Kulissen seit Jahren alles abgeblockt wurde was zur Entspannung des Verhältnisses zum Iran führen könnte. Die Argumentation Israels und seiner Lobby, man könne keine Gespräche mit einem Staat führen, der Israel nicht anzuerkennen gedenke, sind damit wohl endgültig vom Tisch. Wenn man bedenkt wie viele Israelis, Palästinenser und Libanesen heute noch hätten leben können wären die USA ein ehrlicher Makler …

Jens Berger

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Kategorie: Ausland, Iran, USA | 3 Kommentare

Update bei “Allgemeines speziell betrachtet”

16. Februar 2007 von admin - Drucken

Die Kategorie “Allgemeines speziell betrachtet” wurde komplett umgekrempelt und massiv aufgefüllt. Die neuen Glossen und Kurzgeschichten sind in der Liste aufgeführt - viel Spaß!

Allgemeines speziell betrachtet

Kategorie: Allgemein, Glosse | Kommentieren

15 Minuten Energieruhm

15. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken

»Der russische Präsident Wladimir Putin hat zu verstehen gegeben, dass er seine 15 Minuten ‘Energieruhm’ auf der Weltbühne voll ausnutzen will.«, schrieb in Anlehnung an Andy Warhol, die bulgarische Zeitung Dnevnik. Ein schöneres Bild hätte man kaum finden können, ob es aber auch ein passendes Bild ist, mag bezweifelt werden.

Frischer Ostwind

Die Philippika Vladimir Putins auf den Münchner Unsicherheitsfestspielen blieb, wie zu erwarten, im stets aufgeregten Europa nicht ohne Folgen. Von einem »neuen kalten Krieg«, einem »Rückfall in alte Zeiten« und dem »Beginn eines neues Rüstungswettlaufes« (war es nicht eben das was Putin verhindern will) war in deutschen Zeitungen zu lesen. Den Vogel schoss diesmal die FAZ ab, die im Kontext zukünftiger europäisch-russischer Verhandlungen von »Appeasement-Politik« schrieb (1), gerade so als würden sie Putin als eine Art neuen Hitler sehen. Springers »Stürmer« gab sich in der WELT heuchlerisch scheinheilig - wie so oft (2), und fragte, ob es »angesichts der neuen Gefahrenlage« sinnvoll sei, einen »kalten Kleinkrieg« zu starten. Als ob er nicht genau wüsste, dass Putin die »neue Gefahrenlage« ein wenig anders als die Apologeten des “New American Century” sieht . Stürmer postuliert weiter, dass es »für die Europäer um die Frage [ginge], wie sie wieder Sicherheit finden«, wobei sich jeder Europäer ernsthaft fragen sollte, ob er denn in Unsicherheit lebe, wie Herr Stürmer es zu suggerieren vermag. Stürmers Antwort lautet wenig überraschend: »Mit den Amerikanern und möglichst nicht gegen die Russen.« Aha! “Möglichst” nicht gegen die Russen - ist es nun eine Drohung? Stürmer gibt aber auch konkrete Empfehlungen. Für ihn ist es »[]mit Versicherungen allseitig guten Willens, wie die Deutschen sie lieben, Atlantische Gemeinschaft hier und strategische Partnerschaft dort, [] nicht mehr getan.« Er hätte Putin eigentlich einfach nur zuhören müssen; aber was sinniere ich über Missverständnisse, die Springer-”Journalisten” bekennen sich ja schließlich per Betriebsverfassung zur »Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und [der] Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika«.

Panik bei Springer

Um diese Solidarität schon mal in vorauseilendem Gehorsam zu demonstrieren, preschte Manfred Quiring, Stürmers Kollege bei der WELT, schon mal vor (3) und zog den gedanklichen Nexus von Putin zum Islam, der ja laut Springer der stets böse neue Feind ist. Logisch, empfinden »Araber wie orthodoxe Slawen Meinungs- wie Medien ´freiheit´ (Hervorhebung nicht im Original)« als »Sekundärtugenden« und genießt, laut Quiring, die »Abwehr fremder Einflüsse in Russland inzwischen die gleiche Priorität wie in der arabischen Welt«. Quiring weiß auch woran das liegt (4): Die Russen reisen zu wenig!. Stellt er doch fest, dass nur 14 Prozent der russischen Bevölkerung je im Ausland war, woraus er messerscharf schließt, dass «Russlands Bürger den Westen kaum aus eigener Anschauung [kennen und] ihr Bild durch die an sowjetische Zeiten gemahnende Propaganda der Medien [geprägt sei]«. Chapeau Herr Quirling. Das ist in Deutschland ja ganz anders, nicht wahr? Wie hoch mag die Zahl der Deutschen sein, die den Luxus sich leisten könnten, ihr Russlandbild aus eigener Erfahrung und nicht aus der stets an Zeiten des Kalten Krieges gemahnenden Propaganda von Zeitungen wie Springers WELT zu erlangen? Herr Quiring sagt es uns lieber nicht.

Putins Rede scheint in der Redaktion der WELT wie eine Bombe eingeschlagen zu sein. Heute legt ihr Kolumnist, der stets rationale Friedensfreund Lord George Weidenfeld, etwas nach und vermeldet: »Das Risiko einer militärischen Intervention [gegen Iran] könnte zwar Opfer in Größenordnungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit sich bringen, doch der Triumph des islamistischen Terrors würde an Grässlichkeit alles überbieten, was uns die Weltgeschichte vermittelte” (5). Danach lässt er uns an seinen kognitiven Dissonanzen teilhaben (6). Unter dem Titel »Aus der Traum« erzählt er uns zunächst einen Schwank aus seinem konspirativen Leben und lässt Soros Bekenntnisse, die ihm bei einem Abendessen offenbart wurden, auch uns zuteil werden: »Die Idee eines demokratischen Russlands in engerer Zusammenarbeit mit Amerika und Europa war der Traum der Neunzigerjahre. Heute ist er ausgeträumt«. Na, da kommen einem doch die Tränen. Der - sicher höchst altruistische - Traum der Big Player des globalen “freien” Marktes, Russland in die Reihe der “demokratisierten”, sprich - zur Ausplünderung freigegebenen, Staaten aufzunehmen, ist nun geplatzt? Wenn ich Russe wäre, würde ich jetzt eine Flasche Krimsekt aufmachen. Da ich jedoch kein Russe, sondern Deutscher bin, habe ich nun Perlen nicht in meinem Glas, sondern auf meiner schweißigen Stirn. Und zwar, weil Soros - zielstrebig wie er ist, flugs ankündigt: »[] sein Netzwerk im Dienste der «offenen Gesellschaft” in Westeuropa auszudehnen.« Die Westeuropäer werden wohl zu kritisch und erkennen es langsam, was mit Euphemismen wie “offene Gesellschaft”, “freier Markt” oder “Demokratisierung” gemeint ist. Das geht natürlich nicht - da muss man mit einer Überdosis Weidenfeld trocken Abhilfe schaffen. Auch Weidenfeld versucht den gedanklichen Nexus von Putin zum Islam zu ziehen, in dem er kalkulierte Nebensätze wie »Russland, und das gilt auch für die meisten Regimes im Nahen Osten, hat den taktischen Vorteil, die öffentliche Meinung zu kontrollieren« wie zufällig fallen lässt. Der Rest des Weidenfeldschen Pamphlet ist ebenfalls von demagogischer Unverfrorenheit, aber darauf werde ich in einem andern Artikel eingehen.

Zwischen den Zeilen macht sich im deutschen Blätterwald mal wieder diese Überheblichkeit breit, die uns international so “beliebt” macht. Man mag den Herren Leitartiklern am liebsten entgegenrufen: “Lasst uns Russland nicht behandeln, wie ein kleines Kind, sondern lasst uns Russland mit Respekt behandeln, denn Russland kann nicht nur viel von uns lernen, sondern auch wir von Russland”.

Auch viele vernünftige Töne

Zwischen die, neuerdings übliche, Russophobie deutscher Medien (7) mischten sich indes auch sehr bedächtige, ja vernünftige, Töne hinzu. So bemerkt stellvertretend für viele Zeitungen Martin Winter von der Süddeutschen »[]das ist nicht der Beginn eines neuen kalten Krieges, wie überhaupt die Begriffe der Vergangenheit untauglich sind, die Gegenwart zu erfassen. Putins Rede ist ein Warnsignal.« Die alleinige Schuld für die verschlechterten Verhältnisse allein bei Putin oder Russland zu suchen, sei »das Dümmste«, was NATO und EU nun tun könnten. Den europäischen Politikern attestiert er einen »partiellen Realitätsverlust« und »Phantasielosigkeit«.

Gefallen hat mir auch dieser Satz aus Jochen Winters Kommentar in der ZEIT (6) : »Ohne die Vereinigten Staaten auch nur ein einziges Mal beim Namen zu nennen, rechnete Putin in einer Schärfe mit dem weltpolitischen Betragen Washingtons ab, wie man sie bisher allenfalls von einer erhitzten europäischen Linken kannte.« Nun ja, lieber Herr Bittner, da möchte ich Ihnen doch mit einem Zitat von Konstantin Wecker antworten: »… und wenn die Welt auf dem Kopf steht, dann muss auch der Umkehrschluss gestattet sein, dass wir “Verrückten” recht haben«.

Gewohnt objektiv berichtet auch der Russlandkenner Kai Ehlers über das Internetportal “russland.ru” in seiner Analyse “Kalter Krieg oder frischer Wind?” (9): »All dies macht deutlich, dass Putins Auftritt nicht die Rache eines Beleidigten ist, der »austeilt, nachdem er viel einstecken musste«, nicht als Provokation, auch nicht als Imageaufwertung für den bevorstehenden russischen Wahlkampf zu verstehen ist, wie manche Kommentatoren meinen, obwohl der innenpolitische Zuspruch nicht übersehen werden sollte. Putin fordert vielmehr nicht weniger als den Eintritt in eine neue Runde der internationalen Kooperation, die den neu gewachsenen globalen Kräfteverhältnissen entspricht. Wenn allerdings eine Zeitung wie die deutsche FAZ die zurückhaltenden Reaktionen der USA, der EU, insbesondere aber der deutschen Politiker in die Nähe eines Appeasement und damit Putin in die Nähe Hitlers rückt, dann wird deutlich, wie viel noch für die Verwirklichung einer solchen Perspektive getan werden muss«. Das möchte man gerne unterschrieben, schade nur, das Ehlers leider nur von einem Bruchteil der Bevölkerung gelesen wird und die Springer-Presse eine Reichweite von über 12 Millionen hat.* Kein Wunder, dass man sich dort so für eine vermeintliche “Freiheit” der Medien und der Märkte auf aller Welt einsetzt. Man kennt ja die Spielregeln der Demagogie und des Spins. Was Putin wirklich gesagt hat, blieb den meisten zwischen der “generalstabsmäßigen” Aufgeregtheit natürlich verborgen. Mittlerweile ist sowohl seine Rede als auch die folgende Diskussion von Ria Novosti in deutscher Sprache transkribiert online verfügbar, so dass sich jeder interessierte Leser ein eigenes Bild machen kann.

*Nachtrag vom 16.2: Mit Entzückten stellte ich heute bei Lektüre des Freitags fest, das auch dort Ehlers´ Artikel abgedruckt wurde. (10)

Jens Berger

Kategorie: Ausland, Deutschland, Geopolitik, Medien, Russland | 4 Kommentare

Lüge und Verlogenheit in der Politik …

15. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken

… oder “Wie des Kaisers neue Kleider gewebt werden”

C0P0KA hat mir dankenswerterweise ein Transkript dieser höchst interessanten Radiosendung von SR2 Kulturradio zur Verfügung gestellt.

Autorin Renate Genth untersucht die Ehrlichkeit oder besser Unehrlichkeit im politischen Geschäft. Dabei wandelt sie zielsicher zwischen historischen Beispielen, politphilosophischen Betrachtungen und der Gegenwart.

Lohnenswert und kuzweilig … und irgendwie perfekt auf den Namen dieses Blogs zugeschnitten ;-)

Lüge und Verlogenheit in der Politik oder: Wie des Kaisers neue Kleider gewebt werden

Daraus:

DAS SEIFENLIED

(1928 von Ernst Busch zu den Reichstagwahlen für die SPD geschrieben … wie sich die Zeiten doch ändern - der Inhalt passt auch heute noch perfekt, nur käme man heute eher auf die Idee ein solches Lied gegen die SPD zu schreiben)

Wir haben unsere Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum
wir seifen ein.
Wir waschen unsere Hände
wieder rein.

Wir haben ihn gebilligt
den grossen heiligen Krieg.
Wir haben Kredite bewilligt
weil unser Gewissen schwieg.

Wir schlagen Schaum…

Dann fiel´n wir auf die Beine
und wurden schwarz-rot-gold.
die Revolution kam alleine;
wir haben sie nicht gewollt.

Wir schlagen Schaum…

Wir haben die Revolte zertreten
und Ruhe war wieder im Land.
Das Blut von den roten Proleten
das klebt noch an unserer Hand.

Wir schlagen Schaum…

Wir haben unsere Brüder
mit Wahlkampfseife bedacht.
Das tun wir das nächste Mal wieder
es hat sich bezahlt gemacht.

Wir schlagen Schaum…

Kategorie: Deutschland | Kommentieren

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