Sprechen Sie Farsi? Nein? Unsere Medien auch nicht
17. Februar 2007 von Spiegelfechter - Drucken
Die Medien machen sich bereit zum ultimativen Quotenbringer. Dem apokalyptischen Showdown auf der Nahostbühne. Die Guten (TM), die von Ihrem Kapitän George Bush bereits perfekt eingestimmt wurden und die letzten Auswärtsniederlagen gegen die Außenseiter aus Vietnam und Irak bereits vergessen haben treten im Endspiel um den Exxon-Mobil Nahostcup gegen die Bösen (TM) an, deren Kapitän Ahmadinedschad seine Mannschaft angewiesen hat, mit allen fiesen Tricks zu agieren und den Heimvorteil zu nutzen.
Die mediale Berichterstattung hat schon länger manichäische Züge angenommen. Der Leser soll denken, Iran sei der Schurkenstaat per se und sein Präsident Ahmadinedschad ein unberechenbarer Irrer, der Israel mit seinen Atomwaffen von der Landkarte fegen will. Was hinter solchen Charakterisierungen steckt und mit welchen Mitteln agiert wird um falsche Metabotschaften zu suggerieren, wissen indes die Wenigsten.
Israel von der Landkarte ausradieren?
In der politischen Berichterstattung von Spiegel, FAZ, ZEIT und anderen großen Printmedien kommt immer wieder in Nebensätzen die Behauptung vor, Irans Präsident Ahmadinedschad hätte gesagt, Israel müsse von der Landkarte ausradiert werden. Auch das Bundesmerkel und andere tapfere Transatlantiker nehmen immer wieder Bezug auf diese Äußerung. Seltsamerweise gibt es keinen Iran-Experten, der diese Äußerung bestätigen kann. Ursprung dieser Formulierung ist eine falsche Übersetzung der New York Times, die sich dabei auf recht blumige Interpretationen zweier Dolmetscher beruft und die fragliche Übersetzung in Teilen auch als falsch anerkannt hat (1).
Der angebliche Ausspruch fiel am 16.10.2005 auf einer Konferenz im Innenministerium. Nach einer Übersetzung des MEMRI Instituts (Middle East Media Research Institut), das die Rede genau aus dem in Iran gesprochenen Farsi übersetzt hat, hörte sich das Zitat völlig anders an (2). Ahmadinedschad hatte dabei lediglich einen Ausspruch des verstorbenen Religionsführers Ayatollah Khomeini zitiert: »Unser verehrter Imam hat gesagt, dass das Besatzungsregime einmal aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.« Es ist klar, dass, wenn auch nicht ausgesprochen, mit dem Besatzungsregime Israel gemeint ist. Die Wörter “Saneh roozgar” mit “Landkarte“ zu übersetzen, ist laut Farsi-Muttersprachlern schlicht falsch. Die beiden Worte bedeuten soviel wie Szene oder Zeit oder im metaphorischen Sinn: “Arena der Zeit” oder “Seiten der Geschichte.“ “Mahv shodan” und “mahv kardan” haben in Farsi eine unterschiedliche Bedeutung. Die erste Wendung kann mit “verschwinden”, übersetzt werden, während die beiden anderen Wörter “ausrotten” oder “eliminieren” bedeuten. Bemerkenswert ist, das MEMRI beileibe nicht zur proiranischen Seite gezählt werden kann, im Gegenteil. Das MEMRI wurde von einem ehemaligen israelischen Geheimdienstoffizier gegründet und ist eigentlich eher für Analysen bekannt, die israelischen und amerikanischen Falken in die Hände spielen, diesmal schwebten wohl Tauben durch die Räume des MEMRI. Der britische Guardian Journalist Jonathan Steele, der anfangs selbst die falsche NYT-Übersetzung verwendet hat, forschte ebenfalls nach (was als Journalist eigentlich seine gottverdammte Pflicht, aber heutzutage schon fast eines Pulitzerpreises würdig ist) und bekam sowohl von BBC-Sprachexperten als auch von anderen unabhängigen Experten genau die Übersetzung, die das MEMRI veröffentlicht hat. (3) (4)
Der Holocaust, ein Märchen?
Das ist nicht die einzige Fälschung. Es gibt kaum eine Äußerung Ahmadinedschads zu Israel, die nicht verzerrt oder verfälscht worden wäre. Am 14.12.2005 erklärte er laut DPA: »Der Westen widmet sich dem Märchen vom Massaker an den Juden[]«. Diese Formulierung hat bis heute Bestand. Spiegel, Focus und Co benutzen diese Formulierung noch heute. Es ist auch schwer hier die Äußerungen Ahmadinedschads neutral und objektiv zu analysieren, da iranische Offizielle in Folge der Äußerung mehrfach auf schändlich unappetitliche Art den Holocaust instrumentalisiert haben und mit Holocaust-Leugnern und deren dumpfer Ideologie poussiert haben. Das Zitat als solches ist allerdings falsch und es kann nicht Sache der Medien sein in “guter Absicht” Meldungen und Zitate zu verfälschen.
Unabhängige Übersetzungen des umstrittenen Zitates lauteten anders: »Einige haben im Namen des Holocausts einen Mythos geschaffen und schätzen diesen sogar höher ein als den Glauben.« Vom Mythos um den Holocaust ist die Rede und davon, was mit dem Holocaust gemacht worden ist. Selbst jüdische Autoren wie Norman Finkelstein haben die Tatsache kritisiert, dass aus dem Holocaust ein Kult oder gar eine neue Religion gemacht worden ist. Ein kontroverses Thema, sicher aber weit von der unterstellten Holocaustleugnung entfernt. Wenn nun der Holocaust geschehen ist, sagt Ahmadinedschad weiter, so ist Europa und nicht die muslimische Welt dafür verantwortlich. Damit hat er sicher recht, nur warum mäandert er um die Frage der Existenz des Holocaust herum? Eine klare Aussage wie, “der Holocaust war ein abscheuliches Verbrechen, begangen von Europäern. Warum sollten die Palästinenser unter den Sünden Europas leiden” wäre ebenso korrekt wie unanstössig gewesen. Nur hier sollte man nicht vergessen, das Ahmadinedschads perfides Spiel mit dem Antisemitismus nicht für Europa bestimmt war, sondern innenpolitisch motiviert ist (Verstehen Sie Ahmadinedschad?). Das ist ein typisches Problem von Populisten. Schiesst man mit der Schrotflinte ist die Streuwirkung groß und man trifft schon mal die Falschen.
Rückkehr zum Verursacherprinzip
Die „Tagesschau“ vom 14.12.2005 zitierte aus der gleichen Rede Ahmadinedschads: »Der Staat Israel sollte in eine andere Weltgegend verlegt werden, etwa nach Europa, in die USA, nach Kanada oder Alaska«. In einer unabhängigen Übersetzung lautet das Zitat auf deutsch: »Wenn Ihr die Juden verbrannt habt, warum stellt Ihr dann nicht ein Stück von Europa, der USA, Kanadas oder Alaskas für Israel zur Verfügung. Unsere Frage ist: Wenn ihr dieses gewaltige Verbrechen begangen habt, warum soll dann die unschuldige Nation von Palästina für dieses Verbrechen bezahlen«. Das hört sich doch schon ganz anders an. Henryk Broder hat dazu übrigens ein äußerst amüsantes Essay (Gebt den Juden Schleswig-Holstein) geschrieben, das leider nur noch im Bezahlbereich von SPON zu finden (und hier ;-)) zu finden ist. Daraus:»Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Ahmadinedschads Vorschläge “vollkommen inakzeptabel”. Für ihr vorschnelles Urteil hat es keine Rolle gespielt, dass der iranische Staatschef immerhin von seiner ursprünglichen Forderung, Israel zu vernichten, abgerückt ist und stattdessen eine Verlegung” des “zionistischen Gebildes” möchte. Vom humanitären Standpunkt ist das ein Fortschritt: Die Israelis sollen nicht mehr ins Meer gejagt, sondern nur noch auf eine Reise übers Meer geschickt werden. Man könnte es auch so sagen: Europa soll das Problem, das es kreiert und exportiert hat, zurückbekommen. Doch der Empfänger verweigert die Annahme der Sendung, noch ehe sie abgeschickt wurde. Und da sage noch mal wer, Broder haben keinen Humor.
Spin und Agitation
Es gibt eine Reihe anderen Zitate, in denen Ahmadinedschad Fragen zum Holocaust stellt, aber nirgends ist eine glatte Leugnung nachweisbar. Aber aus seinen Reden haben die Medien eine ganze Lawine von Schlagzeilen entwickelt: »Der Staat Israel soll dem Erdboden gleichgemacht werden!« (taz), »Kriegserklärung gegen den jüdischen Staat - Irans Präsident fordert die Vernichtung Israels« (Berliner Zeitung), »Mit Empörung hat die internationale Gemeinschaft auf den Aufruf des neuen iranischen Präsidenten zur Vernichtung Israels reagiert [ ] Irans Präsident will den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen« (Die Welt), »Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat zur Zerstörung Israels aufgerufen« (Der Spiegel), »Irans neuer Staatschef: „Israel von Landkarte radieren!“« (Focus), »Iran schürt Nahost-Konflikt: »Israel zerstören!“« (N24). Es gibt derzeit kaum einen Politiker, der so oft falsch zitiert wird wie Ahmadinedschad. In einer Rede vom 14.1.2006 sagte er: »Der Iran hat das Recht auf Nuklear-Energie!«. Prompt übersetzte der US-Sender CNN: »Ahmadinedschad: Nuklearwaffen sind das Recht des Iran.« (5)
Besonders tut sich hier natürlich wieder einmal die Springer-Presse vor. So titelt unser aller Lieblingsblatt BILD unter der dicken Überschrift “Der Hetzer von Teheran” »[ ] er ist der gefährlichste Mann der Welt. Er will Israel auslöschen. Das sind keine hohlen Phrasen mehr. Je intensiver er seine Vernichtungsphantasien verbreitet, desto fanatischer wird sein Volk. Die Welt kann sich nicht länger damit trösten, mit Diplomatie sei noch etwas zu erreichen. Nein, Ahmadinedschad will Kontroverse bis hin zum Krieg. Ist in der Millionenmetropole Teheran ein neuer Adolf Hitler erstanden? Auch der Nazi-Verbrecher wurde jahrelang belächelt. Auch seine Hetze gegen die Juden nahm zunächst niemand ernst.” Ein Sammelsurium der Springerschen Kriegshetze hat die Seite “Arbeiterfotografie” zusammengestellt. Die selbe Seite hat auch eine interessante Betrachtung des berüchtigten Spiegel-Interviews mit Ahmadenidschad online - diese Interview sollte übrigens in Journalismusseminaren als abschreckendes Beispiel behandelt werden, wie ein Interview nicht zu führen ist.>
Solch politisch motivierter Spin ist nicht ungewöhnlich in westlichen Mainstreammedien. Jetzt, da sich der letzte Vorhang zum Showdown USA und Iran erhebt, sollte man in den Redaktionen besondere Vorsicht walten lassen. Da das nur äußerst selten geschieht (ob absichtlich oder fahrlässig lasse ich mal dahingestellt sein) ist vor allem vom Leser eine äußerste Skepzis gegen Meldungen dieser Art gefordert. Erst am Samstag wiederholte SPON z.B. das “Märchen”-Märchen. Auf eine äußerst sachlich formulierte Beschwerde-EMail erhielt ich nichtmals einen Kommentar.
Jens Berger
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Iran Ahmadinedschad Holocaust Lüge Ausradieren Manipulation Medien
Kategorie: Ausland, Iran, Medien | 19 Kommentare





























































In einem Schreiben an das State-Department vom 4. Mai 2003 vermerkte Tim Guldimann, der von 1999 bis 2004 die schweizer Gesandtschaft in Teheran anführte, er habe sei überzeugt, dass es einen ernsthaften Willen seitens des iranischen Regimes gäbe, die Probleme mit den USA anzugehen und diese Initiative der Beginn sei. Dem Schreiben fügte Guldimann ein iranisches Dokument mit dem Titel “Roadmap” an, das sowohl amerikanische als auch iranische Verhandlungsziele aufführte, darunter u.a. die Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967 und die Einstellung sämtlicher Unterstützung antiisraelischer Gruppierungen wie Hamas und sogar Hizbollah seitens Irans. Auch wurden weiterführende Kontrollen durch die IAEO angeboten. Im Gegenzug wollte man den Zugang zu ziviler Nukleartechnologie, wie er Iran nach IAEO-Statuten eh zusteht. Guldimann sprach in der Folge häufiger mit Sadegh Kharrazi, dem iranischen Botschafter in Paris, ein Neffe des Aussenminister und Schwager Chameneis Sohn. Dieser versicherte ihm mehrfach, dass das Papier von ganz oben abgesegnet sei. Der Oberste Rechtsgelehrte Chamenei stünde einigen Punkten zwar kritisch gegenüber, sagte aber, dass alles verhandelbar sei.
Einfallsreicher ist der schon der Sprecher des State Department Ton Casey. »Dieses Dokument passierte nicht die offiziellen Kanäle, da es eine kreative Betätigung seitens des schweizer Botschafters darstellte«. So etwas wäre in den letzten 30 Jahren häufiger passiert. Na dann ist ja damit alles klar.
















