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  • Der Spekulant als Sündenbock

    geschrieben am 04. Mai 2010 von Spiegelfechter

    Deutschland ist sich zumindest in einem Punkt einig ? Spekulanten waren verantwortlich für den rasanten Verfall der Preise für griechische Anleihen und damit auch für die Notwendigkeit des gemeinsamen Rettungspaketes. Wenn der IWF und die EU nun Griechenland Geld leihen, dann profitierten davon vor allem die bösen Spekulanten, die endlich in Ketten gelegt werden sollten. Diese Worte liest man in der BILD und dem Spiegel, diese Worte hört man von Merkel über Gabriel und dem Rest der Opposition bis hin zum ehemaligen Sparkassendirektor aus dem Schloss Bellevue. Natürlich sind die Spekulanten auch der Sündenbock der griechischen Regierung ? nicht etwa das Haushaltsdefizit von stolzen 30 Milliarden Euro sei für die Krise verantwortlich, sondern die bösen Spekulanten. Natürlich ist es eine höchst undankbare Aufgabe, ausgerechnet Banken, Fonds und Versicherungen zu verteidigen, die sicherlich eine Hauptschuld an der Finanzkrise und somit auch an der aktuellen Schieflage im Staatsbudget fast aller Nationen haben ? aber im konkreten Fall der griechischen Beinahepleite sind sie ausnahmsweise einmal unschuldig. Warum müssen sie dann aber als Sündenbock herhalten?

    Mythos Spekulantentum

    Jahrelang bewegten sich zweijährige griechische Staatsanleihen nahezu parallel zu den als solide geltenden deutschen Anleihen ? je langfristiger die Anleihe, desto höher der Risikoaufschlag, den der griechische Staat zu zahlen hatte. In der Folge der Finanzkrise gewannen die deutschen Anleihen plötzlich rapide an Wert (und somit fiel die Rendite, die sich bei Anleihen immer umgekehrt zum Kurs verhält). Deutsche Anleihen gelten nun einmal als sicherer Hafen im Euroraum. Die Renditen für griechische Anleihen stiegen erst zum Jahreswechsel 2009/2010 in höhere Gefilde ? die Regierung Papandreou räumte Unregelmäßigkeiten und ein höheres Defizit ein, die Kurse lagen jedoch immer noch auf dem langfristigen Vorkrisenniveau. Erst als Politiker deutscher Regierungsparteien öffentlich Zweifel am Zustandekommen des Rettungspaketes äußerten, schossen die Renditen für griechische Papiere in die Höhe. Zu diesem Niveau konnte und wollte Griechenland seine Anleihen nicht selbst über den Markt finanzieren und erklärte, das angebotene Rettungspaket in Anspruch zu nehmen. Merkel und Co. zauderten weiter, das Virus griff auf Portugal und Spanien über und letztlich mussten IWF-Chef Strauss-Kahn und EZB-Chef Trichet sich ?Madame Non? zur Brust nehmen. Von einem Moment auf den anderen, war das Hilfspaket im politischen Sprachgebrauch ?alternativlos? und kein Unions- oder FDP-Politiker wollte noch etwas mit seinem dummen Gerede vom Vortag zu tun haben. Wer war für die rapide gestiegenen Renditen für die Ouzo-Bonds verantwortlich? Merkel und Co. oder böse Spekulanten?
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    218 Kommentare

    Bravo, Frau Kanzlerin! Merkel löst Flächenbrand aus

    geschrieben am 29. April 2010 von Spiegelfechter

    Das deutsche Wahlkampfgeplänkel rund um die Griechenlandhilfen hat dazu geführt, dass Griechenland vor der Pleite und Portugal sowie nun auch Spanien vor ernsten Problemen stehen

    Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, dass epochale Ereignisse oft durch sehr banale Dinge ausgelöst werden. So könnte in zukünftigen Geschichtsbüchern stehen, dass der Funke, der den Flächenbrand auslöste, der zum Einsturz der Eurozone und später auch der Europäischen Union führte, dem wahlkampfstrategischen Geschacher in einem deutschen Bundesland entsprang.

    Um nicht als zu großzügige Nachbarschaftshelferin dazustehen, spielt die deutsche Kanzlerin mit dem Feuer. Nun muss die deutsche Regierung ? natürlich erst nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen ? noch mehr Geld in die Hände nehmen, um einen Kollaps der Eurozone zu verhindern. Die Rechnung zahlt, wie stets, der Steuerzahler. Der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen könnte so indirekt als der mit Abstand teuerste Wahlkampf aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Bravo, Frau Kanzlerin!

    Selbsterfüllende Prophezeiung

    Hätten EU und IWF die Entwicklung verhindern können, die dazu führte, dass Ratingagenturen und die Märkte einem Euroland den Todesstoß versetzen können? Sicher, man hätte Griechenland beispielsweise Überbrückungszahlungen zusichern können, die zumindest die Verpflichtungen der nächsten 18 Monate decken und dies an die Gründung eines europäischen Währungsfonds koppeln können, der nicht nur die längerfristigen Schulden der Griechen, sondern vor allem die Sicherheit der Staatsanleihen Portugals, Spaniens, Irlands und Italiens sicherstellt. Dies hat man verabsäumt. Stattdessen macht Angela Merkel ? im Einklang mit dem SPD-Vorsitzenden Gabriel ? die Spekulanten für den zu erwartenden griechischen Staatsbankrott verantwortlich. Das ist freilich grober Unfug, denn es sind nicht etwa Spekulanten, sondern Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die nun griechische Papiere notgedrungen auf den Markt werfen müssen.

    Nach welchen Mechanismen funktioniert eigentlich die Preisfindung bei Staatsanleihen? Wer sein Geld einem Staat leiht, geht damit auch immer ein Risiko ein. Dieses Risiko ist mal klein und mal groß ? es hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der man sein Geld zurückbekommt. Wer dem deutschen Staat Geld leiht, ist auf der sicheren Seite ? daher muss die Bundesregierung auch nur sehr geringe Risikoaufschläge zahlen. Wer dem griechischen Staat Geld leiht, verlangt ? vollkommen zu Recht ? einen höhere Risikoaufschlag. Da sich die Aufschläge direkt an der Liquidität eines Staates orientieren, ist es auch überhaupt nicht verwunderlich, dass der verlangte Risikoaufschlag für griechische Staatsanleihen steigt, wenn deutsche Politiker offen den deutschen Beitrag zum Rettungspaket in Frage stellen oder gar eine Umschuldung ? was nur ein schöneres Wort für einen Staatsbankrott ist ? fordern. Das alles hat nichts mit Spekulation oder halbseidenem Finanzglücksspiel zu tun, sondern ist Volkswirtschaft für Anfänger und sollte damit selbst den Damen und Herren Merkel, Gabriel und Westerwelle bekannt sein.

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    172 Kommentare

    Grossbritannien hat Probleme, Teil einer griechischen Tragödie ist es aber nicht

    geschrieben am 23. März 2010 von Spiegelfechter

    ein Gastbeitrag von Marshall Auerback. Übersetzung aus dem Englischen: Lars Schall.

    Zweifelsohne weiß man in Deutschland, was ?Schadenfreude? ist. Der Versuch des deutschen Magazins Der Spiegel das Vereinigte Königreich mit den Mühseligkeiten Griechenlands zu verbinden, treibt das Konzept jedoch zu einem boshaften und irrationalen Extrem.

    “Das Britische Pfund torkelt. Die Wirtschaft befindet sich in der schlimmsten Krise seit 1931 und das Land kam um Haaresbreite an einer tiefen Rezession vorbei. Spekulanten setzen gegen einen Aufschwung. Die Instabilität des Bankensektors hatte in Großbritannien einen nachteiligeren Effekt auf die Staatsfinanzen als in anderen Industrieländern. Londons Haushaltsdefizit wird dieses Jahr £186 Milliarden betragen (? 205 Milliarden bzw. $ 280 Milliarden) ? ganze 12, 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts.?
    Der Spiegel

    Klingt ziemlich düster, insonderheit, da das britische Haushaltsdefizit sogar größer ist als das der ?korrupten? Griechen, die von den Deutschen in der Presse ebenfalls für ihre mutmaßlichen finanziellen Verschwendungen missbraucht und abgestraft werden.

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    Zahltag

    geschrieben am 22. Dezember 2009 von Spiegelfechter

    Wolfgang Schäuble muss sparen ? ab 2011 zehn Milliarden Euro, Jahr für Jahr. Die Vorgaben an das Finanzministerium sind dabei keineswegs der schwarz-gelben Konsolidierungswut geschuldet, sondern direkte Auswirkung der selbstverordneten Schuldenbremse im Grundgesetz. Anders als Steuersenkungen sind Sparzwänge allerdings beim Wähler äußerst unbeliebt und dann stehen auch noch im nächsten Mai die wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen vor der Haustür. Da der Wähler Ehrlichkeit noch nie goutiert hat und belogen werden will, muss Schwarz-Gelb nun noch fünf Monate lang die Spendierhosen-Miene aufsetzen, während man im Hinterzimmer bereits Sparlisten erstellt. Im Sommer 2010 wird Merkels Terminator dann seine ersten Grausamkeiten enthüllen.

    Die Plünderung der Sozialkassen

    Teil des Konsolidierungskurses wird eine Korrektur der Arbeitslosenversicherungsbeiträge sein. Diese Korrektur ist bitter nötig und war schon längst überfällig ? gänzlich unverständlich war jedoch die letzte Senkung der Beiträge, die erst im Januar dieses Jahres von der Großen Koalition umgesetzt wurde. Im Boomjahr 2006 betrug der Versicherungsanteil noch 6,5%, je zur Hälfte vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber getragen. 2007 und 2008 wurde der Beitrag sukzessive auf erst 4,2% und dann 3,3% gesenkt ? wobei beide Beitragssenkungen konjunkturell angebracht waren. Die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger war damals relativ niedrig, die Reserven der Bundesagentur für Arbeit hoch. Vollkommen unverständlich war dann jedoch die weitere Senkung auf 2,8% zum Januar 2009. Bereits im Oktober 2008 warnte die BA, dass ihre Rücklagen bei diesem Beitragssatz bereits in achtzehn Monaten komplett aufgezehrt wären.

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    374 Kommentare

    Die chinesische Knoblauchblase

    geschrieben am 13. Dezember 2009 von Spiegelfechter

    Nicht Gold oder Aktien, sondern Knoblauch war im letzten Jahr die renditeträchtigste Anlage im Reich der Mitte ? die Schweinegrippe macht’s möglich

    Shao Mingqing ist ein chinesischer Held. Der 22jährige aus der Provinz Shandong hatte im September den richtigen Riecher. Er lieh sich Geld und kaufte davon auf dem Großmarkt 100 Tonnen Knoblauch. Einen Monat später verkaufte er die edlen Knollen zu mehr als dem doppelten Preis. Vom Gewinn seiner Knoblauch-Spekulation erfüllte sich der arbeitslose Shao nun einen Traum ? einen neuen Toyota. Doch im Vergleich zu den Großen im Geschäft ist Shao nur ein kleiner Fisch. Spekulanten aus der Immobilienbranche karren täglich mit dem LKW ganze Ernten an Knoblauch von einem Lagerhaus in das nächste. Das Angebot ist knapp, die Nachfrage riesig. Der Durchschnittspreis für Knoblauch hat sich in China binnen eines Jahres verfünfzigfacht ? von 0,15 Yuan (rund 1,5 Cent) auf 8 Yuan (rund 80 Cent) pro Kilogramm. In Hangzhou ist Knoblauch mit 14 Yuan (rund 1,40 Euro) pro Kilo bereits teurer als Schweinefleisch, das in China immer noch als Luxusspeise gilt. Einige Spekulanten hat der Knoblauch im wahrsten Sinne des Wortes stinkreich gemacht.

    Auf China entfallen rund 80% der weltweiten Knoblauchernte und rund 90% des Welthandels. Knoblauch gilt in China allerdings nicht nur als schmackhaftes Lebensmittel, sondern er wird in der traditionellen chinesischen Medizin auch als Prophylaxe gegen Erkältungen und Grippe eingesetzt. Da auch in China nicht nur die Schweinegrippe, sondern vor allem die Schweinegrippe-Hysterie grassiert, ist die Nachfrage nach Knoblauch gewaltig. Ganze Schulen bestellen säckeweise Knoblauch, um ihre Schüler auf diese Art und Weise vor dem Virus zu schützen. Mehrfache Presseerklärungen von offizieller Seite, in denen die prophylaktische Wirkung von Knoblauch bestritten und das Volk stattdessen zur Impfung aufgerufen wird, verhallten meist ungehört. Die Segnungen der modernen Medizin werden vielerorts immer noch kritisch beäugt, schließlich ist man mit Maos “Barfußärzten” und ihrer Mischung aus Naturheilkunde und tradiertem Aberglauben aufgewachsen. Knoblauch gilt jedoch nicht nur in China als Wundermittel gegen die Schweinegrippe. Länder wie Südkorea und Japan, die noch im letzten Jahr durch hohe Handelshürden chinesische Knoblauchimporte verhindert haben, können die erhöhte Nachfrage nicht mehr decken und importieren in diesem Jahr große Mengen aus China. Aber auch in Europa “bekämpft” man die Schweinegrippe mit Knoblauch. Das moldawische Verteidigungsministerium lässt an seine Soldaten Extrarationen Knoblauch und Zwiebeln als Schweinegrippe-Prophylaxe austeilen und auch in der Ukraine und in Serbien ist die Knolle als Heilmittel sehr beliebt. In Belgrad ist sie sogar so beliebt, dass auch dort die Marktpreise bereits kräftig anzogen.

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