Direkt zum Inhalt

  • Suchen

  • RSS Feeds

  • Letzte Kommentare

  • Historischer Wendepunkt in der Geldpolitik der EU

    geschrieben am 11. Mai 2010 von Jens Berger

    Statt vor den Märkten zu kapitulieren, erklärt Europa ihnen den Krieg und erhöht damit den Einsatz im größten Pokerspiel der Welt

    Manchmal braucht es eine übergroße Bedrohung von außen, um die unterschiedlichen Fraktionen einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen. Der drohende Flächenbrand am Markt für europäische Staatsanleihen war ein solches Damoklesschwert. Längst ging es nicht mehr nur um das bereits abgeschriebene Griechenland, die Schockwellen weiteten sich bereits auf die gesamte Südflanke der Eurozone aus und hätten ganz Europa in den Strudel gesogen, wenn die EU kein überzeugendes Signal der Kampfbereitschaft ausgesendet hätte.

    Rechnet man alle Positionen zusammen, die in der letzten Woche im Kampf gegen die Märkte mobilisiert wurden, kommt man auf die gigantische Summe von wahrscheinlich über einer Billion Euro ? so viel Entschlossenheit hätte der EU niemand zugetraut, schon gestern wurden die Spekulanten an den Märkten gleich reihenweise zerdrückt, die Renditen für Anleihen Griechenlands gaben um bis zu 13,7% nach und auch portugiesische und spanische Staatsanleihen beendeten urplötzlich ihren irrealen Höhenflug. Auch die Kurse für Kreditausfallversicherungen dieser Papiere ? die berüchtigten CDS, mit denen professionelle Spekulanten gerne zocken ? gaben binnen eines Tages um bis zu 40% nach.

    Die akute Bedrohung ist dank der massiven Stärke- und Willensdemonstration erst einmal abgewendet, nun folgt jedoch die mittel- bis langfristige Systemreparatur und es ist alles andere als sicher, ob die Politik gewillt ist, hier von alten Fehlern Abstand zu nehmen.

    Die Wiege europäischer Geldpolitik

    Europas Zentralbank ist ein Kind der deutschen Bundesbank. Schon während der Konstruktion des Eurosystems setzte sich der deutsche Monetarismus, der die geldpolitische Abteilung des Neoliberalismus darstellt, gegen die Vorstellungen der süd- und westeuropäischen Partner unter der Führung Frankreichs durch. Das oberste ? und meist auch das einzige ? Ziel der ehemals politisch unabhängigen EZB war stets die Geldwertstabilität. Der Einhaltung einer Inflationsrate von 2% wurden alle anderen geld- und finanzpolitischen Ziele unterstellt. Was nutzt aber die beste Geldwertstabilität, wenn der Preis dafür in einer Rezession, einer hohen Arbeitslosigkeit und einem Rückgang der Nachfrage besteht?

    Weiter auf Telepolis

    106 Kommentare

    Arsenal der Demokratie

    geschrieben am 10. Mai 2010 von Jens Berger

    Europa hat die Kriegserklärung der Märkte mit einer beispiellosen Aktion beantwortet. Zählt man alle Maßnahmen zusammen, fließen in Kürze wahrscheinlich mehr als eine Billion Euro in die Kriegskasse der Staatengemeinschaft. Nicht Kleckern, sondern Klotzen ? dieser Schritt ist nicht nur beispiellos, sondern sogar epochal. Die europäische Geldpolitik ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Marktreaktionen gelten endlich nicht mehr als unabwendbares Gottesurteil und Europa bekennt sich zu einer modernen Geldpolitik. Dies ist das Ende des Bundesbank-Monetarismus, der Europa fast in den Abgrund gerissen hätte. Nun müssten der geld- nur noch die finanzmarkt- und wirtschaftspolitische Wende folgen ? das ist jedoch unwahrscheinlich und es ist fraglich, ob eine moderne Geldpolitik alleine die Totgeburt ?Eurosystem? retten kann.

    Die Fehler der Vergangenheit

    Um zu beurteilen, ob die neue Geldpolitik der EU nun ein großer Wurf oder ein großer Fehler ist, muss man zunächst einmal grob analysieren, welche Mechanismen die europäische Schuldenkrise erst außer Kontrolle brachten. Nahezu alle europäischen Staaten mussten während der Finanzkrise ?Hilfspakete? für den Finanzsektor schnüren und mittels Wirtschaftsprogrammen gegen die auf die Finanzkrise folgende Rezession ankämpfen. Höhere Ausgaben, verbunden mit krisenbedingt niedrigeren Einnahmen, haben jedoch europaweit die Länderhaushalte aus dem Ruder laufen lassen ? in Ländern mit zu hoher Schuldenlast oder zu schwacher Einnahmenbasis führte dies zu ernstzunehmenden Refinanzierungsproblemen, da Käufer von Staatsanleihen zu Recht vermuteten, dass diese Staaten ihre Schulden nicht zurückzahlen können.

    Den Artikel weiterlesen »

    235 Kommentare

    Der Spekulant als Sündenbock

    geschrieben am 04. Mai 2010 von Jens Berger

    Deutschland ist sich zumindest in einem Punkt einig ? Spekulanten waren verantwortlich für den rasanten Verfall der Preise für griechische Anleihen und damit auch für die Notwendigkeit des gemeinsamen Rettungspaketes. Wenn der IWF und die EU nun Griechenland Geld leihen, dann profitierten davon vor allem die bösen Spekulanten, die endlich in Ketten gelegt werden sollten. Diese Worte liest man in der BILD und dem Spiegel, diese Worte hört man von Merkel über Gabriel und dem Rest der Opposition bis hin zum ehemaligen Sparkassendirektor aus dem Schloss Bellevue. Natürlich sind die Spekulanten auch der Sündenbock der griechischen Regierung ? nicht etwa das Haushaltsdefizit von stolzen 30 Milliarden Euro sei für die Krise verantwortlich, sondern die bösen Spekulanten. Natürlich ist es eine höchst undankbare Aufgabe, ausgerechnet Banken, Fonds und Versicherungen zu verteidigen, die sicherlich eine Hauptschuld an der Finanzkrise und somit auch an der aktuellen Schieflage im Staatsbudget fast aller Nationen haben ? aber im konkreten Fall der griechischen Beinahepleite sind sie ausnahmsweise einmal unschuldig. Warum müssen sie dann aber als Sündenbock herhalten?

    Mythos Spekulantentum

    Jahrelang bewegten sich zweijährige griechische Staatsanleihen nahezu parallel zu den als solide geltenden deutschen Anleihen ? je langfristiger die Anleihe, desto höher der Risikoaufschlag, den der griechische Staat zu zahlen hatte. In der Folge der Finanzkrise gewannen die deutschen Anleihen plötzlich rapide an Wert (und somit fiel die Rendite, die sich bei Anleihen immer umgekehrt zum Kurs verhält). Deutsche Anleihen gelten nun einmal als sicherer Hafen im Euroraum. Die Renditen für griechische Anleihen stiegen erst zum Jahreswechsel 2009/2010 in höhere Gefilde ? die Regierung Papandreou räumte Unregelmäßigkeiten und ein höheres Defizit ein, die Kurse lagen jedoch immer noch auf dem langfristigen Vorkrisenniveau. Erst als Politiker deutscher Regierungsparteien öffentlich Zweifel am Zustandekommen des Rettungspaketes äußerten, schossen die Renditen für griechische Papiere in die Höhe. Zu diesem Niveau konnte und wollte Griechenland seine Anleihen nicht selbst über den Markt finanzieren und erklärte, das angebotene Rettungspaket in Anspruch zu nehmen. Merkel und Co. zauderten weiter, das Virus griff auf Portugal und Spanien über und letztlich mussten IWF-Chef Strauss-Kahn und EZB-Chef Trichet sich ?Madame Non? zur Brust nehmen. Von einem Moment auf den anderen, war das Hilfspaket im politischen Sprachgebrauch ?alternativlos? und kein Unions- oder FDP-Politiker wollte noch etwas mit seinem dummen Gerede vom Vortag zu tun haben. Wer war für die rapide gestiegenen Renditen für die Ouzo-Bonds verantwortlich? Merkel und Co. oder böse Spekulanten?
    Den Artikel weiterlesen »

    218 Kommentare

    Bravo, Frau Kanzlerin! Merkel löst Flächenbrand aus

    geschrieben am 29. April 2010 von Jens Berger

    Das deutsche Wahlkampfgeplänkel rund um die Griechenlandhilfen hat dazu geführt, dass Griechenland vor der Pleite und Portugal sowie nun auch Spanien vor ernsten Problemen stehen

    Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, dass epochale Ereignisse oft durch sehr banale Dinge ausgelöst werden. So könnte in zukünftigen Geschichtsbüchern stehen, dass der Funke, der den Flächenbrand auslöste, der zum Einsturz der Eurozone und später auch der Europäischen Union führte, dem wahlkampfstrategischen Geschacher in einem deutschen Bundesland entsprang.

    Um nicht als zu großzügige Nachbarschaftshelferin dazustehen, spielt die deutsche Kanzlerin mit dem Feuer. Nun muss die deutsche Regierung ? natürlich erst nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen ? noch mehr Geld in die Hände nehmen, um einen Kollaps der Eurozone zu verhindern. Die Rechnung zahlt, wie stets, der Steuerzahler. Der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen könnte so indirekt als der mit Abstand teuerste Wahlkampf aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Bravo, Frau Kanzlerin!

    Selbsterfüllende Prophezeiung

    Hätten EU und IWF die Entwicklung verhindern können, die dazu führte, dass Ratingagenturen und die Märkte einem Euroland den Todesstoß versetzen können? Sicher, man hätte Griechenland beispielsweise Überbrückungszahlungen zusichern können, die zumindest die Verpflichtungen der nächsten 18 Monate decken und dies an die Gründung eines europäischen Währungsfonds koppeln können, der nicht nur die längerfristigen Schulden der Griechen, sondern vor allem die Sicherheit der Staatsanleihen Portugals, Spaniens, Irlands und Italiens sicherstellt. Dies hat man verabsäumt. Stattdessen macht Angela Merkel ? im Einklang mit dem SPD-Vorsitzenden Gabriel ? die Spekulanten für den zu erwartenden griechischen Staatsbankrott verantwortlich. Das ist freilich grober Unfug, denn es sind nicht etwa Spekulanten, sondern Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die nun griechische Papiere notgedrungen auf den Markt werfen müssen.

    Nach welchen Mechanismen funktioniert eigentlich die Preisfindung bei Staatsanleihen? Wer sein Geld einem Staat leiht, geht damit auch immer ein Risiko ein. Dieses Risiko ist mal klein und mal groß ? es hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der man sein Geld zurückbekommt. Wer dem deutschen Staat Geld leiht, ist auf der sicheren Seite ? daher muss die Bundesregierung auch nur sehr geringe Risikoaufschläge zahlen. Wer dem griechischen Staat Geld leiht, verlangt ? vollkommen zu Recht ? einen höhere Risikoaufschlag. Da sich die Aufschläge direkt an der Liquidität eines Staates orientieren, ist es auch überhaupt nicht verwunderlich, dass der verlangte Risikoaufschlag für griechische Staatsanleihen steigt, wenn deutsche Politiker offen den deutschen Beitrag zum Rettungspaket in Frage stellen oder gar eine Umschuldung ? was nur ein schöneres Wort für einen Staatsbankrott ist ? fordern. Das alles hat nichts mit Spekulation oder halbseidenem Finanzglücksspiel zu tun, sondern ist Volkswirtschaft für Anfänger und sollte damit selbst den Damen und Herren Merkel, Gabriel und Westerwelle bekannt sein.

    weiter auf Telepolis

    172 Kommentare

    Grossbritannien hat Probleme, Teil einer griechischen Tragödie ist es aber nicht

    geschrieben am 23. März 2010 von Jens Berger

    ein Gastbeitrag von Marshall Auerback. Übersetzung aus dem Englischen: Lars Schall.

    Zweifelsohne weiß man in Deutschland, was ?Schadenfreude? ist. Der Versuch des deutschen Magazins Der Spiegel das Vereinigte Königreich mit den Mühseligkeiten Griechenlands zu verbinden, treibt das Konzept jedoch zu einem boshaften und irrationalen Extrem.

    “Das Britische Pfund torkelt. Die Wirtschaft befindet sich in der schlimmsten Krise seit 1931 und das Land kam um Haaresbreite an einer tiefen Rezession vorbei. Spekulanten setzen gegen einen Aufschwung. Die Instabilität des Bankensektors hatte in Großbritannien einen nachteiligeren Effekt auf die Staatsfinanzen als in anderen Industrieländern. Londons Haushaltsdefizit wird dieses Jahr £186 Milliarden betragen (? 205 Milliarden bzw. $ 280 Milliarden) ? ganze 12, 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts.?
    Der Spiegel

    Klingt ziemlich düster, insonderheit, da das britische Haushaltsdefizit sogar größer ist als das der ?korrupten? Griechen, die von den Deutschen in der Presse ebenfalls für ihre mutmaßlichen finanziellen Verschwendungen missbraucht und abgestraft werden.

    Den Artikel weiterlesen »

    55 Kommentare

    Seite 6 von 9« Erste...5678...Letzte »